Slack

Cal Henderson hat mit Slack eine Kommunikations-Software geschaffen, die Millionen Menschen virtuell zusammenbringt und die Arbeit von überall erlaubt. Heute fehlt ihm das Büro.





brand eins Herr Henderson, war Corona das Beste, was Ihrer Software passieren konnte?

Cal Henderson In jedem Fall hat die Pandemie den Wandel der Büroarbeit extrem beschleunigt. Ich schätze, ein Jahr unter Corona hat etwa so viel Fortschritt gebracht wie zehn Jahre unter normalen Bedingungen. Auch im Slack-Vorstand haben wir vor 2020 noch endlos über Größe und Gestaltung unserer Büros diskutiert und im Gegenzug unsere digitalen Räume vernachlässigt, obwohl die Menschen darin viel Zeit verbringen.

brand eins Sie selbst haben nach dem ersten Pandemiejahr öffentlich erklärt, das Büro zu vermissen.

Cal Henderson Ja, klar. Ich arbeite jetzt seit ziemlich genau zwei Jahren im Home Office. Im Büro würde ich jeden Tag Hunderte Menschen sehen, heute sind es vielleicht zehn. Das Einzige, was ich in den vergangenen zwei Jahren mit meinen engsten Kollegen unternommen habe, waren ein paar gemeinsame Abendessen in jenen Monaten, in denen die Infektionsraten niedrig waren. Diese Treffen waren umso wichtiger.

brand eins Was kam dabei zur Sprache, das Sie nicht über Slack oder Zoom hätten erfahren können?

Cal Henderson Es klingt blöd, aber solange jemand für dich nur eine Bildschirmkachel ist, hast du keine Idee, wie groß er oder sie ist. Vor allem aber spricht man bei einer Abendrunde nicht darüber, wie dieses oder jenes Projekt läuft oder was als Nächstes auf der To-do-Liste steht, sondern erfährt, wie die Leute sich bei alledem fühlen oder was sie machen, wenn sie mal nicht vor dem Bildschirm sitzen. Ein gemeinsames Essen dient der sozialen Verbindung, und es ist sehr schwierig, diese ins Digitale zu übertragen.

brand eins Firmen, die – wie der Outdoor-App-Anbieter Komoot – seit jeher rein digital zusammenarbeiten, sagen, die Freiheit des Überall-arbeiten-Könnens funktioniere nur in Kombination mit strikter Disziplin und fixen Routinen. Bei Komoot sind das unter anderem fest definierte Kernarbeitszeiten und die Pflicht, während dieser Zeit jede Kollegenanfrage binnen zehn Minuten zu beantworten. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Cal Henderson Wir arbeiten in Teams rund um den Globus, daher würden Kernarbeitszeiten für uns nicht funktionieren. Und mehr als die Unabhängigkeit vom Büro haben die Menschen in den vergangenen zwei Jahren offenbar die Freiheit schätzen gelernt, ihre Zeit selbst einzuteilen. Das „Future Forum“ von Slack – das ist quasi unsere Forschungsabteilung – befragt quartalsweise Tausende Wissensarbeiter rund um den Globus zu ihren Erfahrungen mit ihrer Arbeit und den Erwartungen, die sie daran haben. Dabei erklärten jüngst 78 Prozent der Befragten, sie wünschten sich auch in Zukunft Flexibilität bei der Wahl ihres Arbeitsortes. 95 Prozent aber wünschten sich Flexibilität bei der Frage, wann sie arbeiten. Und dabei geht es nicht um außergewöhnliche Wünsche wie „Ich will nur nachts arbeiten“, sondern um die Frage, ob man seine Kinder morgens zur Schule bringen oder einen Arzttermin in den Arbeitstag integrieren kann.

brand eins Man kann das Büro ja lieben oder hassen, aber eines war es immer: ein Ort, der für das jeweilige Unternehmen steht. Wie sollen sich Menschen mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, wenn die Firma lediglich das ist, was auf der anderen Seite des Bildschirms flimmert?

Cal Henderson Ohne Büros wird das für Mitarbeiter definitiv schwieriger. Umso wichtiger ist es, dass die Mission der Firma deutlich wird: Wie lautet unser gemeinsames Ziel? Wofür arbeiten wir hier eigentlich? Und wie konkretisiert sich diese Mission im kommenden Quartal für jeden Einzelnen? Das müssen Führungskräfte heute sehr viel deutlicher rüberbringen. Die Leute arbeiten ja nicht für das Büro, in das sie jeden Tag gehen, sondern für die Organisation, die dahintersteht.

brand eins Slack wirbt damit, für die Zukunft der Arbeit zu stehen. Lässt sich also alles, was wir im Büro erledigt haben, virtuell bewerkstelligen?

Cal Henderson Es sind vor allem zwei Dinge, die wir bislang nicht mit digitaler Interaktion ersetzen konnten: Das erste ist kollaborative Zusammenarbeit wie Brainstormings, bei denen viele Leute an einem Tisch oder Whiteboard mit hoher Geschwindigkeit ihre Ideen zusammenschmeißen. Dafür gibt es zwar Miro und andere Digitalwerkzeuge, aber das ist einfach nicht dasselbe.

brand eins Was ist die zweite Sache, die Präsenz erfordert?

