Endel

Das Start-up Endel macht aus Songs Klangwelten, die Menschen in die gewünschte Stimmung bringen sollen. Und treibt nebenbei die Automatisierung der Musikindustrie voran.



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• Ein Loft in Berlin-Mitte an einem Freitagvormittag. Im Innenhof trinken Touristen Kaffee in der Morgensonne, hier oben klingt es nach After Hour. Leichter Ambient-Sound flutet das Büro, während die wenigen anwesenden Mitarbeiter konzentriert vor ihren Bildschirmen sitzen.

Dass in der Firma Endel Musik nicht nur konsumiert, sondern auch produziert wird, darauf deutet nur der breite Tisch in der Mitte der Fensterfront hin. Hier sind Keyboards, Sequenzer, Boxen und ein Mischpult aufgebaut, der zugehörige Kabelsalat ist unauffällig in Kartons versteckt.

Auch Oleg Stavitsky, der Gründer und Chef der Firma tritt start-up-untypisch bescheiden auf. Statt mit der jüngst verkündeten KI-Partnerschaft mit der Universal Music Group anzugeben, macht der 40-Jährige etwas, was unter DJs als „Mood Killer“ bekannt ist: Er lässt die Luft aus der ganzen Sache. „Was wir machen“, sagt er, „ist Sound. Funktionaler Sound.“

Vereinfacht gesagt erstellt Endel mit seiner Software Klanglandschaften, die bestimmten Zwecken dienen: Schlafen, Entspannung, Konzentration, Bewegung oder Lernen. Wer die App nutzt, kann das System mit seinen Vorlieben füttern und auch mit Informationen über den eigenen Biorhythmus. Zudem berücksichtigt das System Tageszeit, Standort oder auch die Herzfrequenz.

Die hauseigene Software kombiniert diese Informationen dann mit einer Auswahl aus mehr als zehntausend Klang-Elementen, die nach bestimmten Regeln zusammengesetzt werden. Ganz dem Genre verpflichtet, können auch Naturgeräusche wie Regengeplätscher dabei sein. Wer Endels Hintergrundmusik abonniert, dem verspricht die Firma einen Dauer-Soundtrack, der sich ständig dem persönlichen Tagesrhythmus anpasst. Bis hin zur Schrittgeschwindigkeit, wenn man gerade spazieren geht.

Als Stavitsky und seine fünf Mitgründer 2018 die Firma an den Start brachten, reagierten sie auf zwei Trends: den Hype um neue Audio-Endgeräte, von intelligenten Lautsprechern bis hin zu Apples AirPods. Und die Flut an Streaming-Playlists, die Produktivität, Konzentration oder ruhigen Schlaf versprachen. „Dadurch war es möglich, ein Produkt an der Schnittstelle all dieser Trends zu entwickeln“, sagt Stavitsky.

Bislang konnte Endel etwa 22 Millionen US-Dollar von Investoren einsammeln. Der Umsatz liegt laut Firmenangaben bei „Millionen von Dollar“ und habe sich bislang jährlich verdoppelt. Einen entscheidenden Schub bekam das Geschäft, als Apple Endel 2020 zur App des Jahres für seine Watch kürte. Das brachte den Berlinern nicht nur einen Anruf vom Apple-Chef Tim Cook ein, sondern auch das Interesse von Musikerinnen und Musikern. Die kanadische Sängerin und Songwriterin Grimes veröffentlichte mit Endel den kurzen Track „AI Lullaby“, der britische Musiker James Blake eine ganze Stunde Endel-Mix zum Runterkommen. Und der Techno-DJ Richie Hawtin, ein früher Investor der Firma, steuerte Sounds für eine Fokus-Klangwelt bei. Mal bezahlte Endel die Künstler für die Zusammenarbeit, mal teilte man sich die Einnahmen.

Die Partnerschaft mit Universal soll solche Kooperationen verstetigen. Über Details schweigt man bei Endel, verrät nur so viel: Es sei eine echte Partnerschaft. Die Berliner sollen also nicht nur Sounds oder Technik zuliefern. Das erste hörbare Resultat der Zusammenarbeit ist ein Album des US-Rappers 6LACK, neu erdacht als Endel-Version zum Einschlafen. Weitere Verträge mit anderen Musiklabels sollen folgen.

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