Kalb 580
Damit wir Milch in unserem Kaffee und Käse auf dem Brot haben, bekommt eine Kuh im Schnitt jedes Jahr ein Kalb. Der männliche Nachwuchs ist für die Milchproduktion nutzlos. Also, wohin mit ihm? Wir haben ein Bullenkalb auf seinem langen Weg begleitet.
Die Landwirtin Jenny Fischer herzt ein Neugeborenes
Die Geburt
Es kündigt sich an. Das Euter der Mutterkuh gleicht einem rosafarbenen Ballon, prall und groß. Immer wieder hat sie sich hingelegt, schwerfällig auf die Vorderknie sacken lassen, um sich ein paar Minuten später wieder auf die Beine zu stemmen. Dieses Mal bleibt sie im Stroh der Abkalbebox liegen. Ihr massiger schwarzer Körper hebt und senkt sich. Die Wehen zeigen sich als kleine Wellen auf dem Fell.
Allmählich ragen zwei weiße Hufe unter dem Schwanz hervor. „Ich will dir nur helfen“, murmelt Landwirt Walter Fischer, 54. Er legt die rechte Hand kurz auf den Kuhhintern, greift nach den Vorderbeinen des Kalbes und zieht. Im Stroh landet ein Bullenkalb, gerade so groß wie ein Labrador, das schwarz-weiße Fell noch nass vom Fruchtwasser.
Es wird später eine gelbe Ohrmarke bekommen, auf der eine achtstellige Nummer steht, die mit 580 endet, außerdem DE für Deutschland und die Kennzahl 08 für Baden-Württemberg. Seine wichtigste Aufgabe hat Kalb 580 in diesem Augenblick bereits erfüllt: Es hat dafür gesorgt, dass die Mutter weiter Milch gibt.
Und jetzt? Wie geht dieses Leben weiter? Und wo? Das lässt sich aus der Ferne nicht beobachten. Deshalb werden wir Kalb 580 begleiten, viele Hundert Kilometer weit.
Im Iglu
Mit ihrer Zunge leckt die Mutter über den Bauch, die weiße Stirn, die dünnen Beine. Wenige Minuten nach der Geburt kommt Jenny Fischer, die Landwirtin, fährt mit dem Hoflader vor die Box, greift beherzt um Vorder- und Hinterläufe des Kalbs, trägt es in die mit Stroh ausgelegte Schaufel und fährt es 200 Meter weiter zum Stall für die Jungtiere. Kuh und Kalb werden getrennt, bevor sie über das Ablecken und gegenseitige Muhen eine Bindung aufbauen.
Jenny Fischer hat den Milchbauernhof am Rande der Schwäbischen Alb mit ihrem Mann Walter von dessen Eltern übernommen. Beide sind gelernte Landwirte. Sie kümmert sich um die Jungtiere, ihr Mann um die Milchkühe. Die vier Kinder helfen beim Melken, Ausmisten und Einstreuen; selbst die jüngste, sie ist zwölf, kann den Hoflader fahren.
Im Stall stehen zehn Iglus für die Kälber, weiße Hütten aus Plastik, der Boden ist mit Stroh ausgelegt. Kalb 580 hat es inzwischen auf die wackeligen Beine geschafft. Jenny Fischer hält ihm den eingeknickten Zeigefinger der rechten Hand hin. Das Kalb nuckelt. Wirtschaftlich sei das nicht, was sie für das Tier tue, sagt sie und rechnet vor: Jeden Morgen und jeden Abend bekommt das Kalb ab jetzt Milch, am Anfang je zwei Liter, die erste Woche noch von der Mutter, abgefüllt in eine große Nuckelflasche, reich an Antikörpern und Mineralstoffen, die vor Infektionen schützen. Danach Milchaustauscher, weißes Pulver aufgelöst in warmem Wasser, das ist billiger. Hinzu kommen das Stroh, Desinfektionsmittel, eventuell Medikamente. Ihre eigene Arbeitszeit – das Futter zubereiten, Eimer schleppen, Stroh einstreuen, misten – ist da noch nicht einkalkuliert. „Ja, eigentlich ist es ein Verlustgeschäft“, sagt Fischer.
Das Kalb 580 liegt vor einem Kunststoff-Iglu im Stroh. Dort verbringt es die ersten Lebenstage. Ernährt wird es mit Milch von der Mutter aus der Nuckelflasche.
