… inoffiziellen KI-Nutzern?
In der digitalen Welt gibt es ständig Neues. Was sind Hypes, die man getrost ignorieren kann? Und was bringt einen wirklich voran? Unser Kolumnist Gregor Schmalzried, Journalist und Berater, über Beschäftigte, die zu Hause verbotene Programme nutzen – und die Folgen.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 01/2024.
• Vor einigen Wochen erzählte mir eine Juristin von ihrem jüngsten KI-Experiment: Sie hatte ein langes Dokument mit GPT-4, der Premium-Variante von ChatGPT, schreiben lassen. Der Text enthielt drei eklatante Fehler. Nach dem Korrigieren dieser Fehler war er fertig. Die Arbeit hatte 20 Minuten gedauert, ohne KI wären es um die fünf Stunden gewesen. In solchen Momenten spürt man die Zukunft.
Für viele Menschen gehört generative KI schon zum Arbeitsalltag. Mit ihr erste Entwürfe machen, um sie dann zu überarbeiten, setzt sich zunehmend durch – ob bei Juristinnen, Personalern oder Softwareentwicklerinnen. Manche wachsen dank der Technik über sich hinaus: Der Videospiel-Entwickler Jussi Kemppainen kreiert gerade allein ein komplettes neues Spiel.
Doch in vielen Firmen käme Kemppainen mit seiner Arbeitsweise nicht weit. Bei einer Umfrage im August 2023 gaben 75 Prozent der befragten Unternehmer in Nordamerika, Europa, Japan und Australien an, über ein Verbot generativer KI am Arbeitsplatz nachzudenken. Aus Datenschutz- und anderen Sicherheitsbedenken.
Das zeigt, wie sehr sich die Rollen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern vielerorts geändert haben. Früher versprachen Firmen: Wir statten dich mit den allerbesten Programmen aus – vor allem mit denen, die du zu Hause nicht hast. Angestellte hatten dadurch einen Vorteil gegenüber Selbstständigen.
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Jetzt ist es anders:
Wer an seinem eigenen Rechner arbeitet, hat Zugriff auf immer besser werdende KI-Tools. Sobald er aber an den Firmen-Laptop wechselt, muss er auf sie verzichten. Es ist wieder wie in der Schule, wo man vor der Prüfung den Taschenrechner abgeben musste.
Daran halten sich selbstverständlich nie alle. Ethan Mollick, Business-Professor an der Wharton School der University of Pennsylvania, nennt Beruftstätige, die neue Programme heimlich nutzen, Secret Cyborgs.
In einer Bitkom-Umfrage unter deutschen ChatGPT-Nutzern gaben fast 50 Prozent an, das Tool beruflich zu nutzen – 33 Prozent mit Wissen des Arbeitgebers, 17 Prozent ohne. Das bedeutet: Jeder Dritte, der sich im Job von künstlicher Intelligenz unterstützen lässt, ist ein Secret Cyborg.
Diese Menschen sind kein neues Phänomen: 1979 waren viele Angestellte in der Buchhaltung und anderen rechenintensiven Jobs plötzlich erstaunlich schnell mit ihrer Arbeit fertig – mit perfekten Resultaten. Sie hatten heimlich ein neues Programm namens Visicalc verwendet, heute bekannt als Vorläufer von Excel.
In einem Interview mit der Internetseite Quartz schilderte Dan Bricklin, der Entwickler des Programms, was die ersten Anwender ihm damals erzählt hatten: „Ich mache diese ganze Arbeit, meine Kollegen denken, ich sei ein Genie. In Wahrheit hat es aber nur eine Stunde gedauert, und den Rest des Tages habe ich mir einfach freigenommen.“
Mittlerweile gehören digitale Spreadsheets, Tabellenkalkulationen, zum Berufsalltag aller, die mit Zahlen arbeiten. Das heißt aber nicht, dass Unternehmen generell auf dem neuesten Stand sind, was Software und Programme angeht. Im Gegenteil. Manchmal müssen Beschäftigte sogar auf Audio-Transkriptionen oder gut funktionierende Videocalls verzichten, weil diese nicht zur Firmen-IT passen. Junge Leute, die mit der Tiktok-App Filme schneiden könnten, werden in Medienhäusern in für sie völlig veraltete Programme eingearbeitet.
