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Abstrakte Grafik in Rot und Weiß. Ein rotes Stoffelement überlagert weiße, vertikal gestrichene Flächen. Die Komposition wirkt dynamisch und unregelmäßig.

Tun, was wir können. Entwickeln, was wir jetzt brauchen

Eben noch Europas Nummer 1 scheint Deutschlands Wirtschaft seit Monaten im freien Fall. Ist alles so schlimm, wie es scheint? Noch schlimmer? Und wie könnte ein Ausweg aussehen? Ein sortierendes Gespräch mit Stephan A. Jansen, Ökonom und Soziologe.


Nahaufnahme einer beschädigten Plakatwand. Mehrere zerrissene Plakate in den Farben Gelb, Grau, Rot, Weiß und Schwarz überlappen sich. Die Risse und Abplatzungen des Papiers sind deutlich sichtbar, wodurch die darunterliegenden Schichten durchscheinen. Das Bild vermittelt einen Eindruck von Verfall und Vergänglichkeit.

brand eins: Herr Jansen, Deutschland gilt wie schon vor einem Vierteljahrhundert als der kranke Mann Europas. Wie konnte das passieren?

Stephan A. Jansen: Es ist jedenfalls keine aktuelle Entwicklung. Die Ursachen liegen in der damaligen Zeit. Damals sind wir drei Wetten eingegangen.

Die Sicherheitswette: Wir verlassen uns auf den Schutz durch die USA und sparen am Rüstungsetat.

Die Energiewette: Wir müssen uns nicht wirklich um die Energieversorgung kümmern, weil wir genug Gas und Öl aus Russland bekommen.

Die Demografiewette: Wir kriegen das schon hin, dass immer weniger Beschäftigte immer mehr Menschen im Ruhestand versorgen und brauchen keine Zuwanderungspolitik betreiben und kein Geld zurücklegen.

Das hat uns goldene Jahre des Wachstums beschert. Aber nun ist klar: Wir haben alle Wetten verloren.

Sind das die Gründe, warum wir nun so richtig im Schlamassel stecken?

Das ist der Untergrund. Darauf türmen sich die Probleme der nicht ertüchtigten alten oder gar nicht errichteten neuen kritischen Infrastrukturen, die gefährliche Sparsamkeit bei der Bildung sowie die Folgen der Selbsthypnose, wir seien immer noch eine Industrienation und Exportweltmeister.

Das ist nun mal die deutsche Identität, die sich nicht so leicht abstreifen lässt.

Das Gefährliche daran ist, dass deshalb Subventionen und die durchaus üppige Forschungsförderung an den neuen, vor allem auch digitalen Geschäftsmodellen vorbei in die Industrie fließen. Dabei gab und gibt es wenig gute Gründe, warum etwa man Stahl in Deutschland herstellen oder die Produktion von Ammoniak als Grundstoff für Düngemittel und Chemikalien um jeden Preis hierbehalten sollte. Und es spricht ebenso wenig dafür, staatlich geförderte energieintensive Batterie- und Chip-Produktionen – ohne ausreichend Fachkräfte und günstige Energie – hier anzusiedeln. Vermutlich hofft man, dank solcher Subventionen wieder eine wichtige Rolle in der Weltwirtschaft spielen zu können.

Dagegen spricht, dass ausgerechnet im Industrieland Baden-Württemberg das Kreditneugeschäft mit Unternehmenskunden im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 40 Prozent zurückgegangen ist – so stark wie noch nie zuvor, als Folge von Unsicherheit und Rezession, wie der Sparkassenverband Baden-Württemberg berichtete. Wofür jetzt noch Finanzierungen benötigt werden, zeigt eine Untersuchung der IG Metall: 44 Prozent der ansässigen Automobilzulieferer verlagern ihre Produktion ins Ausland, weitere 14 Prozent planen dies. 41 Prozent der Betriebe verlagern auch Forschung und Entwicklung. Insgesamt flossen so vergangenes Jahr Investitionen in Höhe von knapp 135,5 Milliarden Euro aus Deutschland ab.

Was treibt die Unternehmen aus dem Land?

Das sind sicher erst einmal die Energiepreise und die wachsenden Märkte in anderen Weltgegegenden. Es ist aber auch die Demografie: Unternehmen werden dorthin verlagert, wo noch genug Menschen arbeiten wollen, auch am Wochenende, auch im Schichtdienst.

