Payhawk
Heimvorteil
Payhawk ist das erste mit mehr als einer Milliarde bewertete Start-up aus Bulgarien. Das Fintech zeigt: Das Land wird unterschätzt.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 09/2024.
Hristo Borisov will mit seiner Firma beweisen, was in seiner Heimat möglich ist
• Als er seiner vierjährigen Tochter zwei englische Sätze beibrachte, frühmorgens und noch halb im Schlaf, ahnte Hristo Borisov nicht, dass diese Sätze seiner ganzen Heimat Hoffnung machen würden. Vater und Tochter übten ein paar Minuten, als er richtig wach war, filmte er sie mit der Handykamera. „Hello everyone, I want to share some big news“, sagt sie schließlich. „Payhawk is a unicorn!“
Das war im März 2022 und ist in der Geschichte Bulgariens immer noch einmalig: Ein Start-up wird zum Einhorn, zu einem Unternehmen, das Investoren mit mehr als einer Milliarde Dollar bewerten.
„Ich hatte eine lange Nacht, nach all den Verhandlungen mit Geldgebern bin ich erst um zwei Uhr ins Bett gekommen“, erinnert sich Borisov, der Chef und Mitgründer von Payhawk. Als er am folgenden Morgen aufwachte und sah, wie seine Tochter vor dem Fernseher amerikanische Zeichentrickfilme schaute, entschied er sich spontan, sie als Übermittlerin der frohen Kunde einzusetzen, dass die Finanzierungsrunde über alle Maßen erfolgreich gewesen war.
Die Geschichte von Payhawk ist eine doppelte Erfolgsgeschichte: für das Team und für das Land. Bulgarien findet sich, wenn man auf europäische Wirtschaftsstatistiken schaut, ganz hinten: Kein anderes EU-Land hat ein niedrigeres Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (62 Prozent des EU-Durchschnitts), nirgendwo sonst ist das verfügbare Durchschnittseinkommen pro Einwohner so gering (2023 lag es bei 6.523 Euro, der EU-Durchschnitt bei 20.350 Euro), nur in Bulgarien antworten die Bürger so negativ auf die Frage nach ihrer allgemeinen Lebenszufriedenheit.
„Die bittere Realität ist“, erklärt Borisov, „dass der Ruf Bulgariens in der Welt nicht gerade großartig ist.“
Er steht auf einer Dachterrasse in der Hauptstadt Sofia, vom sechsten Stock aus liegt ihm die Metropole zu Füßen, am Horizont zeichnet sich im Dunst das schneebedeckte Witoscha-Gebirge ab. Zwei Etagen in diesem modernen Bürogebäude hat er für sein Team gemietet, allein 100 Programmierer arbeiten für Payhawk.
Seine Software soll kleinen und großen Firmen die Buchhaltung erleichtern. Von Bulgarien aus hat Payhawk inzwischen kräftig expandiert, es gibt acht Niederlassungen, von Berlin über London nach New York. Aber hier, in dem vollverglasten Büro in Sofia, befindet sich nach wie vor der Stammsitz.
Payhawk: Dieser Name fiel Hristo Borisov und seinen beiden Mitgründern gleich am Anfang ein. „Uns schwebte ein Raubvogel vor, der mit seinen scharfen Augen über dem Zahlungsverkehr thront und dem nichts entgeht.“ Die drei Gründer waren Führungskräfte bei einem bulgarischen Softwareanbieter, bevor sie sich selbstständig machten. „Ich war oft auf Dienstreisen, und jedes Mal, wenn ich wieder zurückkam, musste ich mich einen Tag lang mit einem Buchhalter hinsetzen, um die ganzen Belege zu sortieren“, berichtet Borisov. „Das passte einfach nicht zusammen: Wir verkaufen Spitzentechnik, sind ein supermodernes Unternehmen – und die Finanzabteilung bastelt immer noch an Excel-Tabellen rum?“
Er, der studierte Ingenieur, wollte das Quittungswesen digitalisieren. Und ahnte nicht, wie dick die Bretter sind, die er dafür würde bohren müssen. Denn kaum etwas ist so kompliziert wie die Buchhaltung mit all ihren gesetzlichen Anforderungen.
Hristo Borisov ist Teil des modernen Bulgariens: Aufgewachsen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, war er während seines Studiums für einen Erasmus-Aufenthalt in Großbritannien. Seine Karriere begann er in Sofia bei einem Start-up, das hat ihn geprägt: Wenn er durch die riesigen Großraumbüros geht, in denen die Programmierer sitzen, der Kundendienst und die Finanzabteilung, dann schaut kaum jemand auf – denn er sieht aus wie alle hier. Jung und lässig gekleidet. Er spricht mit leiser Stimme, um nicht zu stören, wirkt eher wie ein Kumpel als der Chef eines milliardenschweren Unternehmens.
Anfangs war Payhawk in einem Co-Working-Space in Sofia untergebracht, aber da wurde es schnell zu eng. Inzwischen hat Borisov ein riesiges Chefbüro mit mächtigem Schreibtisch und einer gläsernen Einhorn-Statue, doch das nutzt er nur zu repräsentativen Zwecken, um wichtige Besucher zu empfangen.
Normalerweise arbeitet er mit seinem engsten Team im Vorzimmer: zehn Schreibtische nebeneinander, um dort mit je einem Laptop zu arbeiten. „Wir sind doch die New Economy!“, ruft er.
Nie wieder Quittungen auf Zettel kleben: Hristo Borisov in seinem Büro in Sofia
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