Was Menschen bewegt

Die Traumfrau

Düzen Tekkal macht aus sehr persönlichen Gründen Politik. Und hat es ohne Amt und Parteibuch zum Shootingstar der CDU gebracht.





• Erste Gespräche mit Menschen, die wissen, dass sie porträtiert werden sollen, bleiben manchmal bis zum Ende ein zähes Abfragen. Wenn es besser läuft, kommt die Person beim richtigen Stichwort ins Erzählen. Düzen Tekkal braucht weder Fragen noch Stichwörter, sie liefert von selbst alles, was sich Reporter wünschen: starke Aussagen, persönliche Erlebnisse, bewegende Szenen aus ihrem Leben. Sie erzählt von einem Heulkrampf auf einer Toilette im Europäischen Parlament und vom Glück, das sie empfand, als sie 2015 zum ersten Mal im Berliner Reichstagsgebäude eine Rede hielt. Dann sagt sie mit energischer Stimme, dass sie von verschiedenen Seiten bedroht werde, „weil ich in heftige Machtdynamiken vorstoße, weil ich für die Opfer von Völkermördern kämpfe, weil ich mich mit der Rolle der Frau auseinandersetze, Religionsverständnisse und Identitäten hinterfrage“.

Auf einem Regal steht ein gerahmtes Bild, auf dem sie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und der späteren Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad zu sehen ist. An den Wänden hängen lauter Urkunden: Courage-Preis. Menschenrechtspreis. Frau Europas 2018. Von draußen scheint die Sonne in den Konferenzraum ihres Vereins, im Zentrum der Hauptstadt, nah an Deutschlands Machtapparat.

Bildquelle: Facebook / Fotos privat

Die Familie ist, wie bei diesem Facebook-Post, stets präsent; oben: ein Bild aus Düzen Tekkals Büro

Die 42-Jährige, lange schwarze Haare und wache Augen, die zu schwarzer Jeans und schwarzer Bluse knallrote Stilettos trägt, wechselt die Tonlage. „Ich habe in den vergangenen sechs Jahren unbändige Kraft eingesetzt“, sagt sie fast schon wütend und wird auf einmal leise, wie jemand, der ein Geheimnis verrät: „Ich habe viel erreicht, aber der Erfolg hat seinen Preis gehabt. Es hat mich mein normales Leben gekostet. Und auch meine Weiblichkeit.“

Ihre Weiblichkeit?

„Ich hatte in den vergangenen Jahren mit vielen Opfern von Vergewaltigungen zu tun, das macht was mit einem.“

Sie hält inne, überlegt.

„Man baut eine mentale Schutzschicht auf. Ich habe lange geglaubt, dass ich zum Neutrum werden muss, um den Kampf gegen Islamisten, Rassisten und Sexisten durchzustehen. Ich habe nicht mehr auf mich selbst geachtet, mir angesichts des Leids anderer nicht zugestanden, schöne Dinge zu genießen. Vor ein paar Monaten war meine Mutter hier und hat sofort erfasst, was los ist. Sie hat ihre Hand auf meine Schulter gelegt und gesagt: Komm zurück ins Leben!“

Düzen Tekkal, Tochter kurdischer Einwanderer, ist Gründerin eines Vereins namens Háwar, der sich laut Eigenwerbung für eine Welt einsetzt, in der sich jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Glauben, Geschlecht oder Lebensweise selbstbestimmt und in Sicherheit entfalten kann. Ein hehres Ziel, das auch andere gemeinnützige Organisationen verfolgen. Tekkal aber wird von Wirtschaftsbossen hofiert, von Prominenten unterstützt, von Spitzenpolitikerinnen umworben. Sie ist eine Frau mit Einfluss. Und eine zivilgesellschaftliche Akteurin neuen Typs. Virtuos bespielt sie die alten und neuen Medien. Macht als Sozialunternehmerin vor, wie man die Integration von Zuwanderern vorantreibt. Mischt als Politikerin ohne Amt und Parteibuch in den Führungskreisen der CDU mit.


