Emanzipation dank Schreibmaschine
Wie gelingt Fortschritt? Indem eine Gesellschaft Probleme löst und daraus lernt, sagt die Sozialphilosophin Rahel Jaeggi.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 08/2024.
brand eins: Frau Jaeggi, die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag dem Fortschritt verpflichtet, stattdessen muss sie auf immer neue Krisen reagieren. Ist das typisch für eine Zeit, in der Krisenmanagement und Durchwursteln die großen Visionen ersetzt haben?
Rahel Jaeggi: Durchwursteln und Fortschritt sind nicht unbedingt Gegensätze. Fortschritt entsteht durch die Bewältigung von Problemen. Und die sind nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. In meiner Definition ist Fortschritt nichts anderes als ein sich anreichernder Erfahrungs- und Problemlösungsprozess: Wir lernen, Probleme zu bearbeiten. Und wir lernen aus den Erfahrungen, die wir dabei machen. Die Komplexität dieser Prozesse hat sich allerdings stark erhöht, weil sich heute diverse Krisen gegenseitig verstärken.
Ohne Krisen kein Fortschritt?
Von Krisen kann man lernen. Das gilt schon für die einfachsten, alltäglichen Formen des Lernens: Man lernt, was man tun muss, um ein Problem zu lösen. Das gilt ähnlich auch für gesellschaftliche Entwicklungen. Ein sich anreichernder Problemlösungsprozess wäre einer, in dem man aus dem Lernen lernen kann. So etwas wie eine fortschreitende Reflexivität, die es ermöglicht, die Probleme in ihren strukturellen Ursachen besser zu verstehen und entsprechend zu handeln.
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Er ist Teil unserer Ausgabe 25 Jahre brand eins