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Nyege Nyege

Zwei Weltenbummler spüren in Afrika musikalische Talente auf und machen sie international bekannt. Das kreative Herz des Projekts schlägt in einer Villa in Kampala.



Drei junge Erwachsene posieren vor einem roten Backsteingebäude. Der Mann links hält eine Posaune, der Mann in der Mitte sitzt auf einem Stapel Autoreifen und hält eine Trompete, die Frau rechts sitzt auf Baumstämmen und hält ebenfalls eine Trompete. Alle wirken entspannt und selbstbewusst.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 06/2024.

Ein Tonstudio mit einer Holztisch-Konsole im Zentrum. Auf dem Tisch befinden sich zwei große Lautsprecher, ein Laptop mit geöffnetem Bildschirm, diverses Audiotechnik-Equipment, ein kleines Keyboard und eine Tasse. Im Hintergrund ist ein farbenfroher Stoff mit geometrischen Mustern zu sehen. Die Atmosphäre wirkt konzentriert und professionell.

Aufstrebende Musikszene ein Tonstudio in der Villa in Kampala

• Irgendwann steht Aunty Rayzor nicht mehr auf der Bühne: Die Nigerianerin scheint über das Publikum zu gleiten, rappend, mit einem Mikro in der Hand. Bei dem Festival namens Nyege Nyege in der Stadt Jinja in Uganda, keine 200 Meter vom Victoriasee entfernt, tanzen an diesem Novemberabend 2023 rund 2.000 Menschen aus aller Welt ausgelassen vor der Open-Air-Bühne. Die Sonne ist schon untergegangen, die Hitze angenehm kühler Luft gewichen.

Als Aunty Rayzor in den hinteren Reihen ankommt, wird sichtbar, dass ein Mann mit hoher Stirn und Vollbart sie auf seinen Schultern durch die Menschenmenge getragen hat. Es ist Derek Debru, einer der beiden Gründer des Festivals. Die Szene steht sinnbildlich für seine Mission: lokale Musikerinnen und Musiker zu heben und sie dem Publikum näherzubringen.

Gemeinsam mit Arlen Dilsizian, der griechischer und armenischer Staatsangehöriger ist, hat der Belgier Debru in Uganda eine globale Musikmarke geschaffen. Die beiden Männer spüren lokale Talente auf, geben diesen oft in Armut lebenden Menschen die Möglichkeit, sich auf die Musik zu konzentrieren, neue Stile auszuprobieren und mit etablierten Künstlern aus Afrika, Europa, Asien und den USA zusammenzuspielen.

Die beiden Talentscouts haben mit Nyege Nyege Tapes und Hakuna Kulala zwei Labels gegründet, unter denen die Aufnahmen der weitgehend unbekannten Talente veröffentlicht werden; außerdem haben sie eine Bookingagentur ins Leben gerufen, die Auftritte der Künstler vermittelt – im Berliner Klub Berghain zum Beispiel oder auf dem Roskilde-Festival in Dänemark.

Auch Michail Stangl, Kurator des CTM in Berlin, einem der bedeutendsten Klubfestivals für Avantgarde-Musik in Europa, nimmt jedes Jahr Nyege-Nyege-Musiker mit ins Programm. Das, was Dilsizian und Debru in Uganda machen, sei außergewöhnlich, sagt er. „Sie sind davon getrieben, eine Idee zu verwirklichen.“

Dabei war das Musikprojekt Nyege Nyege (auf Luganda, einer der Landessprachen Ugandas, bedeutet das übersetzt „unzähmbarer Drang, zu tanzen“) nicht von langer Hand geplant. Dilsizian und Debru sind keine Geschäftsleute. Sie sind Weltenbummler, die sich für das Leben und die Kultur der Menschen im globalen Süden interessieren. Abenteurer, die ihrem Drang folgen, spannende Dinge zu erleben und, wohin auch immer es sie verschlägt, etwas aufzubauen.

