Esther Dyson
Heimweh nach der Zukunft
Esther Dyson gilt als eine der einflussreichsten Hightech-Investorinnen und Vordenkerin des Internets. Vor zehn Jahren wandte sie sich ganz anderen Themen zu: Armut und Übergewicht in abgehängten amerikanischen Kleinstädten. Zwei teilnehmende Beobachtungen.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 12/2024.
• Es kommt nicht nur darauf an, was wir denken, sondern wie wir das tun. Eine Frau, die das vormacht wie kaum eine andere, ist Esther Dyson, 73. Seit unserem ersten Treffen vor 24 Jahren erstaunt sie mich immer wieder. Sie lebt vor, dass Intelligenz notwendig ist, aber nicht hinreichend. Es braucht Kritikfähigkeit, Vertrauen, Geduld und die Fähigkeit, loszulassen. Zweimal konnte ich sie bei der Arbeit beobachten, im Jahr 2000 in Kairo und 2016 in Spartanburg, einer Kleinstadt im Süden der USA.
Schon bei unserem ersten Treffen ging es um das große Ganze, um die Frage: Wenn das Internet die Welt zu einem globalen Dorf macht, wer übernimmt dann die Rollen von Bürgermeister, Polizei oder Feuerwehr?
Esther Dyson hatte im Jahr 2000 zum ersten Internet-Weltkongress geladen, als Vorstandsvorsitzende der Icann, so heißt die Internetverwaltung mit Sitz in Kalifornien. Dyson war damit eine der mächtigsten Figuren im jungen Online-Universum, eine Herrscherin ohne Land. Also lud sie Hunderte Vertreter aus 40 Ländern nach Kairo ein.
Chaos, Lärm, Armut. Draußen Wüstensonne, drinnen hitzige Debatten im Sheraton, 23. Stock. Schlipsträger, Weltverbesserer, schluffige Nerds reden wild durcheinander. „Das ist total unfair!“, ruft ein junger Mann in Turnschuhen und kritisiert die Dominanz des Westens in der Icann: „Wir entscheiden hier über die Zukunft des Cyberspace, aber 70 Prozent der Stimmberechtigten kommen aus Nordamerika und nur 2 Prozent aus Afrika.“
Mittendrin sitzt die Chefin, Esther Dyson, Ende 40, quirlig, schmal, mit Jeans. Ihre Beine hat sie so übereinander geschlagen, dass sie verknotet aussehen. Sie hört zu, beobachtet, tippt in ihren Laptop. Und stellt dann, wie aus dem Nichts, präzise Fragen. Oft gibt sie damit der Debatte eine entscheidende Wendung.
Was ist das bitte für ein Führungsstil?, fragte ich mich damals. Dyson betrieb Nudging, bevor der Begriff populär wurde: Sie hörte zu, fragte nach – und lenkte die Menschen elegant zu teils überraschenden Lösungen.
Esther Dyson ist eine Vordenkerin des Internets. Von 1984 an organisierte sie das PC Forum, einen exklusiven Techniksalon. Sie plauderte mit Microsoft-Gründer Bill Gates und Apple-Chef Steve Jobs und investierte früh in Facebook. Die Vorhersagen in ihrem monatlichen Newsletter „Release 1.0“ galten als Pflichtlektüre im Silicon Valley. 1997 schrieb sie ihren Bestseller „Release 2.0“, Untertitel: „Spielregeln für unsere digitale Zukunft“. Manche nannten das Buch die Bibel des Internets und sie die First Lady des Netzes.
Mit 16 in Harvard
Dyson entstammt einer prominenten Familie: Ihr Vater Freeman Dyson war ein weltberühmter Physiker und Schriftsteller, ihre Mutter Mathematikerin. Einen Fernseher hatte die Familie nicht, im Sommer rannte Esther als kleines Kind barfuß draußen herum in der Nähe der Elite-Uni Princeton. Oft schauten Freunde der Familie vorbei: Albert Einstein, Richard Feynman, Erwin Schrödinger, J. Robert Oppenheimer, den sie Oppi nannte.
