Sind Gefühle out?
• Einfach ist es nicht, nach einer donnernden Jubiläums-Ausgabe zum Alltag zurückzukehren – deshalb haben wir das auch nicht gemacht. Wir haben stattdessen das Heft umgebaut. Künftig begrüßen wir unsere Leserinnen und Leser mit Fragen, die wir auf den folgenden Seiten beantworten, sie ersetzen das ausführliche Inhaltsverzeichnis.
Foto: André Hemstedt & Tine Reimer
Der gewohnte Themenschwerpunkt, auf den sich der Titel ebenso bezieht wie das Editorial, rutscht nach vorn. Und wo finden Fans künftig ihre Mikroökonomie oder Die Welt in Zahlen? Im neuen hinteren Heftteil „Geld und Leben“, der all jene Geschichten bündelt, die bisher vor und nach dem Schwerpunkt verteilt waren und Gefahr liefen, übersehen zu werden.
Für diesen Umbau haben wir keine Leserbefragung herangezogen, wir haben nichts gemessen, keine Vergleichsforschung angestellt – und das ist in unserer modernen Welt eigentlich Harakiri. Schließlich kann man inzwischen nahezu alles messen: die Geschwindigkeit beim Blättern; die Zeit, in der Augen auf einer Seite verharren; die Pulsreaktionen, wenn ein Thema besonders berührt. Und dann wären da noch die Erkenntnisse der Markt- und Markenforschung: Was Leserinnen und Leser wünschen, ist längst kein Geheimnis mehr. Warum also haben wir auf den Bauch gesetzt, nicht auf die vielen erprobten Methoden?
Vielleicht haben uns die Glückwünsche zum 25. Geburtstag den Kopf verdreht. Vielleicht haben wir darauf vertraut, dass wir seit einem Vierteljahrhundert intensive Kontakte zu unserer Leserschaft pflegen. Vor allem aber glauben wir bei aller Wertschätzung für wissenschaftliche Methoden auch an Intuition. Fehleranfällig sind beide – und damit sind wir mittendrin im Schwerpunkt dieser Ausgabe.
Seit uns mit der Digitalisierung immer neue Methoden des Messens und Vergleichens zur Verfügung stehen, hat die Intuition einen schweren Stand. Wir messen, was immer möglich ist: Bildungserfolg, Arbeitsleistung, Ballkontakte beim Fußball. Das ergibt beeindruckende Statistiken, deren Aussagekraft allerdings oft zu wünschen übrig lässt. Mein Lieblingsbeispiel: Im Januar spielte der SV Werder Bremen in München gegen den FC Bayern, die Bayern hatten fast 70 Prozent Ballbesitz, mehr Ecken, Pässe,Torchancen – gewonnen aber hat Werder.
Das soll nicht heißen, dass Messdaten nichts bringen. Sie revolutionieren die Medizin, helfen in Schottland Wälder im Rekordtempo anzupflanzen und sind die Basis der Sonden-Firma von Katharina Kreitz. Aber sie sind immer nur ein Anfang, aus dem dann mit Wissen, Geduld und Experimentierfreude etwas werden kann.
Ob sie auch die Liebe revolutionieren? Davon waren die Nutzerinnen und Nutzer von Dating-Apps lange überzeugt. Inzwischen sind viele ernüchtert, ein Milliardengeschäft sind die Apps nach wie vor.
Messdaten scheinen eben vielen immer noch verlässlicher als Gefühle. Dabei sind beide erst im Doppelpack richtig stark. ---
Gabriele Fischer, Chefredakteurin