Grüne Kapitalanlagen

Grüne Kapitalanlagen boomen – denn sie versprechen ein gutes Gewissen und Geschäft.

Aber was leisten sie wirklich für Umwelt und Klima? Darüber diskutieren wir mit zwei Fondsmanagern: Ingo Speich, Nachhaltigkeitschef beim Fondsanbieter Deka Investments, und Alexander Funk, Managing Director bei der Ökoworld AG.





„Der Klimawandel ist das größte Marktversagen der Geschichte. Und was ist unsere Antwort? Der Markt soll es lösen.“
Tariq Fancy, ehemaliger Chef für nachhaltige Geldanlage beim Vermögensverwalter Blackrock

Ingo Speich

ist als Aktionärsvertreter bekannt für seine scharfzüngigen Reden bei Hauptversammlungen. Der Fondsmanager arbeitete 15 Jahre bei Union Investment, bevor er 2019 als Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance zur Deka Investments wechselte. Die Fondsgesellschaft der deutschen Sparkassen betreut aktuell rund 368 Milliarden Euro Einlagen, davon knapp 25 Milliarden Euro in Fonds, die als sozial oder umweltfreundlich bezeichnet werden.

brand eins: Nachhaltigkeit ist ein echter Verkaufsschlager. Warum boomt das Thema gerade hier und heute?

Alexander Funk: Weil das Bewusstsein für die Wirkung von Geld wächst. Genauso wie die Menschen heute wissen wollen, wo Lebensmittel, Kleidung und Kosmetik herkommen, schauen sie darauf, wo ihr Geld hingeht und wie es wirkt. Das Bewusstsein bestimmt das Sein.

Ingo Speich: Drei Viertel der Gelder, die heute weltweit in nachhaltige Anlagen strömen, stammen von institutionellen Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen und nicht von Privatanlegern. Das zeigt: Auch Profis bewerten Unternehmen heute auch mit Blick auf Klimawandel und Reputations-risiken in den Lieferketten. Damit haben wir eine grundlegende Veränderung am Kapitalmarkt.

Möglich, dass Anleger und Anlegerinnen mit grünen Fonds vermeintlichen oder tatsächlichen Risiken ausweichen können. Aber tun sie damit Klima oder Umwelt wirklich einen Gefallen?

Speich: Natürlich. Je mehr Gelder uns anvertraut werden, desto höher sind unser Einfluss auf die Unternehmen und die Chancen, dass unsere Forderungen gehört werden. Mit Ihrem Kapital bewegen Sie als Anleger daher einen viel stärkeren Wirkhebel, als wenn Sie beispielsweise Bioprodukte kaufen.

Tatsächlich? Von einem Aktienkauf profitiert zunächst einmal nicht das Unternehmen, sondern der Verkäufer der Unterneh-mensanteile.

Funk: Nicht wenn wir mit dem Anlegerkapital Unternehmen den Weg an die Börse ebnen – wie zuletzt Mr. Spex aus Deutschland oder dem Biotech-Unternehmen SK Bioscience aus Südkorea.

Speich: Gerade heute Morgen habe ich mit dem Vorstandsvorsitzenden eines Dax-Unternehmens, das für relativ hohe Emissionen verantwortlich ist, den CO2-Senkungspfad seiner Firma diskutiert. Die Möglichkeit hatte ich nur, weil wir dort signifikant investiert sind. Je mehr Aktien wir also halten, umso stärker können wir Druck auf Unternehmen ausüben und ein Katalysator für deren Transformation sein. Deshalb zählt im Prinzip jeder Euro.

Kritiker halten die Kapitalanlagen nach ESG-Kriterien nicht nur für wirkungslos, sondern deren Heilsversprechen sogar für schädlich. „Angeblich grüne Investments lenken von den wirklich benötigten Maßnahmen ab, die den Klimawandel bremsen könnten“, sagt Tariq Fancy, ehemaliger Chef für nachhaltige Geldanlage bei Blackrock, dem kapitalstärksten Vermögensverwalter der Welt. „ESG ist so, als würde man einem Krebspatienten ein Placebo anbieten, obwohl er eine Chemotherapie braucht.“ Wie fühlen Sie sich als Entwickler und Verkäufer von Placebos?

Funk: Dass Sie gerade einen Ex-Angestellten von Blackrock zitieren, ist schon ironisch. Blackrock ist als interessen- und profitgetriebenes Unternehmen Teil des Problems, nicht der Lösung, auch wenn sich die Firma mehr und mehr ein grünes Mäntelchen überzustreifen versucht.