Der Belgier Derek Debru ging 2008 nach seinem Wirtschafts- und Politikstudium in Brüssel nach Indien, um an der Asian Academy of Film & Television den Master zu machen. Dann zog es ihn nach Afrika – was vielleicht daran lag, dass er eine sehr enge Bindung zu seiner Großmutter hatte, die als Tochter einer Einheimischen und eines Franzosen in Burundi geboren worden war.

Debrus erste Station war die Elfenbeinküste, wo er mit Freunden eine Filmproduktion gründete. Als es dort im Jahr 2010 zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen kam, floh er nach Uganda. So berichtet er es im Videogespräch einige Wochen nach dem Festival, auf dem er Aunty Rayzor durchs Publikum trug.

Der 42-Jährige ist ein offener und zugewandter Mann. Arlen Dilsizian habe er, wie soll es anders sein, in einem Klub kennengelernt, erzählt er strahlend, und dabei verengen sich seine Augen unter den ohnehin meist halb geschlossenen Lidern zu Sehschlitzen.

Ein DJ steht in einem dunklen Club vor einem DJ-Pult und legt Musik auf. Er trägt eine gelbe Jacke und eine rote Kopfhörer. Vor ihm stehen und sitzen Menschen, die die Musik genießen. Im Hintergrund ist eine Bar mit dem Logo von Castle Lite zu sehen. Die Atmosphäre ist lebhaft und energiegeladen.
Ein Mann mit kurzgeschorenen Haaren sitzt in einem Bürostuhl vor einem Schreibtisch und blickt auf einen Computerbildschirm. Er trägt ein farbenfrohes Hemd und kurze Hosen. Ihm gegenüber steht ein weiterer Mann mit Dreadlocks, der ein schwarzes Tanktop trägt. Er scheint etwas zu erklären oder zu präsentieren. Der Raum ist klein und vollgestellt mit Kunstwerken, Technik und persönlichen Gegenständen. Es wirkt wie ein kreatives Arbeitszimmer oder Studio.

Nyege Nyege in Aktion: links DJ Kampire bei einem Auftritt, rechts Derek Debru, einer der Gründer des Projekts in der Villa

Vom Filmabend zum Festival

Seinen Mitstreiter lernte er im Jahr 2013 kennen. Debru organisierte damals in der Hauptstadt Kampala nächtliche Matatu-Touren von Klub zu Klub. Matatus sind Sammeltaxis mit bis zu 16 Sitzplätzen und in Uganda die wichtigste Form des öffentlichen Nahverkehrs. In einem der Klubs sei ihm unter den angetrunkenen Partyleuten der hagere Typ mit den feinen Gesichtszügen gleich aufgefallen. Man sei ins Gespräch gekommen, habe festgestellt, dass man nicht nur das Interesse an Afrika, sondern auch am Filmemachen teile, und gefeiert.

Arlen Dilsizian, 44, ist Grieche mit armenischstämmigen Eltern. Er hat Musikethnologie in Cambridge studiert und eine Leidenschaft für musikalische Traditionen kaum bekannter Kulturen. Um diese zugänglich zu machen, hat er in Cambridge eine Musikbibliothek mit aufgebaut. Später unterrichtete er Roma-Kinder in einem Bildungsprojekt der griechischen sozialistischen Partei Pasok, war Dozent für Soziologie an der Universität Jerewan in Armenien.

Nach Uganda kam er 2011, ein Freund hatte ihn für eine Dozentenstelle an der Universität Kampala empfohlen. Eigentlich, dachte er, wollte er nur zwei, drei Jahre bleiben, aber dann taten sich immer neue Projekte auf, zum Beispiel die Leitung der Kampala Film School. 2013, kurz nachdem er Derek Debru kennengelernt hatte, stellte er diesen als Dozenten ein, und gemeinsam organisierten sie wenig später wöchentliche Filmabende mit anschließender Party. „Das war sozusagen der Anfang“, berichtet Debru. Sie holten eine lokale Percussion-Gruppe dazu und kombinierten die computergenerierten Sounds der DJs mit traditioneller Trommelmusik. Dieser neue Stilmix sollte zu einem der Markenzeichen von Nyege Nyege werden.

