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Das Bild zeigt ein Gebäude im Rohbau. Die Wände sind aus roten Ziegeln gemauert und werden von einem Gerüst umgeben. Eine Person arbeitet auf dem Gerüst. Im Hintergrund ist ein blauer Himmel mit vereinzelten Wolken zu sehen. Das Gebäude scheint sich in einer tropischen Umgebung zu befinden, erkennbar an der Vegetation.

Lehm-Architektur

Eine zehntausend Jahre alte Architektur erlebt in Zeiten der Erderwärmung eine Renaissance. Eine Reportage aus Senegal und Mali.


Das Bild zeigt eine belebte Szene vor einer beeindruckenden Moschee aus Lehm in Afrika. Mehrere Menschen stehen und sitzen vor der Moschee, die durch ihre spitzen Türme und die sandfarbene Fassade auffällt. Im Vordergrund schiebt ein Junge einen gelben Karren über einen sandigen Platz. Die Atmosphäre wirkt geschäftig und alltäglich.

• Wie so viele Metropolen des Kontinents verkörpert Dakar den afrikanischen Traum von der Moderne. Beziehungsweise dem, was man einmal für die Moderne hielt: Neue Glas-Beton-Hochhäuser stehen neben maroden Büroklötzen, einst Sinnbild des Fortschrittsglaubens in den neuen Nationalstaaten. Dauerhaft sollten diese Gebäude sein. Sich mit kubistischer Pose von den Dorf-Traditionen absetzen. So urban wie die westlichen Vorbilder.

Der Bau-Boom hält bis heute an. Überall in Dakar versperren Stapel von Betonziegeln, Sandhaufen und Zementsäcke die Straßen. Wer von oben auf die Stadt schaut, sieht Beton-Quader bis zum Horizont – oft mit trocknen-der Wäsche, Ziegen oder Hühnerställen auf dem Dach. Besonders in Richtung Flughafen reihen sich kilometerlang graue, unverputzte Rohbauten aneinander.

Zement, schreibt Armelle Chopin in ihrem Buch „Matière Gris de L’Urbaine – La Vie du Ciment en Afrique“, gelte in Westafrika als Zeichen des Reichtums und der Zivilisation. Im Senegal ist er sogar, wie Brot oder ein Sack Reis, staatlich subventioniert. Die fünf Zementfabriken vor Ort haben Hochkonjunktur – noch. Denn ihr Baumaterial ist in Zeiten der Erderwärmung zunehmend umstritten.

„Der viele Zement“, erklärt die Architektin Nzinga Mboup aus Dakar, „schafft vor allem ein thermisches Problem. Weil er die Hitze leitet und konserviert.“ Früher wollte man das Problem mit Klimaanlagen lösen – aber Energie ist knapp und teuer. Außerdem heizen die Klimaanlagen die Außentemperatur weiter an. „Dabei haben wir eine bewährte Alternative: Lehm“, sagt Mboup, „er hält tagsüber kühl und gibt nachts die Wärme wieder ab.“

Sie wiederholt dieses Mantra bereits seit einem Jahrzehnt: bei Bau-Messen, Architekten-Fortbildungen, vor Journalisten und Ministerinnen. Die 35-Jährige ist ein Star der senegalesischen Architekturszene. Mit ihrem Kollegen Nicolas Rondet hat sie 2019 das Architekturbüro Worofila gegründet. Es ist einer der Fixpunkte einer Bewegung, die in den Sahel-Ländern die Renaissance des Lehmbaus vorantreibt. Eine mindestens zehntausend Jahre alte Bautechnik – die nun die Städte zurückerobern soll. Neben den thermischen Vorteilen ist sie auch billiger und umweltfreundlicher. „Es fallen kaum Material- und Transportkosten an. Der Lehm wird lokal gewonnen und zerfällt nach Abbruch wieder“, sagt Mboup.

Ein Mann arbeitet auf einem Dach. Er ist dunkelhäutig, trägt eine orangefarbene Warnweste und dunkle Kleidung. Er scheint konzentriert dabei zu sein, Steine zu mauern. Im Hintergrund sind Bäume und Gebäude zu sehen. Die Baustelle wirkt belebt und sonnig.

