„Unternehmen kommunizieren mit ihren Räumen – nach innen und nach außen“

Welche Bedeutung hat Firmenarchitektur? Antworten von der Soziologin Martina Löw.





brand eins: Frau Löw, verliert der Raum in Zeiten der Digitalisierung an Bedeutung?

Martina Löw: Es gibt die Vorstellung, dass der Raum durch schnelle Verkehrs- und Kommunikationsmittel schrumpft. Ich halte das für nicht sehr plausibel und würde eher sagen, dass der Raum vielfältiger geworden ist. Wir bewegen uns in sehr viel mehr und unterschiedlicheren Räumen. Der Raum, den wir nutzen, wird nicht kleiner, sondern er expandiert. Deshalb scheint mir auch die These, dass er an Bedeutung verliere, nicht zutreffend.

Wie verändert sich die Unternehmensarchitektur?

Die Pandemie hat für Schubkraft bei Entwicklungen gesorgt, die man schon länger beobachten konnte. Durch das Home Office verändert sich das Verhältnis zwischen dem Wohnraum und dem Arbeitsplatz im Unternehmen. Wir sehen einen anhaltenden Trend des flexibleren Umgangs mit Arbeitsräumen, auch in den Firmen. Sie gehen noch stärker in Richtung Open Space. Nicht jeder braucht ein eigenes Büro, das man zuschließen kann. Stattdessen nutzt man bewegliche Raumstrukturen, allerdings nach wie vor meist mit fest zugewiesenen Arbeitsplätzen.

Die Mode des Desksharing, bei dem jeder arbeitet, wo er gerade einen leeren Schreibtisch findet, hat sich erledigt?

Alle Studien, die ich dazu kenne, zeigen, dass die Nachteile deutlich überwiegen. Die Leute identifizieren sich weniger mit ihrer Arbeit, wenn man ihnen das kleine Territorium des eigenen Schreibtisches wegnimmt. Die Annahme, dass dies zu besserer Kommunikation führe, weil man immer mal wieder neben anderen Kolleginnen und Kollegen sitzt, war ein Irrtum. Stattdessen entsteht eine Konkurrenz um die beliebtesten Schreibtische, sodass die Kommunikation im Büro eher schlechter wird.

Jetzt bieten viele Firmen an, dass zwar jeder seinen Schreibtisch hat, aber auch mal in der Sitzecke arbeiten kann. Die Platzierung ist offener, für Projekte können sich Arbeitsgruppen jeweils passende Räume nehmen.

Moderne Bürokonzepte sind so angelegt, dass Veränderungen schnell und unkompliziert möglich sind. In der Sprache der Soziologie sind das Räume, die permanent refigurationsoffen sind. Das ist auch ein anderes Verhältnis zur Welt: Man baut nicht mehr den einen Raum, der unverändert für die kommenden zwanzig Jahre genutzt wird. Die Orientierung an aktuellen Projekten ersetzt die Orientierung an einem gegebenen System.

Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation beobachtet, dass im Home Office die Bereitschaft wächst, sich nach anderen Arbeitgebern umzusehen. Lässt sich das verallgemeinern?

Das klingt für mich sehr einleuchtend. Die Identifikation mit dem Arbeitsplatz hat nicht nur eine soziale Dimension, sondern auch eine räumliche. Menschen verwenden viel Sorgfalt auf die persönliche Gestaltung ihrer Arbeitsumgebung, das Bild an der Wand, ihre Büropflanzen, die Kleinigkeiten auf dem Schreibtisch, mit denen sie ihren eigenen Raum markieren. Fällt das weg, erodiert die Bindung an das Unternehmen.

Nach Angaben des Immobiliendienstleisters BNP Paribas Real Estate bauten oder kauften Unternehmen in Deutschland 2021 Büroimmobilien für mehr als 30 Milliarden Euro – mehr als vor der Pandemie. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Es gibt beide Trends, man kann Flächenexpansion genauso beobachten wie das Gegenteil. Die öffentliche Verwaltung reduziert eher Büroflächen. Nicht nur die Pandemie, auch die Immobilien- und Energiepreise führen zum Flächenabbau. An der TU Berlin, an der ich arbeite, steht pro Mitarbeiter unseres Forschungszentrums in Zukunft weniger Platz zur Verfügung. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind dann noch stärker gezwungen, sich Räume zu teilen. Das wird wahrscheinlich zur Folge haben, dass sie öfter zu Hause bleiben, wenn sie ungestört arbeiten wollen. Ich befürchte, die Kommunikation wird sich dadurch verschlechtern.


