Erderwärmung
Mit dem Ur-Apfel in die Zukunft
Die Erderwärmung bedroht den europäischen Apfelanbau. Große Hoffnung liegt auf der Wiederentdeckung robuster Arten. Eine Reportage aus Südtirol und Kasachstan.
Hofft auf die Überzeugungskraft der Wissenschaft: Koen Hertoge in seiner Wahlheimat Südtirol
• In ihrer Niederlage stecke auch ein kleiner Sieg, finden Koen Hertoge, 50, und Johannes Fragner-Unterpertinger, 63. Obwohl ihre Gemeinde Mals den ansässigen Apfelbauern nicht verbieten darf, Pestizide zu versprühen, und obwohl gegen das Urteil des Staatsrats, des obersten italienischen Verwaltungsgerichts, keine Berufung möglich ist, sei ihr Kampf nicht umsonst gewesen, denn „heute werden in Südtirol weniger Pestizide gespritzt als vor fünf oder zehn Jahren“, sagt Hertoge. Man sei auf einem guten Weg.
Der Malser Weg begann im August 2014. Bei einer von Umweltaktivisten initiierten Abstimmung entschieden sich 75 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner für eine pestizidfreie Gemeinde. Das sorgte nicht nur in Italien für Aufsehen. Zeitungen aus aller Welt berichteten, Bücher wurden geschrieben, Filme gedreht. „Sogar das japanische Fernsehen war eine Woche vor Ort“, erinnert sich Johannes Fragner-Unterpertinger. „Alle haben sich gefragt: Kann das wirklich gelingen, eine Landwirtschaft ohne Pestizide?“
Mals liegt im Vinschgau. Das Tal sieht aus, als wäre ein großer Rechen zwischen den Bergen hindurchgefahren. Überall stehen blühende Apfelbäume in Reih und Glied. Und überall sind Traktoren zwischen den Bäumen unterwegs und ziehen feine Wolken hinter sich her, die einen süßlich-säuerlichen Geruch verströmen. In Mals sollten sie Fahrverbot erhalten. Doch Landwirte im Ort klagten gegen die Verordnung. Sie fürchteten wirtschaftliche Verluste und wollten daher nicht auf Pestizide verzichten.
Der Rechtsstreit hielt Südtirol in Atem. In Italiens nördlichster Provinz ist der Apfel ein Riesengeschäft. 6.000 Landwirte (davon rund 720 Bio-Bauern) produzieren 900.000 Tonnen Äpfel, rund zehn Prozent der jährlichen Ernte Europas, und das auf lediglich 18.000 Hektar Anbaufläche. Der Umsatz liegt jährlich bei knapp 700 Millionen Euro. Die Bäume sind über Jahrzehnte zu immer höheren Erträgen gezüchtet worden. Sie sind High-Performer, die, um Leistung zu bringen, einen Rundum-Schutz vor Krankheiten und Schädlingen brauchen. Wie vor dem Apfelblattsauger, der den Besenwuchs überträgt: Dabei bilden die Triebe unnatürlich viele Zweige, die Blätter verfärben sich schon im Spätsommer, die Äpfel bleiben klein und schmecken fade.
Bis zu 25-mal sprühen die Landwirte im Frühjahr und Sommer ihre Plantagen. Schon lange klagen Umweltschützer und Wissenschaftler, dass die Pestizide zum Verschwinden von Insekten und Vögeln führen. In Südtirol stellt sich wie in anderen Obstanbaugebieten eine Frage unserer Gegenwart besonders dringlich: Wie können wir unsere Nahrung im Einklang mit der Natur produzieren?
Der Staatsrat in Rom hat sie so beantwortet: Mals dürfe keine Pestizide verbieten, die in der Europäischen Union zugelassen sind. Die Natur lasse sich mit formaljuristischen Begründungen nicht retten, kontert Hertoge, der aus Belgien stammt und mit einer Malserin verheiratet ist. Fragner-Unterpertinger, der die Apotheke im Dorf führt, sagt, sie wollten weiterkämpfen, mit wissenschaftlichen Studien. Die letzte hat für einigen Wirbel gesorgt. Sie weist nach, dass sich auch noch auf den Bergen in 2.000 Meter Höhe Pestizide aus dem Obstanbau finden.
