Kopf und Kraken
Der Oktopus hat viele Feinde und keine Waffen – und ist trotzdem erfolgreich. Wir könnten eine Menge von ihm lernen.

• Der Oktopus hat kein Rückgrat, keinen Schutzpanzer, keine Krallen oder Zähne. Sein Sexualleben ist tragisch, sein Tod stets nah. Er ist nicht besonders schnell und daher eigentlich chancenlos. Trotzdem hat er die vergangenen 330 Millionen Jahre inklusive Eiszeiten, Meteoriten-Einschlägen, Hitzewellen und Homo sapiens prima überlebt. Und obwohl jedes Jahr etwa 150 Millionen Kraken von Menschen gefangen und verspeist werden, denkt der Oktopus gar nicht daran auszusterben, sondern vermehrt sich rasant. Zeit für einen Blick auf vier Kapitel Kraken-Strategie.
1. Mach das Beste draus!
Seinen Erfolg verdankt er ein paar Eigenschaften, die man dem glibberigen Kopffüßler kaum zutraut.
Er ist effektiv: Nachwuchs zeugt er nur einmal im Leben. Dann aber richtig. Unter 100.000 Kindern tut er es nicht. Er flutet den Markt. Dafür reicht das Männchen mit einem seiner acht Arme der Krakendame ein Spermapäckchen, das diese in einer Körpertasche verstaut, bis ihr die Zeit reif erscheint für die Fortpflanzung.
Er beherrscht das Timing: Es kann Monate dauern, bis alle Umwelt- und Marktbedingungen optimal für die neue Krakengeneration sind. Dann erst greift die Oktopusdame in ihr Samensäckcken und leitet die Befruchtung der Eier ein.
Er ist aufgabenorientiert: Um keine weiteren Ressourcen zu vergeuden, scheidet der männliche Oktopus direkt nach der Samenspende aus dem Leben. Der weibliche Oktopus hängt noch schnell seine 100.000 Eier in die Unterwasserhöhle, beschützt diese, bis sie schlüpfen, und stirbt dann auch.
Er ist hochintelligent: Oktopoden schrauben Gläser auf, bauen sich Behausungen aus Muscheln, lösen komplexe Aufgaben und erkennen Menschen wieder. Bei Intelligenztests schummeln sie. Während andere Tiere zum Beispiel gern den Weg durch ein Labyrinth suchen, um an das Leckerli auf der anderen Seite zu kommen (aus ihrer Performance wird der IQ errechnet), quetscht sich der Oktopus zum Belohnungs-Shrimp durch die kleinste Lücke im Versuchsaufbau. „Wo sein Augapfel durchpasst“, sagt der Neurophysiker und Oktopusforscher Andreas Neef von der Universität Göttingen, „passt sein ganzer Körper durch.“
Er ist ein Optimierer: „Eigentlich“, sagt der Kulturwissenschaftler André Krebber vom Oktolab, ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Universitäten Kassel und Tasmanien, „hat der Oktopus in der Evolution immer wieder Sackgassen gewählt“. Sein schutz- und knochenloser Wabbelkörper, sein wenig effektives Antriebssystem mit Wasserdüsen, sein großes Genom. „Aber er macht das Beste draus. Der Oktopus gehört zu jenen Spezies, die vermutlich positiv aus dem Klimawandel rauskommen, deshalb öffnet er Imaginationsräume und fasziniert uns so.“
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Er ist Teil unserer Ausgabe 25 Jahre brand eins