Zurzeit arbeiten die beiden Worofila-Architekten am Neubau des Goethe-Instituts in Dakar. Im Stadtteil Mermoz-Sacré Coeur soll auf einem 2.700 Quadratmeter großen Grundstück in Meeresnähe ein Paradebeispiel für urbane Lehmarchitektur entstehen. Die Nachbarschaft ist geprägt von Villen und Gärten, nebenan steht das zum Museum erklärte ehemalige Wohnhaus des ersten senegalesischen Präsidenten Leopold Sèdar Senghor. Monumentale rötliche Ziegelwände leuchten einem von der Baustelle entgegen. Rechtwinklig wächst das Gebäude um einen riesigen Affenbrotbaum herum. „Der Baum“, sagt Nicolas Rondet und klopft sich den Staub von der Hose, „hat den Ausschlag für die Wahl des Geländes gegeben. Im Senegal gilt er als heilig, man trifft sich in seinem Schatten traditionell zum Palavern.“

Die Schwüle drückt. Rondet, ein lässiger Typ in Sandalen, führt ins Innere des Rohbaus. „Hier ist es sechs, sieben Grad kühler. Da merkt man gleich den Effekt der BTC.“ BTC, das ist Architektenjargon für Briques de Terres Comprimés, also komprimierte und luftgetrocknete Lehmziegel. Mindestens zwei Lagen von ihnen kommen für eine Mauer zum Einsatz.

Entworfen hat den Bau Francis Kéré. Der aus Burkina Faso stammende und in Berlin ansässige Architekt ist für seine Schulbauten aus Lehm im Sahel international bekannt, in Deutschland kennen ihn viele als Erbauer des Operndorfes des verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief. „Kéré greift zu diesem Zeitpunkt kaum noch in das Geschehen ein“, sagt Rondet, der zusammen mit Mboup als ausführender Architekt fungiert. Im Februar 2022 hatte der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier persönlich den Grundstein gelegt. Im nächsten Jahr soll das neue Goethe-Institut den Betrieb aufnehmen. Ein großes Foyer, sagt Rondet, solle später als Bibliothek und Amphitheater dienen, kleinere Räume sind als Büros und Studios vorgesehen. Dazu kommen ein Konzertsaal sowie Klassenräume in den oberen Etagen.

Von wegen Dorfarchitektur

Ob so ein Haus nicht bald einstürze? Man den Lehm nicht nach jedem Regen nachbessern müsse? Der Architekt ist skeptische Fragen von Besuchern gewohnt. „Wir haben alle Mauern und selbst die Eckpfeiler nur aus Lehmziegeln gebaut. Drei Prozent Zementbeimischung reichen, um den Lehm zu stabilisieren. Das gilt auch für den Mörtel.“ Lediglich die tragenden Elemente der beiden Atrien mit ihrem nach außen offenen Säulenrondell sind aus Beton.

Aber Lehm allein sei nicht alles. Der Bau ist so ausgerichtet, dass die Sonne kaum Angriffsfläche findet. Perforierte Wände, den tragenden Mauern vorgesetzt, spenden Schatten und lenken den Luftstrom. „Solche passiven Kühlungs-Maßnahmen sparen viel Energie“, sagt Rondet.

Auf dem Dach des Rohbaus schichten Arbeiter Lehmziegel für die Abschlussmauern. Auf einen Teil sollen später Solarpaneele kommen. Den größten Teil des Gebäudes aber wird, wie für Kéré-Bauten typisch, ein großes, überstehendes Blechdach beschatten. „Angesichts der Klimaerwärmung muss man die gesamte Architektur neu ausrichten“, sagt Mboup. „Das reicht vom Wassermanagement bis zum Design.“ Fenster etwa sollten keiner direkten Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden. Und bei der Planung sei die kühlende Wirkung von Bäumen zu berücksichtigen.

Nzinga Mboup war erst durch eines ihrer Projekte auf die Bedeutung von Lehmbautechniken gestoßen. Sie sollte im Auftrag des britisch-nigerianischen Star-Architekten David Adjae den Neubau für die International Finance Corporation in Dakar betreuen. Bei der Planung der gewünschten Lehmziegelfassade stieß sie auf Doudou Déme, einen senegalesischen Produzenten moderner Lehmziegel – der inspirierte sie zur Gründung von Worofila. Mboup wusste zwar, dass 40 Prozent der Weltbevölkerung immer noch in Lehmbehausungen lebt, und hatte bei der Familie ihrer Mutter im Westen Kameruns die traditionellen Häuser aus Adobe oder Lehmziegeln gesehen. „Doch auf dem Markt gab es eine Lücke. Es war kaum möglich, Architekten zu finden, die sich mit dieser Technik auseinandersetzen.“