Prall gefülltes Euter – Kühe geben beim Melken täglich um die 30 Liter Milch
Das System Milch
Und doch geht es nicht ohne die Kälber. Sie sorgen dafür, dass die Kühe Milch geben, jeden Morgen 15 Liter, jeden Abend 15 Liter. Damit der Milchtransporter alle zwei Tage auf den Hof fahren kann, rund 8000 Liter Milch in die 120 Kilometer entfernte Molkerei bringt und damit später in belgischen Supermärkten Käse der Marke „Vache Bleue“ im Kühlregal steht, Blaue Kuh.
In keinem anderen EU-Land wird so viel Milch produziert wie in Deutschland, 2021 waren es knapp 32 Millionen Tonnen. Rund die Hälfte der Milchprodukte wird exportiert, vor allem in die Niederlande, nach Italien und China.
Die Fischers haben rund 120 Milchkühe. Im ganzen Land sind es etwa 3,8 Millionen, die üblicherweise jedes Jahr ein Kalb bekommen. Die weiblichen Kälber treten nach rund zwei Jahren in die Fußstapfen ihrer Mütter, bekommen selbst Kälber, geben Milch, im Schnitt zweieinhalb bis fünf Jahre lang. Dann gehen sie ab, so nennen es Landwirte, wenn die Kühe geschlachtet werden. Ein paar Spitzentiere dürfen bei den Fischers länger bleiben, sie haben in ihrem Leben bereits mehr als 100 000 Liter Milch produziert.
Walter Fischer bindet sich eine blaue Schürze um und steigt in Gummistiefeln die fünf Stufen in den Graben hinab. Aus den Lautsprechern tönt Frühstücksradio. Am anderen Ende des Melkraumes drängen sich die Kühe. Fischer bewegt einen Hebel, es öffnet sich das Tor zur Wartehalle. Die Kühe trotten in einer Schlange schwerfällig hintereinander her. „Auf geht’s, meine Damen“, ruft Fischer und tätschelt einer Schwarzbunten den Hintern. Da stehen sie, 16 Kühe, den Kopf zur Wand, das pralle Euter gen Graben.
Fischer geht ihn entlang, desinfiziert die Zitzen und melkt mit der Hand einmal an, bis Milch auf die weißen Fliesen tropft. Er erkennt die 17, die kaum laufen kann, wenn sich ihr beeindruckendes Gehänge in Schwingung versetzt. Er erkennt Waltraud, Nummer 194, die einen Namen bekommen hat, weil sie an einem Januartag auf die Welt kam, am gleichen wie Walter Fischer.
In größeren Betrieben übernimmt das Melken längst ein vollautomatisiertes Melksystem. Auf Hightech-Höfen geschieht auch das Füttern und Einstreuen maschinell. Für die Fischers ist das keine Option. Sie hätten dann kaum noch Kontakt zu ihren Tieren.
Auch die 69 steht wieder im Melkraum und tippelt unruhig von rechts nach links. Es ist die Mutter von Kalb 580. Neun Monate vor der Geburt hat Fischer einen langen Handschuh bis zu seiner Schulter gezogen, über den Darm die Gebärmutter der Kuh ertastet und dort mit einer Pipette den Samen eingeführt.
Der Vater von Kalb 580 heißt Bono und macht „nicht zu große, jugendliche Jungkühe“ – so der Eintrag auf einer sogenannten Bullenkarte, die die Vorzüge des Samenspenders preist. In Fischers Büro steht ein kniehoher Container. Darin lagern die Samenröhrchen in flüssigem Stickstoff. Eine Portion des Zuchtbullen Malki kostet 25 Euro, mehr als 15 000 Töchter habe der bereits gezeugt, sagt Fischer. Bono habe zu Kuh 69 aber besser gepasst als Malki, Enforcer oder Mastershot – auch wenn ein Kalb mit deren Genen vielleicht mehr Milch geben würde. „Was bringt es mir, wenn die Kälber am Ende so groß sind, dass sie nicht mehr durch das Becken der Mütter passen?“
In Deutschland wird die Milchleistung pro Kuh immer weiter in die Höhe getrieben, in den vergangenen hundert Jahren hat sie sich verdreifacht. Nicht ohne Folgen, es stehe schlecht um die Gesundheit vieler Tiere, sagen Fachleute. Vor allem die Euter werden stark beansprucht, das führe zu Entzündungen, hinzu kommen Stoffwechselstörungen, Klauenkrankheiten.
