brand eins-Container: Energie # 05

Wechsel-Strom

Das Berliner Unternehmen Swobbee sorgt dafür, dass elektrisch betriebene Räder, Roller und Mofas stets fahrbereit sind.






Voller Akku raus, leerer rein: Wechselstation des Unternehmens Swobbee


50 Kilometer weit fährt ein elektrischer Tretroller maximal, bevor er wieder Strom braucht.

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• In elektrifizierten Lastenrädern transportieren Eltern ihre Kinder, Baumarkt-Kunden Bretter oder Farbeimer, viele Paketboten bewältigen mit solchen Fahrzeugen die letzte Meile. Ein E-Mofa kann man sich in vielen Städten einfach bei einem Sharing-Dienst ausleihen. Und wer anfangs noch hoffte, die wild abgestellten E-Roller würden nicht lange die Gehwege blockieren, stellt sich wohl langsam darauf ein, dass sie bleiben.

Elektrisch betriebene Tretroller, Räder und Mofas werden Prognosen zufolge in Städten eher noch präsenter. Das bedeutet, dass auch viele Akkus regelmäßig geladen werden müssen, manchmal sogar mehrmals täglich. Wie das klappen kann, haben sich bereits mehrere Anbieter überlegt.

Einige entwickeln Stationen, an denen man die Geräte einstöpselt, ähnlich wie bei E-Autos. Diese könnten in den engen Innenstädten jedoch zu viel knappen Platz belegen. Für viele ist auch die Ladezeit ein Problem, zum Beispiel für Sharing-Dienstleister, weil die Fahrzeuge bei dem Vorgang mehrere Stunden lang ausfallen. Die E-Roller von Tier Mobility kommen nach Angaben des Unternehmens mit einer Batterieladung maximal 50 Kilometer weit. Auch Paketzusteller haben das Problem, dass der Akku oft keinen ganzen Tag lang durchhält, sondern zwischendurch geladen werden muss. Und Stillstand kostet Geld.

Das Unternehmen Swobbee verspricht Mobilität ohne Unterbrechung dank Batteriewechsel. Viele Bikes und Roller haben schon Akkus, die sich zum Laden entnehmen und gegen volle austauschen lassen. Die Kunden der Firma, darunter Verleiher von Rollern und Paketzusteller, können an den Stationen des Unternehmens leere Akkus gegen volle tauschen. Bislang gibt es 62 Stationen, unter anderem in Berlin, Magdeburg, Bochum, Stuttgart und Freiburg.

Tobias Breyer, Mitgründer der Firma, führt über den Technologie-Park in Berlin-Adlershof, in zweckmäßigen Bauten wird dort getüftelt und gebastelt. In dem Gebäude, in dem Swobbee seinen Sitz hat, ist unten eine Halle für die eigene Produktion eingerichtet – mit grellem Deckenlicht, Europaletten, Klebeband-Markierungen auf dem Boden und halb fertigen Wechsel-Containern, die den Packstationen der Post ähneln. Die Mitarbeiter (in diesem Bereich arbeiten ausschließlich Männer) kommen aus verschiedenen Ländern, deshalb sprechen sie hier Englisch.

So wie die schmucklose Halle auf die typischen Start-up-Insignien verzichtet, spricht auch Breyer angenehm normal, ohne Visionen und Purpose. Er ist Designer, Ende 40, wirkt reflektiert. Als er einmal über Probleme spricht, die das Unternehmen noch lösen muss, unterbricht er sich. Dann beginnt er grinsend, sich selbst zu ohrfeigen: „Ach je! Probleme sagen wir doch nicht, es gibt ja nur Herausforderungen.“

Firmenkunden bedienen sich an den Wechselstationen für Akkus, die Swobbee zum Beispiel in Innenstädten an Tankstellen oder in Parkhäusern aufstellt. Wer eine Batterie tauschen will, meldet das per App an, die Schublade mit dem passenden Modell lässt sich dann öffnen. Man nimmt die frische heraus und steckt die leere hinein. Beim Schließen wird diese an der Rückseite automatisch mit einem Stecker verbunden und beginnt zu laden. Abgerechnet wird pro Batterietausch.


„Das ist absoluter Wildwuchs.“
Tobias Breyer über fehlende Akku-Normen


Tüfteln für die Mikromobilität: die Produktionshalle in Berlin-Adlershof

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Weniger Leerlauf

Der Sharing-Dienstleister Tier Mobility nutzt die Wechselstationen bereits: Ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin nimmt bis zu 30 Akkus aus einer Station und verteilt sie an E-Tretroller in der Nähe, deren Batterien schwächeln. Die können sofort wieder gebucht werden und losfahren.

