Privatlehrer für alle
Einst galt das Lernen als Privileg der Jugend. Heute fällt es auch Erwachsenen so leicht wie nie – dank neuer Technik. Ein Selbstversuch.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 08/2024.
• Als ich neulich in Brüssel war, dachte ich mal wieder: Schade, dass ich kein Französisch spreche, obwohl ich es etwa fünf Jahre lang in der Schule hatte. In meiner jugendlichen Ignoranz tat ich damals alles dafür, möglichst effizient um das Lernen herumzukommen.
Als Erwachsener unternehme ich alle paar Jahre einen halbherzigen Versuch, mir noch Französisch anzueignen. Mein jüngster liegt schon einige Jahre zurück: An der Uni machte ich Sprachkurse, konnte mich aber kaum motivieren. Man muss schon einen eisernen Willen mitbringen, um in seinem stillen Zimmer zu sitzen und Vokabelkarten zu schreiben.
Doch als ich in Brüssel so komplett sprachlos war, beschloss ich, einen neuen Anlauf zu nehmen, und lud Duolingo herunter, eine App zum Sprachenlernen. Man kann sie kostenlos nutzen und sich mit Werbung bombardieren lassen, aber ich investierte 14,99 Euro in das Monatsabo.
Es gibt etliche Apps, die Ähnliches versprechen. Duolingo ist mit rund Hundert Millionen aktiven Nutzern weltweit am weitesten verbreitet. Das liegt vielleicht daran, dass der Anbieter das Konzept, dem all diese Apps folgen, radikalisiert hat.
Wie ein Privatlehrer hält mich die App bei Laune. Das Maskottchen, eine aufgedrehte grüne Eule, lobt durchgehend, wie fantastisch meine Performance sei. Selbst als ich mir erst beim siebten Versuch endlich merke, dass Mantel manteau heißt, ist sie begeistert. Wenn ich zum Beispiel eine Lektion nach 22 Uhr abschließe, verleiht sie mir als Lohn für die Spätschicht ein Abzeichen – so wie eine Lehrerin in der Grundschule Lob für Selbstverständlichkeiten und Fleißbienchen für gemachte Hausaufgaben verteilt.
Bei Duolingo dreht sich alles um den Streak: die Zahl der Tage, die ich am Stück gelernt habe. Wenn ich kurz davor bin, meinen Streak zu verpassen, sendet die App mir vorwurfsvolle Erinnerungen.
Mit den Sprachkursen während des Studiums war es immer so gelaufen: Einmal die Woche setzte ich mich mit dreißig Menschen in einen Raum und ließ mich von einer Lehrerin abfragen, einschätzen und motivieren. Zu Hause quälte ich mich dann vielleicht durch ein, zwei Arbeitsblätter, bevor ich die Lust verlor. Bei der App dagegen steht mein jubelnder Lehrer bei jeder Trainingseinheit bereit. Obwohl kein Mensch mehr involviert ist, fühlt sich das Lernen trotzdem weniger einsam an. Ich lerne nicht vor mich hin, sondern habe das Gefühl, angeleitet zu werden.
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Er ist Teil unserer Ausgabe 25 Jahre brand eins