NVGTR
ICE aus der Petrischale
Die Designer von NVGTR verzichten auf Vokale, aber nicht auf ungewöhnliche Ideen. Deren Sinn erkennt man nicht sofort. Das ist Teil des Erfolgrezeptes.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 12/2022.
• Das erklärte Ziel der Münchner Designagentur NVGTR ist es, ihren Auftraggebern zu Bluthochdruck und Schnappatmung zu verhelfen. Der Weg dorthin fängt ganz harmlos an. Die drei Geschäftsführer kommen divers zum Pitch, mit dem Lastenrad (Creativ Director Dominik Meier), mit dem Oldtimer oder der Bahn (Chief Technology Officer Christian Jurke) und mit dem Motorrad (Dirk Licht, ohne Titel). Aber dann brauchen die Kunden starke Nerven und am besten auch ein Wörterbuch für Business-Englisch. Denn jetzt hagelt es Begriffe, die nicht jeder draufhat: Circular Economy, Constant Metamorphosis, Tangible Visions. Was die drei damit meinen: Alles, was ihre Firma macht, soll nachhaltig, sinnvoll, visionär, wandelbar und trotzdem anfassbar sein. „Menschengerecht“ nennen Meier-Jurke-Licht das.
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Noch in Arbeit: Kabinen für eine Hängebahn über Straßen

Stadt der Zukunft: Diesen Entwurf präsentierten die Designer Siemens.
Was soll das denn sein?
Da schlucken Kunden, die nur einen neuen schönen Kopfhörer oder eine stylische elektrische Fusselbürste haben wollten, schon ein wenig, wenn sie mit den drei Designern am Tisch sitzen und feststellen, dass die viel mehr wollen: eine neue, schönere Welt und alles anders. „Das ist für manche eine Herausforderung. Wir designen nicht nur ein Produkt, wir suchen nachhaltige Materialien, reduzieren den Wareneinsatz, verkürzen Lieferketten, verändern die Herstellungstechnologien und kümmern uns um das Recycling“, sagt Jurke. „Wir greifen wirtschaftlich in das Unternehmen ein.“
Dann präsentieren die NVGTR-Leute ihre Ideen: Da ist die Fusselbürste plötzlich Bestandteil einer neuen gerechteren Welt, in der Wegwerftextilien aus Billiglohnländern ersetzt werden durch sorgsam hergestellte, umweltfreundliche Stoffe, deren Entfusselung sich lohnt. Für Siemens haben die drei vor einiger Zeit ein Konzept für die Mobilität der Zukunft entwickelt. In den Sitzungssaal projizierten sie eine Stadt, die mit New York, Rio, Rosenheim gar nichts mehr zu tun hatte, sondern eher einer Auenlandschaft glich. Die Firma designe nicht für die Welt, wie sie ist, sagt Meier, sondern für die Welt, wie sie sein sollte. „Das verstehen wir unter menschengerecht.“
Durch die Auenlandschaft kurvten autonome Fahrzeuge. „Die Waggons könnten wir aus der Petrischale wachsen lassen“, sagte Jurke. Da waren die Siemens-Leute irritiert. Bisher bauen sie ihren ICE ganz konventionell und ziemlich erfolgreich in riesigen Hallen. Auf die Idee mit der Petrischale war noch keiner gekommen. Aus gutem Grund: Es geht nämlich nicht, ist nur eine Zukunftsvision. „Für Techniker sind wir manchmal das Enfant terrible“, sagt Licht. „Die machen gern alles so, wie sie es immer gemacht haben. Bei uns ist es umgekehrt.“
Solche vollmundigen Ansagen mögen seltsam klingen, aber die kleine Design-Boutique ist ziemlich erfolgreich. Auf der Kundenliste stehen hochkarätige Namen wie Bosch, Zeiss, Sony, Mini, BMW, LG, die Europäische Union oder Sennheiser. Allerdings: Sennheiser war eher ein Flop. Der von NVGTR für die Firma entwickelte Kopfhörer bestand nur aus einem Material: ABS, Acrylnitrit-Butadien-Styrol, ein sehr gut wiederverwertbarer Kunststoff. Am Bügel war das Material hart, in den Ohr-Pads weich, so vermieden die Designer ein Kunststoffgemisch, das schwer zu trennen und recyceln ist. Aber Sennheiser wollte den Kopfhörer nicht. „Die haben Design erwartet“, sagt Licht, „wir haben ein ökologisches Komplettpaket geliefert.“ Zudem hatte sich Sennheiser gerade aus dem Geschäft mit Endkunden zurückgezogen, für das der Hörer gedacht war. Die Firma produziert seit 2022 nur noch professionelle Audio-Geräte.
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Looking forward - das Morgen gemeinsam gestalten
Die World Design Organization zeichnet alle zwei Jahre eine Stadt oder Region aus. Frankfurt RheinMain holt die Auszeichnung erstmals nach Deutschland. Bekannt für Innovation, Vielfalt und Wandel, führt die Region diese Tradition fort: Initiativen, Unternehmen und Kulturschaffende gestalten gemeinsam nachhaltige Projekte, fördern Zusammenhalt und schaffen eine gemeinsame Identität für die Zukunft.
Warum politisches Design?
Dirk Licht, 47, ist der Mann ohne Titel in der Agentur, dafür hat er das Buch von Friedrich von Borries „Weltentwerfen, eine politische Designtheorie“ in der Tasche. „Das ist unsere Bibel“, sagt er. Früher, so heißt es in dem Buch, hätten Designer Gegenstände entworfen. Heute werde praktisch alles designt: Flüchtlingslager, Prozesse, das Klima. Deshalb müsse Design sich von der reinen Ästhetik lösen und politisch werden. Für das Münchner Trio bedeutet das bei jedem Projekt eine weiträumige Recherche: Wie können Materialien, Lieferketten, Produktionsprozesse umweltfreundlicher werden? Wie passt das Produkt in eine zukünftige, bessere Welt?
