Mission to Marsh
Ohne Moos nix los
Alexander Kornelsen lebte als Marketingmanager auf der Überholspur. Bis ihm die Kraft ausging. Jetzt weiß er, was er will: mehr Moor.
Das Venner Moor bei Osnabrück wurde mithilfe von Mission to Marsh teilweise wieder renaturiert
• Ein Mann steht im Moor. Er trägt Bart, Birkenstock-Sandalen und ein Baby. An den Sandalen klebt Schlamm, das Baby schläft. Es ist immer dabei, wenn Alexander Kornelsen, 37 Jahre alt, das tut, was neuerdings sein Leben ist: Moore retten.
Das Kind heißt Robin. Es ist ein Jahr alt und ein Symbol dafür, dass auch das Unwahrscheinliche eintreten kann. Denn eigentlich war Kornelsen zeugungsunfähig und ein Agentur-Fuzzi mit fettem Gehalt, fetter Wohnung und Luxusleben. Dass er jetzt mit Robin im Sumpf steht, war nicht abzusehen.
1. Vergangenheit
Kornelsen war Partner in einer Unternehmensberatung, Business-Development-Manager bei der »Neuen Osnabrücker Zeitung Digital« und Marketingchef bei der Grow Digital Group, einer digitalen Werbeagentur. Nebenher moderierte er einen New-Work-Podcast, schrieb an einem Buch über die neue Arbeitswelt mit („Good Job“) und entwickelte für den Wohnmobilhersteller Hymer einen Camper-Van, für den er 2018 den European Innovation Award for Caravaning erhielt. Er hatte eine schöne Wohnung mit Dachterrasse und Designermöbeln, trug teure Klamotten und ging gern teuer essen. Eigentlich alles bestens.
Bis er begann, sich die Sinnfrage zu stellen.
Während der Corona-Pandemie ging es ihm psychisch nicht so gut, und er beschloss, in einem Jahr 100 Bücher zu lesen. Zuerst waren es Romane, die verfilmt worden waren. „Ich wollte der Typ sein, der sagen kann: Das Buch ist aber besser als der Film“, meint Kornelsen. Doch dann meldete sich wieder die Sinnfrage, und er fing an, Bücher über den Klimawandel zu lesen. Als die Pandemie vorbei war, wollte er sein altes Leben nicht mehr weiterführen. Er brauchte eine Veränderung.
2. Suche
Er meldete sich bei Tinder an, kaufte sofort ein Abo für höhere Kontaktchancen und erwartete einen schnellen ROI (Return on Investment). Den schnellen ROI kriegte Kornelsen hin. Sie hieß Ann Christin Sieber, ist inzwischen seine Ehefrau – aber die alten Maschen funktionierten bei ihr nicht. Sie war das Gegenteil von ihm.
Er sagt: „Anni war überhaupt nicht an Äußerlichkeiten interessiert. Sie aß vegan und machte sich nichts aus gutem Essen und Trinken.“
Sie sagt: „Er hatte noch nicht einmal Birkenstock-Sandalen.“
Ann Christin Sieber, heute 34, war Wissenschaftlerin im Moorschutz und Umweltaktivistin. Sie wollte Moore retten. Damals leitete sie ein Projekt am Europäischen Fachzentrum für Moor und Klima in Niedersachsen. Wenn sie an Moos dachte, war es die Pflanze, die in Feuchtgebieten innerhalb von tausend Jahren einen Meter Torf erzeugt und massenhaft Kohlendioxid speichert. Wenn Kornelsen an Moos dachte, war es Geld.
Das erste Date zwischen den beiden fand am 1. Juli 2021 statt und sollte sein Leben auf den Kopf stellen. Sie trafen sich auf dem Parkplatz einer Boulderhalle, Kornelsen hatte seinen VW-Bulli dabei und gewisse Pläne: „Ich wollte sie mitnehmen, damit sie mal sieht, was für ein cooler Typ ich bin.“ Aber als das mitgebrachte Bier getrunken war, sagte Sieber: „Tschüss, ich muss gehen.“
Kornelsen blieb im Bulli zurück und fragte sich: „Was hast du falsch gemacht, du Idiot?“
Die Antwort war: nichts. Nur passiert ein neues Leben nicht von heute auf morgen.
Ein paar Wochen später fuhr sie mit ihm im Bulli auf ein Vanlife-Festival. Sie stritten sich, aber es knisterte zwischen den beiden. Irgendwann stellte sie ihm drei Bedingungen für eine Beziehung: 1. eine Weltreise machen. 2. Moore retten. 3. Kinder kriegen. Kornelsen antwortete: „Okay.“ Aber als er später allein in seiner Wohnung saß und den Blick über die Dachterrasse schweifen ließ, packten ihn Zweifel.