Zunächst wurden die Partys immer größer, sodass sie bald darauf in stillgelegten Fabriken stattfanden, mit mehr als 500 Gästen. Irgendwann zogen sie sich über zwei Tage. 2015 organisierten Debru und Dilsizian mit ihren Ersparnissen in Höhe von etwas mehr als 30.000 Euro das erste Nyege-Nyege-Festival – in einem ehemaligen Ferienresort in Jinja, etwa zwei Autostunden von Kampala entfernt.

Die Stadt Jinja mit etwa 90.000 Einwohnern ist ein Touristen-Hotspot, von dort starten Safaris in den nahe gelegenen Urwald, Bootsfahrten auf dem Victoriasee und Rafting-Touren auf dem Weißen Nil. Zum ersten Festival kamen nur rund 500 Besucher. Es wurde ein finanzielles Desaster. Die Künstlergagen und die Kosten für Bühnenbau, Technik und Personal überstiegen die Einnahmen deutlich. „Wir hatten fast nichts mehr“, sagt Debru lächelnd.

Für ihn kein Grund, aufzugeben. Er sah, dass da etwas Bedeutsames entstanden war. Geld würden sie schon auftreiben. Dilsizian war skeptischer, ließ sich aber überzeugen. Denn das Festival war ein künstlerischer Erfolg, ohne es wären viele musikalische Talente unentdeckt geblieben. Ein knappes Jahr später gaben beide ihre Jobs an der Filmschule auf und gründeten das Label Nyege Nyege Tapes. „Wir spürten, dass die Stimmen der ostafrikanischen Musiker einen wichtigen Beitrag zum Austausch zwischen Nord und Süd geben können“, erklärt Debru.

Das Unternehmen ist für ihn zudem ein Gegenentwurf zur Entwicklungshilfe der reichen Länder. 2016 war er Co-Produzent des Films „N.G.O. – Nothing Going On“, eine böse Satire über das Geschäft mit Nichtregierungsorganisationen in Uganda, von dem, so die Botschaft, viele profitierten, nur die Hilfsbedürftigen nicht. Das Musiklabel soll Talenten ermöglichen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten – und vielleicht irgendwann genug zu verdienen, um die Wirtschaft in ihrem Land voranzubringen.

Uganda ist eines der ärmsten Länder der Welt. Rund 50 Millionen Menschen leben dort. Mehr als 60 Völker, mit eigener Sprache und eigener Kultur, außerdem knapp 1,5 Millionen Flüchtlinge aus den Krisenherden in der Nachbarschaft, vor allem aus der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan. Den Daten der Weltbank zufolge müssen mehr als 70 Prozent der Menschen in Uganda mit weniger als 3,65 Dollar am Tag auskommen.

Drei Musiker spielen in einem Studio. Im Vordergrund sitzt eine Frau auf einem Hocker und spielt Trompete. Sie trägt eine khakifarbene Hose und ein schwarzes Oberteil. Links von ihr steht ein Mann mit einer Posaune, rechts ein weiterer Mann mit einer E-Gitarre. Der Hintergrund ist dunkel, eine Wand ist mit einem bunten Muster in Pink- und Lilatönen dekoriert. Die Stimmung wirkt konzentriert und musikalisch.
Eine junge Frau mit Dreadlocks steht hinter einem DJ-Pult und legt Musik auf. Sie trägt ein blau-weiß gestreiftes Oberteil und Kopfhörer. Im Hintergrund ist ein beleuchteter Banner mit der Aufschrift "Castle Lite" zu sehen. Vor ihr befindet sich ein Publikum, das im Dunkeln kaum erkennbar ist. Die Szene wirkt wie eine Party oder ein Konzert in einer dunklen Umgebung.

