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Mir ist laaangweilig!

Nicht nur Stress, auch Unterforderung am Arbeitsplatz kann krank machen. Über ein Phänomen, das es eigentlich nicht geben dürfte: Bore-out.



Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 11/2024.

Nahaufnahme einer Person, deren Gesicht teilweise im Schatten liegt. Ein Auge ist deutlich zu erkennen und blickt nach oben. Die Person wirkt nachdenklich und ruhig.

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• Leer habe sie sich gefühlt, erschöpft und frustriert, sagt Cindy B. „Als würde ich permanent untertourig fahren, unter meinen Möglichkeiten bleiben.“ Sie erinnert sich an ihren vorletzten Job: „Ich hatte eine Auslastung von 15 bis 20 Stunden auf einer 40-Stunden-Stelle.“ Nicht das erste Mal, dass sie sich am Arbeitsplatz unausgelastet fühlte.

Sie ist 47, hat zwei kaufmännische Ausbildungen, war in sechs Jobs tätig, meist als Geschäftsführungs- oder Projektassistenz in der Immobilienwirtschaft. „In den rund 30 Jahren meines Berufslebens war ich immer wieder unterfordert, sowohl mengenmäßig als auch inhaltlich.“ Als Assistentin der Geschäftsführung etwa habe sie in den ersten Monaten vorrangig Schreiben nach Diktat und Ablage gemacht. „Ich hätte mich gerne mehr gefordert gefühlt.“

Leistungswillige ohne Abnehmer? Das erscheint paradox in Zeiten von Fachkräftemangel und einem Arbeitsvolumen, das angeblich zu hoch ist für die Einführung der Vier-Tage-Woche. Und doch, Cindy B. ist kein Einzelfall. Wie kann das sein?

Krank machende Unterforderung am Arbeitsplatz nennt man auch Boreout, als Pendant zu Burn-out. Das englische „to bore“ heißt „langweilen“. Während jemand mit Burn-out in Folge von Stress ausgebrannt ist, ist jemand mit Bore-out also ausgelangweilt. Geprägt haben den Begriff die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder in ihrem 2007 erschienenen Buch „Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht“.

Seitdem hat sich in der Arbeitswelt einiges verändert. Die Pandemie führte viele ins Homeoffice, Hierarchien sind flacher geworden, viele Unternehmen haben ihre Abläufe verbessert, es gab etliche Kündigungswellen. Wie kann es dennoch zum Bore-out kommen?

Von wegen: süßes Nichtstun

Philippe Rothlin sagt: „Gewisse Ineffizienzen ergeben sich im Betrieb fast immer. Jemand hat vielleicht zu viel Zeit für eine Aufgabe, oder Arbeiten sind nicht gut verteilt. Oft hat die Führungskraft auch nicht im Blick, dass Mitarbeitende über- oder unterfordert sind. Und die sprechen es nicht an.“ Wie viele Menschen genau von dem Phänomen betroffen sind, lässt sich allerdings nicht beziffern.

„Der Forschungsstand ist unbefriedigend“, sagt Timo Kortsch. Er ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der IU Internationalen Hochschule und forscht zu Stressprävention. Im Gegensatz zum Burn-out ist das Boreout nicht im ICD-11 aufgeführt, dem internationalen Krankheitenregister der WHO. Kortsch sagt: „Bore-out ist nicht nur keine anerkannte Diagnose, sondern auf Basis des aktuellen Forschungsstandes auch weit weg davon, eine zu werden.“

Langeweile mag erst einmal verlockend klingen, nach Arbeit ohne Stress. Allerdings seien die Ansprüche an Arbeit heute andere als bei früheren Generationen, sagt Rothlin, Sinnhaftigkeit und Spaß stünden im Zentrum. Damit wächst die Gefahr von Frustration und Unterforderung.

„Man kann wohl kaum zu hundert Prozent effizient und rund um die Uhr produktiv sein“, sagt Rothlin. „Wenn man aber permanent unterfordert ist oder stundenlang nichts zu tun hat und die dadurch ausgelöste Unzufriedenheit über einen längeren Zeitraum anhält, sollte man dringend etwas verändern.“ Denn chronische Unterforderung kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Andreas Jähne ist Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura und der Oberberg Tagesklinik Lörrach. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sagt: „Zwar kommt niemand explizit wegen eines Bore-out zu uns in die Behandlung, aber es kann die Vorstufe oder der Auslöser von Erkrankungen wie Depression oder Sucht sein, die dann wiederum Grund für eine stationäre Therapie sein können.“ Solche Fälle habe er regelmäßig.

Die Patienten hätten oft das Gefühl, nur ein Rädchen im Getriebe zu sein. Sie fühlten sich nicht geschätzt, empfänden ihre Tätigkeit als sinnlos, würden gern mehr leisten, sähen aber keine Möglichkeit dazu. Das könne Symptome auslösen, die denen eines Burn-out ähneln: Erschöpfung, Schlafstörungen, Gereiztheit, Lustlosigkeit, bis hin zur Depression.

Doch viele Menschen sprechen ihr Befinden bei der Arbeit nicht an. Jähne sagt: „Wer ständig gestresst ist, gilt in unserer Gesellschaft als leistungsstark. Aber dem Chef zu sagen: ‚Ich finde meinen Job langweilig‘ – das ist ein Tabu.“ Betroffene schämten sich und fürchteten entlassen zu werden.

