Königsjagd im Slum
Der Nigerianer Tunde Onakoya will einer Million Kindern in Afrika Schach beibringen. Er sagt: Das könnte viele ihrer Probleme lösen. Porträt eines Großdenkers.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 11/2023.
Früher war der winkende Mann ein stiller Junge ohne Zukunft, dann veränderte ein Brettspiel sein Leben
• Tunde Onakoya steigt aus seinem roten Lexus aus und tritt auf eine sandige Straße in Makoko, einem gigantischen Slum im Zentrum der nigerianischen Megacity Lagos. Und sofort treffen ihn alle Blicke, Passanten drehen sich um und fangen an zu tuscheln.
Er fällt auf, und das hat zwei Gründe. Erstens wäre da sein extravaganter Kleidungsstil: Obwohl es sicher 30 Grad Celsius heiß ist, trägt er einen Tweed-Anzug über einem weißen T-Shirt, oft auch über einem weißen Hemd mit schmaler Krawatte. Auf dem Kopf trägt er eine Fila – so heißen die traditionellen Stoffhüte in Westafrika. Im linken Ohr glänzt ein dunkler Ohrring und am Handgelenk die blaue Apple-Watch. Zweitens ist er in den Slums von Nigeria ein Star, seitdem seine märchenhafte Aufstiegsgeschichte in Nigeria viral ging.
Onakoya ist selbst in einem Slum von Lagos aufgewachsen. Er hat als kleiner Junge Schach gelernt, gemeistert, und dann hat das Spiel ihm den Aufstieg ermöglicht. Heute ist er 28 Jahre alt und lebt seine ganz eigene Version des Nigerian Dream.
Er behauptet: Schach könne eine Revolution in Afrikas Slums lostreten. Er hat 2018 die Non-Profit-Organisation Chess in Slums Africa gegründet. Ihr offizielles Ziel: Bis 2030 soll einer Million Kindern Schach beigebracht werden.
Aber haben die Kinder in Slums nicht andere Probleme, als ein Brettspiel zu lernen? Naja, das könne er jetzt nicht in ein paar Sätzen zusammenfassen, antwortet Onakoya, aber er könne es ganz gut zeigen. Er will beweisen, dass Schach eine „disruptive Idee für Afrikas Slums“ ist.
Er läuft die sandige Straße hinunter, bis er an einem Kanal ankommt. In dem Kanal liegen ein paar kleine Kanus, daneben sitzen am Ufer drei junge Männer unter einem riesigen Sonnenschirm. Gondolieris.
Die Leute in Lagos nennen Makoko scherzhaft „Venedig von Afrika“, denn Makoko ist auf Stelzen ins Wasser gebaut. Aber hier sind die Gondolieris keine Touristen-Attraktion, sondern das einzige Verkehrsmittel.
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Tunde Onakoya steigt in eines der Kanus, der Gondolieri stößt sich mit seinem Stab kräftigt vom Ufer ab, und das wackelige Boot gleitet hinein in das enge, verwinkelte Netz aus Wasserstraßen, vorbei an Wellblechhütten, die auf Holzpfählen stehen. Immer wenn das Kanu unter einer der niedrigen Holzbrücken entlang fährt, zieht Onakoya den Kopf ein, und wenn ein anderes Kanu seines rammt, zuckt er nicht mal zusammen.
Zur Rush Hour stockt auf den Wasserstraßen von Makoko der Verkehr: Fliegende Händlerinnen und Fischer in motorisierten Booten kommen gerade aus der Lagune von Lagos zurück. Auch Familien und alte Leute sind unterwegs. Bald steht Onakoya im Stau. An einer der schmalen Kreuzungen hat sich eines der großen Frachtboote verhakt. Ältere Männer kommen aus ihren Hütten, springen von einem Kanu ins nächste, bis sie ganz vorn ankommen, dort, wo das Frachtboot sich verhakt hat. Sie lotsen die kleineren Boote vorbei und lösen den Stau.