DJ Kampire (r.) und Trompeterin Florence Lugemwa (l.) mit Ray Sapienz und Jacob Kintu bei einer Session im Tonstudio

Ein Land zwischen erzkonservativ und queer

Der autoritär regierende Staatspräsident Yoweri Kaguta Museveni ist seit 1986 im Amt. Uganda gilt daher politisch als vergleichsweise stabil. Gleichwohl gibt es gesellschaftliche Konflikte, speziell zwischen der erzkonservativen Landbevölkerung und der weltstädtischen Jugend in Kampala. In der bunten, teilweise queeren Nyege-Nyege-Community sehen christliche Eiferer den Verfall der Sitten. Wer bei homosexuellen Handlungen erwischt wird, muss schlimmstenfalls mit der Todesstrafe rechnen.

Auch das Festival, das seit 2015 siebenmal stattfand (2020 und 2021 fiel es wegen der Coronapandemie aus), wird von den Erzkonservativen mit Argwohn betrachtet. 2022 wollten sie es verbieten lassen. Debru und Dilsizian verhandelten tagelang mit Vertretern der Regierung, bis sie schließlich das Okay bekamen. Im vergangenen Jahr dann wurde Nyege Nyege sogar von der stellvertretenden Premierministerin Rebecca Alitwala Kadaga offiziell eröffnet. Mit neuer Offenheit hatte das allerdings nichts zu tun: Die Veranstaltung sorgt vielmehr für Devisen und Umsatz in Handel und Tourismus. Und habe eine starke ökonomische Wirkung, sagte Kadaga in ihrer Ansprache.

Die Besucher kommen überwiegend aus Uganda und den benachbarten Ländern Kenia und Tansania. Zudem reisen Tausende Menschen aus Europa an. Debru und Dilsizian wirtschaften inzwischen besser, die Einnahmen waren dennoch jüngst wieder kaum kostendeckend.

Insgesamt machen sie zwischen 500.000 und einer Million Euro Umsatz im Jahr. Ihre beiden Labels haben bis heute mehr als 100 Alben und EPs (kürzere Tonträger) veröffentlicht. Die Einnahmen aus Streaming und den Verkäufen von Tapes, Schallplatten und Musikdateien sind jedoch gering. Daher übernehmen die beiden Unternehmer auch das Management und das Booking für die Künstlerinnen und Künstler, die bei ihnen unter Vertrag stehen, und sorgen so dafür, dass diese weltweit Auftritte bekommen. 300 waren es im vergangenen Jahr. Gut 400.000 Euro nahmen die beiden dadurch ein.

Die Rapperin Aunty Rayzor aus Nigeria trat 14-mal auf – und erzielte mit ihrem Begleit-DJ 8.700 Euro Gage. Der Sänger Otim Alpha aus Uganda erhielt 9.500 Euro für acht, DJ Travella aus Tansania 13.700 Euro für 22 Konzerte.

Was als Sponti-Aktion begann, ist heute ein kleines, feines Unternehmen. Debru und Dilsizian haben vier Leute fest angestellt. Einzigartig ist, was sie für die Entwicklung unbekannter Talente tun. Großkonzerne wie Warner oder Sony nehmen Afrikaner meist erst unter Vertrag, wenn sie bereits Stars sind und mit ihnen Geld zu verdienen ist. Bei Debru und Dilsizian ist das anders. Letzterer sagt: „Wir veröffentlichen Musik nicht, damit sie sich gut verkauft, sondern weil sie ein kulturell wertvolles Artefakt ist, das es verdient, der Welt zu Gehör gebracht zu werden.“ Dilsizian ist in der Firma maßgeblich für das Programm zuständig und kombiniert dabei die traditionelle Musik Ostafrikas mit Hip-Hop und Elektronik.

