Dating-Apps
Wo bleibt die Liebe?
Seit etwas mehr als zehn Jahren sollen Dating-Apps wie Tinder oder Bumble die Partnersuche vereinfachen. Inzwischen sind sie bei vielen Leuten verhasst. Was ist da schiefgelaufen?
Bildquelle: Instagram
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• Partnersuche war schon immer kompliziert, aber wohl noch nie waren so viele Menschen dabei so frustriert und verzweifelt wie heute. Allein in Deutschland leiden laut einer Umfrage bis zu vier Millionen Menschen unter Onlinedating-Burnout. Als Alternative propagieren junge Menschen auf Tiktok das freiwillige Zölibat. Oder heiraten sich selbst wie die Sängerin Selena Gomez.
Es sieht so aus, als stecke unsere Welt neben den vielen anderen Krisen nun auch noch in einer großen Dating-Krise. Alle sehen nur noch Frösche.
Für viele ist klar, wer verantwortlich dafür ist, dass die Prinzen und Prinzessinnen verschwunden sind: die Betreiber der Dating-Apps. In nicht mal 15 Jahren haben Unternehmen wie Tinder und Bumble (beide Firmen dominieren den weltweiten Markt), Hinge, Grindr oder OkCupid die Art und Weise, wie Menschen sich kennenlernen, grundlegend verändert. Je nach Statistik finden heute bis zu 50 Prozent aller Paare über Dating-Apps zusammen. Mit etwa 349 Millionen Nutzerinnen und Nutzern weltweit haben diese auch längst Partnervermittlungen wie Parship (basierend auf Persönlichkeitstests ermitteln Firmen, wer zu wem passt) oder Singlebörsen wie LoveScout24 (man studiert eigenständig digitale Kontaktanzeigen) abgehängt.
„Deinen Eltern sagen wir, dass wir uns im Supermarkt kennengelernt haben“, schrieben Nutzer in der Anfangszeit von Tinder noch verschämt in ihre Profile. Heute sind die Eltern nach der Scheidung selbst dort angemeldet.
Jemanden in einer Bar ansprechen? Viel zu riskant. Vielleicht ist die Person gar kein Single (peinlich!) – oder man wird als Mann direkt wegen Me-too verklagt. Wer heute jemanden kennenlernen will, wischt sich auf seinem Smartphone durch Profile und verteilt Likes.
Zumindest gefühlt sind Dating-Apps für viele Menschen alternativlos geworden. Das zeigt sich in den Zahlen der Anbieter: Im Jahr 2023 setzten diese weltweit mehr als 5,3 Milliarden Dollar um, davon entfielen allein rund 3,6 Milliarden auf die Match Group, zu der Tinder gehört.
Partnersuche hatte schon immer mit Ökonomie zu tun, aber erst die durch Dating-Apps auf die Spitze getriebene Kapitalisierung, die Optimierung und die Beschleunigung des Prozesses haben den heutigen Markt entstehen lassen, den viele als so erschöpfend erleben. Menschen wollen Liebe, verhalten sich auf der Suche nach ihr jedoch nicht sehr liebenswürdig.
Es matcht nicht mehr. Das Prinzip, das Tinder und Bumble so erfolgreich gemacht hat, wird sowohl für die Suchenden als auch für die Firmen zum Problem.
1. Das Tinder-Prinzip
Mobile Dating-Apps entstanden in einer Zeit, als Smartphones sich verbreiteten und die Plattformökonomie sich rasant entfaltete. Im Januar 2007 präsentierte Steve Jobs der Welt das erste iPhone, im August 2008 entstand Airbnb, im März 2009 kam Uber auf den Markt – und Grindr, die erste moderne, GPS-basierte Dating-App, entwickelt für schwule und bisexuelle Männer. 2012 wurde Tinder entwickelt, zwei Jahre später Bumble.
Diese Plattformen sollten Menschen einfacher miteinander in Kontakt bringen. Das Versprechen war ein sofort verfügbarer und quasi unendlicher Pool an potenziellen Partnerinnen und Partnern für Sex, Fremdgehen und Liebesbeziehungen.
Tatsächlich können dank der Apps heute alleinerziehende Väter und Mütter in Büsum oder Berchtesgaden Dates ausmachen, wenn sie abends allein auf dem Sofa sitzen. Und es gibt unter den Tausenden Dating-Apps etliche für bestimmte Gruppen wie die LGBTQIA+-Community, Christen, Muslime oder Millionäre.
