Stell Dich nicht an!
• Weichei. Kennen Sie den Begriff? Er wurde zu einer Zeit geprägt, in der psychische Störungen Gemütskrankheit hießen und was für Frauen waren. Männer hatten sichtbare Verletzungen oder Staublungen als Folge der Arbeit im Bergwerk.
Diese Sichtweise ist glücklicherweise überholt, doch sie wirkt nach. Zwar zeigen die Statistiken, dass es inzwischen offenbar leichter fällt, mentale Erkrankungen beim Arbeitgeber als Grund für Auszeiten zu nennen. Sie gelten aber immer noch in vielen Firmen als individuelles Problem, nicht unbedingt als Folge der Arbeit oder des Arbeitsplatzes.
Wie falsch das ist, zeigt der eindringliche Bericht über Beschäftigte in einer Pflegeeinrichtung, die noch immer unter den Folgen der Pandemie leiden. Wer liest, wie das Personal unter den Belastungen jener Zeit litt, wird verstehen, dass der Beruf danach für viele keine Berufung mehr war. Auch dass Menschen bei der Polizei Situationen erleben, für deren Bewältigung sie Hilfe brauchen, wird für jeden ersichtlich sein – nur bekommt sie nicht jeder, wie Betroffene erzählen.
Und im Büro? In all den Firmen, die spätestens seit dem Fachkräftemangel und dem Siegeszug des Homeoffice mit immer neuen Wohl- taten um jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter buhlen? Susanne Schäfer und Jens Bergmann haben sich tief ins Thema eingearbeitet, Statistiken analysiert, Ursachen gesammelt und unterschiedliche Lösungen. Dass die Verdichtung der Arbeit, ständige Unterbrechungen und unsensible Führungskräfte dabei eine Rolle spielen, wird vermutlich nur sie selbst überraschen.
Silja Graupe, selbst Führungskraft, nennt noch einen weiteren Grund: Für Unberechenbarkeit und Verletzlichkeit ist in der Arbeitswelt kein Platz. Wer nicht mehr funktioniert – aus welchem Grund auch immer –, soll erst mal raus aus dem Prozess und wiederkommen, wenn er oder sie wieder heil ist. Doch was, wenn man wie Graupe nicht mehr heil zu machen ist und trotzdem arbeiten will?
Die steigende Zahl psychischer Erkrankungen wird gern als Modeerscheinung abgetan, und selbst wenn darin ein Körnchen Wahrheit stecken mag: Sie ist vor allem eine laute und lautstarke Kritik an einer Arbeitswelt, die sich human gibt und die Bedürfnisse von Menschen nicht kennt. Bei der Telekom ist man sich des Problems bewusst und konzentriert sich seit Jahren auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Das hat dem Unternehmen schon einige Auszeichnungen eingebracht. Und die Erkenntnis, dass es ein langer Weg ist.
Vielleicht fangen deshalb viele gar nicht erst an, aber Ignoranz können wir uns nicht mehr leisten. Nicht nur, weil die Wirtschaft dadurch Milliarden Euro verschenkt: Sie könnte so viel erfolgreicher sein, wenn sie Arbeitsbedingungen schaffte, die Belegschaften aus-, aber nicht überlasten. Ist nicht so leicht? Ist Transformation nie. --
Gabriele Fischer, Chefredakteurin