Viele der Äpfel aus dem Vinschgau kommen in die Hallen der Obstgenossenschaft in Meran. In den 18 Stockwerken der 20 Meter hohen Kühlkammern lagern Golden Delicious (die Nummer eins in Italien), Gala, Cosmic Crisp, Granny Smith, Pink Lady oder Fuji (die Nummer eins in China). Die Ernte aus dem vergangenen Jahr wird in eine Art Winterschlaf versetzt. Tag für Tag, Woche für Woche werden die Äpfel in ihren Kisten von automatisierten Greifern aus den Regalen geholt und von Gabelstaplern zur Sortieranlage gefahren, wo sie vorsichtig auf mit Wasser gefüllte Förderbahnen gekippt werden, nicht um sie zu waschen, sondern um sie ohne Druckstellen zu transportieren. Überall unter dem weiten Hallendach schwimmen grüne, gelbe und rote Äpfel. Am Ende werden sie leicht gewachst, damit sie glänzen, und bekommen kleine Aufkleber, bevor sie für den Transport in Kisten verpackt und verladen werden.
Bis zu 25-mal pro Saison werden die Apfelbäume mit Pestiziden besprüht
Sieht den Standortvorteil Südtirol vom Klimawandel bedroht: der Biologe Georg Niedrist in Bozen
Das Versuchslabor
„Der Apfelanbau ist ein enormer wirtschaftlicher Erfolg. Es gibt wohl nicht viele Orte auf der Welt, wo Bauern mit drei Hektar ein Auskommen finden“, sagt Georg Niedrist, 43. Der Biologe vom Institut für Alpine Umwelt des privaten Forschungszentrums Eurac in Bozen sitzt in der Sonne vor einem Café. Nebenan rauscht die Etsch durch die Stadt. Die Bedingungen für den Anbau von Äpfeln seien in den breiten Tälern Südtirols ideal: ausreichend Sonnenschein, genügend Niederschläge. Doch die Erderwärmung stelle das nun infrage.
Seit Jahren steigen die Temperaturen. Im Winter gibt es weniger Eistage (mit Höchsttemperatur unter null Grad Celsius): Viele Insekten schlüpfen nun vor dem Eintreffen der Zugvögel, ihren natürlichen Fressfeinden. Die Schädlinge übertragen Krankheiten. Die Bauern müssen mehr spritzen. Fallen die Temperaturen doch unter null, bedroht Frost die sich früher öffnenden Knospen, und die Bauern brauchen Vereisungsanlagen, um die Blüten mit einer schützenden Schicht aus Eis zu umhüllen. Im Sommer gibt es mehr Tropentage (Höchsttagestemperatur über 30 Grad): Speziell wärmere Nächte lassen die Äpfel zu schnell wachsen, was sie wiederum anfällig für Krankheiten macht. Wieder fahren die Traktoren. Außerdem bedroht später Hagel die reifen Äpfel, wofür die Bauern stabilere Hagelnetze brauchen.
„Der Anbau von Äpfeln wird immer risikoreicher und teurer“, sagt Niedrist. Südtirol entwickle sich zu einem Labor, in dem getestet werde, wie Landwirtschaft unter den Bedingungen der Erderwärmung funktionieren kann. Noch mehr Pestizide könnten nicht die Lösung sein. Die Kosten für die Umwelt seien zu hoch. Ein Ausweg könnten widerstandsfähigere Apfelsorten sein. „Wenn es dafür nicht schon zu spät ist – die Züchtung eines neuen Apfels kann leicht 20 Jahre dauern.“
Dieser Apfel könnte aus der Laimburg kommen. 20 Kilometer südlich von Bozen schmiegt sich die landwirtschaftliche Versuchsanstalt mit ihren Gewächshäusern an die Hänge des Mitterbergs. Davor liegen Plantagen, auf denen Walter Guerra, 50, der Leiter des Instituts für Obst- und Weinbau, mit seinem Team Apfelbäume pflanzt. Ob neu oder alt, ob Gala oder Tiroler Spitzlederer, jede Sorte bekommt fünf Bäumchen. Der Pomologe (Fachmann für Obstanbau) führt gerade eine Klasse der Fachoberschule für Landwirtschaft in Auer durch die blühenden Reihen. Er spricht über die Zuchtkriterien – Größe und Farbe, Süße und Säure, Frische und Haltbarkeit – und die entscheidenden Faktoren für eine neue Sorte: Zeit und Glück. Nicht jeder Apfel hat Erfolg auf dem Markt“, sagt Guerra nach dem Gang durch das Versuchsfeld.
