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Lass dich dezentrieren

Ein Gespräch mit dem Philosophen René Weiland über die Unmöglichkeit, nicht zu denken – und wieso immer etwas passieren muss, damit etwas passiert.



Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 05/2023.

Ein Mann mittleren Alters sitzt vor einer modernen Glasfassade. Er trägt einen dunkelblauen Pullover und Jeans. Seine Hände sind gefaltet und er blickt entspannt nach links. Er wirkt nachdenklich und ruhig.

René Weiland, 65,
ist in Berlin geboren und hat dort Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft studiert. Danach war er als Publizist tätig, als Taxifahrer, Gründer eines Antiquariats und in der Erwachsenenbildung. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Die Unruhe des Denkens und das Versprechen der Philosophie“. Derzeit arbeitet er ein Thema neu auf, über das er bereits 1999 ein Buch veröffentlich hat: „Überfordert uns die Moral?“

brand eins: Herr Weiland, Sie beklagen in einem Essay „die Unsitte, öffentlich zum Umdenken aufzurufen“ – warum?

René Weiland: Weil diejenigen, die mich zum Umdenken auffordern, mir nahetreten, ohne dass ich sie darum gebeten habe. Das ist anmaßend, man könnte überspitzt sogar sagen: schamlos. Man kennt das aus dem Privatleben, wenn Leute einem ungefragt das eigene Leben erklären.

Da steckt aber mehr dahinter, nämlich ein Kernwiderspruch der Aufklärung. Immanuel Kant forderte, der Mensch solle sich aus seiner „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ befreien, indem er sich mutig seines eigenen Verstands bediene. Johann Georg Hamann, ein Zeitgenosse und ebenfalls Philosoph in Königsberg, warf Kant nicht zu Unrecht vor, sich als Vormund aufzuspielen und den Leuten vorzuwerfen, nicht selbstständig denken zu können. Wer aufklären will, sollte also seine eigene Haltung reflektieren: Geht es mir um die Botschaft? Oder um meine Rolle als Besserwisser?

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