Das Ergebnis der Recherche ist dann vielleicht in die Zukunft gerichtet, aber das Produkt selbst soll heute schon funktionieren. Ein Spagat. Falls er nicht gelingt, haben die drei wenigstens einen Denkanstoß gegeben – so wie manche Architekten, deren Ideen so grandios sind, dass niemand sie umsetzen kann. Zumindest im Moment noch nicht.
Kennengelernt haben sich Meier, Jurke und Licht bei der Münchner Agentur Design Affairs (die inzwischen von der Beratungsfirma Accenture übernommen wurde). 2015 gründeten sie Navigator (ohne Vokale, aber in Großbuchstaben, passend zum großen Anspruch: NVGTR) – eine Designberatung, die das Ziel hat, ihre Auftraggeber immer wieder zu überraschen.
Schon fertig: 3D-Ausdruck einer Sitzschale für Stadtbusse
Wie erkennt man, was den Kunden wichtig ist?
Dafür haben die drei sich einiges überlegt. Bei Präsentationen führen sie gern dicke Packpapierrollen mit. Auf die meterlangen Bahnen kritzeln und kleben sie, was ihnen zum jeweiligen Projekt einfällt. Aber der Höhepunkt der Veranstaltung ist stets, wenn sie mitten im Meeting ihre selbst gebastelten Spielkarten auspacken. Ganz in Schwarz, versehen mit Schlagworten aus der Ausschreibung und einem Joker. „Lasst uns mal zocken“, ruft Jurke dann in den Raum, „Zocken für die Zukunft!“ Nach anfänglichem Zögern machten meist alle mit. „Man darf maximal fünf Karten auf der Hand haben“, sagt er. Die Kunden müssen dann entscheiden, was für sie mehr Gewicht hat: zum Beispiel Ästhetik, Nachhaltigkeit, Kosteneffizienz, Marketing oder Funktionalität. „Da sehen wir, was wem wichtig ist.“ In dem Spiel, das er in der Hand hält, heißt der Joker Anna. Anna? „Das ist die Projektverantwortliche der Firma, für die wir dieses Kartendeck erstellt haben“, sagt er. „Im Endeffekt muss sie die Entscheidung treffen.“
Besonders engagiert sind die Designer beim Thema Mobilität. Für das Start-up Ottobahn entwickeln sie Kabinen für eine Hängebahn in fünf bis zehn Metern Höhe über der Straße. Die Gondeln fahren autonom und können selbstständig herabsinken, um Passagiere oder Güter aufzunehmen und am gewünschten Zielort abzusetzen. Genau das Richtige für Meier, Jurke und Licht. Zurzeit wird eine Versuchsstrecke außerhalb von München gebaut. Die entworfenene Kabinen sehen hübsch aus. Mehr kann man dazu im Moment nicht sagen.
Mehr Bequemlichkeit im Bus
Die Sitze für den öffentlichen Personenverkehr dagegen, die NVGTR mit dem Sitzhersteller Grammer entwickelt hat, kann man schon im Katalog bestellen. Star der Kollektion ist eine unauffällige, gräuliche Sitzschale für Stadtbusse. Die Besonderheit: Sie besteht aus zwei Polykarbonat-Schalen, die miteinander verklebt sind. Die Sitze sind stabil, bequem, leichter als herkömmliche Modelle und können vollständig recycelt werden. „Früher“, sagt Meier, „hat man mit komplexen Materialien simple Formen erstellt. Heute machen wir mit supersimplen Materialien komplexe Formen. Das ist viel nachhaltiger und effektiver.“
Außerdem hat die Firma einen Sitz entwickelt, der in europäischen Regionalbahnen zum Einsatz kommen soll. Er besteht aus fünf statt aus durchschnittlich 50 Teilen, einem 3D-gestrickten Zellulose-Bezug und Holz aus lokalen Wäldern. Der Sitz wiegt zehn statt dreißig Kilogramm und ist etwa ein Drittel billiger als die üblichen Modelle, die so um 300 Euro herum kosten. Würden diese Sitze in allen europäischen Regionalzügen eingebaut, spare das nicht nur Geld, sondern auch 129 000 Tonnen CO2 pro Jahr, so die Werbung dafür. „Das ist das Äquivalent zur CO2-Effizienz von zehn Millionen Bäumen“, sagt Jurke.
Besonders stolz sind er und seine Kollegen auf ein Steh-Sitz-System für U- und Straßenbahnen, für das sie mit Verhaltensbiologen gesprochen haben. Diese haben analysiert, was Menschen im öffentlichen Personennahverkehr besonders stresst: ein ungeschützter Rücken im Stehen und keine freie Sicht im Sitzen. Meier, Jurke und Licht haben daher Stehhilfen konstruiert, die den Rücken schützen und deren flexibles Material sich zu einem Ministuhl verformt, wenn man tiefer rutscht. Auf einem Quadratmeter Stellfläche ist so Platz für drei Personen.
Am Ende des Gesprächs holt Jurke eine der Packpapierrollen aus dem Stapel an der Wand. Er will zeigen, was da drauf ist. Leider läuft die Präsentation nicht so gut. Das Papier verkantet sich im Büro. Meier und Licht greifen ein. Es wird gezerrt und gefaltet. Vergeblich, das Papier bleibt von der Rolle. Dafür steigen Blutdruck und Atemfrequenz bei allen Beteiligten. Aber auch das ist ja schon ein Erfolg. ---
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