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Vergesst die Einhörner

Warum der Mittelstand für den Umbau Deutschlands so wichtig wird – und was Zebras damit zu tun haben.



Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 03/2024.


„Es ist klar, dass diejenige Staatsgemeinschaft die beste ist, welche auf dem Mittelstande beruht.“
Aristoteles

Werden in Deutschland genug Unternehmen gegründet?

In den vergangenen 20 Jahren sind die Existenzgründungen von 1,46 Millionen auf 550.000 im Jahr 2022 gesunken. Im globalen Vergleich bleiben wir damit Mittelmaß.

Wie könnte sich das ändern?

Weder mithilfe der Goliaths, also der Konzerne und deren Ausgründungen, noch durch die weitere Förderung der sich fabelhaft inszenierenden Einhörner, also der schnell gewachsenen Start-ups mit Milliarden-Bewertung. Die einen können aufgrund von Kulturproblemen junge Firmen nur schwer integrieren, die anderen haben nicht selten ein Profitabilitäts- und auch Professionalitätsproblem.

Südtiroler Unternehmen kombinieren High-End-Technologie mit regionalen Rohstoffen und ermöglichen so eine zukunftsfähige Holzindustrie.

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Das Bild zeigt ein Logo mit einem schildförmigen Design und einer Bergkette im Hintergrund. Die Gebirgskette besteht aus verschiedenfarbigen Gebäuden, die eine lebendige und visuell ansprechende Szene bilden. Der Schriftzug "südtirol" ist prominent in der Mitte des Schildes angebracht und steht wahrscheinlich für den Namen oder Slogan des Unternehmens oder der Organisation, die mit dem Logo verbunden ist. Das Gesamtdesign ist einfach und doch auffällig, was es zu einem zugänglichen und effektiven Logo für eine Website macht.

Der Mittelstand hingegen – und hier vor allem die Nachfolge-Generationen – kann frischen Wind in die Gründungsszene bringen. Wir sehen zum Beispiel aus den aktuellen Studien des vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Mittelstandsnetzwerks RKW, dass der Mittelstand relativ wenig, aber effektiver als Konzerne mit Start-ups kooperiert. Das wiederum lässt darauf schließen, dass Start-ups und Mittelstand zusammen am wirksamsten zu sein scheinen.

Was heißt das konkret?

42 Prozent der 350 befragten Mittelständler der umsatzstärksten und wichtigsten Technologiebranchen arbeiten mit Start-ups zusammen – Tendenz steigend. Dabei geht es um die Erschließung neuer Technik, Produktinnovationen, ökologische Nachhaltigkeit, die Begegnung mit hoch qualifizierten potenziellen Arbeitskräften und um den Zugang zu neuen Märkten. Allerdings: Der Anteil von Entwicklungspartnerschaften, also der innovationsorientierten Form der Kooperation, ist von 20 Prozent auf 14 gesunken, obwohl fast drei Viertel der Unternehmen angeben, dass die Ziele der Zusammenarbeit vollständig oder weitestgehend erreicht wurden. Und 88 Prozent wollen diese Form der Kooperation weiter fortsetzen.

Gilt das auch für Familienunternehmen?

In den kommenden Jahren stehen zahlreiche Unternehmensübergaben auf die nächste Generation an. Gleichzeitig werden Unternehmen oder Teile an Dritte verkauft und diese Erlöse neu investiert – hier kommen Kapital, industrielle Erfahrung und Gründergeist zusammen.

Haben Sie ein Beispiel?

Prominente wie der Fußballprofi Mario Götze, der Heizungserbe Max Viessmann oder der Hellofresh-Gründer Dominik Richter haben in den Visionaries Club investiert, ein Venture-Capital-Fonds, der Familienunternehmer und Start-up-Gründer verbindet – insgesamt 600 Millionen Euro. Diese Transaktionen werden zunehmen, denn die Vermögen sind da und können produktiv investiert werden. Das erklärt auch den Erfolg vom Impfstoffentwickler Biontech, das Unternehmen ist eng mit den milliardenschweren Gründer-Brüdern Thomas und Andreas Strüngmann verbunden.

Das ist deswegen spannend für Deutschland, weil wir an die industrielle Kompetenz der vergangenen 70 Jahre anknüpfen können – im Silicon Valley und auch in weiten Teilen der chinesischen Digitalbranche verfügt man nicht über solche Erfahrungen.

Derzeit treffen bei uns Gründer auf Unternehmer und deren Nachfolger. Family Offices sollten in die Förderlogik der Gründungsfinanzierung noch stärker einbezogen werden. Das ist originär deutsch und kann europäisch ein Gegenmodell zu der kalifornischen Risikokapital-Szene werden.

Was macht die aktuelle Gründergeneration anders als die vorige?

Wir haben es bei den Firmenerben, aber auch bei den klugen und engagierten Aufsteigerkindern mit einer neuen Gründergeneration zu tun, für die wiederum ein Tier steht, das Zebra. Es symbolisiert Profit (schwarz) und Purpose (weiß). Die Firmen engagieren sich für Technik, die die Umwelt und das Klima schützt oder Städte lebenswerter macht. Das Zeitalter der werbebasierten Endkonsumenten-Spielereien der bisherigen Big-Tech-Unternehmen könnte damit vorbei sein – oder zumindest in erwachsene und wirksame Anwendungen überführt werden.

Und was ist mit den Frauen? Sind die nicht nach wie vor unterrepräsentiert in der Gründerszene?

