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Editorial

Die nächsten 25 Jahre brand eins

Ein kurzer Rückblick und eine lange Aussicht.



Schwarze Schrift auf weißem Hintergrund. Der Text lautet "ganze oder gar nicht". Es handelt sich um eine handschriftliche Darstellung.

• Niemand hatte damit gerechnet, dass dieses Magazin mit den seltsamen Ideen, das eine kleine Redaktion vor 25 Jahren in die Welt gesetzt hat, länger als zwei, drei Jahre leben würde. Oder dass sich diese Ideen gar bewahrheiten würden: Wissen sollte als Produktivfaktor wichtiger werden als Arbeit und Kapital? Arbeitgeberinnen würden um Arbeitnehmer buhlen? Firmen würden nahezu aus dem Nichts entstehen und junge Menschen davon träumen, unternehmerisch tätig zu sein …?

Und wie das Heft schon aussah! Jedenfalls nicht nach seriöser Wirtschaft. Aber davon war auf den avantgardistisch gelayouteten Seiten sowieso nicht viel zu finden: Statt über Dax-Konzerne und deren Führungsprobleme schrieben die Redakteurinnen und Redakteure über das Cluetrain-Manifest, die Notwendigkeit eines Grundeinkommens oder den Sex-Appeal von Marken.

Das geht vorbei, dachten die, die sich von dem Magazin genauso provoziert fühlten wie vom Internet. Doch irgendwann begannen sich selbst von ihnen ernst genommene Wirtschaftsführer zu dem neuartigen Magazin zu bekennen. Und irgendwann hatte es am Kiosk alle anderen Wirtschaftsmagazine überholt; die Zeit, als die Wettbewerber brand eins vor allem mitleidige Sympathie entgegengebracht hatten, war vorbei.

Inzwischen hat das kleine Verlagshaus die Medienkrisen eins bis sechs überlebt, mit vielen seiner frühen Prognosen recht behalten und so einiges dazugelernt, was nicht nötig gewesen wäre. Dass es der Demokratie nicht guttut, wenn jeder verbreiten kann, was ihm gerade gegen den Strich geht. Dass die Führungsebene zwar gern über Digitalisierung redet, aber nicht verstanden hat, dass mit ihr eine bislang ungekannte Transparenz verbunden ist. Dass diese Technik viele Möglichkeiten eröffnet, von denen aber viele ohne Corona kaum genutzt worden wären.

LIEBE

Wir haben auch einiges über Ökonomie gelernt, oft am eigenen Leib. Die ersten Jahre waren ein Crashkurs, der dann in ein abwechslungsreiches und immer herausforderndes Proseminar überging, mit guten und nicht so guten Lektionen. Eine der guten kam von Reinhard Springer, Mitgründer der Werbeagentur Springer & Jacobi, der uns im zweiten (!) Jahr prophezeite, wir hätten alles, um eine Love Brand zu werden. 23 Jahre später können wir ihm seherische Fähigkeiten bescheinigen.

Es macht uns immer wieder staunen, wie sehr brand eins Emotionen weckt: „Ich liebe Ihre Zeitschrift und bewundere jedes Jahr mehr, was Sie hier ge-/erschaffen haben. brand eins muss unbedingt weitermachen: Es ist einfach die stärkste Marke im gesamten Print!“, schrieb der Leser Matthias Oehm als Reaktion auf unsere Nachricht im Frühjahr dieses Jahres, dass im Abo künftig nur noch zehn statt bisher zwölf Ausgaben enthalten sind. „Wenn Sie ein lebenslanges Abo anbieten, werde ich es abschließen.“ Inzwischen hat er das wahr gemacht.

