Die Wette gilt

Der Wagniskapitalfonds Planet A Ventures vergibt seine Millionen nur an Start-ups, die nachweisbar der Umwelt nützen. Kann das funktionieren?






Gründer Fridtjof Detzner 

• Eines Tages, sollte alles doch noch eine glückliche Wendung genommen haben, wird man sich vermutlich fragen, welchen Innovationen wir das zu verdanken haben. Mit welchen Methoden, Techniken und Verfahren haben wir Klimakrise, Artensterben und die Vermüllung unseres Planeten gestoppt? Welche Firmen, welche Gründer hatten die entscheidenden Ideen? Möglicherweise wird eine der Antworten zu einer todkranken indischen Kuh führen.

Dieses Tier liegt an einem brüllendheißen Sommertag des Jahres 2017 in Neu-Delhi auf der Seite, während eine Tierärztin seinen Bauch aufschneidet. Nach und nach fingert die Ärztin fünf Bottiche voller Plastikmüll aus den Mägen der todgeweihten Kuh. Neben ihr steht Fridtjof Detzner und kann sich vor Bestürzung und Übelkeit kaum auf den Beinen halten.


„Bis vor wenigen Jahren dachten viele, Green-Tech wäre ein Sektor wie viele andere. Heute ist klar, dass die ökologische Transformation alle Bereiche unserer Gesellschaft erfassen wird: Wir werden anders essen, anders einkaufen, uns anders fortbewegen. Green-Tech reicht in jeden dieser Sektoren, und die wichtigsten Technologien entstehen hier und heute.“
Lena Thiede, Mitgründerin von Planet A Ventures

Detzner stammt aus Cuxhaven, ist ein leidenschaftlicher Kitesurfer und Mitgründer von Jimdo, eines vor allem bei Selbstständigen beliebten Webseiten-Baukastens (siehe auch brand eins 06/2020 „Matzes Husarenstück“).

Nach einer Firmenkrise macht sich der Unternehmer 2017 auf den Weg nach Asien, um für eine Dokuserie der Deutschen Welle Gründerinnen und Gründer zu befragen. Dabei stößt er jedoch nicht nur auf Erfinder, sondern auch auf vermüllte Städte, verseuchte Gewässer und hungernde Landwirte, denen immer härtere Dürren die Ernten verdorren lassen. Eines Tages steht er in Indien vor diesem Rind, das gerade am allgegenwärtigen Plastikmüll verreckt. „Damals wurde mir klar, dass ich nicht einfach wieder nach Hamburg zurückkehren und das nächste E-Commerce-Start-up aufsetzen konnte“, sagt Detzner, der mit seinen 38 Jahren immer noch jungenhaft wirkt.

Wenn Geld die Welt regiert, so sein Gedanke, könnte Geld dann nicht auch die Welt retten? Indem man es in Start-ups steckt, die neben Rendite auch der Umwelt etwas bringen? „Wagniskapital entscheidet ganz wesentlich darüber, welche Innovationen das Licht der Welt erblicken und welche nicht“, sagt Detzner und rechnet vor: Lediglich 0,5 Prozent der nach 1995 gegründeten US-Unternehmen seien einst mithilfe von Wagniskapital gewachsen. Diese winzige Minderheit aber vereine heute 76 Prozent der Marktkapitalisierung auf sich. Mit anderen Worten: Risikokapital ist – auch wenn der Markt gerade in die Krise geraten ist (siehe auch S. 36 „Das Kasino ist vorübergehend geschlossen“) –, einer der kräftigsten Hebel, den der Kapitalismus zu bieten hat.


 

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Ein neues Konzept, …

Keine vier Jahre später, im Frühjahr 2021, meldet das Portal Deutsche Startups die Gründung eines Wagniskapitalfonds namens Planet A Ventures, hinter dem Fridtjof Detzner und einige andere Umweltbewegte stehen. 100 Millionen Euro wollen die Gründerinnen und Gründer bis Ende des Jahres zusammenbekommen und ausschließlich in Start-ups investieren, die einen signifikanten Beitrag gegen Ressourcenverschwendung, Artensterben, Klimawandel oder Vermüllung leisten.

