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Auschwitz: Eva Szepesi im Interview

Eva Szepesi, 92, hatte sechs glückliche Kindheitsjahre mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Tamás in Budapest, bis die ungarische Regierung 1938 mit der Verfolgung von Juden begann. 1941 wurde ihr Vater zur Zwangsarbeit einberufen, 1944 brachte eine Tante die damals Elfjährige in die Slowakei, wo sie bei verschiedenen Familien untergebracht war.



Porträt einer älteren Frau mit blondem Haar und Brille. Sie trägt ein dunkles Jackett und ein helles Hemd. Ihr Blick ist freundlich und wirkt weise.

Im November 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Szepesi blieb am Leben, weil die Aufseher sie bereits für tot hielten. Seit 1954 lebt sie in Frankfurt am Main. Sie hat zwei Töchter, vier Enkel und drei Urenkel. Mit dem Blick zurück will sie zu einer besseren Zukunft beitragen:

• „Auschwitz war die Hölle, aber ich habe immer gedacht, ich muss zurück nach Hause zu meiner Familie. Das hat mir Kraft gegeben. Wer sich aufgegeben hat, ist gestorben. Oft war ich zwischen Leben und Tod. Aber ich sagte mir jeden Tag: Ich muss überleben, ich möchte überleben. Es wird irgendwann zu Ende sein.

‚Raus, raus!‘, schrien die Aufseher eines Tages zu denen, die noch aufstehen konnten. Die Todesmärsche * begannen. Bei mir dachten sie, ich wäre schon tot, weil ich nur dalag und ein Skelett war. Es war eine große Schreierei, dann wurde es still. Ich lag neun Tage auf meiner Pritsche zwischen Toten, meistens ohnmächtig. Einmal fütterte mich jemand mit Schnee. Dann sah ich vor meinem Gesicht auf einmal einen sowjetischen Soldaten mit Pelzmütze und rotem Stern. Er lächelte mich an. Ich versuchte, zurückzulächeln. Da wusste ich: Ich lebe.

In einem Lazarett im Lager päppelten mich polnische Ärzte auf. Eine Organisation brachte mich im September nach Budapest, wo mein Onkel mich fand. Ich fragte ihn nach meiner Mutter und meinem Bruder, mein Vater galt als verschollen. Er sagte: ‚Es kommen jeden Tag Transporte, sie werden kommen. Wir warten.‘ Ich habe mehr als 70 Jahre lang gewartet. Ich hatte immer den Gedanken, vielleicht haben sie sich versteckt und melden sich.


 


Mit 18 lernte ich meinen Mann kennen. Beruflich musste er 1954 nach Frankfurt am Main. Ausgerechnet Deutschland, ich wollte nicht mit, kam dann aber doch mit unserer Tochter nach. Lange lebte ich hier sehr zurückgezogen. Wenn ich Männer mit hohen Stiefeln und großen Hunden sah, wechselte ich die Straßenseite. Meiner Tochter sagte ich neun Jahre nicht, dass sie Jüdin ist. Aus Angst.

Nach der Geburt unserer zweiten Tochter wollten wir nach Kanada auswandern, aber dann wurde mein Mann krank, und wir blieben in Deutschland. Auch mein Mann hat seine Familie in der Shoah verloren, aber wir haben nie darüber gesprochen. Ich schwieg, bis ich 1995 von der Shoah Foundation zum fünfzigsten Gedenktag der Auschwitz-Befreiung dorthin eingeladen wurde. Meine Töchter begleiteten mich. Abends sollte ich einer Gruppe von meiner Kindheit erzählen. ‚Ich soll was erzählen? Ich habe noch nie was erzählt‘, sagte ich. Aus Scham, weil ich erniedrigt wurde und weil ich dachte, man kann es verdrängen. Aber dann sprudelte es. Ich habe erzählt und er- zählt. Am Ende umarmten mich meine Töchter. ‚Mutti, zum ersten Mal hören wir deine Geschichte.‘

An jenem Tag ist es meine Lebensaufgabe geworden, für die vielen unschuldigen Menschen, die umgebracht und stumm gemacht worden sind, zu sprechen. Und für die nächste Generation, damit sie weiß, was passiert ist und so etwas verhindern kann.

2016 bat mich meine Enkelin, mit ihr nach Auschwitz zum Marsch der Lebenden zu fahren. Einer Enkelin kann man nicht Nein sagen. In einer Baracke stand das Buch der Namen, in dem die Millionen ermordeten Juden genannt waren. Ich saß auf einer Bank.

