Großmeister der Kleinigkeiten
Er fühlt sich weder erleuchtet noch als politischer Aktivist. Dennoch ist Nipun Mehta einflussreich, inspiriert Rikschafahrer, Wirtschaftsbosse und Präsidenten. Seine Mission: Menschen zu kleinen selbstlosen Gesten bewegen.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 12/2023.
Nipun Mehta
• Da sitzt er also. Ganz hinten rechts, im Sessel eines Cafés in der Wiener Innenstadt, umgeben von Menschen. Journalisten wollen ihn interviewen, Geschäftsleute pirschen sich heran, die Lokalbesitzer lächeln stolz. Nipun Mehta heißt der Mann, seinetwegen sind alle gekommen, ein gebürtiger Inder aus den USA, ein TED-Speaker, der „small acts of kindness“ preist, als könnte das die Menschheit retten. Seit 20 Minuten sollte er hier ein soziales Experiment starten, aber er scheint sich lieber zu unterhalten. Steht auf, geht zum Nebentisch, spricht zwei Frauen an, lacht. Die Herzen fliegen ihm zu, so wirkt es.
Journalisten wählten ihn 2018 und 2020 zu einer der 100 inspirierendsten Persönlichkeiten weltweit, der ehemalige US-Präsident Barack Obama holte ihn als Berater ins Weiße Haus. Mehta erhielt jede Menge Auszeichnungen, unter anderem vom World Economic Forum, er wurde 2019 zum Visionär des Jahres gewählt und sitzt im Beraterstab mehrerer Stiftungen, darunter die internationale Gesundheitsorganisation Seva Foundation. Und wo immer er auftritt, ob vor Elite-Studentinnen und -Studenten der London School of Economics, beim Gipfeltreffen der gemeinnützigen Organisation Inner Development Goals oder im Veranstaltungsraum eines Altersheims – er bewegt die Menschen und erhält minutenlangen Applaus.
Anscheinend hat die Welt eine Schwäche für charismatische Inder: Siddhartha, Gandhi, der Philosoph Krishnamurti, Osho, der Begründer der Bhagwan-Bewegung, jetzt Mehta. Wer ist der 47-Jährige, der getreu seinem Vorbild Gandhi die Welt sanft erschüttern will? Wie lebt er? Hat er in seiner Garage in Berkeley heimlich ein paar Rolls Royce geparkt? Ist er eitel? Oder gar ein Don Juan auf spirituellen Samtpfoten?
Den Eierlikör auf dem Tablett der Kellnerin lehnt er ab, er trinkt keinen Alkohol und isst kein Fleisch. Der Geschäftsmann an seinem Tisch muss bald zum Lunch aufbrechen und verabschiedet sich: Es wäre sein Traum, sagt er, einmal nach Indien zu kommen. Mehta lächelt, nickt und schweigt. Jedes Jahr lädt er rund 40 Auserwählte zu einem mehrtägigen Retreat in seine Geburtsstadt Ahmedabad im Westen Indiens ein, und diese räumen ihre Terminkalender frei, um seinem Ruf zu folgen. Manche warten jahrelang darauf. „In diesem Retreat geht es nicht darum, dass Führungskräfte zusammenkommen, um eine vorhersehbare Lösung zu entwickeln“, heißt es auf der Website. „Vielmehr ist es das Gegenteil. Es ist ein Kreis, der seine Stärke darin findet, das Bekannte aufzugeben, um dem Entstehen kollektiver Intelligenz zu vertrauen – parallel zum Aufbau nobler Freundschaften.“ Noble Freunde, das können für Mehta Nobelpreisträger, Politiker, japanische Royals oder Bestseller-Autoren sein, aber auch einfache Rikschafahrer oder Permakultur-Bauern. „Was zählt, ist die Größe des Herzens, nicht der Geldbörse“, sagt er. Er sei bestrebt, jeden Menschen gleich zu behandeln.
Auch für die freiwilligen Helfer bei diesen Retreats gibt es Wartelisten. Sie verstehen sich als Diener der Teilnehmer – so wie der indische Millionär und Minenbesitzer mit mehreren Tausend Angestellten, der 2017 Gäste vom Flughafen abholte und ihnen am nächsten Morgen das Frühstück servierte. Manche, die bei den Treffen dabei waren, sprechen von einer lebensverändernden Erfahrung.
Im Wiener Kaffeehaus „Vollpension“* ist es nun so weit, das Experiment, das sich Gift Economy nennt, kann beginnen: Man bestellt sich etwas, und wenn man um die Rechnung bittet, ist sie schon beglichen. Statt zu bezahlen, steckt man für den nächsten Gast ein paar Euro in ein Kuvert, samt Grüßen oder den besten Wünschen für den Tag. Und das in einer Stadt, die zwar als lebenswerteste der Welt gilt, gleichzeitig aber auch als eine der unfreundlichsten. „Make Vienna not only the most liveable, but also the most loveable city in the world!“, sagt Mehta. Er wirkt eher wie ein Klassensprecher bei einer Schulveranstaltung als ein Guru.
Das Team des Kaffeehauses war sich nicht einig, ob die Sache funktionieren würde – letztlich haben sich die Optimisten durchgesetzt. Zunächst zwei Wochen lang wollen sie soziales Miteinander und Großzügigkeit fördern, zur Not anschließend die Reißleine ziehen. Gemeinsam mit Mehta posiert das Team vor einem Klavierflügel für ein Gruppenfoto, ein paar Tage später wird das Fernsehen vorbeikommen. Mehta spricht von kleinen Schritten hinaus aus der Ich-zentrierten Welt und dass es darum gehe, Samen zu pflanzen, zu experimentieren, um die großen Muster der Gesellschaft zu verändern.