Nach einer halben Stunde hält Onakoya vor einem der wenigen Gebäude an, das hier in Makoko nicht auf Stelzen steht: die Schule. Sie steht auf aufgeschüttetem Sand. Ein kleines Häuschen, zwei Stockwerke, drinnen: düstere und kahle Klassenzimmer. „Es gibt viel schlimmere Schulen“, sagt Onakoya, und das ist genau das Problem, das er lösen will: In vielen Ländern Afrikas sind öffentliche Schulen sehr schlecht ausgestattet, auch in Nigeria. In den Slums besucht etwa jedes fünfte Kind zwischen 6 und 11 Jahren gar keine Schule.
Nigeria gibt im Jahr umgerechnet etwas mehr als eine Milliarde Euro für Bildung aus. In Deutschland, das nur etwa ein Drittel der Einwohner hat, belaufen sich die öffentlichen Ausgaben für Bildung auf 176 Milliarden Euro im Jahr.
Für Kinder, die in einem afrikanischen Slum aufwachsen, ist es fast unmöglich, an eine gute Schulbildung zu kommen. Im Kongo oder Tschad etwa leben rund vier Fünftel der Bevölkerung in Slums. In Nigeria, dem mit 220 Millionen einwohnerreichsten Land des Kontinents, ist es die Hälfte der Bevölkerung. Die vielleicht größte soziale Frage in vielen dieser Nationen ist: Wie kann man die Leben der Slumbewohner verbessern? Tunde Onakoyas Antwort ist: mit Schach.
Denn Schach trainiert das Gehirn. Denn Schachspieler müssen logisch denken, sich konzentrieren, unter Zeitdruck Entscheidungen treffen, kreativ sein und sich auf ihren eigenen Verstand verlassen. Sie müssen einen Plan entwerfen und ihn dann gegen den Widerstand des Gegners umsetzen. Alles Fähigkeiten, die einem auch dabei helfen können, die eigenen Lebensumstände zu verbessern.
Ganz neu ist die Idee nicht: Die Sowjetunion sah in Schach zum Beispiel eine ideologisch unbedenkliche Methode, das Volk zu bilden. Schach sei Gymnastik für den Geist, soll Lenin gesagt haben – und zwar sehr billige Gymnastik: Ein Schachspiel bekommt man für ein paar Euro.
In diesem, auf dem Wasser gebauten, Slum ist der heute 28-jährige Tunde Onakoya aufgewachsen
Onakoya mit zwei von 10.000 Kindern, die er bislang erreicht hat
Bootsfahrt mit spanischer Eröffnung
Auf dem Schulhof laufen die Kinder auf Tunde Onakoya zu. Jetzt wird gespielt. Onakoya und freiwillige Helfer der Organisation Chess in Slums haben ein Boot gekauft: das Schachboot. Mit dem holen sie die Kinder von der Schule ab und fahren sie durch Makokos Wasserstraßen nach Hause. Einzige Regel: Wer an Bord kommt, spielt Schach. Wenn Onakoya und seine Helfer Zeit haben, dann legt das Boot so wie heute auch mal zu Spazierfahrten ab.
Das Schachboot ist eines der größten Boote in ganz Makoko: Es ist etwa 20 Meter lang und hat ein Dach aus einer Plastikplane, das vor der Sonne schützt. Auf den langgezogenen Bänken an der Seite können sich zwei Dutzend Menschen gegenübersitzen, auf dem langgezogenen Tisch in der Mitte stehen Schachbretter. Die Kinder klettern kreischend ins Boot und rangeln um die Bretter.
Seit ein paar Jahren erlebt Schach einen globalen Hype: Schachvideos werden millionenfach auf Youtube angeklickt, und die App Chess.com stand zeitweise auf Platz eins in den App Stores für iOS und Android.
Jetzt geht auch Onakoya an Bord und setzt sich neben einen kleinen, stillen Jungen im orangefarbenen T-Shirt. Ferdinand heißt er, aber Tunde Onakoya nennt ihn nur „my prodigee“ – sein kleines Wunderkind.
