Uhrmachermeister Klaus Ohle
„Wie schön, dass es Sie noch gibt!“
Zum Uhrmachermeister Klaus Ohle kommen Menschen, die die Vergangenheit wiederherstellen wollen. Das sind mehr, als ihm lieb ist.
• An einem Freitagvormittag schließt Klaus Ohle seinen Laden am Rande des Hamburger Schanzenviertels auf, um den Reporter zu empfangen. Danach wird der Eingang wieder abgeschlossen und der Vorhang vor der Glastür zugezogen, in der gut sichtbar der Hinweis auf die absurd kurzen Geschäftszeiten hängt („Mittwoch–Freitag 13 –18 Uhr, Samstag 10 –13 Uhr“). Dennoch erscheint wenig später ein grauer Schatten hinter dem Vorhang. Man hört ein Rütteln am Türknauf, Pause, Seufzen, erneutes, diesmal energischeres Rütteln. Dann verschwindet die Silhouette wieder.
So geht es bei Klaus Ohle tagein, tagaus. In einer Zeit, in der eigentlich niemand mehr einen mechanischen Zeitmesser braucht, rennen sie dem Uhrmachermeister die 65-Quadratmeter-Bude ein. Ignorieren die Öffnungszeiten ebenso wie die Dauerwarnung auf Uhrenohle.de: „Zurzeit keine Reparaturannahme!“ Legen ihm Armband-, Stand-, Pendel- oder Wanduhren auf den Tresen seines kleinen Ladens, der Geschäftsraum und Werkstatt zugleich ist. Woraufhin Ohle, mit vors Auge geklemmter Brillenlupe und angefixtem Blick, immer wieder denselben Fehler begeht und einen weiteren Auftrag annimmt.
Ohle ist ein freundlicher 66-Jähriger, der mit seinem Hippie-Zopf, ausgebeulter Cordhose und psychedelischen Hemdmustern auch als Sonderpädagoge oder Bassist einer Krautrockband durchgehen würde. Schon als Kind habe er sein Taschengeld in Pinzetten, Gehäuseöffner und Schraubendreher gesteckt, erzählt er, und nach der Meisterprüfung an der Hamburger Uhrmacherschule dann 1986 seine eigene Ladenwerkstatt eröffnet. „Die kleine, geschlossene Welt mechanischer Uhrwerke: faszinierend für mich!“
In Hamburg ist er einer der Letzten seiner Art. Und gilt im Viertel als das, was man eine Institution nennt. Diesem Artikel hat er deshalb erst nach längerem Zögern zugestimmt: „Dann sprechen mich wieder Leute auf der Straße an oder schicken mir ihre Uhren zu, und das möchte ich nicht.“
Sein Langzeitmitarbeiter Werner Weiß hört aufmerksam zu und fixiert einen imaginären Punkt an der Wand. Er ist sieben Jahre jünger als Ohle und der Nüchternere der beiden. Der ehemalige Motorradhändler kam vor 26 Jahren für ein Praktikum in die Werkstatt („Ich habe mich aufgedrängt, weil ich unbedingt bei Klaus arbeiten wollte“) und blieb für immer. „Ich wäre ja pragmatischer und würde mehr Aufträge ablehnen“, bemerkt er dann in Richtung seines Chefs, wohl wissend, dass dieser Vorschlag keinerlei Aussicht auf Erfolg hat. Defekte Uhren üben auf Klaus Ohle eine Anziehung aus wie Magnetpole auf eine Kompassnadel.
Weil das so ist, schiebt der Zweimannbetrieb einen Auftragsberg von mehr als drei Monaten vor sich her. Auf dem Boden des Verkaufsraums, in der Hinterzimmer-Werkstatt, im kleinen Flur, selbst im WC und auf dem Küchentresen stehen und hängen reparierte Zeitmesser, die mehrere Wochen ihre Ganggenauigkeit beweisen müssen, bevor sie an die Eigentümer zurückgehen. Was die Überlastung betrifft, meint Weiß halb im Scherz, seien die Corona-Lockdowns ganz praktisch gewesen: Damals konnten die beiden „mal ordentlich was wegschrauben“. Seitdem der Laden wieder aufhat, wächst der Berg wieder.
In den Räumen von Uhren Ohle ist dennoch von Hektik nichts zu spüren. Ein selbst gebauter Tresen, die meterlangen Zeiger einer französischen Kirchturmuhr im Schaufenster, Werkbänke voller Uhrmacherwerkzeuge und pup- penstubenhaft anmutender Drehmaschinen. Mit denen fertigen sie winzige Wellen und Lager für Uhren, für die es häufig schon deshalb keine Ersatzteile mehr gibt, weil ihre Hersteller seit zig Jahrzehnten Geschichte sind.
Sieht man vom permanenten Tick und Tack und dem stündlichen Gebimmel der Wand- und Standuhren ab, herrscht kontemplative Ruhe. Klaus Ohle tüftelt hinterm Tresen, Werner Weiß im Hinterzimmer. Hier sind zwei ganz bei sich selbst.
Lernt man als Uhrmacher im Laufe der Zeit irgendetwas über sie? „Was für eine unerbittliche Macht sie ist“, antwortet Ohle. „Die Zeit ist eine knarzende, schwere Ankerkette, die durch die Klüse unaufhaltsam in die Tiefe rauscht. Und irgendwann ist Schluss.“ Werner Weiß hingegen findet die Frage „schwurbelig“. Ein Uhrmacher wisse nicht mehr über die Zeit als ein Thermometer-Reparateur übers Klima.
Tatsächlich, bedauert Meister Ohle, ließe sich in puncto Zeitmanagement nichts von ihm lernen. „Mein Ziel wäre, zufrieden zu sein mit dem, was fertig repariert in unseren Tüten steckt. Nicht immer auf der letzten Rille zu laufen. Aber den Trick muss ich erst noch lernen.“ Ersatzweise hat er eine Art unsichtbaren Kundenabwehrschirm um seine Werkstatt aufgespannt. Dazu gehört der neonrote Hinweis auf die kommende Woche Herbsturlaub, den er nicht nur in die Eingangstür, sondern auch ins Schaufenster und ein drittes Mal im Laden selbst ausgehängt hat („Die Leute stehen dennoch vor der Tür“). Der entschuldigende Hinweis auf seiner Website, man habe „im Moment sehr viele Aufträge, wir sind ganz fleißig, aber es dauert auch wegen Lieferverzögerungen bei den Ersatzteilen länger als gewöhnlich, bis die Reparaturen fertiggestellt sind“. Das enge Geschäftszeitenfenster, durch das Kunden ihre Erinnerungsstücke hindurchzwängen müssen: All das soll ihn vor seiner Leidenschaft schützen, also vor sich selbst.
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