Umbau statt Abriss
Seit Jahrzehnten wird neu gebaut – statt vorhandene Substanz zu erhalten. Fachleute aber fordern, gar nichts mehr abzureißen. Denn alte Gebäude neu zu nutzen stärkt die Gemeinschaft und schont die Umwelt.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 12/2022.
• Der Anblick zerstörter Häuser, besonders wenn es sich um alte und mit Erinnerungen behaftete Gebäude handelt, erzeugt bei Bürgerinnen und Bürgern regelmäßig Wut und Trauer. Die gängige Stadtpolitik, profitträchtigen Neubau dem Erhalt alter Bausubstanz vorzuziehen, schreckt in vielen Kommunen nicht einmal vor dem Denkmalschutz zurück. Und die Erwartung an das Kommende weckt meist weitere negative Gefühle. Denn seit Jahrzehnten geht es bei Neubauten selten um Qualität, Originalität oder das Entwerfen identitätstauglicher Orte. Es geht um Effizienz und Gewinn – und so sehen neue Gebäude dann meistens auch aus.
Als im September dieses Jahres rund 170 Baufachmenschen aus Verbänden, Universitäten, Architekturbüros und -zeitschriften einen offenen Brief an die Bundesbauministerin Klara Geywitz schickten, in dem sie ein sofortiges „Abrissmoratorium“ forderten, mag sich mancher gewundert haben, was Leute, die davon leben, dass gebaut wird, zu solch einer radikalen Forderung animiert haben könnte. Doch nach Jahren interner Debatten und Kongresse zum nachhaltigen Bauen, die lediglich zu politischen Absichtserklärungen führten, ist der Frust unter verantwortungsvollen Planerinnen und Planern riesig.
„In Deutschland entstehen jedes Jahr 230 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle, was 55 Prozent des gesamten deutschen Abfalls ausmacht“, heißt es in dem Brief und weiter: „Der Gebäudesektor hat zum zweiten Mal in Folge sein Emissionsminderungsziel verfehlt. Um das Sektorziel 2030 zu erreichen, ist eine jährliche Minderung von Treibhausgas-Emissionen um 5,5 Millionen Tonnen nötig – mehr als das Doppelte als der derzeit erreichte Wert.“ Zusammengefasst lautete der Vorwurf an die Baupolitik und -industrie: Ihr redet viel und tut wenig.
Abgesehen von ein paar Feigenblattprojekten, die den Medien als vorbildlich ökologisch präsentiert werden, herrscht in deutschen Stadtentwicklungsgebieten das nackte Grauen. Stahlbetonskelette, die eine sehr giftige Emissionsbilanz haben, recken sich aus den Baugruben – sei es im Frankfurter Bankenviertel, in den monotonen neuen Stadtrandsiedlungen Münchens oder in der Hamburger Hafencity. Der Herstellungsprozess des Zements inklusive Transport und benötigter Energie entlässt pro Tonne des billigen Baumaterials eine Tonne Kohlendioxyd in die Luft. Für deutsche Baustellen werden so aktuell 35 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr erzeugt, Tendenz steigend.
Das Problem des Mangels an Wohnraum würde ein sofortiger Stopp von Abrissen allein jedoch nicht lösen. 17 642 Gebäude wurden laut offizieller Statistik 2021 in Deutschland abgerissen, wodurch 1,4 Millionen Quadratmeter Wohnfläche verloren gingen. Angesichts der Ambition der Bundesbauministerin, jährlich 400 000 neue Wohnungen zu bauen, hätte der vollständige Erhalt all dieser Gebäude lediglich dann für dieselbe Zahl an Wohnungen gesorgt, wenn diese jeweils nur 3,5 Quadratmeter groß gewesen wären. Ohne umfangreichen Neubau lassen sich die Ziele der Wohnraumversorgung also nicht erreichen.
Allerdings hat die Forderung nach vielen neuen Wohnungen eher mit politischen und sozialen Fehlentwicklungen zu tun als mit einem tatsächlichen Mangel an Gebäuden. Denn die Bevölkerung in Deutschland stagniert. Die aktuellen Prognosen des Statistischen Bundesamtes bis 2035 sehen trotz krisenbedingter Zuwanderung, etwa durch ukrainische Flüchtlinge, keine dramatische Veränderung in der stetig flachen Kurve auf die Bundesrepublik zukommen.
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