Wohin genau?

Vor allem in die BRICS-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Sie stehen künftig mit den sechs neuen Mitgliedern Iran, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, Äthiopien und Argentinien für nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung und mehr als ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung – und werden von China und Russland orchestriert.

Russland wird allerdings vom Westen sanktioniert. Und auch die Begeisterung der deutschen Wirtschaft für China scheint abzunehmen.

Dennoch zieht es Unternehmen dorthin. Denn China hat nach Russlands Vollinvasion der Ukraine die bislang gepflegte internationale Neutralität aufgegeben. Diese geopolitische Wende ist auch eine geoökonomische. Die Sorge, dass sich China isolieren könnte oder – nach einem Überfall auf Taiwan – isoliert wird, treibt vor allem auch Konzerne wie BASF oder die Automobilhersteller dazu, dort Fertigungsstätten zu errichten, um das Geschäft mit China in jedem Fall aufrechtzuerhalten.

Ein Tisch unter einem Zelt mit Weltraum-Motiv. Auf dem Tisch stehen viele Wasserflaschen, Snacks und persönliche Gegenstände. Im Hintergrund ist eine Klimaanlage und weitere Ausrüstung zu sehen. Es wirkt wie ein Arbeitsbereich oder eine Versorgungsstation bei einer Veranstaltung.

Das klingt dramatisch.

Das Drama läuft schon eine Weile. Im Dax werden aktuell mehr als die Hälfte aller Aktien von ausländischen Investoren gehalten. Und weil die Exportnation vor allem für die sich nun verändernden Auslandsmärkte produziert, wird jetzt dorthin verlagert – unabhängig von den politischen Wolken, die überall aufziehen.

Wachstum findet also von nun an anderswo statt?

Das wird in den nächsten Jahren wohl auch so bleiben. Die Frage ist, ob wir Wachstum überhaupt brauchen und wofür. Der deutsche Reichskanzler Leo von Caprivi hat in der Nachfolge von Otto von Bismarck 1891 die Marschroute festgelegt: „Wir müssen exportieren; entweder wir exportieren Waren oder wir exportieren Menschen. Mit dieser steigenden Bevölkerung ohne eine gleichmäßig zunehmende Industrie sind wir nicht in der Lage, weiterzuleben.“ Dieses Zitat erklärt unsere zwei Obsessionen: Exportweltmeister und Industrienation zu sein. Aber was müsste uns ein smartes Navi sagen? „Die Route wird neu berechnet.“

Die kapitalistische Wachstumslogik fußte darauf, eine wachsende Menschheit zu ernähren und sozialen Frieden zu gewährleisten. Das war auch der Ursprung der Hartz-Reformen der Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder: Die ergaben vor 25 Jahren angesichts der Arbeitslosigkeit Sinn und waren vergleichsweise einfach. Inzwischen wachsen wir als Nation allerdings nicht mehr, was wächst, ist der Anteil derjenigen, die Sozialleistungen beziehen. Wenn das Pro-Kopf-Einkommen gesichert werden soll, müssen wir also die Produktivität steigern und für die notwendige Infrastruktur sorgen.

Mehr und bessere Produkte mit weniger Menschen produzieren – funktioniert das?

Begrenzt, auch weil die Digitalisierung im Mittelstand noch nicht richtig angekommen ist. Und weil wir eine weitere Wette verloren haben: dass die USA und China auch weiterhin zuverlässig unsere Produkte abnehmen und so für Wachstum sorgen. Damit ist es aber unter anderem deshalb vorbei, weil deutsche E-Autos das Gegenteil eines Exportschlagers sind.

Die Energiepreise sind gar nicht das entscheidende Problem?

Das ist der Zirkelschluss, den die Verbände – allen voran der Verband der Automobilindustrie – der Politik einreden: Wenn die Energiepreise steigen, wachsen wir nicht mehr. Und wenn wir nicht mehr wachsen, verlagern wir unsere Arbeitsplätze, und dann werden die Arbeitslosen die AfD wählen … Aber neue Arbeitsplätze im Inland entstehen schon lange nicht mehr in den Großkonzernen.

Steile These.