Da bot sich Nicolas Rondet als idealer Partner an. Genervt von den Bauvorschriften in seiner Heimat Frankreich war er 2017 in den Senegal ausgewandert – um, wie er sagt, „Antworten auf das Bauen in der Klimakrise zu suchen“. Begegnungen mit Mboup und Déme überzeugten ihn, dass er hier Gleichgesinnte für Lehmbauprojekte vorfinden würde. Rondet bekam gleich zum Einstand – damals noch als Angestellter eines senegalesischen Architekturbüros – einen prestige-trächtigen Auftrag: Er sollte für die neue Metro von Dakar 18 Haltestellen entwerfen. Seine Chance, zu zeigen, was mit Lehm möglich ist. „Wir haben dem Material ein ganz neues Image gegeben“, schwärmt Rondet. „Ungebrannte Lehmziegel und ausladende Blechdächer – nun assoziierte man die vermeintliche Dorfarchitektur plötzlich mit der hochmodernen Stadtbahn.“ Täglich kommen so Zehntausende Passagiere mit ökologischer Bauweise in Berührung. Und können deren Vorteile am eigenen Leib spüren: angenehme Temperaturen, natürliche Ventilation durch Schlitzfenster, bessere Luft wegen der Bäume und Pflanzen ringsum.

Altes Wissen neu lernen

Besuch beim Pionier des senegalesischen Lehmbaus: Doudou Déme führt mit jugendlichem Schwung die Treppe des einstöckigen Bürobaus im Viertel Fann-Hock herauf. „Elementerre“ steht auf einem Schild. „Als ich mich nach meinem Studium auf den Lehmbau spezialisierte, schimpfte mein Vater, wie ich für so etwas Kunden finden wollte. Für viele galt ich als verrückt.“ Der Ingenieur und Bauunternehmer leitet heute mit Elementerre das einzige Unternehmen im Senegal, das sich ausschließlich auf den Bau mit Lehm und Naturmaterialien spezialisiert. 35 Angestellte beschäftigt die Firma in ihrer Produktionsstätte, die zwischen der Hauptstadt Dakar und dem Seebad Saly Portudal liegt. Wegen der hohen Nachfrage hat Déme elektrische Pressen zur Herstellung der Ziegel angeschafft – die unter anderem für den Neubau des Goethe-Instituts geliefert werden.

 

Déme führt auf eine ausladende Terrasse, hier stellt er seine Waren-Muster aus. Ziegel in verschiedenen Erdfarben und Texturen. „Die ersten fünf Jahre bin ich damit durch die Architekturbüros gezogen, habe gepredigt, dass diese Bauweise die Bauherren sogar billiger kommt.“ Schließlich stamme das Material aus lokalen Lateritgruben. Er hebt einen faserigen Ziegel hoch: „Der hier enthält überhaupt keinen Zement. Er ist durch Typha stabilisiert, eine Art Schilfgras, das bei uns überall wuchert. Das ist thermisch noch effektiver.“ Außerdem im Angebot: Schilfplatten aus Typha zur Hitze- und Schall-Isolierung. Die könne man von innen auf Mauern oder aufs Dach kleben, um sie vor der Sonne abzuschirmen. So lasse sich die Temperatur signifikant senken. Der Rest hänge von der Ventilation ab.

Ein Mann mit kurz geschorenen Haaren und hellem Teint blickt freundlich in die Kamera. Er trägt ein dunkles Hemd und hat einen leichten Bart. Im Hintergrund ist eine rote Backsteinwand zu sehen.
Nicolas Rondet
Innenansicht eines Bauwerks mit roten Ziegelwänden. Drei runde Öffnungen in der Decke lassen Licht herein. Im Vordergrund befindet sich ein kreisförmiger Bereich, der noch im Bau ist und von Metallstangen umgeben ist. Ein Durchgang führt zu einer hellen Öffnung im Hintergrund.

