Gesexte Samen
Weibliche Kälber sind wertvoller als männliche. Das Unternehmen RBW Genetik verkauft daher vorselektierte Rinderspermien.
Von links nach rechts: der Chef Alfred Weidele, die Tierärztin Anne-Rose Fischer, ein Bulle bei der Reinigung und die Sperma-Abfüllmaschine
• Noch vor Sonnenaufgang trifft bei RBW Genetik in Bad Waldsee frisches Rindersperma ein. Ein paar Milliliter Ejakulat von den Bullen Saladin und Dacapo in einer Kühlbox. Die Lieferung ist wertvoll und empfindlich. An den Nachkommen dieser Tiere sind viele Landwirte interessiert. Denn Eigenschaften und Erbgut lassen auf gesunde und produktive Kälber hoffen.
Die Landwirte wollen allerdings nur weibliche Rinder, da Milchprodukte gefragt sind, teures Kalbfleisch dagegen kaum. Männliche Bullenkälber werden daher zum Verkauf häufig in die Niederlande und bis nach Nordafrika transportiert.
RBW Genetik hat aus den unerwünschten Kälbern ein Geschäft gemacht: Die Firma selektiert seit 2020 Rinderspermien. Samenzellen, die ein X-Chromosom tragen, werden erhalten, solche mit einem Y-Chromosom in einem Hightech-Verfahren zerstört.
„Was wir machen, klingt spacig“, sagt der Geschäftsführer Alfred Weidele. „Wir wurden selbst vom Erfolg des gesexten Samens überrascht.“ Heute arbeiten 30 Leute in drei Schichten in Bad Waldsee nur an der Geschlechterwahl. Für 9,5 Millionen Euro verkaufte die Firma 2023 gesexten Samen. RBW steht für Rinderunion Baden-Württemberg, ein Verband, der die Interessen der Rinderzüchter vertritt und eigene Firmen hat.
Seit Jahrzehnten züchten Landwirte Kühe durch künstliche Befruchtung. Die nächste Generation soll stets noch leistungsfähiger sein, sprich: mehr Milch geben. Deshalb ist der gesexte Samen aus Bad Waldsee auch in Italien und Frankreich gefragt.
Wirtschaftlich rechnet sich das Verfahren für die Landwirte meist, hat der Betriebswirt Christoph Pahmeyer vom Thünen-Institut in Braunschweig ausgerechnet. Der behandelte Rindersamen kostet sie zwar etwas mehr – in Summe mindestens 32 Euro je Dosis, aus der im Schnitt ein Kalb entsteht. Aber die Bauern erhalten auf diese Weise wertvollere Kühe: Berücksichtigt man in der Bilanz, dass die Landwirte keine Bullen mehr billig verkaufen müssen, verdienen sie pro Tier 500 Euro mehr als bislang.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Mentale Gesundheit