Laut einer Studie der Stiftung Familienunternehmen haben die 26 größten Familienfirmen von 2011 bis 2020 gut 267.000 neue Stellen geschaffen, die 26 Dax-Konzerne 48.000, deutlich gewachsen ist die Zahl der Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor, seit 2010 von 30 auf 34 Millionen.

Haben Sie eine Erklärung, warum sich die Politik dennoch so stark auf die Großunternehmen konzentriert?

In der Organisationstheorie nennt man das Isomorphismus – Konzerne sind ähnlich strukturiert wie Ministerien, man kennt und schätzt sich. Das ist mir als Mitglied diverser Beraterkreise der Bundesregierung immer wieder aufgefallen: Beide Organisationen haben eine ähnliche Hierarchie, folgen einer ähnlichen Logik, sprechen eine Sprache – und wenn da ein hemdsärmeliger Macher aus dem Mittelstand dazwischen gerät, stört er das System.

Zurück zur Zukunft des Exportweltmeisters …

…, die seit 2009 Vergangenheit ist. Zwar ist Deutschland absolut gesehen nach wie vor das Land mit dem dritthöchsten Exportwert weltweit – aber beim Warenexport pro Kopf lagen wir 2021 auf Platz 16 von 191 Gebieten mit mehr als 100.000 Einwohnern.

Die Märkte in den USA und China werden regionaler und auch nicht mehr wie bisher wachsen. Nun ruhen alle Hoffnungen auf dem indopazifischen Raum und den BRICS-Staaten – die sich allerdings vor allem an China orientieren. Und ja, es gibt auch Nachfrage aus dieser Gruppe: Indien hat gerade die historisch größte Zahl an Flugzeugen von Airbus und Boeing bestellt. Ob das allerdings zukunftsträchtig ist in Zeiten, in denen planetare Belastungsgrenzen immer deutlicher werden?

Was wäre die Alternative?

Es wird Zeit, auf die wahren Probleme zu schauen und uns nicht mit Illusionen aufzuhalten. Damals, am Ende der Schröderschen Amtszeit, diskutierten wir ernsthaft über einen Ansatz, der auf den Ideen eines dritten Weges des Sozialwissenschaftlers Anthony Giddens beruhte: also über eine neue Politik jenseits des marktoptimistischen Neoliberalismus und jenseits des staatsoptimistischen Neodirigismus.

Das hätte der Startschuss für einen aktivierenden und unternehmerischen Staat werden können, wie ihn die italienische Ökonomin Mariana Mazzucato skizziert – eine Wirtschaft, in der Arbeitsplätze durch das Lösen von wirklichen Problemen geschaffen werden und nicht nur durch den Verkauf von mehr oder weniger sinnvollen Produkten.

Aber mit Angela Merkel, die ich später über vier Jahre im Bundeskanzleramt beraten durfte, begann dann etwas, was ich bis heute beeindruckend finde: eine Gegenwarts-Besoffenheit, bei der man nicht voranging, sondern immer nur reagierte. Das erklärte Ziel war: Wir müssen schauen, dass wir das so wieder hinkriegen, wie es vorher war.

Damit war die Regierung nicht allein, das sahen auch die Gewerkschaften so, große Teile der Industrie und vermutlich die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger.

Genau. Und das hat vermutlich damit zu tun, dass wir schon seit den Sechzigerjahren unter etwas leiden, was ich Zukunfts-Imaginations-Ignoranz nenne – vor lauter Gegenwarts-Besoffenheit in relativem Wohlstand und mit relativem Wachstum ist uns die Fähigkeit abhandengekommen, uns eine bessere Zukunft vorzustellen. Eine Zukunft, die lebenswert ist im doppelten Sinne: für uns angenehm und für den Planeten aushaltbar.

Was wäre dafür nötig?

Zunächst einmal eine ehrliche Problemanalyse, zu der auch gehört, dass keine der Krisen der jüngeren Vergangenheit unerwartet kam – sie waren alle erwartbar. Und dann die beherzte Bereitschaft, für ein weitsichtiges Zukunftsnarrativ über Legislaturperioden hinauszudenken. Das nennen wir in der Forschung Grand Strategy, also eine, die geopolitische, geoökonomische und geosoziale sowie zivilgesellschaftliche und planetare Aspekte in eine Gesamtstrategie aufnimmt. Das haben wir aus verständlichen Gründen seit 1945 nicht mehr geübt. Es wäre aber nun an der Zeit.