Februar 2014: Der Dalai Lama (l.) zeichnet Mehta als „unbesungenen Helden des Mitgefühls“ aus
Meditieren statt Geld scheffeln
Schokoladenkuchen. Eine der Schwächen von Nipun Mehta, er gabelt ihn genussvoll vom Teller. Anderen, viel größeren Verführungen aber weiß er zu widerstehen, das zeigt seine Biografie. Ende der Neunzigerjahre kündigte er seinen Job als Softwareentwickler im aufstrebenden Silicon Valley, obwohl eine Karriere lockte. Schließlich hatte er an der renommierten University of California in Berkeley studiert. Doch sein Studium der Informatik und Philosophie schloss er schlicht mit einem Bachelortitel ab, ohne es Kommilitonen gleichzutun, die mit Start-ups Geld scheffelten. Er meditierte lieber und lud alle ein, dabei mitzumachen.
Den Einwand seiner Mutter, er könne ja erst Geld verdienen und dann Gutes tun, wollte er nicht hören. Eigentlich Schriftstellerin, hatte sie als Bankangestellte gearbeitet, um gemeinsam mit ihrem Mann, einem Ingenieur, Nipun und dessen jüngeren Bruder durchzubringen. Was ihn seit jeher fasziniert habe, erzählt Mehta, sei Großzügigkeit – und auch das Spirituelle, die Welt hinter dem Sichtbaren. Schon als Teenager habe er täglich 108-mal das heilige Gayatri-Mantra der Hindus rezitiert und Kontakt zu Mönchen und Yogis gesucht. Mit 18 meldete er sich freiwillig als Mitarbeiter in einem Hospiz und betreute zwei Jahre lang todkranke Menschen.
Nach seiner Kündigung programmierte er gemeinsam mit drei Freunden eine Website für Obdachlose, aus der sich seine Organisation Servicespace entwickelte – mittlerweile haben sich anderthalb Million Menschen dem Netzwerk angeschlossen. Seine Frau Guri lernte Mehta, der als Zwölfjähriger mit seinen Eltern in die USA gekommen war, in der Schule kennen. Als die beiden 2004 im Buddhistischen Zentrum von Berkeley heirateten, überbrachten Vertreter von sechs Religionen ihren Segen. Reverend Heng Sure leitete die Zeremonie, ein buddhistischer Mönch, der zuvor zweieinhalb Jahre auf sehr spezielle Weise durch Kalifornien gepilgert war: jeweils drei Schritte nach vorn, dann eine Verbeugung bis zum Boden. Statt in die Flitterwochen machten sich auch die Frischverheirateten zu einer Pilgerreise auf: 1000 Kilometer quer durch Indien, vertrauend auf die Güte der Menschen.
Die beiden übernachteten, wo immer sie eingeladen wurden, und aßen, was man ihnen anbot. Sie stützten sich gegenseitig, wenn einer von beiden aufgeben wollte, und am Ende hängten sie drei Monate in einem Kloster dran. Sie klammerten dennoch nicht aneinander, sagt Mehta über die Beziehung. Wenn er auf Reisen sei, immerhin drei Monate im Jahr, gebe es kein Skypen, keine Telefonate. „Da ist dieses Bild von einem Berg“, sagt er und berichtet von einer Vision, die ihm auf der gemeinsamen Pilgerreise gekommen sei: Er klettere von der einen Seite zum Gipfel, sie von der anderen. Oben würden sie einander umarmen. Er spüre die Verbindung. Das reiche.
Einen Tag nach Mehtas Wien-Besuch findet auf Gut Osterloh in Bayern ein sogenanntes Tages-Retreat statt. 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, freier Eintritt. Er trägt dasselbe wie in Österreich, hellblaues Hemd, graue Hose. Viel kann er nicht geschlafen haben, denn am Vorabend hat er noch einen Awakin Circle in Wien geleitet, gemeinsames Meditieren bis in die späten Abendstunden. Weil seine Fahrerin Christine Lendorfer an diesem Tag krank ist, ist er mit dem Zug nach Bayern gekommen.
Lendorfer, viele Jahre Deutschlehrerin an der Vienna International School und seit Kurzem pensioniert, lief Mehta 2017 in Indien über den Weg. Seither wohnt er bei ihr, wenn er in Wien ist, sie fährt ihn von Termin zu Termin und drängt sanft zum Weitergehen, wenn er bei Umarmungen die Zeit vergisst oder all den Wünschen nach einem Selfie nachkommt. Sie ist näher dran an Mehta als jeder andere, erzählt, dass er um fünf Uhr aufsteht, lieber Kaffee als Tee trinkt, das Frühstück gern auslässt, mitunter auch bei einer kurzen Autofahrt meditiert und sehr viel arbeitet. Hat er auch mal schlechte Laune? „Stiller ist er vielleicht manchmal, aber nie schlecht drauf“, sagt sie. Mehta sei die Bescheidenheit in Person, wolle niemandem seine Weisheit aufzwingen. „Er sagt immer: Ich bin der, der lernt.“ Und immer nehme er sich die Zeit für ein Gespräch. „Er hat noch nie gesagt, jetzt geht’s nicht. Das Jetzt, gerade darum geht es ihm ja!“
Klingt fast schon nach Erleuchtung, aber bei dem Begriff winkt Mehta ab. „Eine erleuchtete Person unterliegt keinen Täuschungen mehr.“ Er sei immer noch zu oft im Kopf statt im Herzen. Obendrein scheitere er ständig an seinem Vorsatz, zwei Stunden täglich zu meditieren.
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