Zum Inhalt springen

9-3, c’est la Champions League*

Wer in einem der armen französischen Vororte aufwächst, hat kaum Chancen auf beruflichen Erfolg. Hier stellen wir Menschen vor, die es trotzdem geschafft haben.



Schwarz-Weiß-Foto eines großen Wandgemäldes einer Frau an einer Mauer entlang eines Kanals. Die Frau hat dunkle Haare und einen ernsten, nachdenklichen Gesichtsausdruck. Das Bild wirkt urban und etwas düster, mit Bäumen und Stromleitungen im Hintergrund.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 08/2024.

* Zeile aus einem Rapsong in Referenz an Seine-Saint-Denis (Postleitzahl 93), das ärmste Departement in Frankreich.

• 150 Milliarden Euro. So viel büßt die französische Wirtschaft laut dem Regierungs-Thinktank France Stratégie im Jahr durch Diskriminierung ein, das entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Marokko. Wer in Frankreich aus einem der berüchtigten Vororte – oft einfach Banlieue genannt – kommt, Einwanderungsgeschichte hat und ein Elternhaus, in dem das Geld knapp ist, der hat wenig Chancen auf den sozialen Aufstieg.

Diskriminierung ist volkswirtschaftlich ein Eigentor und unfair. Für viele Menschen aus den Cités, den grauen Hochhausblöcken am Rande der Großstädte, bleibt der Leitspruch Frankreichs – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – ihr Leben lang ein leeres Versprechen.

Doch manchen gelingt es, sich über alle Widerstände hinwegzusetzen und zu zeigen, was in ihnen steckt. Drei Aufstiegsgeschichten aus dem Banlieue.

Saïd Hammouche, Mozaïk RH

Saïd Hammouche überquert den großen Platz vor dem Vorstadtbahnhof Bondy. Hinter ihm in der Ferne türmen sich graue Hochhäuser in den Abendhimmel. Das piekfeine 8. Pariser Arrondissement ist nur 20 Minuten mit der RER, der S-Bahn, entfernt. Doch es ist eine Weltreise.

Bondy liegt im Nordosten von Paris, in Seine-Saint-Denis, Frankreichs ärmstem Departement (nach Mayotte, einer französischen Insel im Indischen Ozean). Ein Drittel der Bondynois – so nennt man die Bewohner – lebt unter der Armutsgrenze, ein Fünftel von ihnen ist arbeitslos. Saïd Hammouche, 44, ist hier aufgewachsen. Die Mutter Hausfrau, der Vater auf dem Bau. „Alle gesellschaftlichen Probleme sind hier noch einmal potenziert“, berichtet Hammouche. In einer Seitenstraße ist ein Taxi abgestellt. Auf dem Dachzeichen steht „Taxi Parisien“, ein Sinnbild. Viele Menschen in den Vororten arbeiten als Dienstleister für die solvente Oberschicht in Paris, beispielsweise als Fahrer. Nicht selten ist das eine Verschwendung von Talenten.

Hammouche ist ein Headhunter, einer der besonderen Art. Mit seiner Agentur Mozaïk RH vermittelt er junge Menschen aus den armen Vororten an Unternehmen. Für jeden vermittelten Kandidaten erhält er eine Provision, „zwischen 5.000 und 35.000 Euro“. Zu den Kunden gehören Schwergewichte wie die Beratungsfirmen Deloitte, PwC oder KPMG. 80 Prozent der Unternehmen des CAC 40, des französischen Leitindex, arbeiten mit ihm zusammen. Seit der Gründung 2008 wächst das Geschäftsvolumen von Mozaïk RH im Schnitt jedes Jahr um ein Drittel. 2023 hat die Firma fast anderthalb Millionen Euro Umsatz gemacht.

Die Geschichte von Mozaïk RH fängt hier an, in Bondy. Als Jugendlicher engagiert sich Saïd Hammouche viel in Sport- und Jugendklubs. Nach der Schule macht er erst eine Ausbildung, bildet sich danach peu à peu weiter, bis er schließlich einen Universitätsabschluss in Personalmanagement in der Tasche hat. Eine Führungskraft in einem prestigeträchtigen Unternehmen zu werden, das ist damals sein erklärtes Ziel. Doch auf seine zahlreichen Bewerbungen kommen keine Antworten. 70 Prozent der Arbeitsplätze in Frankreich werden über Kontakte vergeben. Wer keine hat, schaut in die Röhre.