Keine Gegensätze mehr: Heute retten Ann Christin und Alexander Kornelsen gemeinsam Moore
3. Lösungen
Die Weltreise ging klar, das macht man schon mal als cooler Typ. Aber Moore? Davon hatte er echt wenig Ahnung. Und mit dem Kinderkriegen sah es noch schlechter aus. Denn Ärzte hatten ihm bescheinigt, zeugungsunfähig zu sein.
Aber: Wer nicht an Wunder glaubt, wird auch keine erleben. Und das war schon irgendwie das Ziel.
Kornelsen gab den Job auf (zu wenig sinnstiftend) und die Wohnung (zu teuer). Er zog aus der Stadt und wurde Untermieter bei Freunden seiner Freundin auf einem Hof mit solidarischer Landwirtschaft, stellte auf vegane Ernährung um und kaufte sich Birkenstock-Sandalen.
Dann hatte er wieder ein kleines Tief. Wohnung und Job weg. Kein Fleisch auf dem Teller. Das war hart. „Für mich ging es erst mal gefühlt abwärts“, sagt er. Aber er blieb dran.
Kornelsen machte bei Ann Christin Sieber einen Crashkurs über den Zustand der Moore, schaltete noch mal den Marketing-Modus ein und überlegte sich, wie man die Feuchtgebiete vermarkten könnte. Denn Sumpfgebiete haben kein besonders gutes Image. Drei M: Matsch, Mücken, Moorleichen. Damit holt man keinen Spender hinterm Ofen vor. Und ohne Moos ist auch im Moor nix los.
Sein Werbekonzept orientierte sich am Blockbuster-Film „Mission to Mars“ von Brian De Palma aus dem Jahr 2000. Er machte daraus „Mission to Marsh“. „Marsh“ ist das englische Wort für Moor. Missionen sind Hollywood. Großes Kino. Und die klassische Heldenreise. Eine Person sieht ein Problem, macht sich auf den Weg und löst es.
Die Rettung der Moore hatte nun zumindest schon mal einen vermarktungsfähigen Namen.
4. Mission
Im Jahr 2022 gründete Kornelsen zusammen mit seiner Partnerin die gemeinnützige Mission to Marsh GmbH. Die Idee: Gelder einsammeln für die Renaturierung von Mooren. Die Story: Moore retten heißt Klima schützen. Klima schützen bedeutet Welt retten.
Die niedersächsische NBank überwies den beiden im Auftrag der Landesregierung acht Monate lang ein Gründungsstipendium von monatlich 2.000 Euro für Recherchen über den Zustand der Moore auf der Welt, speziell in Amerika. Die Patagonia-Stiftung zahlte 8.000 Euro für Filmequipment für die Dokumentation. „War nicht das, was ich früher hatte“, erklärt Kornelsen, „aber es reichte für ein neues bescheidenes Leben.“
Von seinem ersparten Geld kaufte er einen kleinen Suzuki-Geländewagen, baute ihn zum Camper um und verschiffte ihn nach Neufundland, die östlichste Provinz Kanadas. Dort begann die Reise des Paares, die sie bis an die Südspitze des amerikanischen Kontinents in Feuerland führen sollte. Punkt eins der Beziehungsbedingungen von Ann Christin Sieber (Weltreise) war damit fast abgehakt. Moore retten, Nummer zwei, auch. Fehlte nur noch die Sache mit dem Kind. Und die konnte er nicht mit Marketing lösen.
Alles andere aber lief zunächst wie geplant. Alexander Kornelsen und seine Freundin stapften durch Moore, redeten mit Moorexperten und machten Moorfotos, Moorfilme und Moorprotokolle. Die amerikanischen Wetlands nahmen immer mehr Raum in ihrem Leben ein, und Alexander Kornelsen wurde zum Moor-Fan. Ann Christin Sieber war das ohnehin schon. Denn Moore speichern fünfmal mehr CO2 als alle Wälder der Erde zusammen und 500-mal mehr als Meere. Allerdings nur, wenn sie unter Wasser stehen. Entwässerte Feuchtgebiete, wie etwa 95 Prozent der Moore in Deutschland, tun das Gegenteil: Sie geben große Mengen CO2 in die Luft ab.