Fischer setzt auf eine höhere Lebensleistung. Die Kühe sollen länger auf dem Hof bleiben, dabei solide Milch abliefern und nicht bereits nach zwei, drei Jahren mit Spitzenerträgen „nicht mehr funktionieren“.
Die Eheleute halten Kühe der Rasse Holstein-Schwarzbunt, sie gilt als die perfekte Milchkuh. Sie frisst gut, wird schnell schwanger, lässt sich gut melken, produziert viel Milch und setzt kaum Fett an. Ihre Hüftknochen stehen deutlich hervor, man könnte sie kreuzen mit Rassen, die mehr Fleisch ansetzen, damit die Bullenkälber schwerer werden und teurer verkauft werden könnten. „Aber wir sind eben ein Milchbetrieb, damit verdienen wir unser Geld“, sagt Jenny Fischer.
Der Landwirt Walter Fischer hat den Bauernhof auf der schwäbischen Alb von seinen Eltern übernommen
Beiprodukt Bullenkalb
Eines Abends steht sie am Ende des Stalls vor einem Iglu. Ihre Tochter hält den Infusionsbeutel, Fischer legt die Nadel. Ein Kalb hat es auf der Lunge. Am Ende stirbt es.
Sie würde es nie übers Herz bringen, die Tiere schlecht zu versorgen, sagt Jenny Fischer. Ihr Mann erzählt von einem Landwirt, der bei den Kälbern auf den Tierarzt verzichte. Es lohne sich nicht. Undenkbar, sagen die Fischers.
Im Schnitt sterben knapp fünf Prozent der Kälber in den ersten drei Monaten, meistens an Infektionskrankheiten. Rechnet man die Totgeburten dazu, verdoppelt sich die Rate. Oft sterben deutlich mehr Bullenkälber als weibliche Tiere.
Landwirte müssen die neugeborenen Kälber im Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere eintragen lassen, einer zentralen Datenbank. Dafür haben sie sieben Tage Zeit. Stirbt ein Tier in der ersten Woche, wird es häufig nicht gemeldet, und auch die Ursachen des Todes werden nicht erfasst.
Je größer die Kälber sind, desto wahrscheinlicher braucht die Kuh während der Geburt Hilfe: ein kräftiges Ziehen an den Hinterläufen, um das Kalb durch den Geburtskanal zu bekommen, das Aufstechen der Fruchtblase, damit es nicht erstickt. Aber das ist kaum leistbar auf großen Höfen mit mehreren Hundert Tieren.
Und wohin nun mit Kalb 580?
Zwei Wochen muss es auf dem Hof bleiben, schreibt die EU-Tierschutztransport-Verordnung vor. In Deutschland gilt seit diesem Jahr, dass die Kälber erst nach 28 Tagen abtransportiert werden dürfen – weil sie dann stärker und weniger anfällig sind. Denn es erwartet sie eine beschwerliche Reise, die in Norddeutschland enden kann, in den Niederlanden und auch in Spanien oder Marokko.
So genau dürfe sie darüber nicht nachdenken, sonst könne man das alles hier nicht machen, sagt Jenny Fischer und verteilt eine Ladung Stroh auf die Iglus.
Im Hänger
Der weiße Anhänger schiebt sich in den Stall. Auf der Rückseite lächeln drei Kühe, darunter steht „Lebende Tiere“. Otto Knöll, grüner Blaumann, Schildmütze, steigt aus dem silbernen SUV. Jeden Montag sammelt er die Bullenkälber der umliegenden Höfe ein. Zwei stehen schon auf seinem Hänger. Er wirft einen Blick auf 580. Gehe gerade noch, sagt Knöll. „Aber viel bringt der nicht.“ Dem letzten Landwirt habe er gesagt, er solle sein Kalb lieber noch eine Woche behalten, so wenig sei dran gewesen. Der habe abgewunken. Die schlechte Ernte, Futter- und Milchpulverpreise, die durch die Decke gehen. „Ich hab’s dann doch mitgenommen“, sagt Knöll.