Gibt es in der Welt Vorbilder, an denen wir uns orientieren können?

Ich kenne zumindest kein Modell, dass sich auf Deutschland übertragen ließe. Es gibt europäische Nachbarn wie Dänemark, Estland oder Finnland, die eine starke und umsetzungsorientiertere Idee von Zukunft haben, ob bei Digitalisierung, Gesundheit, Bildung oder Mobilität.

Und selbstverständlich macht China mit seinen Fünf-Jahres-Plänen vor, wie Vorsorge- und Nachsorgeorientierung geht. Aber dort zeigt sich auch, dass das langjährige Erfolgsmodell bald ausgedient haben könnte: Die Probleme der Immobilienbranche sind massiv, die Jugendarbeitslosigkeit ist rekordverdächtig hoch und ohne Generationenvertrag explosiv – China wird schneller alt als reich.

Das Land hat aber keine funktionierende Altersversorgung, der Gesundheitssektor ist extrem fragil, die Versorgung auf dem Land eine stetige Herausforderung. Zweifellos entwickelt man dort eindrucksvolle Innovationen, vor allem mithilfe der KI und eines enormen Datenschatzes, aber das sind eher Lösungen für China als für die Welt.

Ein weiß-rot gestreifter Poller steht auf einem grauen Pflastersteinboden. Er scheint den Zugang zu einem Bereich zu versperren. Ein silberner Metallpfosten befindet sich direkt neben dem Poller.
Das Bild zeigt eine Wand, die in zwei Bereiche unterteilt ist. Links sind schwarze und weiße vertikale Streifen, rechts eine grüne Wand mit organischen, wellenförmigen Formen in verschiedenen Grüntönen. Eine Metallstange lehnt an der Wand und deutet auf Renovierungsarbeiten hin.

Aber China mischt in der Welt sehr wohl mit.

Selbstverständlich, und ein Projekt wie die Neue Seidenstraße und die strategische Beteiligung an wichtigen Logistikhubs wie Häfen und Flughäfen sind auch nicht reversibel. Außerdem ist der Einfluss als wichtigstes Exportland seltener Erden immens, ebenso als Kreditgeber in dreistelliger Milliardenhöhe in Afrika. China hat zudem 2014 gemeinsam mit den anderen BRICS-Staaten in Konkurrenz zur Weltbank die New Development Bank gegründet. Das alle folgt einem strategischen Plan, den eigenen Einfluss auf der Welt auszweiten. Doch noch ist offen, ob der Plan gelingt.

Und wo stehen die USA in der neuen Weltordnung?

Ich halte das Beraterteam um Joe Biden für das aufgeweckteste, das zurzeit westliche Politik macht. Der Inflation Reduction Act * – der nichts mit Inflation zu tun hat – und mit dem unter anderem grüne Techniken gefördert werden ist das ausbalancierteste Wirtschaftsstrukturprogramm, das ich derzeit erkennen kann.

Aber die USA haben eben auch dieses gerontokratische Zwei-Parteien-System, das jeden Fortschritt schnell zunichte machen kann. Sicher ist bislang nur, dass Amerika die Rolle des Weltpolizisten auch aus ökonomischen Gründen zunehmend ablegt und China sie nicht übernimmt.

* Inflation Reduction Act: eine Steuer-, Sozial-, Energie- und Gesundheitspolitik – mit America-First Appeal. Die Ausgaben und Steuererleichterungen betragen 499 Milliarden Dollar: 391 Milliarden Dollar für Energiesicherheit und Klimaschutz sowie 108 Milliarden Dollar für Gesundheitsversorgung.

Das heißt?

Wir müssen europäische Lösungen finden – für die Verteidigung und für die Ökonomie. Das passiert schon, aber noch zu verhalten. Wer kennt die europäische Antwort auf die Seidenstraße oder auf die US-amerikanische Plattformökonomie? Zu Recht kaum jemand – beides sind eher marginale Projekte. Wir haben in Europa zwei Prozent Marktanteil an der weltweiten Plattformökonomie – gerade halbiert von zuletzt vier Prozent. Deindustrialisierung ohne gleichzeitige Digitalisierung ist problematisch.

Was bleibt dann hier nach der Deindustrialisierung?