Die Kriterien, nach denen Unternehmen als „grün“ oder „nachhaltig“ eingestuft werden, sind recht beliebig. Eine ehrliche Bilanz zu erstellen wäre in vielen Fällen superkomplex.

Speich: Den Kritikpunkt teile ich. Es gibt keine perfekt nachhaltigen Unternehmen und angesichts der komplexen Lieferketten auch keine hundertprozentige Gewissheit. Wir können da auch nur die Plausibilität der vorhandenen externen Daten prüfen. Zusätzlich beschäftigen wir allein im Aktien-Research rund 40 Analysten, die Unternehmen durchleuchten.

Funk: Genau wie bei Lebensmitteln oder Arznei-Beipackzetteln liegt es aber auch in der Verantwortung des Anlegers, das Kleingedruckte zu lesen.

Im Ernst? Selbst professionelle Analystinnen und Analysten sind doch überfordert, jedes einzelne, in einem Fonds vertretene Unter- nehmen zu durchleuchten. Beim Fonds MSCI World ESG Screened der Blackrock-Tochter iShares beispielsweise müssten sie erst einmal 1496 Firmen unter die Lupe nehmen.

Funk: Natürlich stehen Fondsanbieter in der Pflicht, die Anlagekriterien offenzulegen. Sprich: Klartext anstatt Dickicht, damit Anleger einfach nachvollziehen können, nach welchen Kriterien das Geld angelegt wird.

Das Problem ist doch, dass heute alles Mögliche als nachhaltig etikettiert wird. Mehr als die Hälfte der 130 „Klimafonds“, die der britische Thinktank Influencemap durchleuchtete, erfüllten nicht einmal die Vorgaben des Pariser Klimaschutzabkommens – kein Wunder, steckten doch in diesen Fonds unter anderem Werte von Ölkonzernen wie Total, Chevron und Exxon Mobil.

Funk: Ich finde es schockierend, dass solche Unternehmen in Nachhaltigkeitsfonds auftauchen. Es zeigt, zu was für einem Gummiwort Nachhaltigkeit verkommen ist. Bei Ökoworld investieren wir nicht in Unternehmen, die irgendwann aus einer fossilen Vergangenheit irgendwo hinwollen, sondern nur in solche, die bereits heute Teil der Lösung sind.

Speich: Moment, wenn es die Chance einer Besserung gibt, wäre es aus Umweltsicht doch kontraproduktiv, bei einem Unternehmen oder einer bestimmten Branche zu deinvestieren. Damit gäben wir ja jegliche Einflussmöglichkeit aus der Hand. Wichtig sind klare Zielmarken, die wir setzen und die vom Unternehmen einzuhalten sind.

Nennen Sie mal ein Beispiel, wo Ihr Einfluss zu einer messbaren Veränderung geführt hat.

Speich: Gern. Bei Automobilherstellern wie Daimler und BMW haben wir auf das Risiko von Menschenrechtsverletzungen bei der Gewinnung von Kobalt und anderen seltenen Materialien hingewiesen. Das ist, neben dem menschlichen Leid, auch wegen der Klage- und Reputationsrisiken gefährlich. Das Ergebnis: Die Konzerne haben ihre Lieferketten stärker durchleuchtet und einen hohen Forschungsaufwand betrieben, um ihren Ressourceneinsatz zu reduzieren. Wo es ging, sind sie auf alternative Rohstoffe und Lieferanten ausgewichen.

Alexander Funk

ist Bankbetriebswirt und Geschäftsführer des Branchenpioniers Ökoworld AG. Die bankenunabhängige Kapitalverwaltung wurde 1975 von dem Sozialarbeiter Alfred Platow und dem Mathematiker Klaus Odenthal als Versicherungskollektiv Alfred & Klaus gegründet. Heute verwaltet die Firma mit 60 Mitarbeitern rund 3,8 Milliarden Euro Anlegergelder. In welche Unternehmen Anleger investieren können, bestimmt bei Ökoworld ein externer Expertenausschuss. Firmen mit Beteiligungen in Atomkraft, Chlorchemie oder Kinderarbeit sind grundsätzlich ausgeschlossen.

Herr Funk, mit Ihrem Ökoworld-Fonds investieren Sie nicht nur in Vorzeigefirmen wie den Bahnbetreiber Canadian Pacific Railway und den Fahrradkomponentenhersteller Shimano, sondern auch in A.P. Møller-Maersk. Die weltgrößte Containerreederei ist für enorme Stickoxid- und Rußemissionen verantwortlich. Das kann man in Ihrem Fondsprospekt auch nachlesen – und wundert sich darüber.