Stark schwankende Preise, das ist Alltag in der Landwirtschaft. Jüngst war Milch so teuer wie selten zuvor: Im Dezember 2022 zahlten Molkereien den Bauern durchschnittlich 61,7 Cent pro Kilogramm. 2020 lag der Preis im Schnitt noch bei 32,8 Cent. Damals mussten die Bauern ihre Milchproduktion steigern, um auf ihre Kosten zu kommen, dadurch wurden mehr Kälber geboren. Auch beim Fleisch stürzten seinerzeit die Erzeugerpreise ab, unter anderem wegen Corona-Lockdowns mit geschlossenen Restaurants und Kantinen. Nicht einmal 20 Euro bekamen die Fischers Ende 2020 für ein Kalb, knapp 50 Kilo schwer, schon zwei Wochen hochgepäppelt. Der Markt machte es vom Bei- zum Abfallprodukt. Und bei der Milch? Da fällt der Preis seit Jahresbeginn wieder drastisch.
Knöll bindet ein blaues Band um den Nacken des Kalbs 580 und führt es aus dem Iglu die fünf Meter zum Hänger. Das Tier trägt für diese Recherche einen GPS-Sender, selbstverständlich mit Einverständnis der Fischers. Auch sie wollen wissen, wo ihre Kälber landen. Mithilfe einer Datenbank können sie zwar versuchen zu erfahren, ob sich diese in Deutschland befinden oder in einem anderen Land. Was dort angegeben wird, ist aber oft nur ein Zwischenstopp – Reisezeit und Endziel bleiben unbekannt. Am liebsten wäre den Fischers, Kalb 580 könnte hier in der Umgebung bleiben, ein paar Kilometer entfernt gemästet und in der Region geschlachtet werden. Einfluss haben sie darauf keinen, es gibt schlicht kaum Abnehmer.
Knöll startet den Motor, es ist 13.35 Uhr. Der SUV samt Anhänger fährt langsam vom Hof, biegt auf die Dorfstraße ab. Weiß verputzte Häuser, ein gelbes Ortsschild, dann mannshoher Mais, eine Feldkapelle. Fünfmal wird Knöll noch halten, fünf Kälber und ihre Pässe entgegennehmen. Er bringt sie zu einer Sammelstelle im oberschwäbischen Bad Waldsee.
Ein dunkler Bau, daneben reihen sich vier längliche Ställe mit Steildach. Langsam fährt Köhler mit der Rückseite des Anhängers an einen der Ställe heran, steigt aus und klappt die Laderampe runter. Acht Kälber stolpern in den Holzbau. Die Anlage gehört zum Kälber Kontor Süd, einer Tochtergesellschaft der Viehzentrale Südwest GmbH. Diese kauft und verkauft Schlacht- und Nutztiere, nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 2,5 Millionen.
Die Gesetzeslage
Bis Ende 2020, so vermuten die Fischers, gingen die meisten ihrer Bullenkälber auf direktem Wege nach Spanien. Ein Veterinär musste sie zuvor auf dieser Sammelstelle begutachten, ihre Reisefähigkeit bescheinigen. Dann – offiziell – neun Stunden Fahrt, eine Stunde Pause, in der die Tiere getränkt werden müssen, wieder neun Stunden Fahrt. Diese Transportabschnitte dürfen mehrfach wiederholt werden, wenn die Tiere zwischendurch an einer zugelassenen Kontrollstelle entladen, gefüttert und getränkt werden und 24 Stunden Ruhezeit haben. Das ist aktuell in Europa Vorschrift für Langstreckentransporte von Kälbern.
Für einige Wochen waren Transporte junger Kälber von Baden-Württemberg nach Spanien ganz verboten. Das zuständige Veterinäramt hatte Ende 2020 befunden, es könne nicht sichergestellt werden, dass alle der bis zu 250 geladenen Tiere an die mitgeführten Trinkvorrichtungen kommen, manche der wenige Wochen alten Kälber fänden die Nuckel nicht. Und für eine individuelle Versorgung jedes Kalbs durch den Fahrer reiche eine Stunde Pause nicht aus. Dagegen klagte ein Transportunternehmen – und der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hob den Stopp im Eilverfahren Mitte Februar 2021 auf. Entsprächen die Fahrzeuge den Richtlinien, so das Gericht, dürften sie Kälber nach Spanien bringen.
