Dennis-Kenji Kipker im Interview
„Wir sollten selbstbewusst Spielregeln für unsere digitale Ökonomie durchsetzen“
Das sagt der IT-Experte Dennis-Kenji Kipker und fordert dazu auf, die digitale Souveränität Europas zu befördern.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 09/2025.
Foto: © Urban Zintel
Dennis-Kenji Kipker ist Experte für Cybersicherheit, Gründer und Forschungsdirektor des Cyberintelligence Institute in Frankfurt am Main und Berater der Bundesregierung sowie der Europäischen Kommission. Der Deutsch-Japaner ist zudem Mitglied im Beirat diverser IT-Firmen, Gutachter für die Cambridge University Press und Vorsitzender des Digitalbeirats der Nationalen Agentur für Digitale Medizin in Deutschland.
brand eins: Herr Kipker, in einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom geben mehr als 80 Prozent der deutschen Unternehmen an, von Tech-Firmen aus den USA und deren Produkten abhängig zu sein. Wie konnte es so weit kommen?
Dennis-Kenji Kipker: Wir haben uns selbst in diese Lage manövriert. Wir haben stark auf IT-Outsourcing gesetzt und nicht darauf geachtet, wer die Server betreibt, wo die Daten liegen oder wer Zugriff hat. Seit den frühen 2000er-Jahren haben deutsche Unternehmen immer mehr darauf gesetzt, alles in die Cloud zu schieben, weil viele nur den Produktivitätsgewinn und die Kostenersparnis gesehen haben. Danach verschob sich alles Richtung Abonnements in der Wirtschaft , sprich Software-as-a-Service. Zusammengenommen schafft das eine starke Abhängigkeit.
Warum ist das problematisch?
Die Abhängigkeit macht uns erpressbar. Wenn es außenpolitischen Stress gibt, könnten die USA damit drohen, etwa durch die Sperrung von Cloud-Konten das Geschäft von deutschen Unternehmen lahmzulegen. Ich muss nicht erklären, was für eine Katastrophe das für Politik und Wirtschaft wäre.
Droht dieses Szenario denn tatsächlich?
Wie schnell es Wirklichkeit werden kann, haben wir zuletzt im Mai 2025 gesehen. Die USA haben Karim Ahmad Khan, den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, auf die Sanktionsliste gesetzt, nachdem er Haftbefehle gegen Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und den damaligen Verteidigungsminister Joaw Gallant erlassen hatte. Im Rahmen der Sanktionen hat Microsoft Khans Mail-Konto gesperrt. Das zeigt, dass die US-Regierung unter Trump nicht davor zurückschreckt, Druck auf amerikanische Unternehmen auszuüben und unliebsame Menschen oder Organisationen digital abzuschalten. Spätestens da ist klar geworden, dass wir dringend europäische Alternativen zu Tech-Diensten aus den USA brauchen.
Das scheint allein schon bei Social Media schwierig bis unmöglich zu sein. Facebook, Instagram, Tiktok – die populärsten Plattformen sind alle nicht von einem europäischen Betreiber.
In der Tat sind wir da ziemlich abgehängt und großen Konzernen wie Meta ausgeliefert. Das ist ein Problem, denn Meta ist eine Datenkrake, die den Regelbruch beim Datenschutz bewusst in Kauf nimmt. Dass sich europäische Alternativen wie Mastodon bisher nicht etablieren, ist deshalb schade. Das Gleiche gilt für X. Als es noch Twitter hieß, fand auf dieser Plattform die politische Kommunikation ganzer Staaten statt. Nach der Übernahme durch Elon Musk ist dort der öffentliche Diskurs wichtiger Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft fast komplett zum Erliegen gekommen. Seitdem gibt es keinen gleichwertigen Ersatz. Auch Bluesky bedient bislang nur selektive Gruppen, und Experimente wie EU Voice sind gescheitert.
Sollte die EU ein öffentlich-rechtliches Angebot auf die Beine stellen, um in die Bresche zu springen?
Keiner will ein staatliches Twitter. Das wäre so uncool, dass es wahrscheinlich auch keine Nutzer finden würde. Es bräuchte Unternehmen, die den Schritt gehen, nur fehlt ihnen häufig der wirtschaftliche Anreiz. Auf anderen Feldern lässt sich mehr Geld verdienen.
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