Funk: Ein Unternehmen muss aus unserer Sicht nicht perfekt, aber auf dem richtigen Weg sein. Møller-Maersk transportiert in Containern etwa 25 Prozent aller Lebensmittel weltweit. Neben der CO2-Reduktion – 60 Prozent bis 2030 und Netto null bis 2050 – hat sich Møller-Maersk das Ziel gesetzt, bis 2030 den Lebensmittelverlust durch falsche Lagerung zu halbieren. Im Unterschied zu anderen Anbietern investieren wir nicht in traditionelle Automobilhersteller wie Volkswagen oder Daimler, weil wir den Fokus auf Schiene und Nahverkehr legen. Deshalb kommen wir auch nicht in Diskussionen, ob nun Daimler umweltfreundlicher unterwegs ist als Volkswagen – oder umgekehrt.

Speich: Tja, für mich ist das ein gutes Beispiel, wie unterschiedlich man Nachhaltigkeit betrachten kann. Wir sehen Møller-Maersk aufgrund der hohen CO2-Emissionen und der negativen Auswirkungen auf die Biodiversität kritischer. Aber wir begleiten die Autobranche auf dem Weg zu weniger klimaintensiven Produkten.

Könnte es sein, dass grüne Anlagen auch deshalb so populär sind, weil sie suggerieren, dass wir zum ökologischen Umbau beitragen und unterwegs auch noch Gewinne einfahren können?

Funk: Die Unternehmen und ihre Produkte, in die wir investieren – wartungsfreie Wärmepumpen, ökologische Lebensmittel, Bildung, Gesundheit, Energieeffizienz, erneuerbare Energien und vieles mehr – sorgen Tag für Tag für mehr Nachhaltigkeit. Dass sich dabei gute Gewinne erwirtschaften lassen, haben die vergangenen Jahre gezeigt.

Speich: Klar ist: Ohne staatliche Eingriffe funktioniert Nachhaltigkeit nicht, weil es in der Wirtschaft immer auch um Besitzstandswahrung geht. Ein Automobilhersteller, der Patente auf Verbrennungsmotoren hält, wird nicht von allein auf eine neue, klimafreundlichere Antriebstechnik setzen, die seine Patente entwertet.

Gerade deshalb hat Fancy ja seinen Job quittiert.

Funk: Bei uns gibt es hundert Prozent ethische, soziale und ökologische Investitionskriterien bei null Prozent Toleranz für Atomkraft, Chlorchemie und Waffen. Wir setzen uns intensiv mit jedem einzelnen Unternehmen auseinander und verlassen uns dabei nicht auf deren Angaben, sondern analysieren Produkt und Produktionsprozesse, Zulieferkette und Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft. Und das tun bei Ökoworld nicht die Fondsmanager, bei denen es Interessenkonflikte geben könnte, sondern Expertengremien. Da liegt ein großer Unterschied zwischen uns und unseren Wettbewerbern.

Das heißt doch, dass nicht mehr nachhaltige Investments nötig sind, sondern mehr Regulierung.

Speich: Es braucht beides. Und weil das Jahr 2050 und damit das Ziel, die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten, immer näher rückt, wird der Druck auf die Wirtschaft extrem zunehmen. Die Autokonzerne haben als die ersten Klimaverlierer Europas diesen Schock bereits hinter sich. Als der Gesetzgeber ihnen konkrete CO2-Vorgaben verpasste, halbierten sich ihre Kurs-Gewinn-Verhältnisse binnen kurzer Zeit. Sobald sich staatliche Eingriffe ankündigen, werden Unternehmen neu bewertet. Und das müssen wir kapitalmarkseitig antizipieren.

Herr Speich, im Fall ihres Unternehmens bedeutet das, Firmen, die mit Kohleverstromung mehr als 40 Prozent ihres Umsatzes machen, aus den aktiv gemanagten Wertpapier-Publikumsfonds auszuschließen. Wie ist dieses kuriose Kriterium zu verstehen: 39 Prozent sind fürs Klima noch okay, 41 aber nicht mehr?

Speich: Es hängt natürlich nicht an der exakten Prozentzahl. Aber wer heute einen signifikanten Anteil seines Umsatz mit Kohle erwirtschaftet, wird dies in zwei bis fünf Jahren, wenn die härtere Klimaregulierung greift, nicht mehr rechtzeitig ändern können. Wir wollten daher jene Firmen identifizieren, die es nicht mehr schaffen werden, den Vorgaben des Klimaschutzes zu entsprechen. Deshalb haben wir bei all unseren Publikumsfonds, also den nicht als nachhaltig eingestuften, die entsprechenden Investments abgestoßen. Bei unseren Nachhaltigkeitsfonds lassen wir im Übrigen überhaupt keine Unternehmen zu, die Kohle fördern.

