Supersense
Der realistische Träumer
Florian Kaps bewahrte Polaroid vor dem Untergang. Dass die legendäre Fotofirma ihn später feuerte, motivierte ihn zu einem noch unmöglicheren Vorhaben.
„Beginne kein Projekt, wenn es nicht wirklich wichtig und so gut wie unmöglich ist.“Edwin Land, US-amerikanischer Industrieller und Polaroid-Erfinder
• Zwei Jahre, nachdem er 180.000 geliehene Euro in eine Technik gesteckt hatte, an die niemand mehr glaubte, und eine Fabrik gerettet hatte, die niemand mehr wollte, und wiederum wenige Monate, bevor ihn eben diese Firma vor die Türe setzte, machte Florian Kaps eine unbezahlbare Erfahrung: Er scheiterte.
Kaps, ein 55-jähriger Wiener, den alle nur Doc nennen, seit er mit einer Doktorarbeit über die Augenmuskeln amerikanischer Jagdspinnen promovierte, hielt in jenen Tagen einen Packen Instant-Fotopapiere in der Hand. Produziert hatte sie die ehemalige Polaroid-Fabrik im niederländischen Enschede, die als letzte ihrer Art abgewickelt worden wäre, hätte Kaps sie nicht dem kriselnden Kamerahersteller abgekauft. * Das war 2008, ein gutes Jahr, nachdem Steve Jobs der Welt das iPhone präsentiert hatte. Sofortbild-Fotografie galt damals als so altmodisch wie Langspielplatten oder mechanische Uhren: Produkte, deren Zeit abgelaufen war. Mit der ihm eigenen Mischung aus Ironie und Idealismus gab Kaps seinem Vorhaben daher den Namen The Impossible Project. **
Das Projekt schien nicht nur deshalb unmöglich, weil Kaps, der bis dahin sein Geld mit dem Verkauf abgelaufenen Polaroid-Materials gemacht hatte, über keinerlei Erfahrung als Fabrikant verfügte. Sondern auch, weil der Chemikalien-Mix, der sich im weißen Rahmen von Polaroids verbarg und die Bilder aufs Papier zauberte, nicht mehr hergestellt wurde. Kaps’ Team in der Enscheder Fabrik musste daher seine eigene Formel finden, und die Resultate waren auch nach Monaten des Experimentierens niederschmetternd. Auf den Belichtungen dauerte es mehr als 30 Minuten, bis ein schummriges Bild erschien. Dessen Konturen waren oft bizarr verzerrt, die Farben auf ein eigenartiges Sepia reduziert. Dafür kosteten Kaps’ Sofortbilder in Zeitlupe dreimal so viel wie früher die Polaroid-Filmpacks.
„Die Polaroid-Kunden von früher haben unser Material gehasst“, sagt Kaps, dem es auch nicht viel half, dass er persönlich diese Zufallsprodukte als „künstlerisch wahnsinnig interessant“ empfand. 2013 feuerte ihn der schwerreiche Investor, den er an Bord des Impossible Project geholt hatte. Kaps verließ die Firma mit leeren Händen und einer lebensverändernden Beobachtung: Zwar verachteten ältere Polaroid-Fans seine Produkte – jüngere Leute aber, die das Sofortbild-Medium nur aus Erzählungen kannten, fanden es überraschenderweise interessant, mit kastigen Kameras analoge Bilder zu produzieren, die sich anfassen, weiterreichen und sogar riechen lassen. Kaps sah es an seinen drei Kindern, denen er Polaroid-Kameras geschenkt hatte: „Erst waren sie enttäuscht, denn natürlich wollten sie lieber iPhones. Nach einiger Zeit aber waren iPhones langweilig und die Kids mit den Sofortbildkameras cool.“
Was aber bedeutet es, wenn ausgerechnet die Generation iPhone auf analoge Kameras steht? Oder, größer gefragt: Was macht es mit dem Fünf-Sinne-Wesen Mensch, wenn sich sein Alltag größtenteils vor zweidimensionalen Bildschirmen abspielt? Fehlt uns da etwas?
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Er ist Teil unserer Ausgabe 25 Jahre brand eins