Wie geht es uns?
Die Aufmerksamkeit für seelisches Leid im Alltag und in der Arbeitswelt war noch nie so groß wie heute. Ein Report über die Licht- und Schattenseiten des Psycho-Booms.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 11/2024.
Ein Massenphänomen: die große Sorge um sich selbst
Instagram gibt sich hilfsbereit. „Auf welchen Wegen du vielleicht unbewusst auf ein Trauma reagierst“, das soll in einer Story aus zehn Slides geklärt werden. Viele wüssten gar nicht, dass sie traumatisiert sind, so die Botschaft, und sollten sich selbst genauer beobachten. Wer sich durch alle Texttafeln gewischt und keine passenden Symptome gefunden hat, muss ein radikaler Euphoriker oder ein Roboter sein. Negative Gedanken über dich und die Welt? Konzentrationsprobleme? Dein Körper ist angespannt? Fertig ist die Trauma-Diagnose (siehe auch Glossar der Modebegriffe am Ende dieses Artikels).
Der Absender nennt sich 9D Breathwork und hat praktischerweise für alle frisch Diagnostizierten eine Therapie parat. In einem Video, das eine Anbieterin der Methode auf Youtube zeigt, sieht man Leute, die auf Yogamatten liegen und futuristisch leuchtende Kopfhörer tragen – bald beginnen manche ruckartig zu atmen, eine Frau weint und schüttelt sich. Dann folgt die Entspannung, und alles wird gut.
Nach dem Muster funktionieren viele Posts auf Social Media. Die zwölf Stufen des Burn-out, Anzeichen chronischer Einsamkeit, warum es dir schwerfällt, mit fremden Menschen zu sprechen – unter Hashtags wie #stress oder #mentalhealth teilen Menschen ihre Erfahrungen mit psychischen Problemen, und viele wollen auch etwas verkaufen.
Es wurde noch nie so viel über mentale Gesundheit geredet und geschrieben wie heute. Unternehmen ernennen Beauftragte für das Thema, bekannte Persönlichkeiten schreiben Bücher über ihre Leidensgeschichten. Mit der gestiegenen Aufmerksamkeit ist eine große Hoffnung verbunden: Erkrankte werden nicht mehr stigmatisiert, trauen sich, über ihre Probleme zu sprechen, bekommen Hilfe und können ihre Beschwerden lindern oder ganz überwinden.
Doch das scheint nicht zu funktionieren. Denn psychische Erkrankungen haben weltweit in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht abgenommen. In Deutschland ist die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage und die der Frühberentungen wegen solcher Diagnosen in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
Wir leben in Zeiten eines nie gekannten Psycho-Booms, und die Menschen leiden trotzdem. Wie passt das zusammen?
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Er ist Teil unserer Ausgabe Mentale Gesundheit