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Silja Graupe

Silja Graupe, 49, hat vor zehn Jahren die Cusanus Hochschule mitgegründet, die heute Hochschule für Gesellschaftsgestaltung heißt. Ihr Blick auf die Arbeitswelt ist geprägt durch ein Studium in Japan – und durch eine schwere Erkrankung, die ihrem Leben mehr und mehr jede Berechenbarkeit nimmt.



Eine Frau mittleren Alters mit kurzen blonden Haaren sitzt entspannt in einem großen, gemusterten Sessel. Sie trägt ein dunkles Jackett, ein blaues Hemd und dunkle Hosen. Hinter ihr hängt ein Bild eines japanischen Gartens mit Steinen und einer traditionellen Architektur. Die Frau lächelt leicht und wirkt freundlich.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 11/2024.

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Das Bild zeigt das Logo eines Unternehmens namens „Business Bike“, bei dem es sich um einen Fahrradverleihdienst handelt. Das Logo besteht aus den Worten „BUSINESS BIKE“ in blauer Schrift, wobei ein stilisiertes rotes „B“ in das Design integriert ist. Das Logo ist vor einem weißen Hintergrund platziert, wodurch es für die Nutzer gut sichtbar und leicht zu erkennen ist.

brand eins: In den vergangenen Jahren hat sich in vielen Unternehmen einiges getan. Sie erlauben Homeoffice, bemühen sich um ein förderliches Arbeitsklima, bezahlen Yogakurse und Obst. Dennoch steigt die Zahl derer, die sich wegen mentaler Überlast krankmelden. Können Sie sich das erklären?

Silja Graupe: Ich beschäftige mich gerade mit John Maynard Keynes, der 1930 in einem Brief der Generation seiner Enkelkinder prophezeite, dass sie alle in hundert Jahren nach einer harten Zeit des Übergangs viel Freizeit haben werden. Er schrieb damals allerdings auch, dass es durchaus sein könne, dass wir dann über der vielen Freizeit einen allgemeinen Nervenzusammenbruch erleiden werden.

So weit ist es wohl noch nicht.

Aber wir erkennen bereits eine allgemeine Enttäuschung. Wir leben in einer Zeit, in der wir immer auf ein Ziel hinarbeiten, dieses ganze Leben ist ein Um-zu. Ich schlafe, um arbeiten zu können, ich arbeite, um mir etwas zu essen kaufen zu können, ich esse, um für die Arbeit stark zu sein. Das hat den Nebeneffekt, dass wir eine tiefe Leere empfinden. Frei sind wir auch in unserer Freizeit nicht, wir optimieren uns. Es ist eben nicht alles immer besser geworden, wie uns die Technokratie, der Kapitalismus, die Politik versprochen haben.

Es ist noch lange nicht gut – aber besser doch schon?

Haben wir denn Ziele, mit denen wir zufrieden sein können? Wenn Geld das Ziel ist, gibt es immer jemanden, der mehr hat. Und haben wir Arbeitswelten, in denen wir uns feiern, wenn wir etwas erreicht haben? Von daher denke ich schon, dass uns diese Zielgerichtetheit, die jeden Moment verzwecklicht, zu schaffen macht.

Wir haben aber auch mehr Freizeit.

Haben wir wirklich Freizeit – oder wird nicht auch das Privatleben immer mehr verzwecklicht? Bei der klassischen Arbeiteridentität war der Unterschied früher noch deutlich: Der Arbeiter hat sein Gehirn abgeschaltet und monotone Handgriffe am Fließband geleistet – aber am Abend war er Gewerkschafter, Vereinsvorsitzender, Feuerwehrmann; am Sonntag Kirchgänger und Demokrat. Meine These ist, dass heute das Private vom Beruflichen eingesogen wird, aber ohne dass sich das Berufliche zu einer gestalterischen Tätigkeit wandelt.

Ist die Arbeit heute nicht oft anspruchsvoller und damit erfüllender?

Anspruchsvoller ja, vor allem aber einnehmender. Die Arbeit dehnt sich immer weiter ins Privatleben aus, bestimmt den Feierabend, die Erholung. Aber erfüllender? Das wäre sie, wenn ich selbst gestalten könnte, wenn ich mich nicht nur dem Zweck eines anderen – allem voran der Gewinnmaximierung – unterwerfen müsste. Wenn ich mich nur auf Sitzsäcken herumfläzen darf, um über das Unternehmensziel eines anderen nachzudenken, ist das nicht erfüllend. Wenn es aber gelänge, eine Arbeitswelt zu gestalten, in der wir gemeinsam sowohl die Ziele als auch die Mittel zumindest der eigenen Arbeit bestimmten, kämen wir der Erfüllung näher.