Blick auf den GPS-Tracker. Kalb 580 steht noch immer in einem der Ställe. Irgendwann zu dieser Zeit wird es gewogen. Später bekommen die Fischers eine Abrechnung zugeschickt. 52 Kilogramm, Tagespreis 1,80 Euro. Macht 93,60 Euro.
Wir würden gern die Ställe von innen sehen und ein paar Fragen stellen, doch die Frau am Empfang gibt uns freundlich, aber deutlich zu verstehen, dass sie hier nicht mit der Presse sprechen. Am Ende kämen sie sowieso immer schlecht dabei weg. Im Übrigen sei dies Privatgelände, und das beginne nicht am Zaun, sondern schon 200 Meter weiter vorn, an der Landstraße.
Gen Norden
Gegen Abend fährt ein großer Transporter auf das Gelände. Der Fahrer im roten Shirt streut Stroh ein. Dann werden die Kälber geladen, auf zwei Etagen. Auch Kalb Nummer 580 ist dabei. Kurz vor acht bricht der Transporter auf, biegt auf die Landstraße, die Bundesstraße, die Autobahn Richtung Ulm.
Nach knapp zweieinhalb Stunden der erste Stopp. Wolpertshausen, nordöstliches Baden-Württemberg, eine weitere Sammelstelle der Viehzentrale. Mehrere Ställe, direkt neben der Autobahn. Der grüne Transporter fährt in eine schlauchartige, überdachte Einfahrt. Inzwischen ist es dunkel geworden. Man hört das Rauschen der Autobahn und das Muhen der Kälber. Kalb 580 wird umgeladen.
Gegen halb zwei in der Nacht ein Signal. Das Kalb bewegt sich mit rund 50 Stundenkilometern. Der Tiertransporter, in dem es sich befindet, fährt auf die A6 Richtung Nürnberg, dann auf die A7 Richtung Norden. Er ist silberfarben und zwischen den anderen Lkw, die die Waren des Landes befördern, gut zu erkennen. Das Heck ist von roten Lichtern gerahmt.
Nächster Stopp: ein Stellplatz für Wohnmobile nahe Fulda. Es ist kurz nach vier Uhr morgens. Der Fahrer des Transporters sattelt den hinteren Anhänger ab und fährt los, ohne den Anhänger. 50 Minuten bleibt er fort, warum auch immer. Als er zurückkehrt, kuppelt er den Anhänger wieder an und steuert die nächste Autobahnauffahrt an.
Weiter die A7 hinauf, rund 80 Kilometer. Nächster Stopp: ein Autobahnparkplatz kurz vor Kassel. Der Fahrer verschwindet in der Schlafkabine. Die Lüftungsschlitze auf der Fahrerseite des Transporters sind geöffnet und geben den Blick ins Innere frei.
Drei Kälber treten unruhig auf der Stelle, sie finden keinen guten Halt. Einige haben sich auf den Boden gelegt. Welches Bein zu welchem Tier gehört, ist schwer auszumachen. Man sieht die Klauen stehender Kälber auf dem Hals und dem Rumpf liegender Tiere. Der Kopf eines weißen Kalbs mit der Nummer 792 ist halb von einem Hintern bedeckt, die andere Hälfte wird gegen die Wand des Transporters gedrückt. Es hat die Augen geschlossen. Ein Kalb mit einem weißen Fleck auf der Stirn steht ganz rechts am Rand, auf die gelbe Ohrmarke hat jemand mit Filzstift „Blüte“ geschrieben und ein Datum: 18.7.2022, darüber die 08. Blüte ist auf einem Bauernhof in Baden-Württemberg geboren.
Plötzlich Bewegung im Fahrerhaus, im Rückspiegel zeichnen sich die Konturen eines jungen Mannes ab. Er startet den Motor.
Weiter auf der A7. Vorbei an Kassel, Paderborn, Dortmund, Münster, Osnabrück. Die Straßen füllen sich, die Stunden verstreichen. Dann Landstraßen, Maisfelder, Häuser aus Backstein. Der silberfarbene Transporter biegt auf einen Feldweg ab. Da, ein Mastbetrieb. Er hält. Die ersten Kälber verlassen den Anhänger.
