Biogents
Gegen den Stich
Die Asiatische Tigermücke hat sich in Frankreich festgesetzt und könnte zu einer gefährlichen Plage werden. Ein Unternehmen aus Regensburg sagt dem Insekt den Kampf an.
• Ein Nachmittag in der Provence, es ist 30 Grad heiß, die Zikaden zirpen um die Wette. Zeit für den Mittagsschlaf. Nichts regt sich auf dem Ferienanwesen mit seinen Zypressen, alten Mauern und dem türkis schimmernden Pool.
Dann das Knistern von Autoreifen auf dem Schotter, es ist der schwere BMW von Hugo Plan, einem Manager der Regensburger Firma Biogents. Der Franzose ist gekommen, um ein Produkt zu präsentieren: Fallen, die dafür sorgen sollen, dieses Kleinod des gehobenen Provence-Tourismus vor einem gefährlichen Eindringling zu schützen – dem Aedes albopictus, besser bekannt als Asiatische Tigermücke.
Das Insekt ist klein, ungefähr einen halben Zentimeter groß, und verbringt sein kurzes Leben von vier bis sechs Wochen in einem Radius kleiner als ein Fußballfeld. Die Tigermücke fliegt nah am Boden. Mit dem Raubtier, von dem sie ihren Namen hat, hat sie außer den Streifen auf dem Körper nur zweierlei gemein: Sie nähert sich ihren Opfern geräuschlos und kann für den Menschen lebensgefährlich sein. Denn sie überträgt tropische Krankheiten wie Zika, Chikungunya oder Dengue-Fieber. Als eine der sich am schnellsten ausdehnenden und potenziell gefährlichsten invasiven Arten der Erde ist sie in vielen Ländern gefürchtet.
Hugo Plan, Mitte 30, hellblaues Hemd, läuft schnurstracks auf einen antik anmutenden Brunnen zu, springt auf den Sims, dann in das Gestrüpp dahinter und greift zur Mückenfalle am Boden. „Den Klebestreifen muss man mal wieder wechseln“, sagt Plan, als er ihn aus dem Inneren der Mückenfalle herausholt und gegen das Licht hält. Die klebrige Folie ist bedeckt mit gestreiften Mückenleichen.
Die Ferienunterkunft „Le Jas des Parpaillous“ in L’Isle-sur-la-Sorgue, in idyllischer Landschaft zwischen Avignon und Aix-en-Provence gelegen, ist Großkunde von Biogents. „Die Tigermücken sind zur Plage geworden“, sagt Patricia Moreau, die Besitzerin. Vor 20 Jahren hat sie das Anwesen gekauft und zur Ferienanlage umgebaut. Damals habe es hier so gut wie keine Mücken gegeben. Wann genau das mit den Tigermücken anfing, weiß die Unternehmerin nicht mehr. Nach und nach machte das Insekt das Leben anstrengender, beherrschte die Gespräche mit Nachbarn. „Draußen zu Abend essen oder Boule spielen wurde unmöglich“, sagt Moreau. „In weniger als einer Minute hatten wir 10, 15 Stiche.“
1.300 Euro kostet die Woche in der Hauptsaison in ihrer Unterkunft. Moreau kaufte Netze und Insektenschutzmittel. Sie ließ sogar einen kleinen Bambushain fällen, um den Mücken den Schatten zu nehmen. Kurz bevor sie vor etwa zwei Jahren in der Zeitung von Biogents las, dachte sie ernsthaft darüber nach, das Grundstück zu verkaufen. Nur dank der Fallen könnten die Gäste den Garten nachmittags überhaupt noch nutzen, so Moureau.
Die Tigermücke sei potenziell eine Bedrohung für den Tourismus in Südfrankreich, sagt Hugo Plan. „Es fährt ja schließlich niemand in den Urlaub, um dann den ganzen Tag drinnen zu bleiben.“ Seit vergangenem Jahr ist er im Vorstand von Biogents, pendelt zwischen seinem Wohnort Avignon und Regensburg. „Campingplätze, Hotels, Freizeitparks – alle suchen verzweifelt nach Lösungen.“
Frankreich ist besonders stark von der Plage betroffen. Zwar ist die anpassungsfähige Tigermücke inzwischen in weiten Teilen Europas zu Hause. Doch Forschungen haben ergeben, dass Deutschlands westliches Nachbarland mit seinem wärmeren Klima dem Eindringling ideale klimatische Bedingungen bietet. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten geht davon aus, dass die Expansion der Insekten durch den Klimawandel in Frankreich ungebremst weitergehen wird, während das immer trockenere und heißere Klima in Italien und Spanien die Mücke langfristig von einer Weiterverbreitung abhalten könnte.
Wie alle von der Tigermücke befallenen Regionen hat Frankreich dem Eindringling nur wenig entgegenzusetzen. Fast drei Viertel der Landesfläche haben die Insekten bereits bevölkert, besonders im Süden. Viele Menschen bekämpfen die Mücke mit Chemie. Die öffentliche Verwaltung setzt dagegen auf schonendere Verfahren, auch weil das Versprühen von Gift bei den Mücken zu Resistenzen führt.
Dutzende Kommunen sind Kunden bei Qista, einer französischen Firma, die statt Insektengift ähnliche Fallen anbietet wie Biogents. Und Hugo Plan berichtet, dass sein Arbeitgeber inzwischen auch viele öffentliche Kindergärten mit seinem Produkt beliefert.
Hugo Plan (l.), Manager der Firma Biogents, prüft eine Falle (r.), die den Garten eines Kunden von den kleinen Blutsuagern befreien soll
Großes Problem, gutes Geschäft
Gegründet wurde die Firma von den Biologen Martin Geier und Andreas Rose, die an der Universität Regensburg über Mücken forschten. Geier hat seine Doktorarbeit über das tropische Gelbfieber und die es übertragende Aedes egyptii, eine Verwandte der Asiatischen Tigermücke, geschrieben.Mit der Firma Biogents, einer Ausgründung aus der Universität, bot er zusammen mit seinem Kollegen Rose Auftragsforschung und -entwicklung auf dem Gebiet der umweltfreundlichen Mückenbekämpfung an. Die Fallen, die sie entwickelten, dienten anfänglich vor allem Wissenschaftlern aus aller Welt für die Erforschung der Insekten.
Irgendwann fiel den Unternehmern auf, dass in ihrem anfangs eher stiefmütterlich betriebenen Onlineshop immer mehr Menschen, die nicht der Wissenschafts-Community angehörten, Mückenfallen bestellten. Bessonders groß war die Nachfrage aus Frankreich. Die beiden Gründer gingen der Sache nach und entdeckten ihren Markt.
Geier erzählt, dass er von den Kollegen aus der Forschung belächelt worden sei, als er vor etwa zehn Jahren verkündet habe, die Fallen künftig zur Beseitigung ganzer Mückenpopulationen anbieten zu wollen. Heute verkauft Biogents zwei Modelle, beide sehen aus wie grauschwarze Bottiche mit Netzen und fangen weibliche Tigermücken.
Laut den Gründern steigt der Umsatz jährlich um etwa ein Drittel, 2021 waren es zwölf Millionen Euro. Ein Bruchteil des Marktpotenzials, glaubt Geier. „Es können auch 100 Millionen oder 500 Millionen Umsatz weltweit werden“, sagt er. „Es gibt Märkte, die noch gar nicht richtig angepackt wurden. Wie die USA, da haben wir gerade mal einen Webshop!“
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