Der Ort ist immer auch ein Aushängeschild

Verdichtung des Raums führt nicht zu besserer, sondern zu schlechterer Kommunikation?

Exakt. Wenn Mitarbeiter im Home Office arbeiten, weil das Büro keine Konzentration ermöglicht oder schlecht ausgestattet ist, hat das nichts mit einer sinnvollen Flexibilisierung der Arbeitsumgebung zu tun, im Gegenteil.

Und der Gegentrend? Weshalb investiert zum Beispiel ausgerechnet Google derzeit 900 Millionen Euro in einen neuen Bürokomplex in London?

Und weshalb macht Google das ausgerechnet in London? Man hätte annehmen können, dass mit der Digitalisierung die Adresse irgendwann weniger wichtig für den Status eines Unternehmens wird. Offenbar hat eine Firmenzentrale in Städten wie London, Paris oder New York immer noch enorme symbolische Bedeutung – selbst wenn man einen erheblichen Teil der Arbeit ortsunabhängig leisten könnte.

Die Wahl der Stadt ist ein Statement, nicht nur eine pragmatische Entscheidung, zum Beispiel um die besten Leute für das Unternehmen zu gewinnen?

Der Ort ist immer auch ein Aushängeschild, das demonstriert, dass man sich diesen Standort leisten kann. Ihre Frage nach dem neuen Google-Bürokomplex führt zu der Frage, weshalb ein Internet-Konzern nicht darauf vertraut, dass seine Leute überall arbeiten können, am Flughafen, im Café, zu Hause oder am Strand. Ich nehme an, dass in der Pandemie viele Firmen gemerkt haben, wie wichtig der gemeinsame Raum ist – und zwar in der physischen Begegnung, nicht nur virtuell in Bildschirm-Konferenzen.

Werden Orte des zufälligen Kontaktes wichtiger?

Dieser Trend wird gerade tatsächlich stärker. Grundsätzlich gilt: Räume schaffen den Rahmen für Begegnungen. Selbst wenn jemand nur Rechnungen prüft oder Steuererklärungen bearbeitet, will er nicht den ganzen Tag allein im Einzelbüro eingesperrt sein. Das gilt erst recht bei Arbeiten, für die Kommunikation, Wissens-transfer, Anregung wichtig sind.

Wir erleben die Suche nach einer neuen Balance, in der beides wichtiger wird: die Möglichkeit, ortsunabhängig zu arbeiten, und die, einander in der Arbeitsumgebung physisch zu begegnen. In der vernetzten, mobilen Existenz, die an vielen miteinander verknüpften Orten stattfindet, wächst das Bedürfnis, sich irgendwo einzurichten, seinen eigenen Raum zu schaffen. Das kann man sehr deutlich in Büroräumen beobachten.

Früher wurden der soziale Austausch am Arbeitsplatz, das informale Miteinander, der Klatsch in der Raucherpause von Vorgesetzten als Verschwendung von Arbeitszeit eher misstrauisch beobachtet. Mittlerweile scheinen viele Unternehmen genau diesen Austausch fördern zu wollen.

Das ist so. Unternehmen investieren Geld und Aufmerksamkeit, um ihre Räume entsprechend zu gestalten. Die Teeküche wird zu einem Raum mit Aufenthaltsqualität, nicht mehr das kleine Kabuff am Ende des Ganges, sondern Küchenzeilen im offenen Raum, wo man in Kommunikation bleibt mit der Sitzecke, wo jemand am Laptop arbeitet. Gänge werden nicht mehr als Bahnen angelegt, die man schnell durchquert, sondern als Orte mit Verweilqualität. Das hat Parallelen zur modernen Stadtplanung.

Wie verändert das vernetzte Leben, mit dem Sie sich in Ihrer Forschung beschäftigen, unsere Wahrnehmung?