KI hilft nicht bei allem. Und auch Bedenken um Datenschutz und Urheberrecht sind berechtigt – spätestens seit einige Samsung-Mitarbeiter dabei erwischt wurden, wie sie unverschlüsselte Unternehmensdaten in ChatGPT eingaben. Aber eine so mächtige Technik wie diese lässt sich nicht einfach verbieten. Und sobald wieder jemand feststellt, nebenbei auf dem eigenen Laptop schneller arbeiten zu können als auf dem offiziellen Rechner, ist ein neuer Secret Cyborg geboren.
HIER trifft Wirtschaft Wissenschaft.
Zukunftsorte Sachsen Anhalt vereinen Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung an 13 innovativen Standorten – Orte voller Potenzial, Ideen und Investitionsbereitschaft. Heute schon an morgen denken – hereinspaziert in die Zukunft, hier entstehen weltweit genutzte Produkte, international gefragte Innovationen, und hier arbeiten, leben und lieben Menschen, die „nicht wieder weg möchten.“
Bis KI überall angekommen ist, wo sie nützlich sein könnte, wird es noch Jahre dauern. Secret Cyborgs gehören zu den Ersten, die ihr Potenzial erkennen. Sie vereinfachen ihre Arbeit und erarbeiten Prompts für sich wiederholende Aufgaben. Sie nutzen KI zur Recherche, für Pläne, Listen, als Ideengeber und Sparringspartner.
Deshalb sind Secret Cyborgs besonders wertvoll. KI-Innovationen, made Inhouse, sind genau das, was viele Organisationen gerade suchen. Daher muss es das Ziel sein, diese Innovatoren aus ihren Verstecken zu locken, um von ihrem Wissen zu profitieren. Vielen Belegschaften würde das guttun: Aus einer Linkedin-Studie ging kürzlich hervor, dass 51 Prozent der Beschäftigten nicht wissen, wie sie KI bei ihrer Arbeit einsetzen sollen.
Wer derartige Tools verbietet, treibt die Secret Cyborgs weiter in den Untergrund. Sie arbeiten effizienter, behalten ihr Vorgehen aber einfach für sich. Und geben im schlimmsten Fall sensible Daten an Chatbots weiter.
Es gibt schon jetzt eine Wissenslücke zwischen Secret Cyborgs und den übrigen Beschäftigen. Und je besser die KI-Programme werden, desto größer wird auch diese Lücke. Man hat bereits den Eindruck, dass Mitarbeiter derselben Firma mitunter in unterschiedlichen Welten leben – die einen in der Zukunft, die anderen in der Vergangenheit.
Die Koexistenz des Alten und des Neuen ist allgegenwärtig. In San Francisco wird einerseits an einer neuen Zukunft mit KI gearbeitet – unter anderem an selbstfahrenden Autos –, und gleichzeitig regeln Polizisten während der Rushhour den Verkehr. Modernste Techniken treffen auf jahrhundertealte Arbeitsweisen.
Es soll gar nicht alles hyperschnell gehen – das alte Silicon-Valley-Motto „Move fast and break things“ ist in den vergangenen zehn Jahren zu Recht in Verruf geraten. Aber „Don’t move at all“ ist auch keine Lösung. Die Cyborgs in ihren Verstecken und der Rest der Belegschaft sollten gemeinsam das richtige Tempo finden. --
Über Digitalisierung hat Gregor Schmalzried bereits in der brand eins Online-Kolumne Schmalzrieds Zukünfte geschrieben.
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