Onakoya holt ein MacBook Air aus seiner schwarzen Umhängetasche und öffnet das Analyse-Brett auf Lichess, einem kostenlosen Online-Schachprogramm, mit dem man Stellungen analysieren kann. „Okay, du eröffnest Spanisch und dein Gegner antwortet mit der Berliner Verteidigung, wie reagierst du?“, fragt Onakoya. „Rochade“, antwortet Ferdinand, so leise, dass man es kaum verstehen kann. „Richtig, und jetzt schlägt Springer auf e4, was machst du?“ „Läufer schlägt auf c6“, antwortet Ferdinand wieder flüsternd. Er spricht nur, wenn man ihn etwas fragt und meidet Augenkontakt. Er kam mit Zerebralparese zur Welt, einer neurologischen Störung. Gulugo nannten ihn die anderen Kinder – einen Dummkopf. Dann lernte er bei Onakoya Schach und kam schnell auf 1600 Elo-Punkte – was bedeutet: Er erreichte in atemberaubend kurzer Zeit das Niveau eines passablen Vereinsspielers.
Als der Gouverneur von Lagos von dieser bemerkenswerten Geschichte hörte, lud er den Jungen zu einem Schaukampf in seinen Palast ein. Der Gouverneur ist selbst Schachspieler. Ferdinand besiegte ihn. Der Gouverneur war so beeindruckt, dass er Ferdinand eine Million Naira schenkte (2000 Euro) – ein Vermögen in Makoko. Keiner nennt Ferdinand jetzt noch Gulugo. Im Frühjahr wollte er an einem Schachturnier in Griechenland teilnehmen, doch er bekam kein Visum. Nun will er im Dezember zu einem Turnier nach Spanien. Vielleicht klappt es dort.
Will Onakoya also eine Million Schachmeister in Afrikas Slums rekrutieren, die dann durch Turniere reich werden? „Nein, nein“, sagt er, „Schach ist nicht das Ziel, sondern nur das Mittel, damit sie anfangen zu denken.“
Auf dem Boot herrscht konzentrierte Stille. Onakoya und seine Schüler gleiten schachspielend durch Makoko. An der Wasseroberfläche treibt eine Plastikschicht aus Chipstüten und Fanta-Flaschen, die an manchen Stellen so dicht ist, dass Hühner darüber laufen können.
In dem Slum gibt es weder Kanalisation noch Müllabfuhr. Alles landet einfach im Wasser. Wenn ein Auswärtiger hineinfällt, kann das gefährlich sein. Aber die Kinder von Makoko springen von den Plattformen ihrer Häuser in die Kanäle wie Leipziger Kinder in den Cospudener See. Ihre Körper haben sich offenbar an die verdreckte Brühe gewöhnt. „Wenn du hier im Slum aufwächst, dann kennst du nur diese Welt“, sagt Onakoya. „Aber wir Slumkinder sollten uns nicht einfach an die Umstände anpassen, in die wir hineingeboren werden.“
Eine Revolution müsse Afrikas Slums erfassen. „Schach macht dich hungrig, denn es zeigt dir, dass es da draußen so viel mehr gibt“, sagt Onakoya in perfektem britischen Englisch. Und wahrscheinlich hätte er niemals diese Idee gehabt, wenn sein Vater nicht vor 20 Jahren, als Tunde neun Jahre alt war, einen schweren Verkehrsunfall gebaut hätte.
Das Schachboot bringt die Kinder von der Schule nach Hause – und soll ihnen einen Ausweg aus dem Elend ermöglichen
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Tunde sollte eigentlich Arzt werden
Onakoyas Vater arbeitete damals als Danfo-Fahrer. Das sind die gelben VW-Busse, die in ganz Lagos fahren und zum Wahrzeichen der Stadt geworden sind. Danfos sind meistens völlig verbeult, denn die Lagosianer sind berüchtigt für ihren halsbrecherischen Fahrstil, und niemand fährt so halsbrecherisch wie die Danfo-Fahrer.