Inzwischen spiegeln Dating-Apps den Zeitgeist wider: Alle sind gestresst und versuchen ihr Leben nebenbei vom Handy aus zu organisieren. Im Bus von der Arbeit ins Fitnessstudio schnell neue Sneaker bei Zalando bestellen, beim Stretching schon mal das Abendessen bei Lieferando und abends auf dem Sofa, wenn das Essen gekommen ist, parallel zu Netflix noch ein bisschen für die Liebe swipen.
Tinder und Bumble sind auch typische Digital-Plattformen: Mithilfe von Millionen Dollar Risikokapital sollten sie schnell Marktführer werden, um dann von Netzwerkeffekten zu profitieren. Je mehr Akteure, desto interessanter für alle Beteiligten.
Für das nötige Wachstum setzten beide Firmen zunächst auf eine kostenlose Nutzung der Apps. Doch spätestens seit Ende der Coronapandemie, in der die Apps einen großen Zulauf erlebt hatten, wurde klar, dass die von den Investoren angestrebten hohen Renditen nicht erreicht werden.
Die Situation im Jahr 2023:
🍓 Tinder hatte 75 Millionen aktive Kunden, von denen zahlten 10,4 Millionen für die App. Bei einem Umsatz von 1,9 Milliarden Dollar pro Jahr (inklusive Werbeerlöse in der App) sind das heruntergerechnet Einnahmen von ungefähr 2,12 Dollar pro Kunde.
🍆 Bumble hatte 58 Millionen aktive Kunden, davon 2,5 Millionen zahlende. Bei einem Umsatz von 845 Millionen Dollar ergibt das heruntergerechnet monatlich ungefähr 1,20 Dollar pro Kunde.
💖 Zum Vergleich: Die Partnervermittlung Parship verdient pro Kundin oder Kunde monatlich durchschnittlich 54,90 Euro.
Zu wenige Menschen sind bereit, für die Apps zu zahlen – und die Zahl der Neuanmeldungen sinkt. Bumble machte 2023 einen Verlust von knapp zwei Millionen Dollar, Tinder verliert seit sieben Quartalen zahlende Kunden. Der Aktienkurs von Bumble fiel seit dem Börsengang 2021 von knapp 80 auf knapp sechs Dollar, der der Match Group (seit 2015 an der Börse) von 170 auf knapp 35 Dollar.
Was bei vielen Menschen nämlich nicht gut ankommt: Viele Dating-Apps fordern mittlerweile mit regelmäßigen Push-Nachrichten oder vermeintlichen Rewards zur App-Nutzung und zu Zahlungen auf. Das können kleine Summen für mehr Likes oder für Profil-Boosts sein (um sichtbarer zu werden) oder größere Summen für Abos (zum Beispiel für unbegrenzte Swipes und Likes, keine Werbung oder eine weltweite Nutzung). In den USA läuft gegen die Match Group bereits eine Sammelklage – die gamifizierten Apps hätten das Ziel, die Menschen in einer Pay-to-Play-Schleife gefangen zu halten.
Die Versprechen der Firmen (Tinder: „Es beginnt mit einem Swipe“ / Hinge: „Designed to be deleted“) passen also nicht zum Geschäftsmodell: Geld verdient wird nur, wenn das Swipen nicht so schnell endet. Und das ist für die Kundinnen und Kunden, die möglichst schnell die Liebe ihres Lebens finden und auf die Apps verzichten wollen, ein besonders bitterer Widerspruch.
2. Die Menschen in der Dating-Falle
In ihrer Traumvorstellung lässt Luise Berger, 25, auf dem Weg durch Berlin eines Tages aus Versehen ihre Bücher fallen. Ein Fremder hebt die Bücher auf, und als sie ihn ansieht, weiß sie: „Diesen Mann will ich heiraten.“ In Wirklichkeit sucht sie nach dem Richtigen bei Tinder, Bumble und Hinge. Weil es da aber oft nicht sehr romantisch zugeht, träumt sie von der Liebe auf den ersten Blick.
