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Einleitung

Das richtige Maß

Fortschritt basiert wesentlich auf Daten. Das ist der Grund, warum wir heute fast alles vermessen wollen. Und dabei manchmal das Wesentliche aus den Augen verlieren.



Das Bild zeigt eine Grafik zur Farbkalibrierung. Links ist ein vertikaler Farbverlauf in verschiedenen Schattierungen von Gelb, Orange, Rot, Magenta, Violett, Blau, Azure, Cyan, Grün und Lime zu sehen. Daneben befindet sich ein Muster aus schwarzen Linien, die von einem Punkt ausstrahlen. Im unteren Bereich des Bildes ist ein Stück Lachs abgebildet, das mit einer Skala versehen ist, um die Größe zu verdeutlichen. Rechts befinden sich Farbquadrate und ein Lineal zur Messung.

Foto: © Sebastian Mast

• Messwerte, vermeintlich exakte Zahlen üben einen unwiderstehlichen Reiz auf uns aus. Deshalb versuchen wir selbst dann zu messen, wenn es um die Qualität menschlicher Leistungen geht.

Etwa die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Universitäten schauen bei der Vergabe von Stellen genau wie Forschungsförderer bei der Verteilung von Geld auf die Zahl der Publikationen, die Bewerber in renommierten Fachjournalen vorweisen können. Durch diesen Fokus geraten wichtigere Kriterien aus dem Blick: die Qualität der Veröffentlichungen oder das, was die Personen in der Lehre und in der Zusammenarbeit mit Kollegen leisten.

Auch im Fußball möchte man die Performance der Spieler quantifizieren. Die Zahl der Ballkontakte, gelaufenen Kilometer, der angekommenen Pässe und geschossenen Tore geben zweifellos Hinweise. Doch die spielentscheidenden, genialen Momente eines Sportlers werden so nicht erfasst (siehe S. 28).

Man kann Qualität nicht in Zahlen messen. In unserem alltäglichen Leben ist uns das bewusst. Niemand würde zum Beispiel versuchen, den Wert einer Freundschaft an der Länge der miteinander verbrachten Zeit oder am Preis der gegenseitigen Geschenke festzumachen. Wir wissen intuitiv: Eine gute Beziehung hängt von Faktoren ab, die sich nicht messen lassen. Und das gilt auch für anspruchsvolle menschliche Leistungen.

Dennoch ist der Drang, alles zu vermessen – auch wenn es eigentlich zu komplex ist, um es auf eine Zahl reduzieren zu können –, eines der markantesten Charakteristika unserer Zeit. Der US-Historiker Jerry Z. Muller hat 2018 ein Buch über die „Tyrannei der Metriken“ verfasst. Wir seien, so Muller, auf Kennzahlen fixiert. Verantwortlich dafür sei der Glaube, dass es möglich und wünschenswert sei, auf Erfahrungen basierende, subjektive Bewertungen durch objektive Messungen zu ersetzen. Und die Überzeugung, dass Leistungsvergleiche und damit verknüpfte Belohnungen und Bestrafungen der beste Weg seien, um Menschen zu motivieren und Organisationen zu verbessern.

Laut Muller wird daher blindwütig gemessen – obwohl die ermittelten Zahlen nicht selten verzerren, entmutigen oder ablenken. Der Historiker verdeutlicht das anhand eines Beispiels aus Großbritannien. Das dortige Gesundheitsministerium machte um die Jahrtausendwende die Qualität der Krankenhäuser an der Wartezeit fest. Einrichtungen, die Patienten nach mehr als vier Stunden nicht behandelt hatten, sollten weniger Geld bekommen. Tatsächlich verringerten sich die Wartezeiten – doch vor einigen Kliniken bildeten sich Schlangen aus Krankenwagen, die warten mussten, bis man sich in den Einrichtungen sicher war, die Patienten innerhalb der Vierstundenfrist behandeln zu können.

Generell gilt: Wo gemessen wird, wird häufig auch getrickst. Und je folgenreicher die Kennzahl, desto größer der Anreiz, die Messung zu manipulieren. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der 2015 aufgedeckte Abgasskandal bei Volkswagen: Der Konzern hatte großen Aufwand betrieben, um bei den Emissionsprüfungen seiner dieselbetriebenen Autos zu täuschen. Von den Abgaswerten hing die Zulassung auf dem US-Markt ab – und damit viele Milliarden Dollar Umsatz.

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