Meister der Balance
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien nehmen die Schwankungen im Stromnetz zu. Pumpspeicher gleichen diese aus. Doch während die Planung solcher Werke hierzulande oft scheitert, wird in Vorarlberg eines nach dem anderen gebaut. Was läuft dort besser?
Der Stausee existiert bereits seit 1959, der Sondierstollen für das Lünerseewerk II wurde vergangenes Jahr in den Fels gebohrt
• Vom Gipfel der Kleinen Zimba im österreichischen Vorarlberg fließt das Wasser durch das zerklüftete Gebirge. An diesem Berg haben die Illwerke VKW, der örtliche Energieversorger, einen Stollen für ein riesiges Pumpspeicherkraftwerk in den Fels gebohrt. Mit 1.000 Megawatt Leistung soll das Lünerseewerk II der leistungsstärkste Pumpspeicher des Landes werden und den weiteren Ausbau regenerativer Energien ermöglichen. Bis die Baumaßnahmen abgeschlossen sind, müssen die Anwohner jedoch vermutlich mit einem rund 15-jährigen Prozess rechnen.
Das ist wohl einer der Gründe, warum es in Deutschland Proteste gegen Großprojekte, auch gegen Pumpspeicherkraftwerke gibt. Dabei sind diese ebenso wichtig für die ökologische Wende wie der Ausbau der Erneuerbaren und der Stromnetze. Michael Sterner, Experte für Energienetze und -speicher und Professor an der Ostbayerischen Technischen Hochschule, sagte Anfang 2024 in einer Bundestagsanhörung: „Eine Stromtrasse bringt keine technische Versorgungssicherheit, wenn am Ende der Leitung keine Kraftwerke oder Speicher stehen.“ Pumpspeicher können nicht nur am Mittag überschüssigen Strom für den Abend speichern, sie können auch im Sommer für den Winter vorsorgen. Und sie gleichen Spitzenlasten im Stromnetz aus.
Anders als in Deutschland ist das neue Pumpspeicherwerk in Bürs bei Bludenz unumstritten. Keine Bürgerinitiative protestiert, kein Naturschutzverband stört sich an der Planung. Wenn alles glattläuft, könnte es in weniger als 15 Jahren ans Netz gehen.
Was macht man in Vorarlberg besser? Fünf Lehren.
1. Dem Protest zuvorkommen
Simon Dörler geht ein paar Meter in den Stollen hinein. Der Schein seiner Grubenlampe tastet sich durch die Dunkelheit. Als Wasserbauingenieur leitet der 33-Jährige das Projekt und ist für ein Team von etwa 80 Personen verantwortlich. Aktuell bereitet das Unternehmen das Genehmigungsverfahren vor, es erstellt Gutachten zur Umweltverträglichkeit und berechnet, wo genau das Wasser durch den Fels rauschen soll.
Ein Pumpspeicherkraftwerk besteht vereinfacht gesagt aus einem Oberbecken, einem Unterbecken, einem Kraftwerk und einer Röhre, die das Ganze miteinander verbindet. Um Energie zu erzeugen und zu speichern, braucht das Kraftwerk Wasser. Das Wasser im Oberbecken dient als Energiespeicher: Bei Bedarf stürzt es vom Oberbecken ins Unterbecken und treibt dabei die Turbine an, es produziert Strom. Wenn viel Strom vorhanden ist, idealerweise aus Sonnen- oder Windenergie, wird das Wasser vom Unterbecken ins Oberbecken gepumpt und verbraucht dadurch Strom.
Dörler legt die Hand auf den Fels und sagt: „Wir befinden uns hier im Hauptdolomit, ein Gestein mit hoher Druckfestigkeit.“ Diese Stabilität ist wichtig für die Kaverne, einen Hohlraum, den die Ingenieure am Ende des Sondierstollens aus dem Berg brechen wollen. Er wird das Krafthaus des Lünerseewerkes II beherbergen, das man sich als Ungetüm aus Pumpen, Turbinen, Trafos und Schaltanlagen vorstellen kann.
Die Illwerke VKW haben bei diesem Projekt einen entscheidenden Vorteil: Sie können auf bestehende Anlagen zurückgreifen. Vom Lünersee, einem Stausee, den das Unternehmen seit 1959 betreibt, soll das Wasser durch einen mehrere Kilometer langen Druckstollen zum Druckschacht geleitet werden. Vom Schacht, 40 Grad steil und 1.700 Meter lang, schießt das Wasser dann hinab und treibt die Turbine im Krafthaus an. Danach fließt es in ein Ausgleichsbecken, das ebenfalls schon gebaut ist.
Im ersten Entwurf planten die Illwerke noch mit einem neuen Becken am Fuße des Berges, um Druckschwankungen auszugleichen. Die entstehen, wenn das Werk vom Pump- auf den Turbinenbetrieb umschaltet. Doch das hätte Proteste auslösen können. Also hätten die Ingenieure so lange getüftelt, sagt Simon Dörler, bis der Bau des Beckens nicht mehr nötig gewesen sei.
Dass kein neuer Stausee und kein neues Ausgleichsbecken geschaffen werden musste, erklärt zu einem großen Teil, warum der Protest gegen das Projekt ausbleibt. Vom gigantischen Kraftwerk werden nur ein kleines Portalgebäude und die Stromleitungen sichtbar sein – der Rest verschwindet im Berg.
Sondierstollen des neu entstehenden Lünerseewerkes II in Bürs. Der Ingenieur Simon Dörler leitet das Projekt
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe Handwerk