Wenn man in den Siebzigerjahren ein Kind aufgefordert hat, seinen Lebensraum zu zeichnen, waren das konzentrische Kreise: in der Mitte die Wohnung, im nächsten, größeren Kreis die Straße, im dritten Kreis der Bezirk oder der Ort. Heute zeichnen Kinder miteinander verbundene Inseln: die Wohnung, die Schule, die Wohnungen von Freunden und Verwandten, Freizeiteinrichtungen, Fußballplatz oder Jugendmusikschule, den Ferienort. Das konzentrische Modell geht von einem einheitlichen, mich umgebenden Raum aus. Im Netzwerk-Modell sind mehrere Orte lose miteinander verkoppelt.

Auch vor 50 Jahren haben sich die Kinder von der Wohnung zur Schule oder zum Fußballplatz bewegt. Worin liegt die Veränderung?

Damals haben sie sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewegt. Sie haben den sie umgebenden Raum ununterbrochen wahrgenommen. Heute werden Kinder auch zu weit entfernten Orten gefahren, zum Musikunterricht, Hockeytraining oder zu Sprachschulen. Das trifft übrigens für Kinder auf dem Land noch stärker zu als für Kinder in der Stadt. Sie müssen von den Eltern oft über weite Distanzen transportiert werden und entwickeln kein Bild von den Zwischenräumen. Dazu kommen Flüge in Urlaubsgebiete, die Distanzen kaum erfahrbar machen. Insgesamt entsteht ein verinseltes Raumbild.

Kann man diese Entwicklung auch in der Arbeitswelt beobachten?

Dort ganz besonders. Was wir in der Büroraum-Entwicklung erleben, ist geradezu prototypisch für diese soziale Veränderung. Wir haben uns von der Container-Vorstellung als Prototyp für einen Raum verabschiedet, der die Arbeitenden umschließt, je nach Branche und Privileg ausgestattet, und auch von dem berühmten großen Eckbüro für Vorgesetzte. Dieses Konzept wird abgelöst von einer komplexen Struktur von Räumen, die variabel zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, etwa im Open Space. Sie beziehen andere Orte mit ein, zum Beispiel das Home Office oder die Büros von Partnerorganisationen in anderen Teilen der Welt.

Heute arbeiten bei einem Stadtplanungsprozess oder bei einer Immobilienentwicklung Spezialisten in Frankfurt, Berlin, Kopenhagen und Paris zusammen. Dank digitaler Vernetzung können alle auf dieselben Planungsunterlagen zugreifen. So entstehen vernetzte Räume.

Das ist nicht ganz neu. Wann hat diese Entwicklung eingesetzt?

Bis in die Siebzigerjahre waren Territo-rial- und Container-Raumkonzepte dominant. Die Frage ist, wovon diese abgelöst werden. Meine These ist, dass die Netzwerk-Räume die Territorial-Raumkonzepte nicht ersetzen. Heute sind unterschiedliche Raum-Konzepte gleichzeitig wirksam.

Klingt anstrengend.

Das ist anstrengend, zum Beispiel für Unternehmen, die viel Geld in Büroflächen investieren und hoffen, dass das die Identifikation mit der Firma stärkt. Gleichzeitig müssen sie für eine Infrastruktur sorgen, die mobiles Arbeiten ermöglicht. Sie stellen attraktive Arbeitsräume zur Verfügung, obwohl sie wissen, dass sie ihre Leute nicht mehr an diese Räume binden können, und vielleicht auch in der Ungewissheit, ob diese Räume für die Produktivität überhaupt notwendig sind. Das kann zu großen Spannungen im Unternehmen führen.

Google wird nicht nur in neue Bürokomplexe investieren, sondern auch in die Infrastruktur für ortsunabhängige Arbeit. Diese Doppelstrategien sind die Folge der gleichzeitigen Wirksamkeit von Netzwerk- und Territorial-Raumkonzepten.

Sie zitieren in einem Ihrer Vorträge den Soziologen Norbert Elias mit der Beobachtung, dass ein Herzog, der nicht herrschaftlich wie ein solcher wohnt, schon fast kein Herzog mehr ist. Hat sich diese Machtdemonstration überholt, die sich in der Beeindruckungs-Architektur von Konzernzentralen mit riesigen Eingangshallen äußerte?