Luise Berger, deren Name hier geändert ist, trifft Männer, von denen sie drei bis fünf Bilder gesehen hat, vielleicht das Sternzeichen kennt und weiß, dass sie Sonne, Wein und Meer mögen. Viel aussagekräftiger sind die Profile oft nicht. Wenn es gut läuft, haben sie beim dritten Treffen Sex (so ist es üblich), was aber nicht bedeutet, dass das etwas zu bedeuten hätte. Berger hat sich vor zwei Jahren bei Dating-Apps angemeldet, als sie und ihr Freund sich nach siebeneinhalb Jahren trennten. „Da sind doch Plattformen mit Millionen Menschen. Als ob darunter nicht mein Traummann ist!“ Das habe sie am Anfang gedacht.
Inzwischen stelle sie fest: „Mit jeder weiteren Person, die ich treffe, steigen meine Ansprüche. Jetzt denke ich vor den Treffen oft: ‚Er kann diese Erwartungen eh nicht erfüllen.‘ Denn man geht auf diese Dates und hat den extremen Anspruch, dass sie perfekt sein müssen, weil es sofort funkt, wenn es die wahre Liebe sein sollte.“
Berger, die gerade ihre Ausbildung als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin begonnen hat, betont, ihre Erfahrungen seien subjektiv. Dabei geht es vielen so wie ihr: Die vermeintlich unendliche Auswahl an potenziellen Partnern führt dazu, dass sich lieber erst mal niemand festlegt – es könnte ja noch jemand Besseres kommen.
„Low-Investment, Parallelität, Quantität sowie Beschleunigung zeichnen die Datingpraxis aus“, schreibt die Sozialpsychologin Johanna Degen in ihrem Buch „Swipe, like, love“. „Es gilt, verfügbar, flexibel und effektiv zu sein, und das einzelne Date soll auf allen Ebenen nicht zu viel kosten, gern aber viel bringen. (…) Zur Risikoverteilung und um die Menge an Möglichkeiten zu managen, werden viele Dates aneinandergereiht, mitunter auf den gleichen Tag oder zumindest mehrere in eine Woche gelegt. Die jeweilige Begegnung gleicht dann einer ,Try-on‘-Logik: Wer passt am besten?“
In dieser Logik können nebensächliche Aspekte auf einmal entscheidend werden. Die Körpergröße. Die Haarfarbe. Luise Berger schließt zum Beispiel alle Männer aus, die – anders als sie – keinen Kaffee lieben. „Ich glaube, meine Generation sucht nach Perfektion“, erklärt sie. „Das ist absurd, aber es finden ja Menschen zusammen, und so hofft man: Beim nächsten Mal ist es der Richtige.“
Die Erwartungen an Dates sind also niedrig und hoch zugleich. Denn Liebesbeziehungen wurden noch nie so idealisiert. Die Liebe soll das Leben endlich mit Sinn erfüllen, Coffeemate + Soulmate – das muss es mindestens sein. „Das schafft die Liebe aber nur sechs Monate auf Adrenalin, dann erschlafft sie unter dem Druck des Alltags“, sagt Johanna Degen. „Liebe ist kein sanftes Dahinsegeln, sondern eine Einladung zur herausfordernden Katastrophe, die im besten Fall Selbstentwicklung bringt. Social Media fasst nicht die Absurdität der Liebe – deswegen wird sie in der Realität oft übersehen.“
Schmetterlinge im Bauch, bis der Tod uns scheidet, sind im wahren Leben einfach selten.
Während Luise Berger es sich leisten kann, wählerisch zu sein, weil der Strom an potenziellen Partnern bei ihr nie versiegt, erleben andere das Gegenteil. Das liegt an den oft ungleichen Geschlechterverhältnissen: Bei Tinder zum Beispiel liegt der Männeranteil bei 75 Prozent. Das führt dazu, dass Männer frustriert sind, weil sie um wenige Frauen konkurrieren (Fazit: „Frauen sind zu wählerisch“), und Frauen wiederum von den vielen Anfragen der Männer genervt sind (Fazit: „Männer sind übergriffig“). Daneben beeinflussen auch die Matching-Algorithmen die Auswahl:
🌸 Wie genau ausgewählt wird, halten die meisten Dating-App-Anbieter (darunter Tinder und Bumble) geheim. Laut Liesel Sharabi, die das Thema seit Jahren an der Arizona State University erforscht, setzen viele Firmen heute neben der Berücksichtigung des Wohnorts auf das „collaborative filtering“.
