Was wäre, wenn … man mit Tieren sprechen könnte?
Ein Szenario.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 05/2024.
• Im inzwischen mehr als 100 Jahre alten Kinderbuch „Dr. Doolittle und seine Tiere“ kann ein Landarzt mit Tieren sprechen. In der Realität ist das nach wie vor unmöglich – auch wenn manche Hundebesitzerinnen und -besitzer dies bestreiten mögen. Doch was wäre, wenn wir uns tatsächlich mit Tieren unterhalten könnten?
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Bislang versuchten wir Menschen vor allem, ihnen unser Verständnis von Sprache nahezubringen. Zum Beispiel, indem wir Affen rudimentäre Zeichensprache beibrachten. Oder Soundboards für Hunde entwickeln, durch die sie per Pfotendruck auf ein Symbol Worte wie Spielen oder Wasser äußern können. „Einige Tiere können nach gewissem Training Kommandos verstehen, die aus zwei oder drei Begriffen bestehen oder selbst Begriffe kombinieren“, sagt der Sprachphilosoph Richard Moore von der britischen University of Warwick. „Aber das erreicht nie einen wirklichen Satzbau.“ Zudem sei bei den meisten Arten zu bezweifeln, dass sie die Bedeutung der Begriffe verstehen.
Ein anderer Ansatz könnte vielversprechender sein: mithilfe von KI zu versuchen, die Sprache bestimmter Arten zu verstehen und zu entschlüsseln. „Das Aufkommen leistungsfähiger KI-Algorithmen und insbesondere großer Sprachmodelle“ stärke die Hoffnung auf eine Kommunikation zwischen Mensch und Tier, heißt es in einem Aufsatz im Fachmagazin »Current Biology«. Auch die inzwischen verstorbene kanadische Professorin Karen Bakker vertrat in ihrem 2022 erschienen Buch „The Sounds of Life“ die Ansicht, dass sich mit digitaler Technik die Sprache von Tieren entschlüsseln lasse. In einem Interview sagte sie: „Ich glaube, wir stehen an der Schwelle zur Kommunikation zwischen den Spezies.“
Die Idee: Sehr kleine Digitalrecorder nehmen die akustischen Signale von Fledermäusen, Delphinen oder Vogelarten auf – auch wenn diese außerhalb des menschlichen Hörspektrums liegen. Soweit möglich, wird gleichzeitig das Verhalten der Tiere per Video aufgezeichnet. Algorithmen versuchen dann, Zusammenhänge zwischen Klängen und Aktivitäten herzustellen, um etwa herauszufinden, welche Geräusche Fledermäuse machen, wenn sie sich um Nahrung streiten. Oder welche Laute Wale von sich geben, bevor sie in die Tiefe abtauchen. Das Projekt CETI hat 33 Millionen Dollar eingesammelt, um die Klicklaute von Pottwalen zu entschlüsseln. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass deren Sprache eine deutlich komplexere Syntax aufweist als die vieler anderer Arten.
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Der Weg zu einer Übersetzungs-App „Mensch – Fledermaus“ oder „Mensch – Pottwal“ dürfte trotzdem noch weit sein. Doch wenn ein solcher Austausch eines Tages möglich sein sollte: Was würden wir den Tieren überhaupt mitteilen? „Ich würde sie in erster Linie Dinge fragen“, sagt Richard Moore. „Und somit versuchen, die Welt aus ihrer Perspektive zu sehen.“ Dies könnte auch genutzt werden, um die Lebensbedingungen von Nutztieren zu verbessern. „Ich könnte mir vorstellen, dass die Milchwirtschaft nicht mehr dieselbe wäre, wenn Kühe und Milchbauern miteinander sprechen könnten.“
Ein besseres Verständnis von Tieren hat bereits zu Veränderungen geführt: In der Schweiz ist es etwa seit 2008 verboten, Tiere allein zu halten, die Gesellschaft brauchen. Dazu zählen Meerschweinchen, Pferde oder Wellensittiche.
Eine Unterhaltung mit Tieren könnte auch die Bindung zwischen Haustieren und Menschen stärken, sagt Moore: „Wenn wir unsere Katzen oder Hunde fragen könnten, was sie mögen und was nicht und dies beherzigten, würde sich das Verhältnis höchstwahrscheinlich verbessern.“
Manche Fachleute sind allerdings skeptisch, ob ein verbaler Austausch zwischen Menschen und Tieren erstrebenswert ist. Die einen fürchten Missverständnisse oder dass es Tiere verstören könnte, wenn plötzlich jemand, der kein Pottwal ist, ihre Klicksprache spricht. „Was tun wir, wenn die Wale sagen: Geht weg, lasst uns mit euren Schiffen in Ruhe?“, fragt Kristin Andrews, Philosophin an der kanadischen York University, in einem Magazinartikel.
Auch Richard Moore räumt ein, dass es Gefahren gäbe. Wilderer zum Beispiel könnten Tiere noch effektiver jagen, wenn sie deren Sprache verstünden. „Aber in der Summe gehe ich davon aus, dass sich durch Kommunikation – selbst wenn sie nur rudimentär wäre – ein besseres Zusammenleben zwischen Mensch und Tier ergäbe.“ --
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