Ob und wie sie das tun, soll bei Planet A Ventures ein eigenes Wissenschaftlerteam überprüfen. Nur wenn sie den Daumen heben, gibt es Geld.

„Ein derart konsequentes Konstrukt habe ich selten gesehen“, sagt Frank Niederländer, Vorstandsmitglied der BMW Stiftung Herbert Quandt und Vorstandsvorsitzender der Bundesinitiative Impact Investing. Selbst die bei Venture-Capital-Fonds übliche Prämie im Erfolgsfall koppeln die Planet-A-Initiatoren an das Erreichen ihrer Ziele. Ohne Kohle kein Impact. Und ohne Impact keine Kohle für sie. Im Kern ähnelt das Konzept einer Umwälzpumpe, die fortlaufend große Mengen Kapital ansaugen und in den Pool der grünen Gründungen spülen soll. Auf diese Weise sollen umweltfreundliche Innovationen gefördert, aber auch Rendite generiert werden.

Der Zeitpunkt für dieses Projekt scheint günstig: Nachhaltige Geldanlagen boomen, 2021 haben Anleger in diese weltweit rekordverdächtige 517 Milliarden US-Dollar gesteckt. Und es werden immer mehr Firmen gegründet, die auf grüne Technik setzen. Die Wochenzeitung »Die Zeit« ortet im Februar 2022 einen „Grünen Goldrausch“.

Eigentlich müsste Planet A Ventures ein Selbstgänger werden. Aber so kommt es nicht.


Die Mission: bei Detzner zu Hause

Eine der höchsten Hürden, die Gründerinnen und Gründer überwinden müssen, um an Planet-A-Gelder zu gelangen, ist Benedikt Buchspies. Der Umweltingenieur arbeitet meist von seiner Altbauwohnung in Hamburg-St.-Georg aus und verbringt den größten Teil seiner Tage in den Tiefen fein verästelter Datenbanken. Bei Planet A Ventures ist der 35-Jährige so etwas wie der oberste Qualitätsprüfer. Jede grüne Geschäftsidee, die bei dem Fonds eingeht, flimmert über seine Monitore.

Die Messlatte, die Buchspies anlegt, heißt Life-Cycle-Assessment (LCA). „LCA‘s sind das Werkzeug der Wahl, wenn man die Umweltfolgen von Entscheidungen fundiert abschätzen will“, sagt er. Konkret heißt das, dass Buchspies eine Art ökologische Gesamtlebensbilanz von Geschäftsmodellen erstellt. Er erfasst und bewertet sämtliche Umweltauswirkungen – von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung.

Zu den ersten Konzepten, die er im Frühjahr 2021 analysiert, gehörten die Start-ups Wildplastic, das weltweit Plastikmüll einsammelt und zu Recyclingprodukten verarbeitet; Ineratec, eine Ausgründung des Karlsruher Instituts für Technologie, das Produktionsanlagen für nachhaltige Kraftstoffe entwirft; und Traceless, ein Projekt zweier Hamburgerinnen, die eine biologisch abbaubare Kunststoff-Alternative entwickelt haben. Jedes Mal taucht der Umweltingenieur in Datenbanken ein, sichtet Studien, die Rückschlüsse auf Emissionen zulassen, und kalkuliert potenzielle Schäden und Spätfolgen. Wo etwa werden die Traceless-Verpackungen am Ende wohl landen? Was ist mit dem Ausgangsmaterial, einem Abfallprodukt der Getreideverarbeitung, das momentan noch an Schweine mit verfüttert wird? Auf welche Ersatzstoffe könnten Landwirte ausweichen, und was würde das für die ökologische Gesamtbilanz bedeuten?

Bis zu 200 Arbeitsstunden braucht Buchspies für eine sogenannte Life-Cycle-Assessment-Prüfung, seine Analyseergebnisse stellt er für jeden einsehbar ins Internet. „Man soll uns für unsere Ergebnisse kritisieren, verbessern und gern auch kopieren können“, sagt er. Denn die Wirkungsmessung soll sich so zu einem allgemein anerkannten Modell entwickeln.