Cal Henderson Sie umfasst alle sozialen Interaktionen, die Nebenbei-Gespräche im Aufzug, die zufälligen Aufeinandertreffen in der Kantine mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen man sonst wenig zu tun hat. Für Firmen ist dieses soziale Kapital enorm wichtig. Ganz egal ob es um berufliche Themen oder private Interessen geht – je besser die Leute untereinander vernetzt sind, umso eher fühlen sie sich als Teil einer großen Familie. Wobei, streichen Sie bitte die letzten drei Worte und ersetzen Sie sie durch: Teil eines großen Teams. Eine Firma hat nichts mit Familie zu tun.

brand eins Ein enormer Vorteil von Programmen wie Slack: Man kann sehr schnell auf Nachrichten der Kollegen reagieren. Der Nachteil: Man spürt permanenten Druck, das auch zu tun.

Cal Henderson Stimmt. Der Unterschied ist ungefähr so wie zwischen den E-Mails, die wir früher Freunden geschrieben haben, und den SMS- und Whatsapp-Nachrichten, mit denen wir heute untereinander kommunizieren. Der Austausch ist viel schneller und informeller geworden, und kaum jemand würde zurück zur alten E-Mail wollen. Aber diese Art der Kommunikation verändert die Erwartungen.

brand eins Ließen die sich nicht zurückschrauben?

Cal Henderson Wenn sich eine neue Kommunikationstechnik etabliert, braucht es immer einige Zeit, bis sich kulturelle Normen eingependelt haben. Bei E-Mails hat sich in den vergangenen 40 Jahren durchgesetzt, dass man nicht innerhalb von Sekunden reagieren muss. Vor der E-Mail gab es überhaupt keine Kommunikationsform, bei der irgendjemand eine unmittelbare Antwort erwartete – den Kollegen, der mit einer Frage vor deinem Schreibtisch steht, einmal ausgenommen. Ich glaube, in zehn Jahren wird es Usus sein, eine Nachricht so zu schreiben, dass gleich klar ist, ob man eine unmittelbare Antwort erwartet oder nicht.

brand eins Bis dahin sorgen die zahlreichen Kommunikationskanäle permanent für Ablenkung.

Cal Henderson Uns allen ist Konzentrationsfähigkeit verloren gegangen, als wir auf Remote Work umgeschaltet haben. Das Augenmerk der Unternehmen lag ja zunächst darauf, möglichst viele Berührungs- und Kommunikationspunkte mit den verstreut arbeitenden Kollegen zu etablieren, sodass sich niemand isoliert fühlt. Aber dabei ist unsere Branche weit übers Ziel hinausgeschossen. Jetzt müssen wir den Menschen wieder Zeit geben, sich auf Dinge zu konzentrieren.

brand eins Wie soll das funktionieren?

Cal Henderson In unserer Entwicklungsabteilung haben wir die sogenannte Maker Time eingeführt, das sind für uns heilige zehn Stunden pro Woche, in denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht erreichbar sind und an keinen Meetings teilnehmen, sondern konzentriert arbeiten können. Die doppelte Herausforderung der Wissensarbeit liegt ja darin, dass sie einerseits aus gemeinschaftlicher, andererseits aus vertiefter Einzelarbeit besteht. Und um ein Computerprogramm oder einen Text in Ruhe zu Ende zu schreiben, braucht man manchmal ein paar ungestörte Stunden.

brand eins Von Ihnen selbst heißt es, Sie würden Ihre Slack-Nachrichten schon frühmorgens vor dem Duschen checken.

Cal Henderson Stimmt, denn ich arbeite mit Entwicklerteams in anderen Zeitzonen und bin daher einfach neugierig, was in der Nacht bei ihnen geschehen ist. Aber es ist ja auch mein Unternehmen. Ich würde diese Routine niemandem empfehlen. Und ich lese auch längst nicht mehr jeden Post in jedem Channel. Die Verantwortung für den Umgang mit Nachrichten liegt ein Stück weit auch beim Empfänger.

brand eins Früher, heißt es, sind Sie jeden Tag eine Dreiviertelstunde zu Fuß zum Slack-Büro gegangen und haben unterwegs Podcasts in dreifacher Geschwindigkeit gehört.

Cal Henderson So war es, aber seit dem Beginn der Pandemie besteht mein Arbeitsweg eben nur noch aus ein paar Treppenstufen. Deshalb laufe ich jetzt jeden Morgen erst einmal zu einem eine Meile entfernten Coffeeshop, bevor ich mich zu Hause an meinen Schreibtisch setze. Denn so nervig die Pendelei zur Arbeit für manche gewesen sein mag: Der Arbeitsweg markierte einen klaren Schnitt zwischen Arbeit und Freizeit. Ich persönlich brauche diese Klarheit. Wahrscheinlich sollte ich daher nicht nur morgens, sondern auch am Feierabend zum Café laufen.

brand eins Was haben Sie durch Slack über Menschen gelernt?