Das wäre wünschenswert, wird sich aber vermutlich nicht gleich in jedem Unternehmen umsetzen lassen.

Wenn die Geschäftsleitung nicht bereit und nicht willens ist, die Zwecke zumindest der eigenen Arbeit mitbestimmen zu lassen, wäre das Mindeste, was sie tun kann: Distinktion, also eine klare Abgrenzung des Privaten. Es muss wieder einen Bereich des Unverfügbaren und frei Gestaltbaren geben, in dem die Arbeitswelt nicht dominiert.

Zurück in die Zeit vor New Work?

Wenn New Work nur die Aufhebung des Privaten zum Zwecke der Unternehmensmaximierung bedeutet, auf jeden Fall. Denn dann gibt es keinen Bereich mehr, in dem ich meine eigenen Ziele und auch meinen eigenen Wert bestimme – dann gilt: Ich bin nur etwas wert, wenn ich gut geschlafen habe, wenn meine Blutfettwerte stimmen und wenn ich etwas geleistet habe. Depression oder Burn-out können da leicht zur letzten Ausflucht werden.

Weil man dann nichts mehr leisten muss?

Weil man sich aus einer Welt verabschiedet, in der Unberechenbarkeit und Verletzlichkeit keinen Platz haben. Wenn man wirklich etwas hat, was sich massiv auswirkt und auch durch Betriebs-Yoga nicht lindern lässt, wird man zum Störfaktor und muss weg.

Sie sind ein so definierter Störfaktor: Seit einigen Jahren versagen Ihre Muskeln fortschreitend und unaufhaltsam ihren Dienst. Wie kann eine Arbeitswelt damit zurechtkommen?

Früher habe ich geschwiegen, mich zurückgezogen, niemals Schwäche öffentlich gezeigt. Heute führe ich von einem Liegestuhl aus die Hochschule, lehre im Liegen und halte nach wie vor öffentliche Vorträge, auch wenn die Stimme plötzlich versagen kann. Und siehe da: Viele Menschen öffnen sich. Wir sprechen dann über das, was uns wichtig ist, und nehmen wenig Rücksicht auf Konventionen und Status. Der Moment wird zur Keimzelle des Neuen, des Überraschenden.

Und die Menschen in Ihrer Umgebung fühlen sich nicht überfordert?

Sicher, einige Menschen ziehen sich total zurück. Ich versuche aber, meine Arbeit mithilfe konzentrischer Kreise zu organisieren: Im Innersten ist ein Kreis sehr vertrauter Menschen um mich, die mich selbst in Momenten absoluter Hilflosigkeit begleiten. Studierende und Mitarbeitende wissen, dass sie diese Menschen rufen können – und was zu tun ist, bis sie eintreffen.

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Eine Frau mittleren Alters liegt entspannt in einer Liege. Sie trägt dunkle Hosen, ein hellblaues Oberteil und einen Blazer. Die Liege ist mit einem bunten, gemusterten Stoff bezogen. Die Frau lächelt und wirkt ruhig und zufrieden. Der Hintergrund ist ein heller, schlichter Raum.

Sie sind entschlossen, sich von Ihrem Zustand nicht aufhalten zu lassen. Vor einigen Monaten haben Sie – liegend – auch noch einen Vortrag im Düsseldorfer Landtag gehalten. Was treibt Sie?

Was wäre die Alternative? Aber Sie haben schon recht, tatsächlich ist gerade mein unberechenbares Leid ein kompletter Affront gegen die Verzwecklichung von Zeit, Raum, Persönlichkeit. Die ganze Moderne mit ihrem Produktivitätswahn ist ja auch der Versuch, unsere Endlichkeit, Sterblichkeit, Verletzlichkeit zu überwinden. Da ist mein Zustand wie ein Einbruch der Wirklichkeit in eine vermeintlich heile Welt, und auch meine ganze Erziehung spricht dagegen: „Kannst du denen das wirklich zumuten?“ Aber erst wenn wir uns dem Schmerz öffnen, fallen unsere Panzer, erwacht unsere Lebendigkeit. Das möchte ich leben und vorleben.