Ein solches ist überfällig. Denn es gibt zwar zunehmend als nachhaltig angepriesene Geldanlagen, was darunter fällt, scheint aber sehr beliebig. Viele Fonds bewerten Unternehmen nach einem ebenso individuellen wie intransparenten Punktemodell. Manche schließen lediglich bestimmte Branchen aus, andere setzen ungeniert auf Greenwashing (siehe auch brand eins 11/2021 „Nachhaltige Missverständnisse“).

Bei der Firma Traceless hebt Buchspies nach der Prüfung seine Daumen. Nach seinen Berechnungen hat die Kunststoff-Alternative das Zeug, große Mengen Wasser, Landfläche, Müll und bis zu 60 Prozent der Treibhausgas-Emissionen im Vergleich zu konventionellem Plastik einzusparen. Das Start-up gehört damit zusammen mit Wildplastic und Ineratec zu den ersten drei Unternehmensgründungen, die als investitionswürdig gelten. Jetzt fehlt nur noch das Geld.

… das anfangs nicht viele überzeugt

Um das Einwerben von Kapital kümmern sich Detzner und seine Mitgründerinnen und Mitgründer. Sie klopfen bei befreundeten Unternehmern, Family-Office-Managerinnen, Business Angels, institutionellen Investorinnen und Fondsmanagern an. Ab 200 000 Euro, so ihr Angebot, könne man bei Planet A Ventures einsteigen. „Um die 500 bis 600 Telefonate und Videocalls“ habe er allein in den ersten neun Monaten geführt, schätzt Detzner, „wir haben uns wirklich die Ohren blutig telefoniert“.

Einer der ersten Investoren ist der Hamburger Unternehmer Wilfried Gillrath. Der ehemalige Vorstand des Ökostrom-Anbieters Lichtblick fördert heute Öko-Start-ups wie Teethlover, Sirplus und Flip. Bei Planet A Ventures steigt er nicht nur selbst mit einer Viertelmillion Euro ein, sondern wirbt auch in seinem Unternehmernetzwerk dafür. Der 51-Jährige sagt, er wolle sich dafür einsetzen, die sich hartnäckig haltende Annahme zu widerlegen, „nach der man entweder Gutes tun oder gut verdienen kann“.

Denn hinter den ökologischen Zielen von Planet A Ventures verbirgt sich auch ökonomisches Kalkül. Die Kapitalverschiebung von CO2-intensiven Industrien zu klimaneutralen oder klimapositiven sei längst in vollem Gange, sagt die Fonds-Mitgründerin Lena Thiede, eine Politikwissenschaftlerin, die seit Jahren in Afrika arbeitet. Daher sind umweltverträgliche Unternehmen mit einem skalierbaren Geschäftsmodell für sie die Gewinner von morgen. Denn wenn Treibhausgase und andere Emissionen künftig stetig höher bepreist, umweltschädliche Produktionen zunehmend erschwert und Rohstoffe kontinuierlich teurer werden: Sind in einer solchen Zukunft nicht jene Firmen im Vorteil, die all diese Ressourcen effizienter einsetzen? Impact bedeutet dann Rendite – das ist die Idee.

Es ist eine 100 Millionen Euro schwere Wette auf die Zukunft. „Sollte unsere Annahme nicht stimmen“, sagt Thiede, „hätten nicht nur wir, sondern die Gesellschaft als Ganzes ein Problem.“

Sie und ihre Mitstreiter sind mit ihrem Öko-Optimismus in etablierter Gesellschaft. Der Microsoft-Gründer Bill Gates prophezeite im vergangenen November, die anstehende ökologische Wende werde Green-Tech-Firmen hervorbringen, deren Renditen mit denen von Tesla, Google oder Microsoft vergleichbar seien. Auch Larry Fink, der des grünen Aktivismus unverdächtige Chef des Investmentgiganten Blackrock, schrieb in seinem jährlichen Brief an die Vorstandsvorsitzenden: „Die nächsten 1000 Unicorns werden (…) nachhaltige, skalierbare Innovatoren sein – Start-ups, die der Welt bei der Dekarbonisierung helfen und die Energiewende für alle Verbraucher erschwinglich machen.“