Das glaube ich nicht. Man muss den Status des Unternehmens und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter irgendwie symbolisch zum Ausdruck bringen. Auch der Verzicht auf die alten Macht-Insignien wie das riesige Vorstandsbüro ist ja eine symbolische Geste. Das Understatement ist ebenso demonstrativ und zeigt, wie das Unternehmen und seine Führungskräfte gesehen werden wollen. Diese räumlichen Symbole sind deshalb bei Fusionen oft ein enormes Problem, wenn die beteiligten Firmen unterschiedliche Kulturen haben, die sich in der Raumgestaltung, in der Möblierung, in der räumlichen Abbildung der flachen oder steilen Hierarchie ausdrücken. Unternehmen kommunizieren mit ihren Räumen, nach innen und nach außen.

Wie verändern Begegnungen im virtuellen Raum, etwa im geplanten Facebook-Metaverse, unsere Kommunikation? Ist das nur eine technische Spielerei oder ein wirklicher Einschnitt?

Ich hätte es früher für eine Spielerei gehalten. Heute bin ich mit Prognosen vorsichtiger. Ich halte es für möglich, dass Menschen versuchen, ihre räumlichen Ausdrucksbedürfnisse auch in einer virtuellen Umgebung zu realisieren und dort ihre Orte zu gestalten. Ich kann mir vorstellen, dass sich zahlreiche Menschen mit Begeisterung über lange Zeiträume in solchen virtuellen Städten aufhalten werden. Das geschieht ja jetzt schon in Gaming-Welten. Interessant ist, wie das die Wahrnehmung und Nutzung physischer Orte verändern wird.

Sie haben eine Smart City in Südkorea untersucht, Songdo, etwa 70 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Der öffentliche Raum wird fast nur als Transportzone für Menschen und Waren genutzt. Die Wohnungen sind vernetzt, die Kommunikation unter den Einwohnern soll vor allem digital, über große Monitore in den Wohnungen stattfinden. Funktioniert das?

Nein. Die Leute unterhalten sich lieber im Treppenhaus oder beim Einkaufen als ausschließlich über Bildschirme. In Songdo ist der gesamte öffentliche Raum in Bahnen organisiert. Es gibt nur Straßen und Wege für die unterschiedlichen Fortbewegungsarten, selbst durch das Einkaufszentrum führt eine Elektrorollerbahn. Der öffentliche Raum hat keine Aufenthaltsqualität, es gibt bis auf einen Park kaum Plätze, die zum Verweilen einladen. Sicherheit wird nicht durch Zäune und Absperrungen, sondern durch die konsequente Überwachung des öffentlichen Raums gewährleistet.

In Songdo zeigt sich, was man verliert, wenn man eine Stadt digital aufrüstet und rein funktional plant. Unabhängig von diesem Modell einer Smart City nehme ich an, dass in der Pandemie die Bedeutung des öffentlichen Raums noch einmal sehr viel deutlicher geworden ist.

Inwiefern?

In allen sozialen Schichten haben die Menschen das Spazierengehen für sich entdeckt. Wenn man sich nicht in geschlossenen Räumen treffen kann, verabredet man sich in Parks und auf Plätzen. Diese Orte wurden intensiver in der Alltagspraxis verankert. Die leeren Innenstädte wurden plötzlich nicht mehr nur zum Einkaufen genutzt.

Ich wünsche mir sehr, dass aus dieser Erfahrung eine Debatte um die Aufenthaltsqualität und Nutzung des öffentlichen Raums der Städte entsteht. ---

Martina Löw, 57, ist Professorin für Planungs- und Architektur-Soziologie an der Technischen Universität Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Raumtheorie, Stadt- und Kultursoziologie.

Seit 2018 leitet sie den Sonderforschungsbereich „Re-Figuration von Räumen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in dem mehr als 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zusammenarbeiten. Im Rahmen eines Teilprojektes untersucht sie Alltagshandlungen in digitalisierten Lebensräumen (Smart Cities).

Ihre bei Suhrkamp erschienenen Bücher „Raumsoziologie“ (2001) und „Soziologie der Städte“ (2008) sind Standardwerke.

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