Cal Henderson Unter anderem, wie sehr sie Emojis lieben. Unsere Kunden können auf ihren Kanälen eigene kreieren, und einige Firmen haben mittlerweile Hunderttausende solcher individuellen Zeichen, die für Außenstehende meist absolut keinen Sinn ergeben, für die Firma selbst aber offenbar kulturell Signifikantes symbolisieren. Emojis sind die digitalen Zwillinge jenes Zeugs, mit dem Kollegen früher ihre Bürowände vollpflasterten. Was ich auch nicht wusste: Die Welt arbeitet dienstag- und mittwochmorgens am intensivsten.

brand eins Wie kommen Sie denn darauf?

Cal Henderson Wir sehen das an den Aktivitäten unserer Nutzer: Rund um den Globus und in allen Kulturen erreichen sie immer dienstag- und mittwochvormittags zuverlässig Spitzenwerte. Ist ja irgendwie logisch: Montags muss man erst wieder in die Arbeit finden, Dienstag und Mittwoch steckt man voll drin, und Freitag ist schon fast wieder Wochenende. Warum Donnerstag die Aktivität nachlässt, weiß ich allerdings auch nicht. Vielleicht, weil dann schon fast Freitag und somit fast wieder Wochenende ist.

brand eins Was bedeutet das Metaverse für Programme wie Slack? Werden sie überflüssig, wenn wir ohnehin ständig virtuell unterwegs sind?

Cal Henderson Da muss ich lachen. Das Metaverse ist bislang eine Sackgasse voller Versprechungen. Es verfügt über kein wirkliches Killerfeature, schon gar nicht für die Arbeitswelt. Was uns fehlt, sind echte Menschen um uns herum, keine virtuellen Kopien von ihnen.

brand eins Wie geht es für Ihre Firma nach Corona weiter?

Cal Henderson Das müssen wir noch herausfinden. Vermutlich werden wir unsere Büros umbauen: weniger Arbeitsplätze, mehr Räume für Workshops. Bereits verändert haben wir unsere Einstellungspolitik: Vor Corona haben wir Führungskräfte vor allem rund um San Francisco rekrutiert, wo auch ich lebe. Wenn aber die Führungsmannschaft an einem festen Ort zusammenarbeitet, werden es die anderen Mitarbeiter tendenziell auch tun wollen. In den vergangenen zwei Jahren haben wir daher gezielt Führungskräfte eingestellt, die nicht in der Bay Area leben.

brand eins Ihre Leute sollen also nicht mehr ins Büro kommen?

Cal Henderson Wir werden das jedenfalls künftig von niemandem mehr verlangen. Aber wir erwarten von jedem Team, dass es sich ein paarmal im Jahr trifft. Sonst fehlt der soziale Klebstoff, den es für gute Arbeit braucht. Problematisch wird dieses Arbeitsmodell für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die klassischerweise dadurch lernen, dass sie tagtäglich bei der Arbeit erfahreneren Kolleginnen und Kollegen über die Schulter schauen können. Wenn Arbeit aber bedeutet, dass du in deinem WG-Zimmer mit deinem Laptop auf den Knien sitzt, geht das schlecht. Dafür haben wir noch keine Lösung.

brand eins E-Mails haben Sie mal als die Kakerlaken des Internets bezeichnet: unbeliebt, aber unausrottbar. Wofür braucht man sie?

Cal Henderson Eine E-Mail ist immer noch dafür gut, um mit jemandem Kontakt aufzunehmen, mit dem man noch nicht im Austausch war, und dafür nutze ich sie auch noch. Ich schreibe aber keine E-Mails mit Leuten, mit denen ich bei Slack zusammenarbeite. Dafür nutzen wir Slack. ---

ist neben Microsoft Teams und Google Hangouts eines der aktuell verbreitetsten Programme für virtuelle Zusammenarbeit. Die 2013 gelaunchte Software, deren Name für Searchable Log of all Conversation and Knowledge steht, wird heute in mehr als 150 Ländern der Erde eingesetzt und verbreitet in Spitzenzeiten 300 000 Nachrichten pro Sekunde. In Deutschland arbeiten 26 der Dax-40-Unternehmen mit Slack.

 

genannt Cal Henderson, ist einer der Mitgründer von Slack und heute Technikvorstand des Unternehmens mit Sitz in San Francisco. Der britische Programmierer lernte seinen Partner Stewart Butterfield Anfang des Jahrtausends auf unkonventionelle Weise kennen: Henderson hackte sich in den E-Mail-Verteiler von Butterfields Firma ein, die damals ein Spiel entwickelt hatte, zu dessen Hardcore-Fans Henderson zählte. Ein erstes gemeinsames Projekt der beiden war die Foto-Community Flickr, die sie 2005 an Yahoo verkauften. Genau wie Flickr entstand auch Slack ursprünglich als Nebenprodukt einer erfolglosen Spieleentwicklung. Slack Technologies wurde im Jahr 2020 für 27,7 Milliarden US-Dollar vom Softwarehersteller Salesforce übernommen.

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