Abgefahren
Ein junges Wiener Label macht Mode für Menschen im Rollstuhl – und ihre Begleitung.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 04/2021.
Praktisch, aber schick: Der wärmende Fußsack wird an den Rollstuhl der Kundin angepasst
• Kleidung wird für Durchschnittskörper produziert. Wer von der vermeintlichen Norm abweicht, kann vieles nicht tragen. Manche Hosen etwa entblößen im Rollstuhl den unteren Rücken. Sie haben Nähte, die bei ständigem Sitzen scheuern. Oder der Stoff ist zu dünn und lässt unbewegliche Beine auskühlen. Hinzu kommen Tücken beim An- und Ausziehen. Die Sozialpädagogin Josefine Thom, Gründerin des Labels Mob Industries, kennt das von ihrer älteren Schwester. Diese ist durch Mehrfachbehinderungen in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt. „Früher war das tägliche Anziehen fürchterlich anstrengend und bei Winterjacken manchmal schmerzhaft für sie. Danach waren wir jedes Mal fix und fertig.“
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Leichter wurde es für die Familie, als Thoms Mutter sogenannte adaptive Kleidung entdeckte. Diese können Menschen mit Bewegungseinschränkungen unkompliziert und teilweise auch allein anlegen. „Das hat unser Anziehproblem gelöst“, sagt Thom. Aber weder Design noch Verarbeitung überzeugten die heute 33-jährige Wienerin: „Die Sachen sahen oft lieblos aus und waren manchmal auch so produziert.“ 2019 gründete sie deshalb gemeinsam mit dem Betriebswirt Johann Gsöllpointner, 37, Mob Industries. Mob steht für Mode ohne Barrieren: Streetwear für Menschen, die im Rollstuhl sitzen.
Allein in Deutschland leben rund 7,9 Millionen Menschen mit Schwerbehinderung, geschätzte 1,6 Millionen sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Angebote an Kleidung für sie sind eher praktisch als modisch. Die entsprechenden Marken tragen die Behinderung bereits im Namen: Rollimoden, Rollitex oder Schürmann Rehamode. Die Produktion adaptiver Mode ist aufwendiger, weil Stangenwaren-Schnittmuster die sehr unterschiedlichen Körper der Kundschaft nicht abbilden. Diese ist durchaus bereit, für gut sitzende Outfits Geld auszugeben: Laut dem Marktforschungsunternehmen Coresight Research soll der globale Markt für adaptive Mode bis 2023 auf knapp 350 Milliarden Dollar anwachsen.
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Die meisten Menschen, die im Rollstuhl sitzen, wissen gar nicht, dass es barrierefreie Mode gibt.
Links: Josefine Thom und ihr Mitgründer Johann Gsöllpointner. Rechts: Der Wiener Musiker und Videokünstler Billy Enkhtur (aka Billyshes) modelt für das Label
Mit ihren unbeeindruckt in die Kamera blickenden Models wirkt die Website von Mob Industries wie ein Shop für Skater und Hipster. 90 Prozent des Umsatzes macht die Firma aber in Reha-Einrichtungen über Direktmarketing. „Die meisten Menschen, die im Rollstuhl sitzen, wissen gar nicht, dass es barrierefreie Mode gibt“, sagt Josefine Thom. Mit den Prototypen im Kofferraum besuchen sie und ihr Mitgründer Menschen, die in Einrichtungen leben. „Unsere Jacken lassen sich in 30 Sekunden an- oder ausziehen“, sagt die Unternehmerin. Damit sind sie eine Entlastung, sowohl für die Pflegebedürftigen als auch für die Pflegekräfte, die stets unter Zeitdruck stehen. Bestätigt eine Ärztin den Bedarf, gibt es die Jacke sogar auf Rezept. Die meisten Kundinnen und Kunden zahlen laut Thom aber aus eigener Tasche – und 90 Prozent bestellen wieder.
Fünf der bislang 15 Teile der Kollektion entstanden in Kooperation mit drei österreichischen Mode-Labels. Die Prototypen werden von Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen sowie von Pflegepersonal getestet. Von den hektischen Rhythmen der Modewelt bleibt Mob Industries unbeeinflusst.
Produziert wird ausschließlich in Österreich in kleinen Stückzahlen und manchmal auch erst auf Bestellung. Länger als zwei Wochen müsse die Kundschaft trotzdem nicht auf ihre Kleidung warten, sagt Thom. Selbst dann nicht, wenn diese maßgefertigt würde. Auch eine individuelle Anpassung sei möglich – und im Preis bereits inbegriffen. Der ist vergleichbar mit anderen Streetwear-Marken: ein T-Shirt mit Logo-Druck kostet 60 Euro, eine adaptive Hose gibt es ab 99 Euro, und für eine Outdoor-Jacke bezahlt man 385 Euro. Die Jacken sind mit patentierten Verschlüssen ausgestattet. Herkömmliche Magnetverschlüsse können Nähnadeln anziehen – ein Problem für die Produktion. Das Wiener Label arbeitet mit Magneten, die in Kunststoff eingekapselt und auf ein leicht zu vernähendes Band geschweißt sind. Sie irritieren weder Nadeln noch andere Magnetverschlüsse. Die Zeiten, in denen das adaptive Hemd versehentlich die Hose öffnete, sind damit vorbei. Durch integrierte Haken halten die Verschlüsse Bewegungen und Druck stand, lassen sich aber trotzdem mit einer Hand öffnen. „Wir sind derzeit das einzige Label im Bereich inklusiver Mode, das damit arbeitet“, sagt Thom.
10.000 Euro investierten sie und ihr Mitgründer in die Firma, weitere 100.000 Euro steuerte die Wirtschaftsagentur Wien bei. Elisabeth Noever-Ginthör, Leiterin der Abteilung Creativity & Business, begründet die Förderung mit dem besonderen Ansatz des Labels: „Wir haben hier eine Gründerin mit sozialpädagogischem Background, die sich mit einem Kommunikationsexperten zusammengetan hat, um barrierefreie Kleidung zu produzieren. Das fehlende Know-how holen sich die beiden von lokalen Mode-Labels.“
Aktuell reichen die Einnahmen des Start-ups dafür, die laufenden Kosten zu decken. Josefine Thom hofft, bis 2022 schwarze Zahlen zu schreiben. Entscheidend dabei seien mehr Vertriebspersonal und Fachmessen, um ihre Produkte zu präsentieren.
Die Gründerin betont: „Wir sind keine Rollstuhlmarke.“ Zwar richten sich Produkte wie die wärmenden Fußsäcke an Menschen im Rollstuhl. Einige Teile gibt es aber auch für deren gehende Begleitung. Besonders die Hemden mit schmutzabweisendem Lotus-Effekt kämen gut an, sagt Thom. ---
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