Laut Rothlin und Werder tun Gelangweilte einiges, um beschäftigt zu wirken. Sie täuschen ein höheres Aufgabenpensum vor, bleiben extra lange im Büro oder tippen besonders laut, wenn die Chefin naht. Es beginnt eine Abwärtsspirale, die den Zustand der Unterforderung verfestigt oder gar verschlimmert.

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Vielmehr: innere Kündigung

Cindy B. tappte nicht in diese Falle. „Ich bin nicht der Typ, der Auslastung nur vorspielt. Das kann ich gar nicht. Ich verstehe nicht, wie andere im Homeoffice am Handy spielen, fernsehen oder aufräumen können“, sagt sie. Wenn sie längere Zeit unterfordert war, habe sie das bei ihren Vorgesetzten angesprochen. Manchmal sei es dann besser geworden. „Einmal ist eine Kollegin wegen einer OP ausgefallen, da habe ich ihre Aufgaben übernommen und war dann eine Zeit lang gut ausgelastet.“

Längerfristig habe sich aber selten etwas verändert. Einer von mehreren Gründen dafür war ihre Qualifikation. Etwa als Assistentin im Bauprojektmanagement: „Für fachlich qualifizierte, haftungsrelevante Aufgaben hätte ich Bauingenieurin sein müssen, das hätte ein Studium erfordert.“

Mangelnde formale Qualifikation ist ein typischer Grund für Bore-out. Menschen trauen sich mehr zu, doch auf dem Papier erfüllen sie die Voraussetzungen nicht. Gerade bei Neueinstellung wird in Deutschland noch immer stark auf Zeugnisse geachtet. So bleiben Menschen wie Cindy B. oft unter ihren Möglichkeiten.

Im Idealfall sollten Kompetenzen und Anforderungen ausgeglichen sein. Dann, so der Wirtschaftspsychologe Kortsch, „kann Flow entstehen, und die Motivation ist hoch“. Nicht nur Überlastung führe zu Stress, sondern eben auch das andere Extrem – wenn die eigenen Ressourcen weit über den Anforderungen liegen, „etwa bei einem promovierten Chemiker, der nur Labormaterial verwalten soll“.

Angesichts einer wachsenden Zahl hoher Bildungsabschlüsse landen in Deutschland immer mehr Menschen in Jobs, für die sie überqualifiziert sind. Langeweile durch Unterforderung kann zum Phänomen der inneren Kündigung führen: Die Person ist zwar anwesend – Leistungsfähigkeit und Identifikation mit der Arbeit sinken aber gen null.

Timo Kortsch empfiehlt Unternehmen, mehr auf die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz zu achten, regelmäßig Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen durchzuführen – „und dann etwas ändern! Nicht erst, wenn schon Teile der Belegschaft ausgebrannt sind oder wegen Unterforderung gekündigt haben.“ Ein kommunikatives Arbeitsklima und flexible Arbeitszeitmodelle können hier helfen.

Die Unterforderten wiederum sollten ihre Unzufriedenheit ernst nehmen und nicht abwarten. Kortsch sagt, in der Forschung werde das Stichwort „Job Crafting“ diskutiert. Das heißt: Angestellte gestalten ihre Arbeitsbedingungen aktiv mit. Zum Beispiel mehr soziale Kontakte knüpfen oder freiwillig die Weihnachtsfeier organisieren. Auch Rothlin rät: „Aktiv werden! Kollegen fragen, ob sie Arbeit abzugeben haben, oder um Versetzung innerhalb des Betriebs bitten.“

Wenn sich an der Arbeitssituation nichts ändern lässt, kann ein Jobwechsel sinnvoll sein. Das sagt auch Andreas Jähne von den Oberberg-Kliniken. „Oder man versucht, Erfüllung in anderen Lebensbereichen zu finden. Oft identifizieren sich Bore-out-Patienten stark über ihren Beruf – und vernachlässigen Familie, Freunde, Gesundheit, Hobbys und Spiritualität. Wenn der Pfeiler ‚Beruf‘ dann wackelt, droht der ganze Mensch zu fallen.“ Jähne rät dazu, die Lebensbereiche besser auszubalancieren.

Cindy B. hat stets gekündigt, wenn die Unterforderung unerträglich wurde. „Teilweise habe ich es lange ausgehalten, weil ich ein nettes Team und auch gute Phasen hatte. Aber wenn sich keine echte Perspektive gezeigt hat, blieb mir nur der Jobwechsel.“ Bei ihrem vorletzten Job war das bereits nach dreieinhalb Monaten.

„Ich möchte mein Potenzial ausschöpfen“, sagt B. Daher hat sie auch berufsbegleitend eine Weiterbildung in „Systemischer Organisationsentwicklung“ gemacht. Die Angst, dass sich das Muster ewig wiederholt und sie wieder in einem Job landet, in dem sie unterfordert ist, sei groß, sagt sie. Nach einem dreiviertel Jahr Arbeitssuche und ehrenamtlichem Engagement hat sie nun eine neue Stelle angetreten. „Ich hoffe sehr, dass die mich im guten Sinne herausfordern wird.“ ---


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