Die Aktivistin trägt gern High Heels

Am 1. Oktober 2020 erschien in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ein von ihr und dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verfasster Gastbeitrag. Der Artikel entwirft ein neues Leitbild der CDU, eine Vision für Deutschland: die einer vielfältigen Gesellschaft, deren Zusammenhalt auf gemeinsamen Werten basiert. Dass sich da ein Duo wenige Monate vor der Wahl eines neuen Parteivorsitzenden für höhere Aufgaben empfiehlt, ist ebenso unverkennbar wie die Handschrift Tekkals. Sie ist die Einflüsterin eines Ministers mit Kanzlerambitionen. Zuwanderung und Zugehörigkeit, Integration und Identität, das sind ihre Themen – und sehr persönliche Anliegen.

Es ist nicht lange her, da hat Tekkal auf Facebook zwei Fotos gepostet. Auf dem einen sieht man einen ihrer Brüder als Kleinkind auf dem Schoß ihrer Tante, links und rechts von ihm sitzen ihre Eltern. Der Vater trägt einen dicken Schnauzer, die beiden Frauen Kopftücher, sie wirken zugeknöpft, das Bild einer Gastarbeiterfamilie aus den Siebzigern. Auf dem anderen Foto sieht man sie selbst als die Erwachsene von heute, flankiert von ihren Eltern und von sechs ihrer zehn Geschwister, alle sind modern gekleidet und lächeln. Die Bilder vermitteln die Botschaft: Seht her, was aus uns geworden ist: Wir waren fremd. Inzwischen gehören wir dazu.

Ihre Eltern stammen aus der Südosttürkei, sie sind Kurden und Teil der kleinen jesidischen Glaubensgemeinschaft, die in der Heimat als Ungläubige unterdrückt wurde. Als sie Anfang der Siebzigerjahre nach Deutschland auswandern, arbeitet der Vater als Fliesenleger. Die Mutter ist Hausfrau.

Düzen Tekkal kommt 1978 in Hannover zur Welt und entwickelt sich zu einem wissenshungrigen Kind. Ständig liest sie Bücher, die sie in der Stadtbibliothek ausleiht, bei Familienfeiern rezitiert sie deutsche Gedichte. Sie wächst in zwei Welten auf. Die Eltern sind stolz, dass sie eine so gute Schülerin ist. Doch als sie älter wird, kommt es häufig zum Streit. Sie will wie ihre deutschen Freundinnen in die Disco gehen. Und sie will keinen Mann heiraten, nur weil ihre Mutter ihn für den richtigen hält. Jeside wird man nur durch Geburt. Damit die Gemeinschaft nicht ausstirbt, müssen die Mitglieder untereinander heiraten und die Frauen möglichst viele Kinder gebären. Düzen Tekkal hat andere Pläne. Wird zum schwarzen Schaf der Familie.

Mit 18 packt sie ihre Sachen. „Was machst du da?“, fragte die Mutter. „Ich ziehe aus“, antwortete die Tochter. Die Geschwister werfen ihr vor, die Familie zu zerstören, die Mutter droht, sich umzubringen, aber Düzen Tekkal bleibt hart. Sie studiert Germanistik und Politikwissenschaft, wird Fernseh-Journalistin bei RTL in Köln.

Eine Frau mit Migrationshintergrund emanzipiert sich von ihrer aufgezwungenen Rolle – sie erzählt diese Geschichte in ihren Büchern, Filmen, in Interviews und in den sozialen Medien. Sie hält sie präsent, wo immer es geht. Auf ihrer Facebook-Seite findet man Fotos von ihren Eltern, Arm in Arm mit ranghohen Politikern und berühmten Schauspielerinnen. Düzen Tekkals Arbeit, zu der das Engagement für die Jesiden gehört, hat die Familie wieder enger zusammengeführt. Auch ihre Schwestern nimmt sie heute bei öffentlichen Terminen oft mit. So schwingt ihre Herkunft, der Konflikt zwischen Traditionen und Träumen, zwischen Elternliebe und Freiheitswillen, immer mit.

Lange Zeit war das nicht so. In ihren Jahren bei RTL machte sie zwar Beiträge zu Zwangsehen, Ehrenmorden und anderen Problemen in Zuwandererfamilien, aber sie blieb immer die beobachtende Journalistin. Bis ein Schlüsselerlebnis alles änderte.