Auch der Bus von Onakoyas Vater war verbeult, denn er war über die Jahre schon in einige kleine Verkehrsunfälle verwickelt gewesen. Aber diese alten VW-Busse sind quasi unverwüstlich, und so ist ein kleiner Zusammenstoß auf den Straßen von Lagos selten eine große Sache. Doch an diesem einen Tag im Jahr 2003, da verursachte Onakoyas Vater einen Verkehrsunfall, der den Motor seines Danfos zerstörte – wirtschaftlicher Totalschaden. Der Danfo-Bus war das ganze Kapital der Familie. Onakoyas Vater war nun arbeitslos, und das Geld, das seine Mutter als Straßenhändlerin verdiente, reichte vorne und hinten nicht.
Wie die meisten nigerianischen Eltern träumten auch Tunde Onakoyas Eltern davon, dass ihr Sohn eines Tages Arzt würde. Aber nach dem Unfall mussten sie ihn von der Schule abmelden, weil sie sich die Schulgebühr in Höhe von etwa 50 Euro nicht mehr leisten konnten.
Statt zur Schule ging der Junge dorthin, wo auch die anderen Kinder aus der Nachbarschaft hingingen: zu Biola Edwards, einem älteren Herrn, der einen Barber-Shop betrieb und im Hinterzimmer eine Playstation 1 stehen hatte, auf der man für 10 Cent zehn Minuten lang Pro Evolution Soccer spielen konnte. Aber Tunde Onakoya hatte auch die 10 Cent nicht, und darum kam er jetzt jeden Tag in den Barber-Shop, um den anderen Jungs beim Zocken zuzusehen.
Mr. Edwards, der Besitzer des Shops, war ein angesehener Mann in der Nachbarschaft. Er saß selbst nie an der Playstation. Wenn Mr. Edwards Freunde vorbeikamen, dann sah Tunde Onakoya ihn immer ein Holzbrett hervorholen, mit hellen und dunklen Vierecken, die darin eingraviert waren. Dann stellte Mr. Edwards ein paar Dutzend geschnitzter Figuren auf das Brett. Er reichte dem Mann, der ihm gegenübersaß, die Hand, und dann starrten beide Männer schweigend und ernst stundenlang auf das Brett und zogen abwechselnd die geschnitzten Figuren. Jedes Mal, wenn Mr. Edwards mit seinen Freunden Schach spielte, schaute Tunde Onakoya zu.
Er sei ein sehr schüchterner Junge gewesen, erinnert sich sein Bruder heute. Er hätte niemals gefragt, wie man diese oder jene Figur zieht. Aber Tunde Onakoya verstand das Schachspiel auch so. Nach ein paar Monaten fragten Mr. Edwards und seine Freunde den stillen Jungen, ob er nicht mal mitspielen wolle. Er machte sich gar nicht schlecht, und bald gewann er sogar hier und da mal eine Partie.
Onakoyas Familie wohnte damals in einem mehrstöckigen Wohnblock in Ikorodu, einer Stadt etwa 30 Kilometer nordöstlich von Lagos. Auf einer Etage lebten 20 Familien, die sich ein Bad teilten. Für jede Familie gab es auf der Etage nur jeweils ein Zimmer.
Auf so engem Raum lässt sich nichts geheim halten, und so dauerte es nicht lange, bis die Mutter in dem Rucksack ihres Sohnes ein Brett mit 64 Feldern entdeckte. Sie war schockiert, zeigte es ihrem Mann, und der flippte aus. In der Gegend, in der Tunde aufwuchs, war Dame ein sehr beliebtes Spiel. Es wird genau wie Schach auf 64 Feldern gespielt, meistens jedenfalls. Tunde Onakoyas Eltern glaubten, dass ihr Sohn jetzt Dame spielte, und das gefiel ihnen gar nicht, denn Dame galt als Spiel, bei dem vor allem Spielsüchtige ihr Geld verzocken. Der Vater brüllte den Jungen an, nahm ihm das Brett ab. Nein, nein, das sei nicht Dame, sondern Schach, erwiderte der kleinlaut, aber von Schach hatten die Eltern noch nie etwas gehört.