Mit 14 Jahren erfuhr Esther erstaunt, dass nicht jeder Mensch drei Monate Semesterferien hat wie ihr Vater. Mit 16 fing sie an der Harvard-Uni mit Betriebswirtschaftslehre an, wurde erst IT-Journalistin, dann Investorin. Sie absolvierte das Kosmonauten- training in Russland, um später vielleicht ins All zu fliegen. Ihre Familien- tradition fußt nicht auf einer Ahnenreihe, sondern auf Zukunftshunger.
Die Netzverwaltung Icann mutierte unter ihr um die Jahrtausendwende von einer verschlipsten Unterabteilung des US-Handelsministeriums zu einer schwer greifbaren Organisation, ortlos und dynamisch wie ein Online-Forum. Nach zwei Jahren gab Dyson ihren Posten auf.
In den Zehnerjahren begann die Icann dann Domain-Namen zu verticken, Adress-Endungen wie .futbol oder .pizza. Ein Kartell der Geschäftemacher und Anwälte habe die Organisation gekapert seit ihrem Weggang, schimpfte Dyson damals. Aber zumindest sei es ihr gelungen, die Verwaltung des Internets relativ frei von staatlichen Interessen zu halten. Sie wirkte unbekümmert in ihrem pragmatischen Idealismus. Ihr Motto: „Always make new mistakes!“
Nebenbei erzählte sie mir von ihrem neuen Projekt namens Wellville: Sie berät seit 2014 abgehängte Kleinstädte bei Themen wie Sucht, Kinderarmut und Übergewicht. Wie bitte? Die Hightech-Investorin macht auf Sozialarbeit? Sie lud mich ein, ich sagte zu.
Im Juni 2016 flog ich nach Spartanburg in South Carolina, kleine Stadt, große Probleme. Im Hotel flammen Wortwechsel auf zwischen Cops, Sozialarbeitern, Ärztinnen, Pfarrern, Investoren und Anwohnern. Das Durcheinander ist gewollt, ein wenig wie damals in Kairo.
„Ich wünsche mir, dass wir hier weniger Konsens haben“, sagt Dyson den Leuten, wenn die sich hinter freundlichen Phrasen verstecken. Sie wackelt verknotet auf ihrem Stuhl, auch mit Mitte 60 noch beweglich, in Jeans und Ringelsocken, die Schuhe abgestreift. Dies also ist der wohlverdiente Unruhestand einer Visionärin.
Zwar besitzt sie ein Apartment in New York, aber ihr Wohnzimmer sind Flugzeugsitze und Taxirückbänke. Ihr Festnetztelefon hat sie schon 1984 abgemeldet, ihr Handy ist meistens abgeschaltet. Dyson zieht persönliche Gespräche vor, unplugged. Wenn sie in einen Raum kommt, stellt sie die Sitzmöbel um zu einem Kreis. Sie macht vor, wie gemeinsames Denken gehen kann, inklusive Risiken und Nebenwirkungen.
Was lockt eine Frau wie sie in arme Viertel, Drogenkliniken und Knäste? Dyson hat viele Firmen seit der Gründung begleitet, darunter 23andme, Flickr, Evernote und Linkedin. Aber es gab da etwas, das sie nicht kapierte: Krankheiten können eine Nation ruinieren, doch niemand scheint eine Lösung zu haben. Allein in den USA belaufen sich die Gesundheitsausgaben auf mehr als vier Billionen Dollar pro Jahr. Vor allem Übergewicht ist teuer, die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer „globalen Fettleibigkeitsepidemie“.
Dyson will das Problem marktwirtschaftlich angehen. Sie lobte 2014 einen Wettbewerb aus: „The Way to Wellville“, in Anlehnung an den brüllend komischen Roman von T. C. Boyle über das Wellness-Hotel des Kellogg’s-Mitgründers irgendwo im Mittleren Westen vor mehr als hundert Jahren.
Dysons Regeln: Fünf Jahre lang treten fünf arme Kleinstädte gegeneinander an. Die Preisfrage: Was hilft am besten gegen Volkskranheiten – mehr Arztpraxen, besseres Schulessen, Schrittzähler für jeden? Wer die größten Fortschritte macht, bekommt rund fünf Millionen Dollar.