Warum ziehen Sie ähnliche rote Linien dann nicht auch bei Herstellern von Verbrennungsmotoren, Zement oder Palmöl?

Speich: Wir haben für unser gesamtes Portfolio ESG-Kriterien eingeführt und Unternehmen ausgeschlossen – unter anderem jene, die gegen Menschenrechte verstoßen. Adani Ports, Petroperu, PT Freeport Indonesia und andere werden Sie deshalb in unseren Publikumsfonds nicht finden. Außerdem werden wir unsere Anlagekriterien kontinuierlich nachschärfen.

Wird das ausreichen? Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimagipfels erreichen wollten, brauchten wir jetzt eine CO2-Reduktion von jener Radikalität, wie sie im Coronajahr 2020 der Lockdown bewirkt hat. Und zwar ab sofort und Jahr für Jahr.

Speich: Deshalb haben wir Unternehmen mit massivem Klimarisiko herausgenommen. Andere begleiten wir bei ihrer CO2-Reduktion und setzen damit eine Kettenreaktion in Gang: Das Unternehmen muss weniger Geld für CO2-Emissionsrechte in die Hand nehmen, seine Risikoprämie sinkt, der Aktienkurs steigt. Für Anleger liegen damit Chancen quasi auf der Straße.

Reichen Ihrer Meinung nach Reichweite und Geschwindigkeit der Transformation aus?

Speich: Bei Weitem nicht, die Unternehmen bewegen sich viel zu langsam. Ich bin daher sicher, dass auf CO2-intensive Branchen wie Energieversorger, Bergbau- und Ölunternehmen noch böse Überraschungen zukommen. Nachdem die vergangenen Jahre seit dem Pariser Klimaschutzabkommen nahezu ungenutzt verstrichen sind, wird demnächst eine mächtige Regulierungswelle über Europa rollen. Ohne den Druck des Kapitalmarktes und den Druck des Gesetzgebers werden es die Unternehmen nicht schaffen. Mit beidem zusammen haben sie eine Chance.

Wie schädlich sind für Ihre Branche die Vorwürfe, die Desiree Fixler erhebt, die ehemalige Nachhaltigkeitschefin der Deutsche-Bank-Tochter DWS? Sie beschuldigt ihren Ex-Arbeitgeber, Fonds als ESG-konform verkauft zu haben – obwohl dem Management bewusst gewesen sei, dass nur ein Bruchteil der Fonds diese Kriterien erfüllt.

Funk: Copycats haben es immer schwer, denn früher oder später kommt die Wahrheit ans Licht. Die DWS hat ja am Tag, an dem die Vorwürfe bekannt wurden, mehr als 14 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Den Vertrauensverlust wird man über Jahre nicht wiedergutmachen können. Für Ökoworld sind solche Nachrichten nicht schädlich, da wir im Gegensatz zur DWS seit jeher den Fokus auf grüne und soziale Aspekte legen.

Speich: Losgelöst von Einzelfällen: Weil der Markt boomt, ist die Versuchung natürlich groß, sich als nachhaltig zu präsentieren, auch wenn man es keineswegs ist. Auf den Kapitalanlagemessen sieht man momentan viele Anbieter von alternativen Anlagen, bei denen zumindest Fragezeichen angebracht sind.

Die Europäische Union verpflichtet seit März 2021 Unternehmen zur Rechenschaft darüber, inwieweit sie ESG-Kriterien beachten. Geht die Zeit der Nebelkerzen damit ihrem Ende entgegen?

Funk: Nein. Die EU-Offenlegungsverordnung kommt zu schnell und lässt zu viele Hintertüren offen, durch die Anleger in Bergbauunternehmen oder Militärtechnologie investieren können. Eine schwammige Regulierung wie diese hilft uns gar nicht.

Speich: Ich finde die Offenlegungsverordnung gut und richtig, weil sie die Transparenz von Finanzprodukten erhöht und für Standardisierung sorgt. Anbieter und Produkte lassen sich besser vergleichen, unseriöse Anbieter werden es schwerer haben.

Die Vorstandsgehälter bei börsennotierten Unternehmen sind ja seit Jahren öffentlich – und dennoch sind die Gehälter in dieser Zeit weiter gestiegen. Transparenz allein bewirkt wenig.

