Heute Bauernhof. Morgen Labor
Fleisch aus dem Bioreaktor gilt als wichtiger Baustein für die Ernährung der Zukunft. Ein Rinderzüchter aus den Niederlanden rüstet daher um – von Biofleisch auf Biotech.
• Braune Kälber stecken ihre Köpfe durch die Stahlstäbe, als Leon Moonen vor ihnen Heu regnen lässt. Wo die Tiere gerade fressen, um zu wachsen, sollen sich nächstes Jahr nur noch ihre Zellen vermehren. In Bioreaktoren. Der niederländische Landwirt zeigt auf die Wand gegenüber: „Hier wird es einen Kontrollraum geben, zur Überwachung der Produktion.“ Sein Blick wandert immer wieder zum Handy. Er gleicht ab: Stimmt das, was er sagt, mit dem digitalen Entwurf überein? Nein, er dreht sich ruckartig in die andere Richtung. „Kontrollraum hier, daneben die Hygienekammer.“ An der Rückwand des Gebäudes, das halb Stall und halb Scheune ist, werden die Bioreaktoren stehen, in einem Raum aus Glas. „Dort hinten kommen die Kühlschränke für das fertige Fleisch hin.“ Sein Kopf weist in eine Ecke voller Gerümpel: Seile, die von Regalen hängen, aufgerissene Tüten mit Futter, leere Plastikflaschen, dreckige Eimer, Paletten, daneben ein knallroter Traktor.
250 Quadratmeter Stall, der nach Kuhmist stinkt. Kann das ein steriles Labor werden? Moonen will es ausprobieren. Er will der erste Kulturfleischbauer der Welt werden.
Kultiviertes Fleisch ist eine Innovation der zellulären Landwirtschaft. Lebenden Tieren werden per Biopsie Stammzellen entnommen, örtlich betäubt an Schulter und Hinterteil. In einem eiweißreichen Nährmedium werden diese dann zu Muskel- oder Fettgewebe herangezüchtet. Für die richtigen Bedingungen sorgen Fermenter, ähnlich wie beim Bierbrauen. Das erfordert weniger Rinder, Futter, Land und Wasser.
Allerdings steigt der Energieverbrauch. Denn die Fermenter müssen auf 37 Grad Celsius erwärmt werden, damit die Zellkulturen, die in einem Gemisch aus Wasser, Protein und Zucker schwimmen, wachsen. Wie im Kuhleib. Auch die Herstellung dieser Nährstoffe ist energieintensiv. So müssen beispielsweise Aminosäuren aus Soja oder Erbsen und Glukose aus Mais oder Weizen gewonnen oder biochemisch hergestellt werden.
Leon Moonen auf seinem Hof in Noord-Brabant. Den geplanten Umbau hat er bereits vor Augen. Die Illustration der Firma Mosa Meat (unten) zeigt, wo er den Rindern Gewebe entnehmen wird
Umweltbilanz
Die Kultivierung eines Kilogramms Rindfleisch benötigt 36,4 Prozent mehr Strom als die konventionelle Herstellung. Um den CO2-Ausstoß gering zu halten, muss also erneuerbare Energie zum Einsatz kommen. Zum Vergleich:
– 4 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm Zellfleisch entstehen, wenn es mit erneuerbarer Energie produziert wird
– 14,3 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm Zellfleisch entstehen, wenn es mit fossiler Energie produziert wird
– 39,8 bis 98,6 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm Rindfleisch entstehen, wenn es konventionell produziert wird (je nach Effizienz des Betriebs)
Dass konventionelles Rindfleisch trotz eines geringeren Energiebedarfs eine höhere CO2-Bilanz hat, liegt am Treibhausgas Methan. Die Berechnungen stammen aus der Studie „Ex-ante life cycle assessment of commercial-scale cultivated meat production in 2030“ des niederländischen Instituts CE Delft. Diese beruht auf empirischen Daten von Firmen der Branche und geht von einem industriellen Maßstab aus. Finanziert wurde sie von CE Delft, der Tierschutzorganisation Gaia und dem Thinktank Good Food Institute.
2023 arbeiteten 174 Start-ups an kultivierten Fleisch- und Fischprodukten im größeren Maßstab, heißt es im aktuellen Branchenreport des Thinktanks Good Food Institute. Zwischen 2013 und 2023 haben die Firmen 3,1 Milliarden Dollar von privaten Investoren erhalten, 83 Prozent davon in den vergangenen drei Jahren. Leonardo DiCaprio und Google-Mitgründer Sergey Brin etwa investieren in Mosa Meat aus Maastricht, gegründet von Mark Post, der der Welt 2013 den ersten kultivierten Burgerpatty präsentierte. Die PHW-Gruppe, Mutterkonzern von Wiesenhof, und der Schweizer Handelsriese Migros finanzieren das israelische Start-up Super Meat. Der Yahoo-Mitgründer Jerry Yang unterstützt Eat Just aus den USA. Dessen Geschäftsführer Josh Tetrick sagte dem Magazin »The Atlantic« 2017: „Wir sind ein Techunternehmen, das zufällig mit Lebensmitteln arbeitet.“
Es scheint, als habe das Fleisch der Zukunft wenig mit Landwirtschaft zu tun. Dabei findet sich auf Bauernhöfen alles, was dafür gebraucht wird: Tiere als Zellspender, Flächen für den Anbau der pflanzlichen Zellnahrung und für erneuerbare Energien. Und, nicht zu vergessen, Fachkräfte mit Erfahrung in der Lebensmittelproduktion, die rund um die Uhr vor Ort sind – und denen Verbraucher vertrauen.
Wo es hakt? „Es wird viel zu wenig mit den Landwirten geredet. Das Ganze wird als Tech-Start-up-Großstadt-Idee abgetan“, sagt Jens Tuider, Leiter der globalen NGO ProVeg, die sich für die Transformation des Ernährungssystems einsetzt. Statt Vorschriften brauche es Austausch auf Augenhöhe – und Praxisbeispiele. Wie Leon Moonens Hof.
Moonen ist Rinderzüchter in dritter Generation. Er hat einen kleinen, naturnahen Betrieb
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe 25 Jahre brand eins