In jedem Fall Dienstleistungen, die schon jetzt für 70 Prozent der Bruttowertschöpfung sorgen. Und wenn wir unsere Industrievergangenheit mit digitaler Dienstleistung zusammentun, ergeben sich neue und attraktive Perspektiven.

Zum Beispiel?

Nehmen wir Siemens Energy – es ist ja eine nahezu narzisstische Kränkung, dass diese Tochter des stolzen Konzerns nun auf Staatshilfe angewiesen ist. Und selbstverständlich weiß Siemens ganz genau, wie man Windkraftanlagen baut. Aber es gab eben Qualitätsprobleme bei Rotorblättern, Getriebelager, Lieferkettenprobleme und noch einige andere Gründe, wieso zu wenige Anlagen konstruiert und installiliert wurden.

Allerdings sind Deutschland und Europa sowieso keine wirklich relevanten Märkte mehr. In Brasilien, Indien, den USA wird die Siemens-Windkraftanlagentechnik geschätzt und gebraucht – und dafür muss das Unternehmen die Anlagen weder hier noch anderswo produzieren: Es muss nur sein Know-how weitergeben. Von der Industrieproduktions- zur Industrieberatungskompetenz.

Das ist ja auch bereits Praxis, zumindest wird Industrieproduktion immer häufiger von anschließender Beratung begleitet.

Das mit den Produkten mitlaufende Service-Engineering war die Idee der Nullerjahre, ist aber nur ein Aspekt. Künftig sollte es nicht mehr darum gehen, alte Produktionen zu erhalten und möglichst auszulasten, sondern wirkliche Innovationen und zukunftsträchtige Ideen zu entwickeln – die gern auch von anderen umgesetzt werden können. Big Techs wie Apple oder Amazon waren nie versucht, eine eigene Produktion aufzubauen, und sind dennoch beziehungsweise gerade deswegen unter den wertvollsten Konzernen der Welt. Tesla wird womöglich nicht auf Dauer weiter Autos bauen, das war vielleicht nur mal so eine Idee von Elon Musk.

Ideen verkaufen war ein alter Traum der New Economy und ein Albtraum für die Old Economy: „Sollen wir jetzt nur noch beraten statt produzieren?“ wird sich mancher Unternehmer fragen.

Erstens sind die Margen in der Beratung deutlich höher als in der Produktion. Und zweitens kann man beim Thema Beratung auch durchaus größer denken. Europa war historisch zum Beispiel immer Vorbild für soziale Innovationen, also neue Lösungen, die gesellschaftliche Interessen mit denen des Marktes und der Politik ausbalancieren – solche Konzepte könnten Exportartikel werden. Das sind dann nicht mehr Autos, Maschinen, Medizin-, Bau- oder Umwelttechnik, sondern Systemdesigns für lebenswerte Städte, eine kluge Mobilität und Gesundheitsversorgung.

Dafür bräuchte es schon eine Menge Zukunfts-Imaginationsfähigkeit.

Das ist gar nicht so weit weg, wie es klingt. Ein Beispiel: Der kanadische Premierminister Justin Trudeau wollte zusammen mit der Alphabet-Tochter Sidewalk Labs bei Toronto eine moderne Stadt-Utopie konstruieren mit allem, was Technik kann. Das wurde dann 2020 leise eingestellt: Es gebe Widerstand aus der Bevölkerung.

Und?

Jetzt sollen die Dänen das Projekt retten. Weil sie Technikverständnis mit Hygge und Lastenrad verbinden und in Kopenhagen gezeigt haben, dass sie digitale Stadt können.

Wir müssen begreifen, dass Europa auch ein Sehnsuchtsort ist, man kann hier in oft noch immer oder wieder lebenswerten Städten alt werden. Vieles auf der Welt – etwa Bildung und Medien – hat eine europäische Grundierung. Und von allem, was es an Technik gibt, kann man sich in Deutschland die Ursprünge im Museum anschauen: Diese museale Qualität sollte ein Weckruf für das Neue sein.

Europa als Altenheim und Industriemuseum? Eine tolle Perspektive!