Speich: Transparenz führt zu verstärktem Wettbewerb und damit zu höherer Produktqualität. Das gilt auch für Unternehmen. Ab dem Geschäftsjahr 2023 müssen die sogenannten nichtfinan-ziellen Erklärungen – eine Art verbindlicher Nachhaltigkeits- bericht – wesentlich detaillierter sein. Aktuell geben in Deutschland etwa 500 Unternehmen eine solche nichtfinanzielle Erklärung ab, künftig werden es 15.000 sein. Wir fordern aber eine noch weitergehende Prüfung mit „hinreichender Sicherheit“, bei der Unternehmen mit ihrem Jahresabschluss ein belastbares und vom Wirtschaftsprüfer abgenommenes Nachhaltigkeits-Zahlenwerk abgeben müssen. Damit würde sich die Qualität und die Geschwindigkeit der Berichterstattung deutlich erhöhen. Gleichzeitig stiege der Druck auf die Unternehmen.

Angenommen, wir träfen uns in zehn Jahren wieder: Wird der Begriff Nachhaltigkeit diskreditiert sein – oder Mainstream in der Geldanlage?

Speich: In zehn Jahren wird Nachhaltigkeit Kern eines jeden Anlageprozesses sein.

Funk: Der Kampf ums Wasser, gegen den Klimawandel und für faire Arbeitsbedingungen wird sich in den nächsten Jahren verschärfen, entsprechend wird sich auch die Finanzwirtschaft entwickeln. An nachhaltigerem Wirtschaften führt kein Weg vorbei, egal wie man es in zehn Jahren nennen wird. ---

Grünes Wachstum

Die einschlägigen Fonds verwalteten zur Jahresmitte 2021 insgesamt 361 Milliarden Euro, das ist fast ein Zehntel des in Fonds steckenden Anlagevermögens und ein Zuwachs von 240 Milliarden Euro binnen eines Jahres. In den kommenden drei Jahren rechnet die Unternehmensberatung PwC allein für die deutschsprachigen Länder mit einer Steigerung des laut Anbietern nachhaltig gemanagten Kapitals auf 3,8 Billionen Euro.

ESG-Kriterien

Das Kürzel ESG steht für Umwelt (Environment), Gesellschaft (Social) und gute Unternehmensführung (Governance).

Best in Class

Viele Fonds arbeiten nach dem „Best in Class“-Ansatz. Sie investieren in die am weitesten fortgeschrittenen Unternehmen einer Branche und belohnen deren Fortschritte nach ESG-Kriterien. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ sagt dann oft nicht viel aus: Klassenprimus kann auch der am wenigsten schmutzige Kohlekraftwerksbetreiber oder Ölkonzern sein.

Europäische Transparenz

Nach der Offenlegungsverordnung der Europäischen Union (European Union Sustainable Finance Disclosure Regulation, kurz SFDR) müssen Finanzberater und Fondsgesellschaften seit Neuem offenlegen, inwieweit sie ESG-Kriterien beachten. Ab 2022 müssen Anlageberater Kunden außerdem fragen, ob sie ihr Geld nachhaltig anlegen wollen.

Fixler versus DWS

Desiree Fixler, ehemalige Nachhaltigkeitschefin der DWS, erhob im August den Vorwurf, die DWS habe viele Fonds als nachhaltig deklariert, die es nicht sind. Die DWS weist die Anschuldigungen zurück. Tatsächlich sind im Geschäftsbericht 2020 der DWS rund 460 Milliarden Euro und damit fast die Hälfte ihres verwalteten Vermögens der Kategorie „ESG-Integration“ zugeordnet. Im Kleingedruckten des Geschäftsberichtes ist nachzulesen, dass „ESG-integriert“ lediglich bedeutet, dass diese Vermögenswerte unter dem Gesichtspunkt ökologischer, sozialer und ethischer Kriterien analysiert wurden. Ob sie diesen Kriterien auch genügen, steht dort nicht.

Fancy versus Blackrock

Auch bei Blackrock – mit 9,5 Billionen Euro der größte Vermögensverwalter der Welt – gibt es Ärger. Tariq Fancy, bis 2019 Chefanleger für nachhaltiges Investieren bei Blackrock, warf dem Unternehmen „Marketing-Hype, PR-Spin und ein unaufrichtiges Versprechen der Investoren“ vor. Es würden Fälle von „Greenwashing“ bekannt werden, prophezeite Fancy im »Handelsblatt«, und: „Es wird eine Reihe von Dominosteinen fallen.“ Tatsächlich lohnt sich genaueres Hinschauen. Unter den 1496 Unternehmen im MSCI World ESG Screened-Indexfonds der Blackrock-Tochter iShares etwa finden sich Anteile des Ölkonzerns Exxon Mobil, des Tech-Giganten Amazon und des Gaseherstellers Linde, den Umweltschützer für einen der größten Klimasünder im Dax halten.