Carl Benedikt Frey. im Interview
„Fortschritt braucht Freiraum“
Dank künstlicher Intelligenz werden viele Tätigkeiten automatisiert. Aber das steigert nicht zwangsläufig die Produktivität – und schafft bislang nichts wirklich Neues. Sagt der Ökonom Carl Benedikt Frey.
brand eins: Herr Frey, sind Einsteiger in Wissensberufe die größten Verlierer der KI-Revolution?
Carl Benedikt Frey: Wir sehen Anzeichen dafür. In den USA liegt die Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen derzeit höher als im Rest der Bevölkerung. Das ist historisch neu. Beratungen, Kanzleien und Techfirmen scheinen weniger Berufseinsteiger einzustellen. Aber heißt das, dass KI jetzt alle Aufgaben übernimmt? Nein. Sie macht bestimmte Tätigkeiten nur deutlich effizienter: Datenaufbereitung, Powerpoint, erste Entwürfe und Konzepte. Dafür braucht man keinen sechsstelligen Einstiegslohn mehr zu zahlen. Gleichzeitig gilt: Die besten Modelle halluzinieren noch, sind unflexibel gegenüber neuen Daten. Menschen lernen schneller, oft aus nur wenigen Beispielen.
Unternehmen wie Microsoft und Amazon haben den Abbau Tausender klassischer Bürojobs angekündigt. KI scheint im großen Stil zum Jobkiller zu werden.
Ich glaube, sie wird eher zu einem globalen Gleichmacher, zumindest im ersten Schritt. Sie reduziert Produktivitätsunterschiede im Sinne eines verschärften Offshorings. Weniger erfahrene Arbeitskräfte – in Manila, Kairo oder wo auch immer – können mithilfe von KI auf einem Niveau arbeiten, das vorher nur Experten zugänglich war. Warum also teure Kräfte in München beschäftigen, wenn jemand in Manila mit KI-Unterstützung ähnliche Ergebnisse liefert?
Wir sehen das auch in der Praxis: Ein Google-Ingenieur in San Francisco verdient aktuell zehn- bis 15-mal so viel wie sein Pendant in Manila; ein Mitarbeiter der größten Unternehmensberatungen in München zehnmal so viel wie jemand in Kairo. Wenn KI diesen Unterschied verringert, gibt es starke Anreize zur Verlagerung von Jobs. Die Sprachbarrieren schrumpfen zusätzlich durch maschinelle Übersetzung.
Es gibt auch die gegenteilige These: dass bei komplexen Problemen die KI vor allem den überdurchschnittlich Leistungsfähigen helfe, weil nur sie die Stärken und die Schwächen der Systeme richtig einschätzen könnten.
Das ist eine verbreitete Annahme, doch die empirische Evidenz spricht meines Erachtens dagegen. In einer Studie von Forschern des MIT und von Github erledigten unerfahrene Entwickler mithilfe von Tools wie Github Copilot Programmieraufgaben deutlich schneller als eine Vergleichsgruppe ohne KI. Der Leistungsabstand zwischen Junior- und Senior-Entwicklern verringerte sich spürbar. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
Demnach setzt KI vor allem erfahrene Fachkräfte unter Druck und weniger die Berufseinsteiger.
Entscheidend ist die Art der Tätigkeit. Wer am Anfang seiner Karriere steht, übernimmt meist standardisierte Aufgaben, die nun automatisierbar sind. Andererseits: Je erfahrener man ist, desto teurer ist man auch. Für alle, die wegen KI durch billigeres Personal ersetzbar sind, kann es gefährlich werden. Am sichersten, unabhängig vom Alter oder der Betriebszugehörigkeit, ist derjenige, der eine Aufgabe hat, die persönliche Beziehungen und Vertrauen erfordert. Gut im Kundenkontakt, bei Verhandlungen und in der Zusammenarbeit zu sein wird sogar wichtiger, je mehr die KI im Hintergrund operiert.
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