Wilfried Gillrath sieht das ähnlich, macht in diesen Wochen jedoch andere Erfahrungen. „Das Interesse an Impact-Investments ist enorm“, stellt der Unternehmer fest, als er sein Netzwerk durchtelefoniert. „Bei dem Thema hört einem heute wirklich jeder zu.“ Dabei bleibt es dann aber. Geld lockermachen wollen zunächst nur Seriengründer wie der Trivago-Gründer Rolf Schrömgens oder Christian Vollmann, der unter anderem die Nachbarschaftsplattform Nebenan.de aufgebaut hat. Bei den Vermögensverwaltern von Stiftungen und Family Offices habe immer die Sorge mitgeschwungen, der Öko-Ansatz könne auf Kosten der Rendite gehen, sagt Gillrath. „Und der Beweis, dass Planet A Rendite- und Impact-Erwartungen gleichzeitig erfüllen kann, steht ja auch noch aus.“

Nach sechs Monaten Akquise, im Oktober 2021, haben die Gründer ein knappes Drittel des avisierten Kapitals eingesammelt. Immerhin, sagt Fridtjof Detzner, habe das mühsame Geldeintreiben auch etwas Positives: „Du kriegst nur die Leute, die wirklich dein Wertesystem teilen.“

Wenn aber Investoren wie nie zuvor in grüne Anlagen investieren: Wieso wird ein Fonds, der die Sache wirklich ernst nimmt, nicht mit Geldern überschüttet?

Wer neu im Fonds-Geschäft ist, hat es schwer

Isabelle Canu hat dafür eine einfache Erklärung. Sie ist eine Berliner Kapitalmarktspezialistin, die früher das Westeuropa-Portfolio der Kreditanstalt für Wiederaufbau betreut und den Venture-Capital-Fonds Coparion aufgebaut hat. Heute berät sie Risikokapital-Fonds bei ihren Anlagestrategien. Den Planet-A-Ansatz lobt sie als „konsequent und einzigartig“, gerade deshalb wundern sie die Schwierigkeiten der Fonds-Neulinge beim Geldeinwerben aber wenig.

Die Spekulation mit Wagniskapital sei für die Investorinnen und Investoren mit großen Risiken verbunden, sagt Canu. Deshalb sei es für diese entscheidend, welche Erfahrungen und Erfolge ein Fonds-Team vorweisen könne. Welche Renditen hat es in der Vergangenheit erwirtschaftet? Wer hat in ihre Fonds investiert, welche Namen haben ihm Vertrauen geschenkt? Neulinge hätten es zwangsläufig schwer.

Außerdem könne der wissenschaftliche Ansatz von Planet A Ventures abschrecken. Denn die Life-Cycle-Assessments, mit denen Benedikt Buchspies potenzielle Invests unter die Lupe nimmt, seien enorm aufwendig. Jede Prüfung koste Rendite. Und ob der Mehrwert der Prüfungen auch die Mehrkosten ausgleiche, müsse der Fonds erst noch beweisen.

Isabelle Canu sagt, sie könne sich für Planet A Ventures alternativ günstigere Basisprüfungen vorstellen. Allerdings ist die konsequent wissenschaftliche Prüfung eines der Kernversprechen von Planet A Ventures. Fakten statt Marketing. Impact statt Greenwashing.

Wobei auch die LCA‘s von Benedikt Buchspies, die Hochleistungsscheinwerfern gleichen, nicht alles beleuchten. Sie analysieren zwar ökologische Faktoren wie Landverbrauch, Klimawirkung und Abfallaufkommen, soziale Aspekte wie Arbeits- bedingungen allerdings nicht. Auch eine Firma wie Planet A Ventures muss mit toten Winkeln leben. Das ist nicht nur für den Fonds selbst, sondern für alle ein Problem, die ihr Geld verantwortungsvoll anlegen wollen.