Verändert Ihre Krankheit Ihre Lehre und das Verhältnis zu den Studentinnen und Studenten?

Mit dem Begriff Krankheit sollten wir vorsichtig sein: Krank bedeutet, ich werde wieder gesund, danach sieht es bei mir nicht aus. Aber zu Ihrer Frage: Selbstverständlich rücken für alle, die mich erleben, die eigene Verletzlichkeit und Sterblichkeit näher. Könnte mir das auch passieren? Aber gleichzeitig gibt es wohl kaum einen Raum, in dem so viel gelacht wird, weil unsere Welt durch die Perspektivwechsel, die mein Zustand herbeiführt, einfach urkomisch wird. Und weil ich keine Angst habe. Wovor sollte ich mich fürchten?

Vor dem Tod?

Ich weiß, es kann vorbei sein, und es wird vorbei sein. Ich blende weder dies noch das aktuelle Leiden aus. Genau deswegen kann ich jeden Moment ganz anders leben. Frei.

Wie gehen Sie als Chefin mit der Verletzlichkeit anderer um?

Wir versuchen den Menschen in seiner Unvorhersehbarkeit und Verletzlichkeit anzunehmen, mit ihm herauszufinden, welche transformativen Kräfte darin liegen können – aber das gelingt nicht immer. Wir hatten eine Mitarbeiterin mit einer schweren psychischen Störung, die wir aufzufangen versucht haben, aber irgendwann mussten wir sagen: Zum Wohle aller anderen müssen wir uns trennen, denn wir können keine therapeutische Einrichtung sein. Da mussten wir dann für das Ganze gegen den Einzelnen entscheiden.

Wie hat die Hochschule das verkraftet?

Ganz gut. Schlimmer war der Suizid einer Studentin, noch dazu in der Zeit des Corona-Lockdowns. Die junge Frau hatte sich schon exmatrikuliert, ich hätte also darüber hinweggehen können. Aber ich habe es als meine Aufgabe gesehen, einen Raum der Offenheit, der Trauer und des Austauschs zu schaffen, selbst unter Zoom-Bedingungen, die noch nicht geübt waren.

Wie können wir gemeinsam um Sprache und Verstehen ringen? Viele haben mir anschließend gesagt, dass das das Entscheidende in ihrem Studium war, einige haben angefangen, von ihren eigenen Depressionen zu erzählen. Wir haben gemeinsam gelernt, das auszuhalten.

In vielen Unternehmen könnte ein solcher Fall die Verantwortlichen überfordern.

Dennoch sollte man sich fragen, wie man mit einer solchen Situation umginge, wie viel Verletzlichkeit man zulassen kann und will. Richtig ist: Das ist nicht selbstverständlich, denn wir sind geprägt vom Utilitarismus, der leidvolle Erfahrungen ausschließen will, der eigentlich ein kompletter Feldzug gegen das Leid ist. Er ist die Idee einer Welt, die so tut, als könntest du den Genuss dem Schmerz stets vorziehen. Im Buddhismus dagegen ist die allererste Wahrheit: Diese Welt ist Leiden. Du kannst es nicht wegdefinieren, und gerade die Ignoranz macht es nur größer und größer.

Sie haben in Japan studiert. Hat Sie der Buddhismus angezogen?

Nein, ich war während der Insolvenz des elterlichen Betriebes im tiefen Konflikt mit dem westlichen Wirtschaftssystem. Ich habe zu der Zeit Wirtschaftsingenieurwesen studiert, war Praktikantin in einer Unternehmensberatung und eher neoliberal. Aber dann habe ich gesehen, dass dieses System in Gestalt von Banken und Beratern und auch die Wirtschaftswissenschaft, die es stützt, einem Unternehmer in seinem Leid weder helfen kann noch will.

Warum dann Japan?

Es gibt kaum ein Land, das sich radikaler transformiert hat. Japan hat Mitte des 19. Jahrhunderts innerhalb von 20 Jahren sein ganzes kulturelles System über Bord geworfen – Rechtssystem, Gesundheitssystem, Schul- und Universitätssystem.

Warum?

Weil sie Angst hatten, sonst von den Amerikanern dominiert zu werden. Und mich hat interessiert, wie es gelingen kann, in diesem kompletten Umbruch, dieser völligen Verletzlichkeit, neue Wege zu finden. Wie wir im Totalverlust dessen, was wir zu sein meinen, andere werden können.

