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Naue

Eine ostwestfälische Firma hat für ihre Vliesstoffe einen besonderen Einsatzort gefunden: Gletscher.



Ein Mann in einem dunklen Anzug hält eine Handvoll weissen Flaum in seinen Händen. Er scheint die Beschaffenheit des Materials zu prüfen. Der Hintergrund ist unscharf und zeigt einen Innenraum.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 08/2024.

Ein Mann in einem dunklen Anzug steht selbstbewusst vor einer großen, komplexen Maschine in einer hellen Industriehalle. Die Maschine nimmt den größten Teil des Bildes ein und wirkt technisch und imposant. Der Mann scheint die Kontrolle über die Umgebung zu haben.

Alexander Naue vor einer Maschine, in der der neue Vliesstoff entsteht

• Besonders spektakulär sieht seine neue Erfindung nicht aus. Ein Vliesstoff in Weiß. Alexander Naue ist trotzdem stolz darauf. Warum? Er zeigt ein Foto auf seinem Handy: Man sieht eine gut drei Meter hohe Eissäule, auf der oben der Stoff ausliegt, während alles Eis drumherum abgeschmolzen ist. Das Bild hat einer seiner Mitarbeiter am Stubaier Gletscher aufgenommen.

Die Alpengletscher schmelzen. Jahr für Jahr verlieren sie an Masse, trotz der regelmäßigen Eisbildung im Winter. Fachleute gehen davon aus, dass die meisten Alpengletscher bis 2100 verschwunden sein werden. Diese Entwicklung erhöht nicht nur das Risiko für Erdrutsche, weil die aufgetauten Böden instabil werden, sondern führt auch zu Dürren und verwandelt artenreiche Gletschertäler in Gesteinswüsten. Zudem können Skilifte und Berghütten durch das Schmelzen des sie umgebenden Eises ins Rutschen geraten.

Naues Firma, die diesen Prozess verlangsamen will, hatte bis vor Kurzem nichts mit den Alpen zu tun. Sie befindet sich im ostwestfälischen Fiestel, einem Dorf zwischen Hannover und Osnabrück, umgeben von Feldern, Äckern und Höfen. Naue, 53, leitet das gleichnamige Unternehmen mit seinem Cousin Sebastian und einem weiteren Geschäftsführer. Im Jahr 1954 von seinem Großvater als Autozulieferer gegründet, ist Naue inzwischen mit 500 Beschäftigten, drei Werken in Deutschland und einem in Malaysia Weltmarktführer für Geotextilien im Wasser- und Verkehrswegebau. Der Umsatz betrug im Jahr 2022 knapp 140 Millionen Euro.

Vor etwa vier Jahren entdeckten die Ostwestfalen dann den Gletscherschutz für sich. Es war eine Art glücklicher Zufall.

Die Firma stellt Produkte für den Bau von Bahntrassen, Tunneln, Straßen oder Bergwerken her, darunter Vliesstoffe und Dichtungsbahnen, die mitunter mehr als hundert Jahre halten. Mal sollen sie Erosionen verhindern, mal das Grundwasser schützen. Überall, wo gegraben wird, sei man nicht fern, so Alexander Naue.

2015 beschloss die Geschäftsführung, ein biobasiertes und biologisch abbaubares Vlies aus Naturfasern zu entwickeln. Denn in den Medien häuften sich Berichte über die Gefahren von Mikroplastik. Es treibt im Meer, findet sich auf Äckern, an Straßenrändern, selbst im Eis der Arktis. Es gelangt in die Körper von Tieren und über diese in die von Menschen.

Das meiste Mikroplastik gelangt durch Reifenabrieb, Kosmetika, Textilwäsche oder Plastiktüten in die Umwelt. In der Debatte um dessen Reduktion sah Naue eine Chance für eigene ökologischere Produkte als die bisher eingesetzten synthetischen Vliesstoffe. Sein Vorteil dabei, sagt er: „Als Familienunternehmen müssen wir nicht von Quartal zu Quartal denken. Wenn der Return in zehn Jahren kommt, ist das okay.“

Die Suche nach einer geeigneten Naturfaser – die meisten schwanken in ihrer Qualität zu stark für einen Vliesstoff – dauerte etwa zwei Jahre. 2017 entdeckte Henning Ehrenberg, im Unternehmen für Qualitätsmanagement und -sicherung zuständig, bei einer Messe am Stand des österreichischen Faserherstellers Lenzing dann Cellulosefasern. Die sehen aus wie synthetische Fasern, verrotten aber von selbst.

Zwei Wochen später begann die Kooperation beider Firmen. „Seither kostet es Geld“, erklärt Naue, „und da reden wir von mehreren Millionen Euro.“ Denn es habe viele Monate gedauert, die Cellulosefasern zu einem Vlies zu verarbeiten. Wattige Faserballen müssen dazu aufgelockert und in einer meterhohen Anlage über diverse Walzen zu einem dünnen Flor verarbeitet werden, der wiederum mithilfe von Nadelbrettern vermascht, also zu einem engen Geflecht weiterverarbeitet wird.

Das Ökovlies hält je nach Temperatur und Bodenorganismen bis zu fünf Jahre lang. Theoretisch könne man es sogar essen, berichtet Naue.

Das Interesse von Unternehmen aus der Bauwirtschaft an dem neuen Vlies ist dennoch verhalten, weil dieses das Doppelte der synthetischen Variante kostet. Nur beim Bau von temporären Wegen – etwa um Windräder zu errichten – ist es inzwischen verbreitet. In diesen Fällen ist das Ökovlies billiger als konventionelle Straßenbaumethoden mit anschließendem Rückbau der temporären Wege.

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