Für die Finanzierung verwendete Dyson ihre Facebook-Aktien, bislang rund zehn Millionen Dollar. 42 Gemeinden wollten bei dem Wettbewerb mitmachen. Fünf von ihnen lud sie im September 2014 ein zur Auftaktveranstaltung in Florida, im Rahmen der Gesundheitsmesse Medifuture. Dyson machte es wie beim PC Forum und der Icann: Ideengeber, Geldgeber und Menschen, die es angeht, zusammenführen zu einem Meinungsaustausch. Und staunte nicht schlecht: Ihr Wettbewerb begann mit einer Meuterei.
Die Gemeindevertreter weigerten sich, gegeneinander anzutreten, sie wollten lieber gemeinsam nach Lösungen suchen. Also strich Dyson kurzerhand das Preisgeld und verdoppelte zwei Jahre später die Laufzeit von fünf auf zehn Jahre. Sie ist eine, die sofort auf dem Absatz umdreht, wenn etwas nicht klappt. Das gefiel nicht jedem, Niagara Falls im Bundesstaat New York sprang nach zwei Jahren ab. Doch auch die, die blieben, erlebten eine Überraschung.
Wer hoffte, dass Zusammenarbeit zu stiller Eintracht führt, lag falsch: Konsens macht Dyson misstrauisch, das half ihr als Investorin beim Hinterfragen von Businessplänen.
Bei Wellville bringt sie Personen zusammen, die sich sonst eher aus dem Weg gehen: Nerds und Pastoren, Polizisten und Sozialarbeiter. Für einige der geladenen Unternehmen war sie früher Geldgeberin, eine gewagte Verbindung. Oft fliegen die Fetzen in Spartanburg, wie damals in Kairo.
„Warum reiten wir die ganze Zeit auf dem Körpergewicht herum“, dröhnt bei dem Treffen ein schwergewichtiger Schwarzer, der hundert Millionen Dollar für Sozialprojekte eingeworben hat: „Der Body Mass Index ist rassistisch!“ – „Nein, Übergewicht und Diabetes gehören zusammen, und zu viel Zucker ist Gift für den Stoffwechsel“, kontert Dyson. Der Mann widerspricht: „Rassismus bedeutet Dauerstress und stört Stoffwechsel und Immunsystem.“
Derlei offene Aussprachen können manchmal Dinge bewegen, wenn auch mit Verzögerung. Gut viereinhalb Jahre später jedenfalls geschah das Unerhörte: Die Stadtverwaltung von Spartanburg entschuldigte sich 2020 offiziell für Fehler der Vergangenheit und für „systemischen Rassismus“.
Geduld ist ein großes Thema für Dyson. Nicht nur Junkies seien süchtig, sagt sie, sondern auch Firmen, die nur auf Quartalsergebnisse schielen. Sie will Geldgebern Geduld abringen, unter anderem durch bessere Langzeitdaten. Genau, sagen ein paar Techies beim Treffen in Spartanburg und empfehlen Smartwatches zur Messung von Blutdruck, Schritten und Puls. „Nein danke, ich brauche kein Hundehalsband!“, erwidert eine lebhafte Lady mit pink lackierten Fingernägeln, Bürgermeisterin einer Kleinstadt in Michigan, geplagt von Arbeitslosigkeit und Übergewicht.
Dicke Luft. Doch Esther Dyson versucht nicht, die Situation zu entschärfen. Stattdessen bohrt sie tiefer, lässt einen Fragebogen unter den Anwesenden herumgehen, der nach Kindheitserlebnissen fragt: Wurdest du geschlagen, hattest du zu wenig zu essen, fühltest du dich ungeliebt, wurdest du sexuell missbraucht? Dahiner steht ihre Überlegung: Kindheits-Traumata sind teuer, sie erhöhen signifikant das Risiko für Depressionen, Diabetes oder Alkoholsucht und kosten die USA 1,3 Billionen Dollar pro Jahr, schätzt die kalifornische Gesundheitsbehörde.
Ihr Motto: „Always make new mistakes!“
Sie erzählt von ihrem Krebs
Es wird still im Raum, die Leute füllen den Fragebogen aus, ein Ex-Marine, eine Bürgermeisterin, ein Sheriff, ein Programmierer, hier und dort verschämte Tränen. Es scheint eine recht hohe Zahl von Betroffenen zu geben. Viele wirken jetzt nachdenklicher.