Zwar gibt es europäische und amerikanische Independent-Labels, die auf Musik aus Afrika spezialisiert sind und einen ähnlichen Anspruch haben. Doch keins ist so nah dran an den Talenten wie Nyege Nyege. Und da kommt die sogenannte Villa ins Spiel.

Eigentlich ist sie nur ein zweigeschossiges Wohnhaus mit einem Innenhof und Garten in Bunga, einem ruhigen Viertel Kampalas. Das pink getünchte Gebäude beherbergte die Filmschule, bevor Debru und Dilsizian es anmieteten. Dort schlägt das Herz von Nyege Nyege. Vor teils grellbunt bemalten, teils mit filigranen schwarz-weißen Illustrationen überzogenen Wänden jammen Musikerinnen und Musiker Tage und Nächte durch. Etwa zehn Räume hat das Haus, darunter Schlafsäle für etwa 20 Personen und zwei Studios.

Viele Alben von Nyege Nyege Tapes und Hakuna Kulala sind dort entstanden. Das Besondere ist, dass die Künstler in der Villa nicht nur proben und aufnehmen, sondern auch wohnen. Manche zwei Wochen, andere ein Jahr oder sogar länger. Kostenlos.

Man teilt sich die Zimmer, isst gemeinsam, macht zusammen Musik. Wer mit der Studiotechnik nicht umgehen kann, bekommt Unterstützung. „In der Villa können die Talente ihren ästhetischen Horizont erweitern, mit neuen Sounds experimentieren und mit Musikern aus ganz Afrika arbeiten“, erläutert Dilsizian.

Das Haus steht nicht nur Afrikanern offen. Auch Musiker aus Deutschland, Japan oder den USA waren bereits für eine sogenannte Residenz da. Die Villa, sagt Christine Semba, Projektleiterin bei der World Music Expo, einer internationalen Messe für Musik aus dem globalen Süden, sei erfüllt von Energie.

Eine, die von diesem Klima profitiert hat, ist die Uganderin Florence Lugemwa. „Durch Nyege Nyege hat sich mein Leben komplett verändert“, erklärt sie. Die 29-Jährige versprüht große Lebensfreude. Eine Eigenschaft, die ihr half, eine schwierige Jugend zu überstehen. Geboren wurde sie in einem Dorf namens Mukono unweit von Kampala. Ihr Vater war tagsüber Taxifahrer und abends DJ. Durch ihn entwickelte sie eine Leidenschaft für Musik. In der Grundschule spielte sie dann die kleine Trommel in einer Marching Band.

Ihr Vater starb, als sie zehn Jahre alt war, ihre Mutter konnte sich nicht mehr um alle sechs Kinder kümmern. Als Älteste musste sie zu Verwandten ziehen. „Eine harte Zeit“, sagt sie. Irgendwann begann sie, Trompete zu spielen. Das Instrument stellte die Schule. Die verließ sie später ohne Abschluss, verdiente mit Gelegenheitsjobs in Restaurants etwas Geld. Sie lebte in Kampala in einem Slum, bekam einen Sohn, trennte sich kurz danach vom Vater.

In einer Kirchengemeinde erhielt sie die Chance, Kindern Musikunterricht zu geben, leitete die Marching Band. 2016 wurde sie Mitglied einer Reggae-Band und trat in dem Klub auf, wo Arlen Dilsizian sie spielen sah. Er engagierte sie und ihre Band für das Festival und brachte sie mit Jonathan Saldanha zusammen, einem portugiesischen Elektronik-Produzenten, bekannt unter dem Namen HHY, der damals in der Villa lebte. Lugemwa und Saldanha machten bald gemeinsam Musik. „Wir haben uns fast jeden Tag getroffen und Dinge ausprobiert“, erzählt Lugemwa. Nach fast zwei Jahren Arbeit war ein Album fertig. Es heißt „Lithium Blast“.