Ein Schwarz-Weiß-Porträt eines jungen Mädchens mit dunklem Haar, das in einem bunten Glasrahmen hängt. Das Mädchen lächelt freundlich in die Kamera. Der Rahmen hat blaue, violette und grüne Farbtöne und steht auf einer marmorierten Oberfläche.
Drei gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos stehen auf einem dunklen Holzmöbelstück. Das linke Foto zeigt eine junge Frau, die ein Baby hält. Im mittleren Bildpaar ist ein Mann und eine Frau zu sehen, die sich eng umschlingen. Das rechte Foto zeigt einen Mann im Anzug. Alle drei Personen wirken ernst und blicken direkt in die Kamera. Unter den Fotos liegt eine zarte, weiße Spitze auf dem Holz.

Von ihrer Familie sind Eva Szepesi nur Fotos geblieben: als Baby im Arm der Mutter, ihre Eltern, ihr Bruder, ihr Vater (von links). Sie hoffte mehr als 70 Jahre lang auf ein Lebenszeichen.

Auf einmal kam meine Enkelin und sagte: „Oma, ich habe deine Mutter gefunden.“ Ich sagte: „Das glaub’ ich nicht!“ Das kam sofort so raus. Dann sah ich es mit eigenen Augen: Dia- mant, Valeria, 1908 geboren in Pest- szenterzsebet. Fünf Reihen darüber mein Bruder: Diamant, Tamás, 1936 geboren in Budapest. Es war schrecklich. Aber seitdem kann ich trauern. Ich bin oft an Schulen. Die Schüler sind sehr interessiert, manche sehr emotional. Die können sich nicht vorstellen, dass so etwas möglich war. Einige schreiben mir wunderbare Briefe: ‚Wir werden die Zeugen für die Zeitzeugen. Wir erzählen es weiter.‘

Seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel, brauche ich dabei Polizeischutz. An dem Tag ist unser Leben anders geworden. Es war furchtbar. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas noch einmal möglich wäre. War es aber. Viele Geiseln sind bis heute nicht frei. Und der Judenhass ist laut geworden. Es gibt keine Hemmungen mehr. Viele Schu- len laden mich nicht mehr ein, weil sie fürchten, mich nicht ausreichend vor Anfeindungen schützen zu können.

Manche sagen: ‚Das ist schon so lange her.‘ Dabei ist es wie gestern. Was sind schon 70 oder 80 Jahre? Alles kommt wieder, wenn man nicht aufpasst und wegschaut. Deswegen darf man nicht schweigen, sondern muss sich einmischen, wenn jemand hetzt. Einmal hat ein Mädel zu mir gesagt: ‚Sie sind Jüdin? Sie sehen gar nicht so aus.‘ – ‚Aber wie muss man denn aussehen?‘, fragte ich. Es fehlt Bildung. Menschen müssen allein denken lernen. Und es ist wichtig, die Vergangenheit zu kennen. Nur so kann es eine Zukunft geben. Hassen kann ich nicht. Ich habe manchmal Wut und bin traurig. Und ich hoffe, dass meine Enkel und Urenkel eines Tages glücklich leben können – anders als momentan.“ --

Nahaufnahme eines Unterarms mit einem verblichenen Tattoo. Das Tattoo zeigt kleine, stilisierte Herzen. Der Hautton ist hell und weist die typischen Linien und Falten eines älteren Menschen auf.

Ihre in den Arm tätowierte Häftlingsnummer

Nach Auschwitz wurden etwa 232.000 Kinder und Jugendliche deportiert. Weniger als 500 Kinder unter 15 Jahren überlebten, darunter Eva Szepesi. Ihre Geschichte beschrieb sie 2011 in dem Buch „Ein Mädchen allein auf der Flucht“. Das Geschäft für Pelze, das sie als gelernte Schneiderin mit ihrem 1993 verstorbenen Mann Andor Szepesi in Frankfurt aufbaute, führt ihre Tochter Anita Schwarz weiter. Schwarz, beim Gespräch dabei, erzählt, was sie und ihre Kinder seit dem 7. Oktober erleben: antisemitische Witze; Bekannte brächen den Kontakt ab; Angst, in der Öffentlichkeit mit Davidstern-Halskette gesehen zu werden; ständiges Angesprochenwerden auf das Vorgehen der israelischen Regierung.

*Am 18. Januar 1945 schickte die SS etwa 58.000 Häftlinge aus Auschwitz zu Fuß bei minus 20 Grad Richtung Westen. Das Ziel der Todesmärsche in den letzten Tagen des Krieges war vor allem, noch möglichst viele Menschen umzubringen. Am 27. Januar befreite die Rote Armee Auschwitz.

 


 

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