Nennen wir es besser Entwicklungslabor. Finnland hat zum Beispiel mit Helsinki eine Gesundheitsstadt geschaffen, die dank Technik und dem skandinavischen Prinzip von sozialer Gerechtigkeit und Transparenz wirklich lebenswert ist. Das sind Modelle auch für die Welt. Und der europäische Datenschutz und der Artificial Intelligence Act der EU-Kommission sind etwas, was sich die großen US-Plattformen genauer ansehen, weil sie ahnen: Beides könnte auch in die USA kommen.

Da scheint die Industrie-Beratung etwas realistischer zu sein.

Für uns. Aber wenn man international unterwegs ist, kommt einem das nicht mehr so utopisch vor. Viele haben einen zweiten Wohnsitz in London, Wien oder Berlin, auch als sicheren Hafen, wenn man mal flüchten muss. Und Paris oder Mallorca – das sind schillernde Marken wie Mercedes-Benz oder BMW in Deutschland, die ebensolche Begehrlichkeit wecken. Ich denke, das ist eine der Aufgaben: Europa muss die Vorstellung eines nächsten Wohlstands erfinden – und wir können das, weil wir damit Erfahrung haben.

Weil Europa mit seiner Luxusindustrie den Wohlstand der Vergangenheit definiert hat?

Vielleicht eher, weil es in Prag, Wien, Paris und vielen anderen Metropolen Europas Vorbilder für ein freudvolles Leben gibt. Zudem ist auf diesem Kontinent in den vergangenen Jahrhunderten eine vielfältige Kultur entstanden, die es weltweit so nicht gibt (siehe auch Seite 76: „Wie wird Deutschland ein migrationsfreundliches Land?“).

Das klingt ein bisschen nach: Wir machen in Kultur – aber die Musik spielt anderswo. Ganz abgesehen davon, dass Europa mit seinen Exportgütern Demokratie, soziale Marktwirtschaft und Globalisierung nicht so richtig erfolgreich war, wie sich zunehmend zeigt.

Wohl wahr, im Ranking der zukünftig erfolgreichsten Ökonomien der Welt des »U. S. News & World Reports« aus dem September 2023 stehen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar auf den vorderen Plätzen, die mit Demokratie und sozialer Marktwirtschaft wenig am Hut haben. Genau deswegen sollte Europa Vorstellungen eines neuen Wohlstands erfüllen und nicht einem alten nachtrauern.

Es ist dennoch arg weit weg von dem, was Deutschlands Wirtschaft kann und will.

Nüchtern betrachtet sind die Deutschen Weltmeister im Skalieren, also darin, Werke auszulasten. Das gilt auch für die mittelständischen Weltmarktführer, die Produkte in hoher und gleichmäßiger Qualität hinbekommen – aber noch keine digitalen Plattformen oder Geschäftsmodelle. Doch mit der Digitalisierung ist die alte Skalierungslogik an ihr Ende gekommen. Und wenn Märkte verschwinden, hat es auch keinen Sinn mehr, Werke auszulasten. So gesehen ist das Bild vom Altersheim und Industriemuseum hilfreich: So könnte es 2040 aussehen, wenn nichts passiert und die Politik keine oder die falschen Impulse setzt.

Da sich die Politik gerade mit sich selbst verkämpft – woher könnten noch Impulse kommen?

Von den kleinen und mittleren Unternehmen, die die Politik gern übersieht. Dort passiert gerade viel, was ich für zukunftsträchtig halte: Nachfolger nutzen die bestehenden Fertigungsinfrastrukturen für ganz neue Ideen und Vorhaben. Und zwar nicht wie Start-ups mit immer neuen Finanzierungsrunden – sie bauen das organisch auf und ziehen es in einer Geschwindigkeit durch, wie es weder Start-ups noch Konzerne können.

Was wären weitere Maßnahmen?

Wir brauchen innovativere Innovationsförderung – jenseits der reinen Technologieförderung: neue Geschäftsmodelle mit dem Fokus auf Sprunginnovationen, wie sie beispielsweise von der Agentur für Sprunginnovation und der Deutschen Agentur für Transfer und Innovation kommen.

Wir brauchen menschen- und klimaschützende Techniken für das 21. Jahrhunderts, also Green Tech, Urban Tech, Health Tech. Und: Wir brauchen deutlich stärkere Bildungs- und Forschungssysteme, die diesen Ansprüchen wirklich gerecht werden.

Fassen wir zusammen: Was könnte das nächste Erfolgsmodell sein?