Auftritte in Europa folgten, die ihr ein Einkommen bescherten, von dem sie unter anderem drei Motorräder kaufte. Diese verleiht sie gegen Gebühr an Fahrer von Motorradtaxis. Lugemwa kann sich durch dieses Geschäft und ihre Gagen leisten, in einem guten Viertel zu leben. Außerdem hat sie mehr Zeit für ihr Herzensprojekt, mit dem sie 2015 startete: An einer Grundschule, an der sehr arme Kinder unterrichtet werden, gründete sie eine Schülerband. Lugemwa bringt den mehr als 20 Mitgliedern zwischen sechs und 20 Jahren das Trompetespielen bei. Sie sagt: „Vielleicht kann die Musik ihnen später weiterhelfen. So wie mir.“

Nicht alle Musikerinnen und Musiker, die bei Debru und Dilsizian unter Vertrag stehen, haben solchen Erfolg. Das drückt die Umsätze der Firma und treibt deren Gründer dazu, über Veränderungen nachzudenken. „Wir müssen wachsen, um zu überleben“, betont Dilsizian. In diesem Frühjahr reiste er nach Südamerika und Indien. Der Fokus von Nyege Nyege soll sich auf den gesamten globalen Süden ausweiten.

Der Output soll dadurch größer werden. Bis Mitte 2025 sei für beide Labels bereits ein Album pro Monat fest eingeplant. Außerdem soll ein weiteres Label dazukommen, das sich voll und ganz auf traditionelle afrikanische Musikrichtungen konzentriert. Von deren Wert will Dilsizian die Welt unbedingt überzeugen. ---

Eine junge, dunkelhäutige Frau sitzt entspannt und hält eine Trompete in ihren Händen. Sie trägt ein schwarzes Oberteil und eine olivgrüne Hose. Ihr Blick ist nach oben gerichtet und wirkt verträumt. Im Hintergrund ist eine farbenfrohe Wand mit einem Zickzack-Muster zu sehen.

Nyege Nyege hat ihr Leben verändert: Florence Lugemwa

Die Musikindustrie in Zahlen. Und eine Playlist

Rekordumsatz
Im Jahr 2023 erzielte die Musikbranche mit Tonaufnahmen weltweit einen Umsatz von 28,6 Milliarden Dollar. Ein neuer Rekord. Und das, obwohl Internet und Digitalisierung nach der Jahrtausendwende zunächst für Krisenstimmung sorgten. Bis 2014 sanken die Einnahmen kontinuierlich auf 13 Milliarden Dollar. Seitdem geht es bergauf.

Viele arbeiten mit
Alexander Endreß, Professor an der Popakademie in Mannheim und Leiter des Studiengangs Musikbusiness, spricht von einem „Wertschöpfungssystem“. Dazu zählen Labels, Vertriebe, Veranstalter, Streamingplattformen, Händler, Radiostationen, Rechtsanwälte, Hersteller von Tonträgern – die Liste ließe sich noch verlängern.

Und all diese Akteure wollen ein Stück vom Umsatzkuchen abhaben. Allerdings, so Endreß: „Diejenigen, die überhaupt dafür sorgen, dass mit Musik Geld verdient werden kann, nämlich die Musikerinnen und Musiker, bekommen verdammt wenig davon ab.“ Wie viel das ist, hängt von den individuellen Verträgen ab, die Künstler unter anderem mit ihren Labels oder dem Management schließen. Unterm Strich bleiben manchen 20 Prozent der Umsätze, anderen 80 Prozent.

Zu denen, die Künstlern bessere Deals anbieten wollen, gehört Henrietta Bauer, Vorstandsmitglied des Verbandes unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT) und selbst Inhaberin des kleinen Berliner Labels Bretford. Ähnlich wie Nyege Nyege und anders als viele Labels übernimmt sie für ihre Musiker auch das Management und das Booking. Weil sie mit einer Band in allen Bereichen zusammenarbeite, könnten die Künstler letztlich mehr Geld verdienen, sagt sie.