Kurz nach drei Uhr am Nachmittag. Rund 40 Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt liegt inmitten der Felder ein Bauernhaus mit Rosenranken am Eingang, daneben drei Ställe und eine Biogasanlage. Wieder lässt der Fahrer die Laderampe runter. Unter den Tieren, die in den Stall geführt werden, ist auch Kalb 580. Es ist angekommen.
Von der ersten Sammelstelle an war es 19 Stunden und rund 900 Kilometer durch Deutschland unterwegs. Erlaubt sind auf nationalen Transporten acht Stunden.
Ein Tiertransporter auf der Autobahn Richtung Norden. An Bord befindet sich auch Kalb 572, es stammt ebenfalls vom Hof der Fischers
Sammelstellen-Hopping
Wir haben den Transport eines zweiten Kalbs begleitet, ebenfalls mit einem GPS-Tracker: Kalb 572, zwei Tage früher geboren als Kalb 580, ebenfalls auf dem Hof der Fischers. Über zwei Sammelstellen in Baden-Württemberg ging es für dieses Bullenkalb nach Nordrhein-Westfalen, dort wurde es abgeladen, sechs Stunden Pause. Dann landete es in Belgien, am Ende in den Niederlanden. Erst nach mehr als 30 Stunden erreichte es seinen Zielort: einen Mastbetrieb nahe Amsterdam.
„Sammelstellen-Hopping“ nennt die Tierschützerin Iris Baumgärtner das. Auf diese Weise reizten Viehhändler die gesetzlichen Regelungen aus oder umgingen sie. Denn kurze Transporte, die weniger als acht Stunden dauern, müssen nicht durch einen Veterinär geprüft werden. Deshalb wird als Zielort oftmals eine Sammelstelle angegeben, obwohl die Tiere dort nicht bleiben, sondern nur verladen werden – auf den nächsten Hänger, zur nächsten Sammelstelle. Für die Tiere bedeutet das in der Regel noch mehr Stress und noch längere Transportwege.
Baumgärtner verfolgt für die Animal Welfare Foundation – eine Tierschutzorganisation, die europaweit für das „Ende von Qualtransporten“ kämpft – regelmäßig Viehtransporter quer durch Europa und dokumentiert Gesetzesverstöße. Ihre Recherchen haben ergeben, dass direkte Langstreckentransporte nach Spanien zumindest ab Bad Waldsee kaum noch stattfinden. „Das ist eigentlich ein Erfolg“, sagt sie. Aber: Nun werde das ferne Ziel über Umwege angesteuert. 2020 konnte sie zeigen, dass deutsche Kälber vier Sammelstellen und drei Landesgrenzen passierten, bevor sie nach drei Tagen in Spanien ankamen. Mindestens zehnmal wurden die Tiere dabei auf- und wieder abgeladen.
Bereits ab der ersten Ländergrenze verliert sich normalerweise die Spur der Kälber. Es gibt keine europäische Datenbank, die offizielle Dokumentation endet, wenn ein Tier das Land verlässt. Oder die EU. Baumgärtner und ihre Organisation konnten auch nachweisen, dass Tiere von Spanien per Schiff weiter in den Libanon, nach Marokko oder Algerien gebracht wurden. Tierschützern zufolge gab es dabei gravierende Verstöße gegen das europäische Tierschutzrecht.
Das Leiden der Tiere auf langen Transporten bestätigt auch ein Untersuchungsausschuss, eingesetzt durch das EU-Parlament. Der Abschlussbericht dokumentiert Transporte in extremer Hitze, fehlende Trinkvorrichtungen, deutlich überschrittene Transportzeiten, Überladung. Die EU-Vorschriften, so heißt es in dem Bericht, würden „nur unzureichend umgesetzt“, seien überdies „veraltet“ und „irreführend“.
Endstation, vorläufig
In einem Stall nahe der niederländischen Grenze steht ein Bauer. Es ist kurz vor Mittag, er geht in einen Nebenraum und steigt aus seinem Blaumann. Er sieht müde aus. Seinen Namen möchte er nicht veröffentlicht sehen.
Seit fünf Uhr morgens arbeite er. Für ein Gespräch sei er zu erledigt. Sorry. Aber dann erzählt er doch: 1500 Kälber stehen in seinen Ställen, eingesammelt aus ganz Deutschland. Links die jungen, rechts jene, die demnächst abgeholt werden. Sechs Monate werden sie gemästet.