Wir sollten mit Stolz auf dem aufbauen, was wir können und daraus neue Konzepte entwickeln.

Wir haben extrem viele Autos gebaut – nun sollten wir klimaneutrale Mobilitätssysteme entwickeln.

Wir können Windkrafträder bauen – nun helfen wir anderen dabei.

Wir können Chemie, Pharma, Medizin und Medizintechnik – und beraten nun bei der Entwicklung KI-basierter, datenschutzkonformer Vorsorgesysteme für Gesundheit und sichern ein generationsgerechtes Gesundheitssystem, das auch im ländlichen Raum funktioniert. All das wird weltweit gesucht und dringlichst gebraucht.

Was zunächst romantisch klingen mag, ist für den klimaneutralen Wohlstand ökonomisch und sozial die härteste Weichenstellung, die der Umbau in Deutschland jetzt braucht.

Und die gute Nachricht ist: Wenn Staat, Markt und Zivilgesellschaft an diesen Lösungen arbeiten – und dafür gute, weil investive Schulden machen –, dann ist für alle genug zu tun. ---

Dividendenausschüttung der Dax-Konzerne für die Geschäftsjahre 2021 und 2022 an in- und ausländische Investoren, in Millionen Euro **

Grafik: Zwei nebeneinanderliegende Säulen zeigen die Verteilung von Bestellungen im Jahr 2021 und 2022. Die Säulen sind in drei Farben unterteilt: Gelb für Bestellungen aus dem Ausland (2021: 25.145, 2022: 26.341), Pink für Bestellungen aus dem Inland (2021: 17.843, 2022: 19.693) und Blau für nicht zuordenbare Bestellungen (2021: 5.139, 2022: 5.587). Die Gesamtzahl der Bestellungen für 2021 beträgt 48.126, für 2022 51.621.

Durchschnittlicher Anteil in- und ausländischer Investorenam Aktienbestand der Dax-Unternehmen, in Prozent (im Jahr 2022; ohne Porsche AG)

Kreisdiagramm zur Herkunft der Studierenden. Der größte Teil (52,1%) kommt aus dem Ausland, gefolgt von 31,5% aus dem Inland. 16,5% sind nicht zugeordnet.

Anteil der BRICS- und G7-Staaten am weltweiten Bruttoinlandsprodukt von 2000 bis 2023 ***, in Prozent

Zeichnung eines Liniendiagramms, das den wirtschaftlichen Aufstieg der BRICS-Staaten und der G7-Staaten von 2000 bis 2023 vergleicht. Die Linie für die G7-Staaten beginnt bei etwa 43 und fällt bis 2023 auf etwa 30 ab. Die Linie für die BRICS-Staaten beginnt bei etwa 18 und steigt bis 2023 auf etwa 30 an. Die Linien kreuzen sich etwa im Jahr 2019, was auf eine ähnliche wirtschaftliche Stärke hindeutet. Unterhalb des Diagramms befindet sich ein Hinweis auf Prognosen und die Quellen Statista und IWF.

Quelle für die Grafiken: EY – Wem gehört der Dax? (2023)

Die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) erzielen im Jahr 2023 rund 32 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und repräsentieren 41 Prozent der Weltbevölkerung.

Nach dem Beitritt sechs weiterer Staaten (Iran, Saudi- Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Ägypten, Äthiopien und Argentinien) zum 1. Januar 2024 wird die Wirtschaftsleistung bei rund 37 Prozent liegen und der Anteil an der Weltbevölkerung auf 46 Prozent steigen.

In den G7-Staaten (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, USA und Kanada) leben im Jahr 2023 knapp neun Prozent der Weltbevölkerung. Sie kommen zusammen auf 30 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Stephan A. Jansen, 52, ist Professor für Management, Innovation und Finanzierung an der Karlshochschule, Karlsruhe, Stiftungsgastprofessor für Urbane Innovation an der Universität der Künste Berlin und assoziierter Forscher am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Er war ab dem Jahr 2000 in der wissenschaftlichen Politikberatung unter anderem für das Bundeskanzleramt sowie für die Forschungsunion der Bundesregierung tätig. Von 2003 bis 2014 war er Gründungspräsident der Zeppelin Universität Friedrichshafen/Bodensee. Zudem ist er seit vielen Jahren Kolumnist bei brand eins.