😈 Dabei analysieren Algorithmen das Swiping-Verhalten der Nutzer und erstellen Empfehlungen nach dem „Andere Kunden kauften auch …“-Prinzip: Wird Person X von ihren Präferenzen her ähnlich eingeschätzt wie Person Y, werden Person X auch die Personen angezeigt, die Person Y gelikt hat. Auf diese Weise kreieren Unternehmen auch Serien- oder Shopping-Empfehlungen.
🚀 Beim oft zusätzlich eingesetzten „content-based filtering“ berücksichtigen Algorithmen individuelle Angaben wie Alter, Hobbys oder bestimmte Wertevorstellungen.
💧Diese Modelle fördern Diskriminierung, weil sie das bevorzugen, was der Mehrheit der Kunden gefällt. So werden beispielsweise als schön geltende, häufig gelikte Menschen öfter vorgeschlagen als weniger normschöne Menschen – wie auch (in westlichen Ländern) Personen mit weißer Hautfarbe.
Luise Berger sagt, bei den ersten Dates habe sie noch Gefühle gezeigt, wenn ihr jemand gefiel – das dann aber bald eingestellt. So wie die anderen. Aus Selbstschutz. In einer Atmosphäre der Unverbindlichkeit wird man schnell enttäuscht, wenn man als Erste etwas Ernstes will.
Entstanden ist durch die Dating-Apps ein System, das Singles einsaugt und viele von ihnen – nachdem sie sich beim Versuch, nach oberflächlichen Kriterien zueinanderzufinden, gegenseitig abgewertet haben – frustriert wieder ausspuckt. Immer noch Single.
„Ich habe schon ein bisschen Sorge abzustumpfen“, meint Berger. Sie zitiert ihre Mutter: „Luise, es gibt doch auch tolle Männer, die Tee trinken.“
Für sie ist die Dating-Krise eine Krise der Begegnung: die Sozialpsychologin Johanna Degen.
Fotografie: Hanna Lenz
3. Wie geht es besser?
Tinder und Bumble setzen auf noch mehr Technik, genauer gesagt: auf die gerade sehr gehypte künstliche Intelligenz. So soll man sich laut Whitney Wolfe Herd, der Gründerin von Bumble, mit seinen Sorgen in Zukunft einem persönlichen KI-Concierge anvertrauen, der einem auch Tipps beim Chatten und Swipen gibt. Bei Tinder soll KI unter anderem dabei helfen, die Fotos auszuwählen, auf denen man am besten aussieht. Laut einer Bitkom-Umfrage im Februar halten 32 Prozent der Befragten den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Partnersuche für hilfreich.
Im wirklichen Leben aber stellt sich die Liebe selten am Ende der besten Suche ein, sondern entsteht allmählich, wenn zwei Menschen sich ernsthaft aufeinander einlassen.
Dabei soll die Dating-App Breeze aus Rotterdam helfen. Joris van Doorninck, 29, hat das Start-up 2020 mit sechs Kommilitonen von der Technischen Universität Delft gegründet. „Der Frust beim Dating kommt auch daher, dass es zwar zu vielen Matches kommt, aber nur zu wenigen realen Treffen“, sagt er. „Doch die sind entscheidend. Nur da merken Menschen, ob es eine Chemie zwischen ihnen gibt.“ Seine Firma ist eine Art Online-Vermittler von Offline-Treffen. Das Konzept:
💕 Ein Algorithmus (collaborative + content-based filtering) ermittelt, welche Personen zueinanderpassen könnten. Einmal am Tag erhalten Nutzer bis zu 20 Profil-Vorschläge. Die Profile sind recht ausführlich: mindestens acht Fotos, viele persönliche Angaben.
✊ Wollen sich zwei Personen kennenlernen, stimmen sie einem Date gegen eine Gebühr von jeweils neun Euro zu. Vorab zu chatten ist nicht möglich.
🤗 Die Dates organisiert Breeze in Kooperation mit Restaurant- und Barbetreibern: Breeze bucht in einem Lokal einen Tisch – und dafür, dass das Unternehmen dem Betreiber Gäste beschert, spendiert dieser den Anwesenden je ein kostenloses Getränk. Dieser Rahmen soll dafür sorgen, dass sich zwei Menschen, die vorher nicht miteinander kommuniziert haben, sicher fühlen.