„Tunde hat wochenlang geheult, als unser Vater ihm das Brett weggenommen hat“, sagt Tundes Bruder, „Schach war sein ganzes Leben.“ Und gibst du dein Leben auf, weil dir jemand das Spielfeld wegnimmt, auf dem dein Leben stattfindet? Natürlich nicht. Die Mutter schaffte es, Tunde Onakoya wieder auf der Schule anzumelden. Aber der ging trotzdem weiter zu Mr. Edwards, und an den Wochenenden spielte er heimlich Turniere.
Eine der Grundschulen in Makoko, in denen Onakoyas Organisation unterrichtet
Spielerisch die kognitiven Fähigkeiten trainieren – darum geht es
Ein goldener Pokal brachte die Wende
Eines Tages, er war zwölf Jahre alt, lief er gutgelaunt durch die Straßen von Ikorodu. Er hatte gerade ein wichtiges Schachturnier gewonnen, und das war eine kleine Sensation. In seinen Händen hielt er den goldenen Pokal, und den drückte er, nachdem er die Treppen in seinem tristen Wohnblock hochgestürmt und in das Zimmer seiner Familie getreten war, seinem Vater in die Hand.
Das sei Schach! Er habe gegen Leute gewonnen, die zehnmal so viel verdienen wie seine Familie. Er sagte das, obwohl er nicht wusste, ob sein Vater wieder ausflippen würde. Dann sah er seinen Vater weinen, zum ersten Mal überhaupt. Der Vater hatte verstanden: Gut Schach spielen zu können ist eine große Leistung. Er war stolz auf seinen Sohn.
Von diesem Moment an wurde Tunde Onakoya selbstbewusster und in der Nachbarschaft zu einem Lokalhelden. Aber er wollte mehr.
Mit dem Geld, das er mit Schachunterricht für wohlhabende Leute verdiente und bei Schachturnieren gewann, konnte er sich an einer Technischen Fachhochschule einschreiben. 2015 machte er sein Diplom in Informatik. Seine Freizeit verbrachte er damals nach wie vor mit alten Freunden. Er sah, wie die Jungs aus seinem Heimatviertel Drogen nahmen, fragte sich: Könnte Schach vielleicht auch für andere ein Ausweg sein?
Er besorgte Schachbretter und drückte Kindern, die mit ihm abhingen statt in der Schule zu sein, die hübsch geschnitzten Figuren in die Hand. Er erklärte ihnen die Regeln, und die Kinder begriffen schnell. Bald waren sie richtig gut, aber Außenstehende verstanden nicht, zu welcher Denkleistung er sie getrieben hatte. Das wollte er ändern.
Zwei Jahre, nachdem er angefangen hatte, Schachunterricht zu geben, forderte er das Schachteam der California University zu einem Onlineturnier heraus. Das war ein bisschen vermessen, seine Schüler waren ja zum Teil noch im Grundschulalter. Aber vielleicht gelingt einem ja ein Glückssieg, dachte er. Das Match lief dann völlig anders als erwartet. Onakoyas Schüler spielten gegen die Studenten einer amerikanischen Eliteuniversität, die 70 Nobelpreisträger hervorgebracht hatte, Remis, also unentschieden. Ein kleines Wunder, das in der Schachszene kaum jemandem verborgen blieb.
In Subsahara-Afrika wohnt eine Viertelmilliarde Menschen in Slums. Ein gigantisches Humankapital, das gehoben werden will. Wie viele verhinderte Nobelpreisträger versauern in Slums, weil niemand sie fördert?