Auto mit Bedeutung: Mit diesem Suzuki-Camper war das Paar auch auf der Moor-Weltreise unterwegs
5. Rückschläge
Doch in Panama gab es ein Problem. Erst fühlte sich Ann Christin Sieber gar nicht gut, dann richtig schlecht. Schließlich machte sie einen Schwangerschaftstest. Bingo! Positiv! Alexander Kornelsen war schockiert: Von wem war das Kind? Es gab Missstimmungen. Er: verunsichert, weil das Wunder so überraschend kam. Sie: beleidigt, weil er ihr einen Seitensprung zutraute. Beide genervt, weil sie schwanger nicht mehr mit in die Hochmoore in Ecuador durfte – zu dünn die Luft dort oben, zu gefährlich für das Baby. Alexander Kornelsen musste allein hoch.
Als sie sich wieder in der Nähe der ecuadorianischen Hauptstadt Quito trafen, hatten sich beide entspannt. Sie hatten das vergangene Jahr nur zu zweit verbracht, eingesperrt in ihrem kleinen Suzuki-Camper oder mutterseelenallein in mückenverseuchten Feuchtgebieten. Es konnte bloß Alexander Kornelsen der Vater des Kindes sein. Ann Christin Sieber machte ihm einen Antrag. Er sagte Ja. Dann flogen sie zurück nach Deutschland. Das Kind kriegen.
6. Zukunft
Jetzt steht Kornelsen mit Robin und seiner Frau im Venner Moor bei Osnabrück. Er ist inzwischen Teilzeit-Geschäftsführer bei Mission to Marsh, mit kleinem Gehalt. Ann Christin Kornelsen arbeitet, ebenfalls in Teilzeit, als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück am Institut für Geologie. Das Venner Moor ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte.
Es sind die armseligen Überreste eines riesigen Feuchtgebietes, das sich einst von Damme im Norden bis fast ans Wiehengebirge im Süden erstreckte. Generationen von Torfstechern hatten das Moor entwässert und zu Viehweiden umgewidmet. Seit ein paar Jahren werden Teile davon mit der Hilfe von Mission to Marsh renaturiert. Dazu hat das Unternehmen dem Umweltforum Osnabrücker Land eine Spende in Höhe von 30.000 Euro für die Wiederherstellung eines Hektars Moorbiotop übergeben. Dabei werden alte Drainagen entfernt, Bäume und Sträucher gerodet, die Wasser verbrauchen, und stattdessen Moorpflanzen angesiedelt, vor allem sogenannte Torfmoose. Insgesamt hat Mission to Marsh bisher mehr als 500.000 Euro für den Moorschutz eingesammelt: durch Crowdfunding, Spenden und Sponsoring von Unternehmen wie Patagonia oder dem Recyclingunternehmen Interzero.
Schon gluckert und quatscht es an vielen Stellen wieder unter den Füßen. Kleine Tümpel glitzern im Sonnenlicht. Libellen schwirren durch die Luft. Manchmal landen Kraniche. Sie sind neuerdings die Lieblingstiere von Alexander Kornelsen. Sein Sohn krabbelt durch Heidekraut.
Ganz schön idyllisch. „Ja“, sagt Kornelsen, „aber auch hart.“ Die Stimmungstiefs sind weg, doch der Stress nicht. „Moore retten ist viel Arbeit“, meint er. „Wir sind ständig unterwegs.“ Feuchtgebiete, Vorträge, Filme, Fundraising. „Unser nächster freier Tag ist am 27. Dezember.“ Vor und an Weihnachten ist die beste Zeit für Spendensammler. Da muss man ranklotzen. „Ist auch Stress, aber positiv“, berichtet Kornelsen. „Vor allem seit Robin da ist, wissen wir, warum wir das tun: Wir wollen ihm eine gute Zukunft geben.“
Robin hat gerade andere Interessen. Er braucht eine neue Windel. Und will nach Hause. Die Kornelsens haben inzwischen eine gemeinsame Wohnung in Osnabrück und ein größeres Wohnmobil, nicht geländetauglich, aber kinderfreundlich. Der kleine Suzuki-Camper steht zum Verkauf. Die Fortsetzung der Weltreise ist erst mal abgesagt.
Aber Moore retten kann man auch in Deutschland. ---
MOOR-FAKTEN
Anteil der Moore an der weltweiten Landfläche, in Prozent ... 3
Anteil der Moore an der deutschen Landfläche, in Prozent ... 4
Anteil der davon landwirtschaftlich genutzten Fläche, in Prozent ... 65
Anteil der bereits zerstörten Moore in Deutschland, in Prozent ... 95
Jahre, bis eine ein Meter dicke Torfschicht im Moor entstanden ist ... 1.000
Quellen: Moorwissen.de, Mission to Marsh, Universität Greifswald, Moortalk.de
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