„War ich artig?“
Sabine Maya Wünsche, 42, arbeitet als Businesscoach selbstständig in Berlin – und gehört zu den mehr als 8,5 Millionen Menschen in Deutschland, die an Diabetes leiden. Die Diagnose erhielt sie mit zehn. Seitdem ist die Messung ihres Blutzuckerwerts ein wichtiger Teil ihres Alltags. Hier erzählt sie, wie es ihr damit geht.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 09/2024.
• „Als Mensch mit Diabetes lebt man in ständiger Angst vor den Spätfolgen: Erblinden, kaputte Nieren, kaputte Schilddrüse, taube Füße – das und Weiteres droht, wenn man mit zu häufig schwankenden Blutzuckerwerten seine Blutgefäße ruiniert. Bislang habe ich keine einzige dieser Folgen, und damit das so bleibt, messe ich.
Ich messe meinen Blutzuckerwert und das, was ihn am meisten beeinflusst: die Kohlenhydrate, die ich zu mir nehme, und das Insulin, das ich mir spritze, damit der Zuckergehalt des Blutes nach der Nahrungsaufnahme nicht durch die Decke geht. Leider lässt er sich nicht so leicht im Zaum halten. Wetter, Stress, Periode, Laune, Bewegung, Trinkmenge, es gibt wenig, was keine Auswirkungen auf ihn hat.
Ich habe einen Sensor, welcher unter der Haut in den Oberarm implantiert wird. Alle sechs Monate wird er ausgetauscht. Genau über dem Sensor klebt auf dem Arm ein Kästchen, das ist der Transmitter, der die gemessenen Gewebszuckerwerte an eine App auf meinem Handy übermittelt. Damit habe ich immer die volle Kontrolle. Das ist gut, dadurch kann ich schnell auf Unter- oder Überzuckerung reagieren. Aber es macht auch gaga.
Im Schnitt habe ich die App am Tag 4,5 Stunden geöffnet. Sie verrät, dass ich heute Morgen um halb sechs unterzuckert war, seitdem steigt der Blutzucker, und jetzt ist er zu hoch. Warum? Was habe ich falsch gemacht? War die Banane zu viel? Gab es eine Gegenregulation von der Leber? So geht das immer. Jeden Tag. 24/7. Irgendwann guckst du auf den Bildschirm und denkst: Fuck you!
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