Die Intelligenz der Praxis
Keine Publikumserziehung, keine Kulturkämpfe, keine Handlungsanleitungen. brand eins wird 25. Und hat in einem Vierteljahrhundert wie nebenbei eine der für unsere Zukunft wichtigsten Fragen erforscht: Wie funktioniert Veränderung wirklich?
• Ein kleines Theaterstück aus aktuellem Anlass, ein Diskursdrama, das häufig als Tragödie endet, orientiert an der Frage: Wie funktioniert gesellschaftliche Transformation, wenn die Erde heißer wird, das Volk wütender, der Verdrängungspopulismus mächtiger? Kaum stellt man eine solche Frage, haben sie alle ihren Auftritt: die Rezeptologen, die Pädagogen, die Alarmisten, die Utopisten.
Die Rezeptologen locken. Und behaupten: „Ich kenne sie, die sieben Prinzipien auf dem Weg zur Weltveränderung, folge mir, mein Freund!“ Die Pädagogen verlangen, den Zeigefinger in der Luft, Verzicht und Mäßigung, angeekelt vom Egoismus des Menschen, der entfesselten Gier. Die Alarmisten drängen, machen Druck. Und brüllen ihre Verzweiflung auf offener Bühne heraus. Sie versuchen zu wirken, indem sie Angst und Schrecken verbreiten – auf dass der Mensch zuerst in Panik gerate und dann zur Einsicht gelange, endlich das Notwendige zu tun. Die Utopisten hingegen begeistern sich für eine neue, bessere Welt, fasziniert von dem ganz anderen, besseren Leben.
Und sie alle spielen ihre Rolle, reproduzieren ihren Text, folgen ihrem Programm, das sie abspulen wie jene Spielzeugpuppen aus Kindertagen, die man aufziehen kann und die dann immer auf dieselbe Weise tröten und tanzen, gefangen in einem Determinismus eigener Art. Bis dann irgendwann, Resultat eines dröhnenden, mal pädagogischen, mal alarmistischen, mal naiven Transformations-Geredes, gar nichts oder doch viel zu wenig geschieht. Weil die Art der Ansprache die Veränderung blockiert. Weil sie oft einfach nur Reaktanz produziert und einigermaßen sinnlose Kulturkämpfe befeuert.
Doch Vorsicht, Polemik ist einfach. Und selbstverständlich folgt auch der Zyniker einem Skript. Aber ich will auf etwas anderes hinaus. Mich beeindruckt, mit welcher Entschiedenheit sich brand eins dem konventionellen Diskurstheater verweigert – und doch seit einem Vierteljahrhundert wie nebenbei eine der wichtigsten Fragen für die Zukunft der Menschheit erforscht, nämlich: Wie funktioniert Veränderung wirklich? Die Antwort der Redaktion: kein Gejammer. Keine pauschalen Anklagen. Keine Tugendpredigten.
Man könnte sagen: Bei brand eins regieren die Hegelianer. Die „gesunde Menschenvernunft geht auf das Konkrete“, so heißt es in einer Vorlesung des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Das ist der Schlüsselsatz, das geheime Mantra der Redaktion, denke ich. Und das bedeutet: weg mit dem schrecklich allgemeinen Thesendonner. Abschied von der akademischen Abstraktion, die doch oft nur Sprache ist, rhetorischer Schaum. Distanz halten zur Buzzword-Produktion der Trendgurus, die vor allem Geld verdienen wollen. Und hin zu den Sachen selbst, zur je besonderen Situation, zum Menschen in seiner Individualität, seinem Erfindergeist, seinem Potenzial.
Bei brand eins lässt man, wenn es um das Meta-Thema der Veränderung geht, stets die Peitsche stecken, verweigert sich dem Jargon der Unumstößlichkeit, dem Modus des Imperativs, spricht nicht von der Notwendigkeit, sondern führt Möglichkeiten im Konkreten vor, begreift also den Menschen, wie der Kybernetiker Heinz von Foerster gesagt hätte, nicht als „human being“ (als eine feste, statische Entität), sondern als „human becoming“ (als ein Möglichkeitswesen, fähig, sich selbst zu überraschen). Es geht tatsächlich auch anders, aber tatsächlich nur konkret, nämlich mit Rücksicht auf den Eigensinn aller Beteiligten und die systemische Situation, so könnte das Erkenntnisprogramm des Magazins lauten. Und das heißt: brand eins leistet, was der Soziologe Armin Nassehi in seinem grandiosen, dieser Tage erschienenen Buch „Kritik der großen Geste – Anders über Transformation nachdenken“ als „Apologie der kleinen Schritte“ bezeichnet.
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Er ist Teil unserer Ausgabe 25 Jahre brand eins