Es passiert am 5. August 2014. Düzen Tekkal hatte ihre feste Stelle schon Monate zuvor gekündigt, um als freie Journalistin und Filmemacherin selbstbestimmter arbeiten zu können. Am besagten Tag ist sie für eine Recherche in Oldenburg unterwegs, als sie einen unerwarteten Anruf bekommt. „Hilf uns, wir werden alle getötet!“, ruft ein Mann auf Kurdisch und berichtet, was geschehen ist. Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) hatten in der Woche zuvor die Siedlungsgebiete der Jesiden im Nordirak überfallen. Alle Männer über 14, die ihnen in die Hände fielen, wurden ermordet, die Frauen und jüngeren Kinder verschleppt. Zehntausende Menschen konnten gerade noch rechtzeitig fliehen und versteckten sich im Sindschar-Gebirge, eingekesselt vom IS. Bei sengender Hitze fürchteten sie um ihr Leben, litten Hunger und Durst. Tekkal bekommt an diesem Tag noch mehrere verzweifelte Anrufe. Offenbar hatte sich unter den Flüchtlingen herumgesprochen, dass es in Deutschland eine jesidische Journalistin gibt.

Sie ist aufgewühlt, sie muss da so schnell wie möglich hin, denkt sie, um über das Geschehen zu berichten. Als sie das der Familie mitteilt, bricht die Mutter in Tränen aus. Geschwister, Onkel, Tanten, alle reden auf sie ein, um sie von ihrem Plan abzuhalten. Vier Tage später machte sie sich auf den Weg – im Auftrag von „Stern TV“ und in Begleitung eines Kameramannes. Mit in der Maschine von Turkish Airlines sitzt ihr Vater.

Dass seine Tochter unverheiratet aus dem Elternhaus ausgezogen ist und so mit der Tradition gebrochen hat, hat ihn verletzt. Aber er liebt sie und will sie auf keinen Fall allein ins Kriegsgebiet reisen lassen. Düzen Tekkal überkommt Angst, als sie im Auto an der von den IS-Terroristen besetzten Stadt Mossul vorbeifahren. Zwei Tage später spricht sie mit jesidischen Kämpfern, bevor sie an die Front gehen, fühlt sich ihnen verbunden. Noch ein paar Tage später trifft sie auf verzweifelte Kinder, die mit ansehen mussten, wie ihre Väter enthauptet wurden. Eine Woche lang bleibt sie als Kriegsberichterstatterin im Irak.


Düzen Tekkal, hier am Militärstützpunkt Dayrabun der Armee des kurdischen Autonomiegebiets im Nordirak, wird im Jahr 2014 zur Kriegsberichterstatterin. Neutral kann sie dabei nicht bleiben.

„Die Reise war mein Life-Changing-Moment“, sagt sie und setzt im Konferenzraum ihres Vereins einen Fuß auf die Tischkante. „Die Religion meiner Eltern drohte durch den IS-Terror vernichtet zu werden. In dem Moment bin ich mir meiner jesidischen Identität bewusst geworden.“

Ist das kein Widerspruch zu der von ihr propagierten Gesellschaft, in der Herkunft unwesentlich ist?

„Nein. Wenn man weiß, was einen geprägt hat, wird man offener für Neues. Die Vielfalt der Identitäten ist ein Gewinn für unser Land, aber die Einzelgruppen dürfen sie nicht zur Abgrenzung nutzen und nicht über das Gemeinsame stellen, das uns alle verbindet.“

Auch nach anderthalb Stunden Reden hat sie nichts von ihrer Leidenschaft und Eloquenz eingebüßt. Sie hat es von Kindesbeinen an geübt, mit Argumenten für ihre Freiheit zu kämpfen. Manchmal kommt auch die einstige Boulevardjournalistin durch, etwa wenn sie bewusst dramatisierend feststellt: „Den Verein, den ich ins Leben gerufen habe, gründet auf der Asche eines Völkermordes.“

Sie hat ihn Háwar genannt, das ist das kurdische Wort für Hilfe. Háwar riefen die Menschen, die sich im August 2014 aus Verzweiflung an sie wendeten. Am Anfang waren sie und ihre Schwester Tezcan allein in dem Verein. Mittlerweile beschäftigt sie rund 20 Mitarbeiter, darunter mehrere Social-Media-Redakteurinnen und Projektmanager. Sie hat einen Kommunikationsreferenten und eine wissenschaftliche Referentin – wie eine Politikerin in höherer Position.