🐫 Pro Treffen nimmt Breeze also 18 Euro ein. Im Monat Juli organisierte die Firma nach eigenen Angaben erstmals 10.000 Dates.
„Wenn man Geld für ein Date zahlt und nicht so viele Matches pro Tag bekommt, befasst man sich genauer mit den Menschen, die einem angezeigt werden“, meint Joris van Doorninck.
Breeze ist eine von vielen neuen Dating-Apps gegen die Dating-App-Erschöpfung – und damit Teil einer Gegenbewegung, die auf Entschleunigung und wieder aufs Offline-Kennenlernen setzt. Auch Speeddating erlebt zum Beispiel gerade eine Renaissance.
Für Johanna Degen ist die Dating-Krise eine Krise der Begegnung. Die Negativerwartungen und die antizipierten Enttäuschungen verhinderten Annäherung, sagt sie. Mehr Technik sei da eher eine Verhinderung als eine Lösung: „Wir wollen Kontrolle gewinnen, aber suchen Spannung, Zwischentöne, das Mystische. Wir versuchen mit Technisierung zu lösen, was sich uns entzieht. Doch Liebe lässt sich nicht rationalisieren.“
Das zeigt sich auch daran, dass Menschen sich regelmäßig in solche Menschen verlieben, die nicht ihren Kriterienkatalogen entsprechen. Sie erwarten von einer romantischen Beziehung dann aber auch nicht, wie die Disney-Hunde Susi und Strolch zu Schnulz-Musik im Kerzenschein eines italienischen Restaurants von beiden Seiten eine Spaghetti anzuknabbern.
„Der andere ist auch einfach nur ein Mensch, der gesehen werden will“, erläutert Johanna Degen.
Wo man nach einem Partner sucht, ist also gar nicht so entscheidend, sondern eher, wie man sich dabei verhält. Ulrike Scheffer, 58, Journalistin aus Berlin, hat eine bodenständige Herangehensweise. Sie meldete sich vor vier Jahren bei Dating-Apps an, als ihre Ehe nach fast 20 Jahren endete. Sie probierte einige aus, auch Tinder (da wunderte sie sich über die vielen vor Autos posenden Männer in ihrem Alter – „Ich wollte kein Auto, ich wollte einen Mann“), und wechselte zur Singlebörse Berliner Singles. Da konnte sie alle Profile anschauen und selbst entscheiden, wen sie anschrieb. Schon bei zwei parallelen Chats geriet sie in Stress, sagt Scheffer. „Deshalb hielt ich es aus, mich nur auf eine Person einzulassen und die anderen Optionen erst mal zu ignorieren.“
Ein- oder zweimal im Monat verabredete sie sich mit einem Mann auf einen Kaffee oder zum Mittagessen. „Für mich war es einfach interessant, zu hören, wie Leute in derselben Lebensphase wie ich mit ihrer Situation umgehen, welche Lebensentwürfe sie haben“, sagt sie. „Eine gescheiterte Ehe, erwachsene Kinder. Ich war nicht fixiert darauf, mich sofort zu verlieben oder eine Checkliste abzuarbeiten.“
Ulrike Scheffers Dating-Strategie klingt paradox: „In meinem Alter hat man keine Zeit mehr zu verlieren. Deswegen bin ich es langsam angegangen.“ So hat sie tatsächlich einen neuen Partner gefunden. --
Das Dating-Glossar:
Benching: sich eine Person warmhalten für den Fall, dass es mit einer anderen nicht klappt. Man ist nicht wirklich interessiert, schiebt diese Mitteilung aber gewissermaßen „auf die lange Bank“.
Breadcrumbing: das Vorgehen beim Benching. Sporadisch hin und wieder Interesse zeigen („Brotkrümel“ hinwerfen), um eine Person an der Angel zu halten.
Flags: Red Flags sind Alarmsignale, dass man eine Person besser nicht weiter kennenlernen sollte (wie Gewalt, Respektlosigkeit, Kontrollsucht); Green Flags stehen für gute Zeichen (wie Empathie oder Vertrauen), Beige Flags für die Langweiligkeit einer Person.