Sieben Tage die Woche arbeiteten sie hier, sagt der Bauer, zu dritt, und machten am Ende keine 90 000 Euro Gewinn pro Jahr. Ohne die Einnahmen durch die Biogasanlage und die Solarpanels auf dem Dach der Stallungen wäre er längst pleite. Er habe den Hof 1977 von seinen Eltern übernommen. Damals habe es in der Umgebung noch viele kleine Bauernhöfe gegeben, inzwischen seien nur noch drei oder vier übrig. „Lange mache ich das auch nicht mehr“, sagt er und schüttelt den Kopf.
Die da oben kämen mit immer neuen Vorschriften. Längst müsste er eigentlich in einen neuen Stallboden investieren. Aber wie, wenn die Preise für die Kälber im Keller bleiben? Er wirft die linke Hand in die rechte Armbeuge und zeigt dem Rosenbusch vor dem Backsteinhaus den Mittelfinger. „Dann kauft doch euer Fleisch in Brasilien!“
Im linken Stall steht Kalb 580. Ein Mann in weißem Unterhemd führt es in seine Box. Rechts liegt schon ein Kalb, die Augen geschlossen, es wirkt ausgemergelt. Am Abend werden die Tiere mit einer Elektrolyt-Mischung getränkt, vom nächsten Tag an bekommen sie Ersatzmilch. So bleibt das Fleisch weiß.
Der Mastbetrieb hat sich, wie die meisten großen Betriebe in Norddeutschland, den Niederlanden und Belgien, auf helles Kalbfleisch spezialisiert – das viele Menschen erwarten, weil es als zart gilt und sich deutlich von herkömmlichem Rindfleisch unterscheidet. Die helle Farbe zeugt jedoch von einem besonders geringen Eisengehalt – und davon, dass die Tiere in ihrem kurzen Leben wohl keine Klaue auf eine grüne Weide gesetzt haben. Beginnen sie Gras zu fressen, färbt sich das Fleisch rosa.
Kalb 580 ist jetzt 25 Tage alt.
Rund 180 Tage liegen noch vor ihm. Es wird morgens seine Milch trinken und abends seine Milch trinken, allmählich zunehmen, aus dem Stall links in den Stall rechts verlegt und wahrscheinlich an einem Tag im Januar wieder auf einen Transporter verladen werden.
In der Zwischenzeit sind auf Fischers Hof wieder zwei Bullenkälber auf die Welt gekommen. Dort werden sie nicht lange bleiben. ---
Die Kälber aus der Milchproduktion sind für die Mast wenig geeignet, sie setzen kaum Fleisch an. Das intensive Füttern lohnt sich für die meisten deutschen Betriebe nicht. Überdies ist die Nachfrage nach Kalbfleisch in Deutschland eher gering. In einer immer spezialisierteren Landwirtschaft setzt man hierzulande stark auf die Milchproduktion, während in den Niederlanden oder in Spanien in großen Anlagen gemästet wird.
Bis zum achten Lebensmonat des Tiers darf sein Fleisch Kalbfleisch heißen. Im Schnitt werden die Kälber im Alter von sechs bis sieben Monaten geschlachtet. Zum Teil werden die Tiere zuvor bis nach Marokko oder in den Libanon verschifft.
Elternzeit für Kuh und Kalb – daran versuchen sich einige Bio-Höfe. Die Tiere bleiben in den ersten Monaten beieinander, das Kalb darf von der Mutter oder einer Amme trinken. Es bleibt in der Region und soll auch dort geschlachtet werden. Landwirte aus Baden-Württemberg haben das Siegel „Bruderkalb“ entwickelt, unter dem zart rosafarbenes Fleisch aus artgerechter, kuhgebundener Haltung vermarktet wird.
Ein anderer Weg, das Leid der Tiere zu vermindern: Anstatt die Kühe zehn Wochen nach einer Kalbung bereits wieder zu besamen, kann diese Zwischenkalbezeit verlängert werden. Dadurch soll die Zahl der Kälber insgesamt reduziert werden.
Landwirte können auch sogenanntes gesextes Sperma einsetzen und damit erreichen, dass weniger Bullenkälber geboren werden. Das ist allerdings teuer: Gesextes Sperma kostet etwa doppelt so viel wie herkömmliches.