Und auch die Familie arbeitet im Verein mit. Drei ihrer sechs Schwestern gehören zum Team. Tezcan Tekkal kümmert sich um die Finanzen, Tuna Tekkal um die Büroorganisation. Und dann ist da noch Tuğba Tekkal, jene Schwester, die Düzen Tekkal in jüngster Zeit gern mit ins Rampenlicht holt, weil sie so gut zu ihrer Emanzipationsgeschichte passt: Tuğba Tekkal hat als Kind ebenfalls gegen die jesidische Tradition rebelliert. Nicht so offen wie ihre große Schwester und nicht durch ihren Bildungswillen getrieben, sondern heimlich, auf dem Bolzplatz, wo sie ihrer Leidenschaft nachging und trotz Verbots der Eltern mit Jungen Fußball spielte. Aus ihr wurde eine Bundesligaspielerin, bis vor ein paar Jahren spielte sie beim 1. FC Köln. Heute leitet sie ein eigenes Háwar-Projekt namens Scoring Girls. Insgesamt 70 Mädchen, geflüchtete sowie einheimische, kommen in Köln und Berlin einmal pro Woche zusammen, machen Hausaufgaben und spielen Fußball. Die Fernsehmoderatorin Anne Will fungiert als Schirmherrin, das Bundesinnenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fördern das Projekt mit Geld.

Düzen Tekkal will ihre persönliche Erfolgsstory verallgemeinern. Sie sagt: „Wir fordern von Zugewanderten, dass sie sich an die Regeln halten, anstrengen und mitmachen in diesem Land. Aber wir sollten ihnen auch Angebote machen. Viele Menschen mit Migrationshintergrund dürsten geradezu nach einer Erzählungen, in der sie sich wiederfinden.“ Sie steht auf, holt ein Buch aus einem Regal, das sie verfasst hat. Es heißt „German Dream“, genauso wie eines ihrer Projekte. „Einwanderung wird viel zu oft ausschließlich mit Problemen assoziiert. Wir dagegen erzählen Aufstiegsgeschichten, German Dream statt German Angst.“ Unterstützt wird sie dabei von Katja Riemann, Janina Kugel, Cem Özdemir, Leon Goretzka und etlichen anderen Prominenten, die als ehrenamtliche Botschafter mit Schülern und Schülerinnen im ganzen Bundesgebiet über Demokratie und berufliche Chancen diskutieren. Finanziert hat das Projekt maßgeblich der Unternehmer und Milliardär Ralph Dommermuth.

Tekkal tanzt mittlerweile auf vielen Hochzeiten: als Sozialunternehmerin, als Medienfrau und zunehmend auch als politische Beraterin.

Nach ihrer Rückkehr aus dem Nordirak im August 2014 steht sie unter Hochdruck. Die Welt muss unbedingt erfahren, was sie gesehen hat. Die Menschheit muss aufgerüttelt werden.

Aber wie? Den Film für „Stern TV“ schneiden und texten, sicher. Aber das war nicht genug. Angesichts der Notlage der Jesiden gilt es keine Minute zu verlieren. Was tun? Sie setzt auf das, was sie kann: die Kraft der Argumente und ihr Charisma.

Sie borgt sich von ihren Brüdern Geld für ihren Unterhalt. Denn nun sitzt sie zusammen mit ihrer Schwester Tezcan von morgens bis abends bei Starbucks am Berliner Gendarmenmarkt, da hat sie kostenloses W-Lan und schreibt E-Mails an die Bundesregierung, an Medien, Verbände, Stiftungen und die Vereinten Nationen, an Abgeordnete des Europäischen Parlaments und des Bundestags. Sie schreibt, dass im Irak ein Völkermord stattfindet, für den sich niemand interessiert. Dass im Namen der Menschlichkeit Hilfe geleistet werden muss. Dass die Jesiden Deutschland, Europa und die Welt brauchen.

Volker Kauder von der CDU lädt sie zum Gespräch ein und auch Cem Özdemir von den Grünen. Sie erzählt, was sie im Nordirak gesehen hat, zeigt Bilder von Opfern, stößt auf Interesse, ist dankbar, ein Anfang. Im September bringt „Stern TV“ endlich ihre Reportage aus dem Kriegsgebiet. Während der Sendung sitzt sie mit der Tochter eines jesidischen Kämpfers bei dem Moderator Steffen Hallaschka im Studio.