„Ich habe einfach keinen Job in meiner Branche bekommen“, erzählt Hammouche. Obwohl er mit seinem Abschluss eigentlich Führungskraft sein sollte, findet er damals lediglich eine befristete und schlecht bezahlte Stelle in einem städtischen Jugendzentrum. Bis er eine Chance sieht. Als Claude Bébéar, Gründer des Versicherungsunternehmens Axa, 2004 die Charta der Vielfalt ins Leben ruft, macht es bei Hammouche klick: Zwar haben 33 Unternehmen wohlwollend die Absichtserklärung unterzeichnet und sich dafür ausgesprochen, sich gegen Diskriminierung einsetzen zu wollen. Aber sie haben niemanden, der ihren Worten auch Taten folgen lässt.

Also geht Hammouche zu den Konferenzen der Firmen mit den guten Absichten und bietet seine Dienste an. Mit Erfolg. Erst zieht er den Energieversorger Gaz de France (heute Engie) an Land, dann den Mobilfunkanbieter SFR, beides große Konzerne. Dank seiner Herkunft kann Saïd Hammouche ihnen genau das bieten, wonach die Firmen suchen: junge, motivierte Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. „Anfangs waren es Freunde oder Freundesfreunde, Leute aus meinem Umfeld“, erläutert Hammouche rückblickend. „Ohne es zu merken, habe ich eine Lösung für ein Problem gefunden, unter dem ich selber litt.“ Seit der Gründung von Mozaïk RH hat er mehr als 20.000 Menschen vermittelt. Etwa 90 Prozent kommen gerade von der Universität, schätzt Hammouche, aber er wird mittlerweile auch für die Besetzung von Führungspositionen angefragt.

Viele junge Menschen aus den Banlieues haben einen anderen Habitus als jemand, der aus der Mittel- oder Oberschicht kommt. Das fange schon beim Kleidungsstil an, berichtet Hammouche: „Wie soll man auch wissen, wie man sich auf der Arbeit anzuziehen hat, wenn die Eltern arbeitslos sind?“ Deshalb brauche es Geduld und Empathie seitens der Unternehmen.

Er profitiert davon, dass viele Arbeitgeber inzwischen festgestellt haben, dass Vielfalt nicht nur ein schönes Wort für den Jahresbericht oder die Marketingabteilung ist, sondern auch einen wirtschaftlichen Nutzen hat. Orange, ehemals France Télécom, sucht beispielsweise gezielt Menschen aus dem Banlieue für den Vertrieb – weil die Kunden aus den Vorstädten eher jemandem vertrauen, der aus dem gleichen Milieu kommt. Außerdem ist eine vielfältige Belegschaft kreativer. „Wenn Sie die ganze Zeit mit Leuten umgeben sind, die den gleichen Background wie Sie haben, die gleichen Unis besucht haben, aus der gleichen sozialen Schicht kommen, dann ist Ihre Innovationsfähigkeit schnell ausgeschöpft, und Sie drehen sich im Kreis“, erklärt Valentin Durand, Impact Manager Frankreich beim US-Technikanbieter Cisco. Auch er arbeitet mit Mozaïk RH zusammen.

Das beste Beispiel für den Zusammenhang von Diversität und wirtschaftlichem Erfolg sei doch in Deutschland zu finden, sagt Saïd Hammouche: „Die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler, die den Impfstoff gegen Covid entwickelt haben, sind Kinder türkischer Einwanderer.“

Sie haben bereits ein brand eins Konto? Melden Sie sich hier an.

Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe 25 Jahre brand eins

Kaum Bullshit!
Zum Weiterlesen wählen Sie eine dieser Optionen

brand eins 08/2024 (Digital)

7,60 € / einmalig
Meistgewählt

brand eins Abonnement

108,00 € / Jährlich

✓ Print-Ausgabe nach Hause geliefert
✓ Digital-Ausgabe, PDF und E-Book
✓ Zugriff auf das gesamte brandeins-Archiv inkl. Kollektionen
✓ Jederzeit kündbar

Sicher bezahlen mit
Weitere Abos, Schüler- & Studentenrabatte