Die Schlüsselübergabe ist geplant für 2025

Nur wenige Straßen entfernt liegt das von ihm konzipierte Djoloff Hotel. „Die Leute müssen Beispiele für gelungene Lehmarchitektur sehen“, sagt Déme. Schon von Weitem leuchten die rötlichen Elementerre-Ziegel. Der Hotelbau erstreckt sich über drei Etagen, mit einer begrünten und von Blechdach und Zweigen beschatteten Dachterrasse. Eine Oase in der Beton-Wüste. Alle Zimmer haben schmale zurückgesetzte Fenster. Es gibt Belüftungsschlitze, durchlässige Mauerbögen und ein nubisches Rundgewölbe im Erdgeschoss. „Der Lehmbau und die hier eingesetzten natürlichen Ventilationstechniken existieren in Westafrika seit Menschengedenken“, erklärt Déme. „Leider müssen wir heute alles Wissen darüber wieder neu erwerben, denn viele der alten Lehmbaumeister sind gestorben, ohne Nachfolger zu finden.“

Besonders bitter ist das im Nachbarland Mali. Ein Land, das für seine historischen Lehmbauten wie die großen Moscheen von Mopti, Djenné und Timbuktu, die Altstadt von Djenné oder die Paläste von Segou weltberühmt ist, die bis zu acht Jahrhunderte überdauert haben. Dennoch ist es nicht leicht, in einer Großstadt wie Bamako einen Neubau aus Lehm zu finden. Die Architektin Mariam Sy möchte das ändern: „Unser Klima erwärmt sich im Sahel drei- bis viermal schneller als in Europa. Und die Häuser, die wir seit einigen Jahrzehnten bauen, sind nicht für die Hitze hier geeignet.“ Bei aktuell 45 Grad Celsius läuft den Teilnehmern von Sys Workshop selbst unter dem Schilfdach des Caritas-Büros in Bamako der Schweiß von der Stirn. „Wir kopieren seit Langem Techniken aus dem Ausland“, sagt die resolute Frau, „benutzen importiertes Material. Darüber haben wir unsere eigenen Traditionen vergessen.“ Auf einer Tafel skizziert sie die Lehmziegelbauweise von Türbögen. Zwei Dutzend Maurer und Poliere machen sich Notizen. Zusammen mit ihrem Kollegen Mahamadou Wadadié leitet Sy die ökologische Nachrüstung des dreistöckigen Gebäudes. Alle der Sonne ausgesetzten Mauern sollen die Maurer mit Lehmziegeln doppeln. Das, sagt Sy, sei die wirtschaftlichste Option, um das Haus zu kühlen.

Ein Innenhof in einem Gebäude mit roten Wänden und Bögen. Mehrere Balkone sind mit grünen Pflanzen geschmückt. Das Ambiente wirkt ruhig und gemütlich.
Ein Mann mit dunkler Haut und lockigem Haar sitzt lächelnd vor einer hellen Wand. Er trägt ein gelbes Hemd mit dunklen Akzenten und eine beigefarbene Hose. In seinen Händen hält er einen roten Ziegelstein. Links neben ihm steht ein kleiner Topf mit einer Pflanze. Er wirkt freundlich und zufrieden.

Lehmpalast Djoloff Hotel Dakar und Lehmpionier Doudou Déme

„Nicht zu vergessen der ökologische Faktor“, wirft Mahamadou Wadidié ein, „die Bauindustrie ist weltweit für 40 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich – ein Großteil davon geht auf die Herstellung und den Transport von Zement zurück.“ Der Ingenieur macht einen Rundgang über die Baustelle der Caritas-Zentrale, ermahnt die Handwerker, sauber zu arbeiten. „Wenn man den Lehmbau in die Hand von Leuten gibt, die nicht das nötige Wissen haben, gibt es am Ende Schwierigkeiten, die alle Vorurteile gegen diese Bauweise bestätigen.“ Denn noch immer überwiege die Skepsis. Er selbst habe ihren Wert erst kennengelernt, als er Schulen im Norden Malis bauen sollte. „In meiner Heimatstadt Timbuktu kann es extrem heiß werden – aber unsere Klassenzimmer waren aus Lehm gebaut und stets gut klimatisiert. Dann habe ich einige der neuen Schulen aus Beton besucht: Sie haben die Schüler bereits um elf Uhr morgens wieder heimgeschickt, weil es zu heiß wurde.“

Wie Sy ist Wadidié Mitglied von Fact Sahel. Die Architektin aus Bamako hat die Organisation vor mehr als zehn Jahren mit einer belgischen Kollegin gegründet. Auf der Plattform finden Bauherren geeignete Ansprechparter im gesamten Sahel-Gebiet. Immer wieder erzählten ihr Menschen nach einem Besuch im Dorf ihrer Kindheit, wie gut das Raumklima dort sei – auch ohne Klimaanlage. Trotzdem bezweifeln viele, dass man das Konzept auf die Stadt übertragen könne. Sy war da keine Ausnahme: „Als ich vor 20 Jahren zum Studium nach Brüssel ging, wurde ich als Malierin immer wieder auf die berühmten Lehm-Moscheen angesprochen. Und musste bekennen, dass ich keine Ahnung von unseren traditionellen Bauweisen hatte.“