Was hat Japan Sie gelehrt?

Der japanische Buddhismus geht davon aus, dass unsere Welt leidvoll ist, weil wir ihre Wandlungskraft und unsere eigene Vergänglichkeit nicht akzeptieren können. Nicht die Veränderung ist das eigentlich Schmerzvolle, sondern unser Festhalten. Und dass wir ein riesiges gesellschaftliches Experiment fahren, um diese Einsicht zu umgehen. Wir sperren das Leid aus, exportieren es nach Bangladesch, wo unsere Klamotten genäht werden, exportieren es in die Natur, wo wir eine unglaubliche Zerstörung der Arten verantworten – und dann sprechen wir den Tieren noch nicht einmal Leidensfähigkeit zu. Wir sperren diejenigen aus der Arbeitswelt aus, die leiden, wir sperren die Alten in Heime und wir versuchen den Tod hinauszuzögern, so lange es geht. Buddhisten würden dazu anmerken: Dieses Leid kommt immer wieder zurück, in Form von Terrorismus, in Form von Naturzerstörung, von Depressionen, Isolation, Burn-out.

Was können wir daraus lernen?

Dass es Freiräume braucht, Veränderungen zu gestalten. Ich war wie alle beeindruckt, wie das medizinische Personal die Coronapandemie bewältigt hat. Aber ich habe keine systemische Konsequenz daraus gesehen. Ihr Mitgefühl, ihr situatives Können wurde ausgebeutet, nicht unterstützt. Wir haben ein paar Boni bezahlt, aber wir haben keine Lehren daraus gezogen. Bei jeder Katastrophe sehen wir viel Mitgefühl und spontanen Gemeinsinn – aber ich sehe keine Bemühungen, sie zu treibenden Kräften der Gesellschaftsgestaltung zu machen.

Wie ginge es besser?

Bei jeder Flutkatastrophe sehen wir, dass es auf die freiwillige Feuerwehr, das technische Hilfswerk und andere Einrichtungen ankommt – aber die Ökonomisierung macht ihre Freistellung in Privatunternehmen zur Ausnahme, sie sind meist im öffentlichen Dienst beschäftigt. Oder die Pflegekräfte im Krankenhaus: Warum trauen wir ihnen nicht zu, dass sie aus ihrer unmittelbaren Erfahrung im Umgang mit Patienten wissen, was zu tun ist? Wo können wir den Menschen mehr zutrauen? Wie die Arbeit so organisieren, dass sie Gestaltungsspielraum gewinnen? Wie können wir lernen, mit Unberechenbarkeit, Unvorhersehbarkeit und eben auch Verletzlichkeit umzugehen? Wir werden sie jedenfalls nicht ewig aussperren können. ---

Silja Graupe, 49,
hat Wirtschaftsingenieurwesen und ostasiatische Philosophie in Japan studiert und war Gründungsmitglied der Cusanus Hochschule, die später zur Hochschule für Gesellschaftsgestaltung (HfGG) umfirmierte. Diese verbindet Ökonomie und Persönlichkeitsbildung, zurzeit machen dort 170 Studentinnen und Studenten ihren Bachelor oder Master. Seit 2021 ist Graupe Präsidentin der Hochschule, in den vergangenen Monaten kämpfte sie vor allem für das Überleben der ökonomisch immer wieder gefährdeten Institution. Gerade hat sie gewonnen.

Ihre wissenschaftliche Karriere wird überschattet durch eine Krankheit, die sich bereits in jungen Jahren andeutete, die aber von Ärzten nicht ernst genommen wurde und gegen die sie auch selbst anarbeitete, indem sie Schmerzen und Symptome ignorierte. Seit einiger Zeit gelingt das nicht mehr: „Bei mir ist das Zusammenspiel zwischen Nerven und Muskel gestört. Dadurch habe ich ständige Schmerzen, die kaum beherrschbar sind. Mein Körper wird kontinuierlich schwächer; früher war ich auf den höchsten Gipfeln der Alpen unterwegs, heute komme ich kaum mehr einen Kilometer weit. Zudem ist mein Leben geprägt von plötzlichen Lähmungsanfällen, die auch das Wesentlichste betreffen: das Atmen, Schlucken, Sprechen. Das macht mein Leben prekär.“

Stiftung: Freiheit zur Gesellschaftsgestaltung


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