Lange war das Züchten von Äpfeln trotz aller Erfahrung eine Straße, von der sehr viele Sackgassen abzweigten. Die Frage, ob die Frische der einen Sorte und die Süße der anderen zusammen harmonieren, brauchte Versuche über Versuche bis zur Antwort, die dann oft „eher nicht“ oder „geht so“ lautete. Im Jahr 2010 wurde dann das Genom des Verkaufsschlagers Golden Delicious erstmals sequenziert. Das kostete mehrere Millionen Euro. Heute sind solche Entschlüsselungen für wenige Tausend Euro möglich. Seitdem verstehen Züchter besser, wo sie im Apfel-Genom nach bestimmten Fähigkeiten suchen müssen.
„Trotzdem wird in Zukunft das Züchten eher noch anspruchsvoller“, sagt Guerra. „Wir brauchen weiterhin Sorten, die den Menschen schmecken. Aber sie müssen gleichzeitig robuster gegen Hitze und Trockenheit sein. Wir suchen Apfelbäume, die sich besser gegen Krankheiten und Schädlinge schützen.“ Er ist sich ziemlich sicher, dass irgendwo im Genom einer alten Sorte oder eines Wildapfels diese Fähigkeiten verborgen liegen. Äpfel hätten eine natürliche genetische Vielfalt. „Sie haben sich im Laufe von Millionen von Jahren an verschiedene Lebensräume angepasst.“
Doch durch das Züchten sind viele dieser Fähigkeiten verloren gegangen. Das Ziel waren große, süße, meist rote, knackige Äpfel. Wie diese Sorten mit Schorf oder Wanzen klarkommen, war zweitrangig. Dafür lieferte die chemische Industrie Lösungen. Guerra will die genetische Basis der Kulturäpfel wieder verbreitern. Durch das Einkreuzen alter Sorten oder von Wildäpfeln. Doch das wird dauern. Schneller ginge es mittels Gentechnik wie Crispr, der Genschere, mit der sich Abschnitte in der DNA ergänzen und verändern lassen. Anstatt zu warten, bis die neuen Bäume groß genug sind, um ihre Früchte zu testen, könnten Züchter Gene in Setzlingen einpflanzen, um die gewünschten Eigenschaften zu bekommen. An der ETH Zürich haben Forscher bereits ein Gen gegen Feuerbrand aus einem Wildapfel in die Sorte Gala kopiert. Diese Art der Genmanipulation ist in Europa für die kommerzielle Nutzung noch nicht erlaubt.
Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Bedingungen für den Apfelanbau ändern, spricht sich Guerra für den Einsatz von Gentechnik aus. Wenn es immer heißer wird, braucht es Äpfel, die auch bei 40 Grad noch wachsen und nicht am Baum verbrennen. Er hat schon einen Kandidaten, der gut mit Hitze und Trockenheit kann: Malus Sieversii, den Urapfel. „So wie wir alle von Lucy, der Urahnin der Menschheit, abstammen, stammen unsere Äpfel von diesem Apfel aus Kasachstan ab.“ Vor ein paar Jahren hat er dort die letzten Apfelurwälder besucht, denn: „Die Zukunft unserer Äpfel liegt in diesen Wäldern.“
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