Heute sei ihr Privathaus ihr bestes Argument für den Lehmbau, sagt Sy. „Ein Besuch genügt meistens, um Zweifler zu überzeugen.“ Zwischen Palmen, Mangobäumen und Reisfeldern steht ein einstöckiger weißer Bungalow. Kubistische Bauweise, große Fenster, klare Linien. „Willkommen“, sagt Sy und öffnet die Tür zu einem weitläufigen Salon mit Designer-Einrichtung. „Niemand glaubt, dass dieses Haus aus rohem Lehm besteht, nur das Skelett ist aus Beton.“ Dem Lehmputz hat sie zur Stabilisierung noch etwas Kalk beigemischt. „Dieses Haus atmet. Und ich habe es seit sechs Jahren kein einziges Mal reparieren müssen.“

In Architektenkreisen setze sich inzwischen die Erkenntnis durch, dass nicht alles Westliche automatisch fortschrittlich sei. Und afrikanische Traditionen nicht per se rückständig. Aber wie kann man das einer breiten Öffentlichkeit vermitteln? Sy setzt auf Leuchtturmprojekte wie die zwei von ihr konzipierten Schulneubauten oder das Caritas-Gebäude mit seinem Publikumsverkehr.

Nein, sie predige nicht die Abschaffung von Beton – aber man müsse ihn wieder auf seine berechtigten Einsatzgebiete zurückfahren. „Unsere Zukunft liegt darin, von unseren Vorfahren zu lernen. Uns immer wieder daran zu erinnern: Lehm ist moderner als Beton.“ --

Eine Frau steht in einem modernen Wohnzimmer. Sie trägt ein langes, schwarzes Kleid und einen roten Kopftuch. Sie wirkt freundlich und selbstbewusst. Im Hintergrund befindet sich ein blau gestrichenes Sofa und eine abstrakte Kunstdruck. Rechts ist ein Esstisch mit gelben Stühlen zu sehen.

Lehrt Lehmbau: die Architektin Mariam Sy in Bamako, Mali

Welche CO2-Bilanz hat Beton im Vergleich zu Lehm?
Bei der Herstellung einer Tonne Beton entstehen zwischen 200 und 300 Kilogramm CO2, die Produktion von einer Tonne Zement verursacht rund 600 Kilogramm CO2. Zement ist für etwa acht Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich.

Lehm hingegen ist klimaneutral, steht weltweit in großer Menge zur Verfügung und kann immer wieder mit minimalem Energiebedarf für Bauzwecke recycelt werden.

Welcher Lehm eignet sich zum Bauen?
Das kommt auf die Bautechnik an. Vereinfacht gesagt, sucht man nach Erde mit einem guten Tongehalt (nicht zu viel und nicht zu wenig) und einer ausgewogenen Korngröße der Kiesel im Inneren. Meist ist das Material baufertiger Aushub, falls nicht, kann man es entsprechend anmischen.

Was kostet der Beton für ein Haus, und wie viel billiger wäre Lehm?
In Mali kostet die Tonne Zement 160 Euro. Für ein einfaches Einfamilienhaus braucht man rund 35 Tonnen. Das heißt allein der Zement für das Haus kostet mehr als 5.600 Euro, das sind bis zu zehn Prozent der Gesamtkosten.

Lehm hingegen gibt es kostenlos aus der Baugrube vor Ort.

Wie versucht Fact Sahel den Lehmbau bekannter zu machen?
Die Organisation bringt Akteure aus ganz Westafrika zusammen, teilt Bilder urbaner Lehmbauten in Westafrika über die sozialen Netzwerke, organisiert Wanderausstellungen, gibt Workshops und richtet Architekturwettbewerbe aus.

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

In Westafrika hat der Lehmbau eine jahrtausendealte Tradition.

– Diese Bauweise ist zusehends in Vergessenheit geraten. In den Metropolen der Sahel-Länder überwiegen westlich inspirierte Betonbauten.

– Aufgrund seiner natürlich kühlenden Wirkung, erfährt Lehm nun in Architektenkreisen Westafrikas eine Renaissance.