Schach ist keine Zauberformel, die Slums plötzlich in Ivy-League-Campusse verwandelt. Aber zahlreiche Studien legen nahe, dass Schachspielen tatsächlich die Problemlösungskompetenz fördert. Die Psychologin Brooke Macnamara von der Case Western Reserve University in Cleveland gibt zwar zu bedenken, dass Schachtraining keine formale Schulbildung ersetzen kann. Sie geht aber davon aus, dass sich das Schachtraining positiv auf die kognitiven Fähigkeiten von Tunde Onakoyas Schülern auswirkt.
Makoko wird scherzhaft „Venedig von Afrika“ genannt, ist aber wahrlich kein Idyll
Selbstinszenierung gehört zum Geschäft
Bislang, sagt Onakoya, habe Chess in Slums schon 10 000 Kinder erreicht. Bis 2030 will er einer Million Menschen Schach beibringen: „Ich will, dass die ganze Welt sieht, dass wir alles können, wenn wir nur die Chance dazu bekommen.“
Das Schachboot legt wieder an der Schule an. Onakoya geht von Bord, und sofort laufen wieder Kinder auf ihn zu, ein Jugendlicher will ein Selfie mit ihm machen.
Onakoya ist nicht mehr oft in Makoko, um Unterricht zu geben. Er kann nicht einer Million Kindern Schach beibringen. Stattdessen sucht er Freiwillige, die schon Schach spielen können, weist sie ein und lässt sie Unterricht geben.
So ist Chess in Slums über Lagos hinausgewachsen. Langsam erobert Schach die Slums von Nigerias Millionenstädten. Und seit Onakoya und die in New York gegründete, gemeinnützliche Organisation The Gift of Chess kooperieren, erreicht er noch mehr Länder in Afrika, wie Uganda, Ghana oder Malawi.
Onakoya drückt einem Jugendlichen sein iPhone in die Hand. Fotografier mich so, nee, die ganzen Kinder da müssen auch im Bild sein, ja, so ist es gut. Er weiß, wie er sich verkaufen muss. Er weiß, dass er gerade eine für den Reporter faszinierende Geschichte erzählt und dass sein eleganter Tweed-Zweiteiler, den er trotz der tropischen Hitze von Lagos trägt, die ganze Aufstiegsgeschichte nochmal besser unterstreicht.
Ohne mediale Aufmerksamkeit ginge der Plan von Onakoya nicht auf. Einer Million Kindern Schach beizubringen kostet Geld, und die einzige Einnahmequelle von Chess in Slums sind Spenden von Schachfans auf der ganzen Welt. Er selbst sehe von dem Geld übrigens nichts, sagt er. Er verdiene seinen Lebensunterhalt als Marken-Botschafter für OctaFX, eine Plattform für den Handel mit Devisen.
Tunde Onakoya vermarktet sich und seine Organisation auf Social Media, und das funktioniert gut: Im September 2022 kam sogar der Präsident des Weltschachverbandes (Fide), Arkady Dvorkovich, nach Makoko. Selbstverständlich hat Tunde ihn selbst herumgeführt und selbstverständlich hat er die Fotos auf Twitter geteilt. Danach gab es wieder eine Menge Spenden. „Bescheidenheit ist eben schwerer zu vermarkten“, sagt er und schmunzelt ein wenig konspirativ.
Ein Stratege eben. ---
Yves Bellinghausen ist auch Schachspieler, aber zu mehr als passablem Amateur-Niveau hat es nicht gereicht. Die Geschichte von Tunde Onakoya machte in Schachkreisen schon vor Jahren die Runde, aber eigentlich war ein brand eins-Bericht dazu nicht geplant. Zum ersten Kontakt mit dem Protagonisten kam es zufällig, bei der Recherche zu einer anderen Reportage („Der Nigerianische Traum“, brand eins 07/2023). Onakoya lud den Reporter spontan ein, mit ihm nach Makoko zu fahren. Weil Schachspieler nicht an Zufälle glauben, fuhr Bellinghausen mit.
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