Ghosting: der plötzliche Kontaktabbruch in der Kennenlernphase.
Love Bombing: das anfängliche Überschütten eines Menschen mit Zuneignung, um ihn emotional abhängig zu machen und zu kontrollieren.
Situationship: Man trifft sich regelmäßig, ist mehr als befreundet, hat vielleicht sogar Gefühle füreinander, ist aber trotzdem nicht zusammen.
Zombieing: Menschen, die einen geghostet haben, tauchen auf einmal wieder auf.
Dating: In „Dating. Eine Kulturgeschichte“ beschreibt Moira Weigel, wie die moderne Dating-Kultur Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA entstand: Junge Menschen zogen zum Arbeiten in Städte und näherten sich einander an – losgelöst von der Familie. Das Kennenlernen war mit der Entstehung der Konsumkultur verknüpft, da mit dem Besuch von Kinos, Tanzlokalen und Restaurants verbunden. In Deutschland entstand diese Kultur in den Sechzigerjahren. Ein Unterschied zu heute, so Johanna Degen in „Swipe, like, love“: „Die Suchenden schrieben dem Datingprozess Bedeutung zu, investierten Geld, Zeit und Emotionen.“
Die elektronische Partnervermittlung begann als experimenteller Eheanbahnungsservice Anfang der Fünfzigerjahre an Colleges und Universitäten in den USA. So gründete etwa der Soziologe Karl Miles Wallace vom Los Angeles State College im Jahr 1948 den „Personal Acquaintance Service“: Suchende füllten Fragebögen und Persönlichkeitstests aus, die Wallace in maschinenlesbare Daten verwandeln und von einem Lochkartenleser auswerten ließ. Das Ergebnis: 320 Ehen innerhalb von zehn Jahren. Von Mitte der Sechzigerjahre an war das Computer-Dating in der Hand kommerzieller Anbieter.
Onlinedating-Plattformen entstanden Ende der Neunzigerjahre mit der Öffnung des Internets. Den Anfang machte 1994/95 Match.com in den USA – heute Teil der Match Group mit mehr als 45 Dating-Anbietern (wie Tinder, OkCupid, Hinge, Plenty Of Fish oder LoveScout24). Das Unternehmen mit mehr als 2.600 Beschäftigten erwirtschaftet etwa 50 Prozent der weltweiten Umsätze mit Dating-Services. Tinder trug 2023 zu knapp 58 Prozent des Umsatzes bei, von dem die Match Group wiederum 17 Prozent für Marketing ausgab. Bei Bumble waren es sogar knapp 26 Prozent der Umsatzes – eine lustig gemeinte Werbekampagne zum Zölibat („Thou shalt not give up on dating and become a nun“) löste zuletzt einen Shitstorm aus.
Breeze hat derzeit 25 Beschäftigte und ist in 17 Städten in den Niederlanden verfügbar, zudem in Belgien, London und Berlin. Die Firma will Dating auch dank eines anderen Geschäftsmodells verbessern: Umsatzsteigerung bedeutet mehr Offline-Treffen. Die App hat etwas mehr als 100.000 aktive Nutzerinnen und Nutzer. Tinder hat allerdings allein in Deutschland achtmal so viele.
Zur Rolle von Matching-Algorithmen machte OkCupid 2014 ein Experiment: Die Firma gibt bei Profil-Vorschlägen an, zu wie viel Prozent eine Person laut Algorithmus zu einem passt. In dem Versuch schlug sie Nutzern als perfekte Matches Personen vor, die laut Algorithmus nicht passten. Trotzdem kam es zu ausgetauschten Nummern und Treffen. Allein die Annahme, Technik habe den passenden Partner ermittelt, führte dazu, dass Menschen sich mehr bemühten.
* Der Kontakt zu Luise Berger und Ulrike Scheffer stammt von Johanna Degen.
Das Wichtigste in Kürze
– Dating-Apps wie Tinder und Bumble haben die Partnersuche verändert. Doch nun stecken die Firmen in einer Krise.
– Es wollen nicht genug Menschen für die Apps zahlen – weil das Dating an sich sie frustriert, so wie auch die Geschäftsmodelle der großen Anbieter.
– Nun wollen unter anderem neue Dating-App-Anbieter die Partnersuche verbessern. Manche setzen auf Altbewährtes: die persönliche Begegnung.