Die erste Generation der E-Roller von Tier hatte keine wechselbaren Akkus, die Geräte wurden von einem Lieferwagen eingesammelt, in Lagerhäuser gebracht und dort zum Laden an den Strom angeschlossen. Seit 2020 setzt die Firma in Deutschland E-Roller mit austauschbaren Batterien ein. Diese werden nun nicht mehr alle zu zentralen Ladestationen transportiert. Zwar werden immer noch viele in der Stadt herumgefahren – von weniger begehrten Stellen dorthin, wo die Kunden sie buchen wollen –, aber zumindest wird ein Teil der Wege eingespart. Auch die Räume konnte Tier so verkleinern: „Wir brauchen keine großen Lagerhallen mehr, da wir nicht mehr ganze Rollerflotten zum Aufladen lagern müssen“, sagt Patrick Grundmann, Sprecher von Tier Mobility.

Zusätzlich können Firmenkunden Swobbee beauftragen, die Batterien bereitzustellen. Avocargo, ein Berliner Sharing-Anbieter für Lastenräder, schaffte Räder ohne Batterien an, was zunächst billiger war. Swobbee sorgt für die passenden Akkus und überwacht elektronisch, wie lange sie noch durchhalten, bis sie aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Diesen Service gibt es im Abo.

Für Anbieter von Lastenrädern oder E-Bikes hat diese Variante den Vorteil, dass sie sich nicht mit Batterien beschäftigen müssen. Die haben nämlich einige Tücken – man muss wissen, wie man sie richtig transportiert, lagert und lädt, sonst können sie kaputtgehen oder sich schlimmstenfalls entzünden.

Aktuell sind etliche verschiedene Akkus auf dem Markt. „Das ist absoluter Wildwuchs“, sagt Tobias Breyer. Darauf hat Swobbee sich eingestellt: Wechsel-Stationen für einzelne Typen von Batterien entwickeln auch andere Anbieter. Die von Swobbee sind dagegen für inzwischen acht verschiedene Typen geeignet. Das Unternehmen sei der einzige Anbieter, der diese Vielfalt bedient, sagt Breyer.

Der Wildwuchs soll jedoch nicht ewig bestehen bleiben, Unternehmen bemühen sich bereits um eine Vereinheitlichung. Im Juli war Breyer zu einem Treffen der Unternehmen KTM, Yamaha, Honda und Piaggio eingeladen, die Motorräder und Motorroller herstellen. „Man könnte denken, die bedienen die richtigen Petrolheads, die Spaß daran haben, Motoren aufheulen zu lassen“, sagt Breyer. „Aber auch deren Kundschaft verändert sich.“ Das Angebot an elektrisch betriebenen Motorrädern ist noch klein, wächst jedoch. Und E-Mofas gehören an vielen Orten schon zum Stadtbild.

Die Unternehmen haben das sogenannte Swappable Batteries Motorcycle Consortium gegründet, das an einem Standard für austauschbare Akkus arbeitet und in dem Swobbee inzwischen Mitglied ist. „Ideal wäre, man würde sich auf ein Spannungs-Level, ein Steckersystem, einheitliche Abmessungen und eine Kommunikation einigen“, sagt Breyer. Mit Kommunikation meint er die Elektronik, die bei Kontakt mit der Batterie unter anderem erkennt, um welches Modell es sich handelt, wie alt dieses ist und ob es noch aufgewärmt oder abgekühlt werden muss, bevor der Ladevorgang beginnt.

Breyer und seine Kollegen bringen in der Initiative ihre Erfahrungen mit verschiedenen Typen von Batterien ein. Für sie selbst ist es interessant, an einer Vereinheitlichung von Batterien von Anfang an beteiligt zu sein, weil sie sich dann frühzeitig mit den eigenen Stationen darauf einstellen könnten. Diese sind so konstruiert, dass man ihr Innenleben recht einfach an neue Typen von Batterien anpassen kann.

Finanziert wird Swobbee bislang von Investoren: Die Vermögensverwaltungsgesellschaft Urskive unterstützt das Unternehmen langfristig, Anfang des Jahres stieg außerdem der aus EU-Geldern finanzierte Investor EIT Inno Energy ein.

Aktuell probieren Breyer und seine Kollegen aus, wie sie nicht nur Firmen-, sondern auch Privatkunden bedienen können. Wenn dies gelänge, wäre das ziemlich gut fürs Geschäft. Bis das erweiterte Angebot im großen Stil funktioniert, gibt es allerdings noch ein paar Probleme zu lösen. Gut, dass es keine Probleme gibt. ---

Gegründet: 2016
Mitarbeiter: 43
Finanzierung durch Urskive in der A-Runde: 3,5 Millionen Euro
Finanzierung durch EIT Inno Energy in der A-Runde: 3 Millionen Euro
Eine A-Plus-Runde ist geplant.
Kunden: DHL, Hermes, DPD, Tier Mobility, Bolt, Avocargo und andere

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