Zu den nicht so erfreulichen Lektionen gehört, dass ein unabhängiger Verlag, mit intellektuell ebenso unabhängiger Redaktion, nicht unbedingt auf der wirtschaftlich sicheren Seite ist. Während vor 15 Jahren die Auflage noch von selbst wuchs, wird heute selbst das Halten des Status quo immer aufwendiger. Print wird totgesagt, digital aber – sagen uns Leserinnen und Leser – sei brand eins nur noch das halbe Vergnügen. Dass gleichzeitig auch Anzeigenkunden immer häufiger den Algorithmen vertrauen, um so endlich herauszufinden, welche Hälfte ihrer Werbegelder hinausgeschmissenes Geld ist, macht das Verlagsgeschäft nicht einfacher.

Glücklicherweise haben wir früh angefangen, dem Magazin starke Geschwister an die Seite zu stellen. Seit 2001 zeigen Susanne Risch und ihr Team, dass man Corporate Services mit ebenso hohem journalistischem Anspruch betreiben kann. Der erste Beleg dafür war McK Wissen, inzwischen sind es viele hochgelobte Publikationen wie der Sterbe- oder der Mobilitätsreport, mit Statista suchen wir seit zehn Jahren nach den besten Unternehmensberatern oder IT-Dienstleistern. Und mit dem Carlsen-Verlag arbeitet das Team neuerdings an der Zukunft: weil. – das erste Wirtschaftsmagazin für Kinder taugt als Projekt für die nächsten 25 Jahre.

Einer der aufsteigenden Sterne in der brand eins Medien AG beruht auf der Idee einer Redakteurin. Patricia Döhle, deren Finanzgeschichten wir bis heute vermissen, wollte auf neue Weise zum Erfolg von brand eins beitragen, bekam die Zeit zum Probieren und erfand 2018 mit safari eine besondere Form von Peergroup-Training. Heute sind Konferenzen, Masterclasses und Onlineseminare hinzugekommen, die alle vom brand eins-Spirit getragen werden. Die Teilnehmer sind wie brand eins: neugierig, offen und kooperativ.

VERBÜNDETE

Wer sich auf Neues einlässt, braucht Verbündete. So verdanken wir den brand eins Podcast, der einer der ersten zum Thema Wirtschaft war und inzwischen Teil einer Podcast-Familie ist, der Hartnäckigkeit von Christian Bollert von Detektor.fm. Alexander Hebeler und Lucas von Gwinner schubsten uns 2009 ins soziale Netz. Sie gründeten ohne Rücksprache einen Fanklub auf Facebook und meldeten sich, um unfreundliche Reaktionen zu verhindern: „Der Fanklub ist zu erfolgreich! Wir haben vor einer Woche nur einen kleinen Aufruf gestartet, um unsere Fan-Anzahl dezent zu steigern – plötzlich sprechen wir von mehreren Tausend Personen …“ Heute erreichen wir monatlich über verschiedene Social-Media-Kanäle rund 2,9 Millionen Fans.

Es gibt noch viele Geschichten wie diese, die alle eine Gemeinsamkeit haben: brand eins zieht gute Leute an. Das gilt für unsere Investoren genauso wie für unsere Mitarbeiterinnen, für Leser, Projektpartnerinnen, Anzeigenkunden, Lieferantinnen, Fans, Unterstützerinnen, Lebenspartner und unseren Art-Direktor Mike Meiré, der seit der ersten Ausgabe an unserer Seite ist. So turbulent unser Überlebenskampf oft war, so stabil sind die Beziehungen.

Wir sind vor 25 Jahren angetreten, weil wir überzeugt waren, dass eine bessere Wirtschaft möglich ist. Das wollten wir nicht nur beschreiben, sondern auch leben. Und wir hofften, dass dank der Produktivkraft Wissen die bessere Wirtschaft zum Megatrend wird – da haben wir uns geirrt.

Zwar hat sich die Arbeitswelt in dieser Zeit tatsächlich verändert, doch statt der Zufriedenheit hat die Burn-out-Gefahr zugenommen. Schmutzige Industrien sind zwar weniger geworden, die Umweltprobleme leider nicht. Und die Digitalisierung hat zwar weniger Arbeitsplätze gekostet als vorhergesagt, allerdings sind viele der neuen Jobs angesichts der Lebenshaltungskosten zu schlecht bezahlt.

