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Nahaufnahme einer Person, die ein Mikrofon hält. Die Person trägt eine offene, hellbraune Bluse und dunkle Hosen. An beiden Handgelenken sind Armbänder und an mehreren Fingern Ringe zu sehen. Die Hände sind vor dem Körper verschränkt, was eine konzentrierte oder nervöse Stimmung vermittelt. Der Hintergrund ist dunkel und unscharf.

Angie Mead King

Kann man Autos tunen und den Planeten schützen? Als Transperson in den katholischen Philippinen eine Firma leiten? Wenn es jemand kann, dann Angie Mead King.


• Wenn die Chefin im Träger-Top die Werkstatt betritt, hören die Handwerker kurz auf zu arbeiten. „Hello Mam!“, rufen kräftige Typen aus jeder Ecke. In einer großen Wellblechhalle, in der alte Porsches neben noch älteren Mercedes oder Jaguars stehen, konzentriert sich alles auf diese Frau. Einer der Angestellten nähert sich ihr vorsichtig. „Mam, den Chevrolet haben wir jetzt etwas tiefer gelegt. Ist es so okay?“ Sie wirft einen kritischen Blick auf die Achse. „Sieht gut aus. Weiter so!“ Der Mitarbeiter lächelt erleichtert. „Danke, Mam!“

Angelina „Angie“ Mead King ist es gewohnt, dass sich andere nach ihr richten. „Seit meiner Jugend schraube ich an Autos rum“, sagt die 44-Jährige. Keiner ihrer zehn Mitarbeiter – allesamt jüngere Männer – habe ihren Erfahrungsschatz. Bei Car Porn Racing, einem Tuningstudio für Luxusschlitten in Manila, entscheidet daher die einzige Frau: Wird ein Wagen umlackiert? Mit Heckspoiler versehen, schneller gemacht, neu gepolstert, tiefergelegt? „Ich regle am Ende auch den Verkauf“, sagt die Chefin. Wer sonst habe die Kontakte zu Kunden, die mehr als umgerechnet 100.000 Euro für so ein Gefährt zahlen könnten?

Angie Mead King hat ein schelmisches Grinsen im Gesicht – Humor brauchte sie wohl, um sich durchzusetzen. Diese große, drahtige Frau wird nicht nur in Garagen mit Ehrfurcht behandelt, sondern auch in den Hotels, die sie besitzt, auf den Farmen, in die sie investiert, und von Journalisten, die sie fürs Fernsehen interviewen.

In den Philippinen ist King eine Business-Celebrity. Schätzungen zu ihrem Vermögen reichen von einigen Millionen US-Dollar bis zu deutlich mehr. „Und damit mache ich nur, was mir Spaß bringt!“ Autos tunen zum Beispiel – oder das Klima schützen.

Für konservative Gemüter tut sich ein noch größerer Widerspruch auf: Die Philippinen mit rund 116 Millionen Einwohnern sind streng katholisch und damit keine leichte Gesellschaft für Menschen wie King. Zur Welt kam sie mit männlichen Geschlechtsmerkmalen, lebte bis ins Erwachsenenalter unter dem Namen Ian King und wurde in der Geschäftswelt bekannt. Als Angie machte sie einfach weiter wie zuvor, als Auto-Tunerin, Hotelierin und Social-Media-Persönlichkeit.

Seit dem Anfang ihres Übergangs zur Frau im Jahr 2016 nimmt King Hormone, kleidet sich feminin, trägt Make-up, ließ eine TV-Doku über sich drehen. King ist damit eine postmoderne Entsprechung dessen, was in Deutschland einst der Industriellenerbe, Fotograf und Kunstsammler Gunther Sachs verkörperte – ein reicher, extrovertierter Showman und Genießer. Nur dass Angie Mead King neben Business und Luxus auch die Freiheit liebt, ihre Gender-Identität selbst zu bestimmen. Wenn Gunther Sachs einst Deutschlands Playboy war, ist Angie Mead King heute das Playtransgirl der Philippinen.

In dem südostasiatischen Land weiß man immer, was sie gerade tut. Auf Youtube folgen ihr 264.000 Personen, bei Instagram gut 326.000. Täglich werden es mehr. Sie sehen zu, wie King die Reifen eines Rennwagens wechselt oder veganes Essen bestellt, und erfahren, wie die Ernte ihrer Farm ausfällt. Hört man sich auf den Straßen der 14-Millionen-Einwohner-Metropole Manila um, sagen die Menschen: „Das ist doch die mit den Hotels und Autos!“ oder „Ich liebe ihre Nachhaltigkeitsthemen!“ oder „Ich bin Fan!“

Eine Frau mit dunklen Haaren sitzt in einem Auto. Sie trägt eine hellbeige Bluse und mehrere Armbänder. Ihr Blick ist direkt und wirkt entschlossen, aber auch nachdenklich. Das Bild ist etwas dunkler gehalten, was eine ruhige und konzentrierte Atmosphäre erzeugt.

Täglich mehr Follower: Angie Mead King in ihrem Sportcoupé

Strenge Gesetze, na und?

Auf den Philippinen verstehen sich rund 80 Prozent der Menschen als katholisch, 15 Prozent sind protestantisch, vier Prozent muslimisch. Abweichungen von der Hetero-Cis-Norm sind nicht vorgesehen.

Anders als die EU haben die Philippinen noch kein allgemeines Anti-Diskriminierungsgesetz, das Transpersonen schützt – ein Gesetzesentwurf wird seit Längerem im Parlament verhandelt. Scheidungen sind ebensowenig erlaubt wie gleichgeschlechtliche Ehen oder Geschlechtsänderungen im Pass.

Die Diskriminierung von Transmenschen ging mit der spanischen Kolonialisierung von 156 bis 1898 einher. Heute gibt es im Land schätzungsweise 500.000 Transpersonen, die im Alltag weitgehend akzeptiert werden. Die Stimmung scheint liberaler zu sein als die Gesetzgebung.

Spricht man Angie Mead King auf ihren Werdegang an, klagt sie nicht. Aus der Werkstatt hat sie sich gerade mit einem breiten Lächeln und einem Winken verabschiedet. „Bye Mam!“, schallte es zurück. Jetzt sitzt sie in einem in mattes Lila umlackierten Sportcoupé von BMW und manövriert sich durch den wuseligen Verkehr von Manila. „Ich habe mir schon als Kind Fragen zu meinem Geschlecht gestellt“, murmelt sie, beiläufig, als sei dieses Thema zweitrangig. Als Mann wurde sie Vater eines Sohnes. Der ist jetzt 28, verdient sein eigenes Geld. Und hat mittlerweile einen Vater, der zur Mutter geworden ist. Für große Probleme habe das nicht gesorgt, sagt King. „Glücklicherweise gab es erstaunlich viel Support.“

Nicht nur ihre Ehefrau aus ihrer Zeit als Mann, die TV-Persönlichkeit Joey Mead, habe sie unterstützt, sondern auch ihre Familie. Und in keinem ihrer Geschäftszweige habe es abschätzige Bemerkungen zu ihrer Transition gegeben, nicht einmal im eher von Machismus geprägten Tuning Business. „Die Leute haben mich dann eben nicht mehr Sir genannt, sondern Mam.“ Wie man es in dem südostasiatischen Land eben macht, wenn man dem Gegenüber Respekt erweist. So wie Angie Mead King davon erzählt, scheint es, als sei ihre Transition überraschend einfach gewesen.

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