Absolut, und leider wieder zunehmend: 85 bis 90 Prozent der Investitionen fließt in Gründungen mit rein männlichen Gründungsteams, lediglich 2,4 Prozent der Investitionen gehen an Gründungen von Frauen. Aber dafür legen deutsche Investorinnen jetzt ordentlich los und sind hoffentlich erfolgreicher als die sich selbst reproduzierenden Männerbünde.

Welche sind die größten Hürden für junge Firmen: Bürokratie oder fehlende Finanzierung?

In Neuseeland dauert eine Unternehmensgründung vier Stunden, in Deutschland eine Ewigkeit: Gewerbeamt, Finanzamt, Handelsregister, IHK, Berufsgenossenschaft, Arbeitsagentur, Bank und so weiter. Aber wer wirklich Unternehmer werden will, lässt sich davon nicht abhalten. Von fehlender Finanzierung schon eher: Im Jahr 2021 wie auch in den Vorjahren waren nahezu gleichbleibend rund die Hälfte Eigenmittel, ein Drittel Bankkredite und ein Achtel Fördermittel. Da gibt es Handlungsbedarf.

Welche Rolle hat dabei der Staat?

Seit der Jahrtausendwende fördert er in zwei Richtungen: zum einen durch die Verbindung von Unternehmen und Wissenschaft, zum anderen über den Kapitalmarkt. Für den Mittelstand gibt es zudem seit nunmehr 15 Jahren das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz: mit aktuell mehr als 600 Millionen Euro jährlich.

Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat mit einer Expertenkommission die Wagniskapital-Investitionen analysiert. Demnach verdoppelte sich zwar deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 2020 auf 2021 auf 0,111 Prozent. Aber: Spitzenreiter Finnland liegt mit 0,32 Prozent fast dreimal so hoch, auch Dänemark und Niederlande investieren mit 0,24 beziehungsweise 0,22 Prozent mehr. Nun wurden vom Bundeswirtschafts- und vom Bundesfinanzminister in seltener Einigkeit 1,75 Milliarden Euro zusätzliche Mittel aus dem Zukunftsfonds freigegeben – wieder für junge, innovative Unternehmen.

Wie kann es besser werden?

Durch ein Vorbild, das auch das Silicon Valley nach vorn gebracht hat: die Defense Advanced Research Projects Agency. Diese Behörde des Verteidigungsministeriums der USA wurde 1957 für die Förderung von Forschungsprojekten vor allem der Streitkräfte begründet. Daraus entstanden unter anderem Internet, GPS, Basistechnologie für Autonome Systeme, aber auch Siri von Apple. Das Budget für staats-unternehmerische Investitionen liegt heute bei vier Milliarden Euro.

Weitblick für die Holzindustrie

Südtiroler Unternehmen beweisen, dass Innovation und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen: Mit KI, Computertomografie und Röntgen machen sie die Qualität von Holz sichtbar, reduzieren Ausschuss und steigern so die Effizienz. Mit Pioniergeist aus Südtirol entstehen Lösungen, die immer wieder neue Maßstäbe in der Holzverarbeitung setzen.

suedtirol.biz

Lässt sich das einfach auf hiesige Verhältnisse übertragen?

Immerhin wurde als erster kleiner Schritt die Bundesagentur für Sprunginnovationen mit eher bescheidenen 150 Millionen Euro sowie deren Schwester für Innovation in der Cybersicherheit begründet. Auf europäischer Ebene haben wir etwas Ähnliches mit der Joint European Disruptive Initiative. Zudem beginnt nun die Deutsche Agentur für Transfer und Innovation mit der Förderung von Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Das Budget von derzeit 35 Millionen soll bis 2026 voraussichtlich auf 250 Millionen Euro steigen. Das könnte Bewegung in die Gründerszene bringen.

Community statt geniale Erfinder?

Genau. Das alles sind Zusammenschlüsse von Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und dem öffentlichen Sektor mit einem gemeinsamen Ziel, einem regionalen Kern, aber internationaler Vernetzung. Das ist eine für Deutschland wichtige Umstellung von isolierter Technik für Maschinen und Produkte hin zu einem lernenden ökosystemischen Lösungs- und Leistungsangebot. Dies wird auch durch sogenannte Real-Labore umgesetzt, in denen sich Mittelstand und Gründungen zu Hause fühlen.

Der Staat könnte mit Beteiligungskapital sowohl privates Risikokapital ermutigen und für politisch gewollte Innovationen aktivieren als auch durch die Unternehmensbeteiligung Kapital für spätere gemeinwohlorientierte Projekte sammeln.

Innovationsmanagement wird damit auch zu einem Management der Innovationen Dritter – und damit zu einer Verbindung von Akteuren, neuen Techniken, Geschäftsmodellen und Finanzierungen. ---

Stephan A. Jansen ist Professor für Management, Innovation und Finanzen an der Karlshochschule Karlsruhe sowie an der Universität der Künste Berlin und Partner der Sozietät Das 18te Kamel & Komplizen in Berlin, Hamburg und Wien.

brand eins Innovationstour in Südtirol 2026 🏔️

Im Herbst 2026 wird brand eins mit Unternehmerinnen und Unternehmern nach Südtirol reisen. Im Vordergrund stehen dabei Gespräche mit den Südtiroler Veränderern in ihren Unternehmen.

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Südtirol zum Anhören 🎧

Im brand eins Podcast haben wir Südtirol besucht. Wie kann man die Landwirtschaft retten, wenn sich das Klima ändert? Wie baut man nachhaltige Häuser in wenigen Tagen auf? 

Zur Podcast-Folge

Die zweite Folge wird am 17.6. veröffentlicht.