Streaming: Cashcow für wenige
Zwei Drittel des Umsatzes erzielte die Musikindustrie 2023 mit dem Streaming, 19,3 Milliarden Dollar. Das ist das Geld, das Spotify, Apple Music, Amazon Music und diverse andere Plattformen an die Labels ausschütten. Das Gros landet bei den großen drei des Musikgeschäfts: Universal, Sony Entertainment und Warner Music. Diesen drei Konzernen mit ihren Dutzenden Sublabels gehören 70 Prozent des Marktes. Sie können Spotify und Co die Konditionen für die Nutzung ihrer Musik diktieren.

Der Rest sind Tausende Independent-Labels weltweit. Sie haben das Nachsehen. Im November 2023 änderte der Marktführer Spotify seine Regeln für Ausschüttungen. Erst wenn ein Song auf mehr als 1.000 Streams in einem Jahr kommt, gibt es überhaupt Geld. Für viele Musiker abseits des Mainstreams heißt das: nichts.

Und auch wer über die Hürde kommt, erhält zumeist nicht viel. Im Jahr 2022 zahlte Spotify in Deutschland für einen Stream 0,34 Cent aus, hat das Web-Magazin »igroove« ermittelt (in einigen Ländern mehr, in vielen weniger). Für eine Million Streams sind das rund 3.400 Euro – eine Summe, die selbst viele relativ erfolgreiche Independent-Bands nicht erreichen.

Für einen Superstar wie Taylor Swift dagegen ist Streaming eine sprudelnde Geldquelle. Ihr Hit „Cruel Summer“ wurde bei Spotify allein bis Anfang Mai 2 Milliarden Mal abgespielt. Die Sängerin dürfte nur für diesen einen Song mehrere Millionen Euro kassiert haben.

Konzerte als Haupteinnahmequelle
Unter diesen Marktgegebenheiten sind für die meisten Musiker Konzerte die derzeit einzige Möglichkeit, substanziell Geld zu verdienen. Henrietta Bauer vom VUT schätzt, dass Indie-Bands heute in etwa 80 Prozent ihrer Einkünfte mit Konzerten erzielen – es sei für sie „die einzige Möglichkeit, übers Jahr zu kommen“.

Überblick
Weltweiter Umsatz mit Musikaufnahmen im Jahr 2023, in Milliarden Dollar: 28,6

Umsätze nach Geschäftsbereichen, in Milliarden Dollar:
Streaming: 19,3
Tonträger: 5,1
Aufführungsrechte: 2,7
Downloads und andere Digitalverkäufe: 0,9
Synchronisation*: 0,6

* Umsätze aus der Nutzung von Musikaufnahmen für Werbung, Film, Spiele und Fernsehen

Umsatzentwicklung im Jahr 2023 nach Regionen, in Prozent:
Subsahara-Afrika: +24,7
Lateinamerika: +19,4
Mittlerer Osten und Nordafrika: +14,4
Asien: +14,9
Australien: +10,8
Europa: +9,9
Nordamerika: +7,4

Marktanteile der Musiklabels im Jahr 2022, in Prozent:
Universal: 32
Sony Music Entertainment: 22
Warner Music Group: 16
Independent-Labels: 30

Quelle: Global Music Report 2023 der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI); „Music & Copyright“

Playlist: Nyege Nyege für Einsteiger
Zehn ausgewählte Titel, die Sie sich unter b1.de/nyege anhören können:

Phelimuncasi – I don’t feel my legs
MC Yallah – Sikwebela
Disco Vumbi – Didi at Night
Otim Alpha – Wilobo Lanyi
Authentically Plastic – Anti-Fun
Afrorack – African Drum Machine
HHY & The Kampala Unit – Hunter
DJ Travella – FL Beat
Aunty Rayzor – Nina
Duma – Lionsblood