„Die Frage ist ja immer: Was misst man? Und was wägt man gegeneinander ab?“, sagt Frank Niederländer von der Bundesinitiative Impact Investing. Er verantwortet den 20 Millionen Euro schweren Eberhard von Kuenheim Fonds, der nach Wirkungskriterien investiert. Niederländer ist daher täglich mit dem Bewertungsdilemma konfrontiert. In Deutschland, sagt er, werde Nachhaltigkeit vor allem mit Dekarbonisierung und Umweltschutz assoziiert, im Ausland dagegen vor allem mit sozialen Standards. „Und was ist nun wichtiger: klimaschonende Elektromobilität hierzulande oder eine möglichst intakte Natur in den Lithium-Abbaugebieten?“ Fragen wie diese müsste ein allgemeingültiger Maßstab erfassen und gegeneinander abwägen.

Ein solcher existiert allerdings nicht. „Wir haben uns Ratings, Standards, Indizes, die EU-Taxonomie, Impact Measurements und weitere Ansätze angeschaut, aber den einen Standard, um Nachhaltigkeit zu messen, haben wir nicht entdeckt“, sagt Niederländer. Daher bleibt auch bei den strengsten Standards zwangsläufig immer etwas Willkür.

C1
entwickelt mithilfe von Computersimulationen klimafreundliche chemische Produktionsprozesse, zum Beispiel für grünes Methanol. Methanol ist ein wichtiger Grundstoff der chemischen Industrie, der normalerweise aus fossilen Rohstoffen gewonnen wird.

GA Drilling
ist Pionier beim Plasmabohren zur Erschließung geothermischer Energie tief im Erdinneren.

Ineratec
baut modulare chemische Reaktoren, um synthetischen Kraftstoff aus Kohlenstoffdioxid und grünem Wasserstoff herzustellen, etwa für den Flugverkehr.

Traceless Materials
entwickelt Kunststoffe, die vollständig kompostierbar sind und preislich konkurrenzfähig mit konventionellem Plastik sein sollen.

Makersite
erfasst automatisiert und in Echtzeit unter anderem Emissionen, Kosten und schädliche Inhaltsstoffe von Produkten.

Goodcarbon
ist eine Investitionsplattform für Klimalösungen, die auf Blockchain basiert. Finanziert werden sollen Projekte zum Naturschutz und gegen den Klimawandel.

Wildplastic
sammelt Plastik aus der Natur und bringt es mit recycelten Produkten zurück in den Kreislauf.

Dance
bietet E-Bikes und dazu passende Dienstleistungen wie Lieferung des Fahrzeugs, Reparaturen und Ersatz bei Diebstahl im Abo an.

Es gibt auch Kritik – und erste Erfolge

Ein paar Kilometer von Niederländers Büro entfernt, in der Münchener Innenstadt, sitzt ein Mann, der einige der Grundannahmen von Planet A Ventures in Zweifel zieht. Hendrik Brandis ist ein schlaksiger, sportlicher Manager und einer der erfahrensten Wagniskapitalgeber Deutschlands. Er ist Luft- und Raumfahrttechniker und hat 1997 mit Earlybird Venture Capital eines der ältesten und erfolgreichsten Unternehmen dieser Art mitgegründet. Mittlerweile, sagt er, spiele auch dort Nachhaltigkeit eine Rolle. Firmen, die Earlybird mit Kapital ausstattet, müssten sich zu größtmöglicher Nachhaltigkeit verpflichten. Aber einen generellen Zusammenhang zwischen Impact und Rendite? Da runzelt Brandis die Stirn.

„Dass Impact zwangsläufig ökonomischen Erfolg bedingt, ist eine ziemlich steile These.“ Es komme doch immer noch stark auf das Geschäftsmodell an, sagt er. Die „1000 grüne Unicorns“-Prognose des Blackrock-Bosses ist für ihn lediglich „ein wenig überzeugendes Marketingargument“. Auch in Zukunft werde es stark wachsende und nicht sonderlich umweltfreundliche Firmen geben. Potenzielle Einhörner möglichst frühzeitig auszumachen gilt als eine der höchsten Künste in der Branche.

