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Editorial

Mehr als nur eine Zahl

• Ich war zunächst kein Fan dieses Schwerpunkt-Themas. Preise – was gibt es dazu schon zu sagen? Sie steigen oder fallen, im ersten Fall freut sich der Verkäufer, im zweiten der Käufer. Und dass wir nun als Folge von Corona und des Krieges in der Ukraine die von Experten lange prophezeite Inflation tatsächlich haben, schien mir auch nicht Stoff genug zu liefern.

So kann man sich täuschen.



Schwarz-Weiß Porträt einer Frau mittleren Alters. Sie hat kurze, dunkle Haare und trägt ein helles Hemd. Ihr Blick ist freundlich und wirkt selbstbewusst.

Inzwischen bin ich froh, dass mich die Kolleginnen und Kollegen überzeugt haben. Denn die Preise sind der perfekte Zugang zu all den Fragen, die sich nicht nur in diesen Tagen stellen. Wird uns das teure Öl bei der Energiewende helfen? Lehrt uns die Inflation, besser zu wirtschaften? Werden wir irgendwann lernen, Lebensmittel wertzuschätzen? Wie kann es gelingen, Arbeit gerecht zu entlohnen? Können Preise fair sein?

Sie sind vor allem ein Abbild der Gesellschaft, wie die Preisentwicklung bei Kaffee, Zucker, Haarschnitten und Zeitungsabos zeigt. Und wer noch glaubt, Preise hingen direkt von den bei der Herstellung anfallenden Kosten ab, wird durch Torben Müllers Sammlung von Einflussfaktoren und die Gespräche mit Menschen, die Preise machen, eines Besseren belehrt.

Dass es bei der Preisfindung um etwas ganz anderes als Fairness geht, zeigt der Vergleich zwischen Haferdrink und Kuhmilch. Der Preisunterschied ist enorm, doch der erste Verdacht, die Produzenten des Hafer-Getränks nutzten den veganen Trend und sahnten ab, hat sich nicht bestätigt. Die Marge ist klein – immerhin haben sie eine, was man von den meisten Milchbauern nicht behaupten kann: Der Beitrag von Janina Martens zeigt ebenso wie die Langzeit-Analyse des Schweinepreises, dass im Agrarsektor einiges im Argen liegt. Auch deshalb beginnt in dieser Ausgabe eine neue Reihe, die sich mit Chancen und Widrigkeiten in der Landwirtschaft befasst. Die zweite Folge unserer Energie-Reihe führt auch aufs Feld: Einem schwäbischen Tüftler ist es gelungen, Biomethan aus Stroh herzustellen, in großem Stil.

Aber steigen die Preise nicht schon genug, auch für landwirtschaftliche Produkte? Tatsächlich steigen die Kosten schneller, vor allem für Energie. So mancher fühlt sich da an die Siebzigerjahre erinnert, als die sogenannte Ölkrise zuerst die Inflation befeuerte und dann das Wirtschaftswachstum bremste. Andreas Molitor ist der Frage nachgegangen, ob es wieder so schlimm werden kann.

Stephan Jansen sieht da keine Zwangsläufigkeit. Und er gehört auch nicht zu denen, die in der Inflation nur Nachteile sehen. Nach den Jahren, in denen wir uns durch die billige Energie eines Kriegstreibers eine Sonderkonjunktur verschafft hätten, kehrten wir nun in die Realität zurück. Das werde so manches Einhorn treffen – also Start-ups mit Milliardenbewertungen, aber meist ohne Gewinne –, und das werde sicher auch so manchen Konsumwunsch verschieben oder unmöglich machen. Aber, fragt Jansen, wird das nicht sowieso Zeit, angesichts von enormen Schulden unter anderem durch Corona?

Es sind anspruchsvolle Zeiten, zweifellos. Aber es sind auch Zeiten, in denen man sein Koordinatensystem neu ausrichten und ein paar grundlegendere Überlegungen anstellen kann.

Sie werden sehen, die Lektüre dieser Ausgabe hilft dabei. ---