Intelligenz, Dissens und Geduld reichen nicht aus, sagt Dyson später beim Grillabend in einem Kletterpark bei Spartanburg. Abendblau sickert durchs Geäst, ein Konferenz-Grüppchen hockt ums Lagerfeuer bei Marshmallows und Bier. Kein Fortschritt ohne Vertrauen, und Vertrauen brauche Verletzlichkeit. Dann erzählt sie von ihrem Speiseröhrenkrebs, der halbwegs unter Kontrolle ist. Und davon, wie sie als junge Frau vergewaltigt wurde: „Zum Glück kannte ich den Mann nicht, das hat die Verarbeitung für mich einfacher gemacht.“ Andere teilen nun im flackernden Feuerschein ihre Erfahrungen.
Zu Silvester 2024 endet Wellville. Was bleibt? „Am Anfang waren wir sehr datenfixiert“, erzählt Rick Brush, der Leiter der von Dyson ins Leben gerufenen Wohltätigkeitsorganisation, im Herbst 2024 rückblickend über Zoom: „Wir haben dazugelernt und setzen bei der Nachbereitung weniger auf Statistiken, sondern eher auf Stimmen aus den Communitys, auf Storytelling.“ Derlei Geschichten sollen auch bei der Investorensuche helfen. Vor allem aber hätten die Gemeinden Selbstbewusstsein gewonnen und jeweils eigene Lösungen entwickelt.
Stolz erwähnt er einzelne Projekte wie Hello Family, ein Programm für junge Familien: Nicht Arztbesuche werden in erster Linie honoriert, sondern Prophylaxe. PFS heißt das Konzept: Pay For Success. „Das ist der Heilige Gral“, heißt es in der Wirtschaftszeitschrift »Forbes«.
Der Heilige Gral? Auch Pritpal Tamber war in Spartanburg mit dabei, ein britischstämmiger Arzt und Gesundheitsexperte, mit funkelnden Augen und trockenem Humor. PFS und anderes Wortgeklingel sei nett, aber doch nur ein Trostpflaster, schreibt er mir vor einigen Wochen: „Es ist unfassbar, dass die reichste Nation der Welt neue Finanzierungsmechanismen erfinden muss, während europäische Länder mehr erreichen, indem der Staat einfach angemessene Steuern einzieht und da ist, wenn man ihn braucht.“
Wellville sei gut gemeint, aber schlecht gemanagt, findet ein anderer. Dysons Beweglichkeit wirkt auf manche verwirrend. Immer wieder gab es mit Gemeinden Zoff.
„Scheitern kann auch ein guter Lehrer sein“, sagt Esther Dyson, als wir im Herbst 2024 per Videochat plaudern. Zehn Jahre Wellville seien genug, sagt sie. Im Juli wird sie 74.
Wieder spricht sie vom „Short Termism“, der Kurzatmigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft. Sie hat vielleicht nicht mehr viel Zeit. Sie würde ihre Erfahrungen gern „skalieren“ und andere Städte dazu anregen, ihre Ideen zu kopieren. Sie arbeite daher an einem Buch, in gewisser Weise eine Fortsetzung von „Release 2.0“, fast 30 Jahre später.
Ihre Fragen nach dem Wahljahr 2024: Können kranke, polarisierte Gemeinwesen sich selbst heilen, mit Fachwissen, Streitkultur, Vertrauen, Verletzlichkeit und Geduld? Und wie können Investoren Gutes tun und dabei gutes Geld verdienen, durch Prävention statt Pillen, durch Mut statt Wut?
Nach Internet, Weltraum und Wellville geht Dyson nun ein neues, ambitioniertes Projekt an: Loslassen. Der Arbeitstitel für ihr Buch ist „Term Limits“ – Amtszeitbeschränkung. Denn das gehört sich nicht nur für Amtsträger in der Demokratie, sondern auch für Vordenkerinnen: gutes Abdanken, Platz machen für neue und Neues.
Ihr Heimweh nach der Zukunft bleibt, gern würde sie noch zum Mars fliegen. Na ja, später vielleicht, erst einmal das Buch. Und falls ihr Krebs sie irgendwann doch noch einhole, solle auf ihrem Grabstein einfach nur stehen: „She wasn’t done yet“ – sie hatte noch etwas vor. --