Seine Firma, sagt Brandis, setze dabei auf künstliche Intelligenz. Diese durchforstet für Earlybird in Europa permanent Handels- und Patentregister, Social-Media- und andere Plattformen nach vielversprechenden Unternehmen. Wenn beispielsweise eine estnische Doktorandengruppe eine Erfindung zum Patent anmeldet und eine Firma registriert, schrillen bei Earlybird spätestens dann die Alarmglocken, wenn die Gruppe auf LinkedIn nach Mitarbeitern sucht. Auf diese Weise, sagt Brandis, identifiziere sein Team pro Jahr etwa 50 000 vielversprechende Innovationen. Etwa 26 000 von ihnen tauchten später in einem Handelsregister auf, davon machten sich etwa 50 Prozent auf die Suche nach Geldgebern. Mit anderen Worten: Drei von vier Neuerungen schafften nicht den Weg vom Labor auf den Markt.

Brandis erzählt das, weil die Zahlen seiner Meinung nach eine Grundannahme widerlegen, die lange Zeit galt: dass gute Gründungen am Geld scheitern. Allein Earlybird Ventures hat derzeit 900 Millionen Euro für Frühphasen-Invests im Köcher. Im vergangenen Jahr haben deutsche Start-ups 17,4 Milliarden Euro Wagniskapital und damit dreimal mehr als im Vorjahr eingesammelt. Inzwischen wird das Kapital allerdings knapp.

Woran es mangele, meint Brandis, seien vor allem unternehmerische Erfinder. Leute, die es schafften, aus innovativer Technik ein erfolgreiches Geschäft zu machen.

Genau dabei will Planet A seine Gründerinnen und Gründer unterstützen. Allein in den ersten neun Monaten bewerben sich fast 2000 Start-ups bei den Hamburgern. Sie erhalten im besten Fall nicht nur Kapital, sondern auch Rat, Kontakte und Unterstützung. Für einen Gründer wie ihn, sagt der Ineratec-Mitgründer Tim Böltken, seien allein die Life-Cycle-Assessments Gold wert: „So eine Analyse kostet ja sonst einen sechsstelligen Betrag. Von Planet A Ventures erhalten wir sie gratis.“

Inzwischen gelingt es Detzner und seinen Mitstreitern, immer mehr Menschen von ihrem Projekt zu überzeugen. „Jeder hat uns geglaubt, dass wir intrinsisch motiviert waren“, sagt der Gründer. „Was man uns zu Anfang aber nicht geglaubt hat: Dass wir Signifikanz und Wirtschaftlichkeit in einen Business Case übersetzen können. Heute nimmt man es uns ab.“ Zu Redaktionsschluss Anfang Juni haben die Planet-A-Akquisiteure Kapitalzusagen von mehr als 100 Millionen Euro erhalten.

Befeuert wird die Nachfrage auch von den Erfolgsmeldungen der ersten Planet-A-Invests. Wildplastic verkündete eine Partnerschaft mit dem Otto-Versand, der künftig mindestens die Hälfte seiner Versandtüten vom Start-up beziehen will. Ineratec errichtet in Frankfurt eine Produktionsanlage, die von 2023 an bis zu 4,6 Millionen Liter Öko-Treibstoff pro Jahr herstellen soll. Und Traceless, die Produzentinnen des Biokunststoffs, können sich nach Aussagen von Unternehmensgründerin Anne Lamp derzeit vor Anfragen nicht mehr retten. Einer ihrer ersten Kunden war Lufthansa. Die Fluglinie will das Material ihrer Catering-Verpackungen ändern. „Wir wollen jetzt so schnell wie möglich wachsen“, sagt Lamp. „Je mehr wir wachsen, desto besser für die Umwelt.“

Die Wette gilt. ---

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