Hurra, wir leben noch! Aber wir leben in einer veränderten Welt. Immer neue Angriffe auf die Demokratie, immer neue Kämpfe um knappe Ressourcen, immer mehr Aggression, genährt durch das Gefühl, zu kurz zu kommen. Das war nicht, was wir uns von der sogenannten Wissensgesellschaft erhofft haben. Was ist da schiefgelaufen? Und wie können wir es wieder geradebiegen?

Diese Gedanken beschäftigen uns seit geraumer Zeit. Und weil wir nicht anders können, als nach Lösungen zu suchen, wollen wir uns mit denen verbünden, die wie wir das Richtige wollen und an eine bessere Wirtschaft glauben: Wir wollen mit ihnen nach Wegen suchen, den Kapitalismus neu zu erfinden.

Zugegeben, das klingt ein bisschen durchgeknallt. Aber es ist ernst gemeint: Wir wollen eine Organisation, ein Netzwerk, einen Ort schaffen, wo die besten Ideen zur Erneuerung unseres Wirtschaftssystems gesammelt, geprüft und möglichst breit diskutiert werden. Auf der Suche nach einer Lösung, die auch den nächsten Generationen die Wirtschaft wieder nahebringt – denn ohne wird es nicht gehen.

MENSCHEN

Dafür brauchen wir Menschen, die an die Zukunft glauben und gemeinsam mit uns nach den richtigen Fragestellungen suchen, um das Wirtschaftssystem in eine menschenfreundlichere Richtung zu drehen. Wir brauchen Geld, um die weltweit besten Forscherinnen und Forscher und die notwendige Organisation für das Projekt zu bezahlen. Und wir brauchen Partner, weil die Idee umso realistischer ist, je mehr Menschen, Organisationen, Unternehmen sich damit verbinden.

Warum brand eins? Weil wir in den vergangenen Jahren einen großen Schatz an Veränderungswissen gesammelt haben und Mittelpunkt eines einzigartigen Netzwerks aus Unternehmerinnen, Künstlern, Kreativen, Nerds, Menschenfreunden, Weltverbesserinnen und Realisten geworden sind. Weil wir Fragen stellen, ohne die Antworten gleich mitzugeben. Weil wir auch komplizierte Zusammenhänge vermitteln können und damit viele Menschen erreichen. Und weil wir Aktionäre haben, die das eine ziemlich gute und unterstützenswerte Idee finden – genauso wie alle hier bei brand eins.

Wenn es uns gelingt, gemeinsam mit Ihnen und Ihren Ideen eine Organisation auf die Beine zu stellen, die dieses Projekt verwirklicht – dann haben wir die kommenden 25 Jahre gut zu tun. brand eins wird sich verändern, weil wir nicht mehr nur beschreiben, was ist, sondern auch was sein könnte oder sollte, allerdings immer mit Bezug zur Praxis. Denn einer von vielen Gründen, zuversichtlich in die Zukunft zu sehen, ist, dass an vielen Orten in Deutschland und der Welt schon viel Gutes geschieht. Und das werden Sie auch künftig in brand eins finden. ---

Titelbild der Wirtschaftsmagazin "brand eins" in auffälligen Farben. Der Hintergrund ist leuchtend grün. In weißer Schrift steht groß "HURRA!", darunter "Wir leben noch! 3 Jahre Neue Wirtschaft.". Kleiner Text und ein Barcode sind am unteren Rand zu sehen. Das Magazin feiert sein 3-jähriges Jubiläum.

Hurra! Wir leben noch! Mai 2001 – Das Ende. Der Anfang. Die Zukunft.

Wir sind gespannt, was Sie von unserem Zukunftsprojekt halten. Über Ideen, Verwünschungen, Therapieadressen oder Überweisungsangebote freuen wir uns unter [email protected]