„Ein sehr wichtiger Moment“, sagt sie und hält kurz inne, als wolle sie sich das Gefühl von damals in Erinnerung rufen. „In dieser Sendung wurde einem breiten Publikum klar, dass ich nicht nur eine neutrale Augenzeugin bin, sondern Expertin und Betroffene zugleich.“ Es ist die Zeit, in der das Leid der Jesiden allmählich mehr Aufmerksamkeit bekommt. Tekkal erhält nach ihrem Auftritt Medienanfragen aus dem In- und Ausland.

Auch Markus Lanz meldet sich. Im Dezember sitzt sie in seiner Talkshow und trifft dort auf Julia Klöckner, die sich auf den Wahlkampf in Rheinland-Pfalz vorbereitet. Die CDU-Politikerin will im Frühjahr 2016 Ministerpräsidentin werden und spricht sich in der Sendung für ein Burka-Verbot in Deutschland aus. „Eine besondere Begegnung“, sagt Tekkal. „Es hat sofort zwischen uns gefunkt, persönlich und politisch.“ Auch sie sei eine scharfe Gegnerin der Burka. „Mit freiwilliger Verschleierung hat das nichts zu tun. Unter der Burka werden Frauen versteckt und wie Sklaven gehalten.“ Tekkal trifft Klöckner in den Monaten nach der Talkshow regelmäßig, und wenige Wochen vor der Wahl beruft die CDU-Politikerin sie in ihr Schattenkabinett. Die Aktivistin hatte sich damit erstmals parteipolitisch positioniert, und auch wenn die Wahl verloren ging, wurde sie fortan anders wahrgenommen: nicht mehr nur als Fürsprecherin der Jesiden, sondern als Politikerin.


Einwanderung wird viel zu oft ausschließlich mit Problemen assoziiert. Wir dagegen erzählen Aufstiegsgeschichten, German Dream statt German Angst.

Anruf bei Julia Klöckner. Die Bundeslandwirtschaftsministerin erzählt, dass sie Tekkal nach der Lanz-Sendung mehrfach nach Rheinland-Pfalz eingeladen und Parteifreunden vorgestellt habe. „Alle waren sofort begeistert.“ Und warum? „Weil sie eine positive Irritation ist.“

Düzen Tekkal irritiert vor allem jene Kreise, in denen man nicht erwartet, dass eine Frau ihrer Herkunft so selbstbewusst ihren Weg geht. Nach der Öffnung der deutschen Grenzen für rund eine Million Flüchtlinge im Jahr 2015 wurde sie für die CDU höchst attraktiv. Zu einer Zeit, als die AfD erstarkte, war sie das Musterbeispiel für gelungene Integration.

2016 veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel „Deutschland ist bedroht.“ Ein typisches Tekkal-Produkt. Wie immer erzählt sie darin ihre Geschichte und bringt darin eingebettet ihre Sorge zum Ausdruck, dass die „bösen Zwillinge“, also Rechtsradikale und Islamisten, das Fundament des Zusammenlebens gefährden. Sie kritisiert die Linksliberalen, die allzu blauäugig das Multikulti-Lied sängen und warnt: „Es gibt zu viele Menschen in diesem Land, die unsere demokratischen Werte nicht teilen.“ Damit spricht sie vielen in der CDU aus der Seele.

Einer mit einer ähnlichen Aufsteiger-Biografie wie Tekkal ist Cem Özdemir. Mit ihm versteht sie sich blendend, genau wie sie attackiert er muslimische Hardliner in Deutschland. „Ein von Düzen formuliertes Positionspapier würde ich fast blind unterschreiben“, sagt Özdemir. Als er in den Achtzigern seine politische Karriere begann, wäre er niemals der CDU beigetreten. Bei den Christdemokraten um Kanzler Helmut Kohl, die immer betonten, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, hätte er als Kind türkischer Gastarbeiter auch kaum Karriere machen können. Zu den Grünen aber passte der anatolische Schwabe und Realpolitiker perfekt und stieg zum Parteichef auf. Was Özdemir für die Grünen war, ist Tekkal heute für die CDU. Jung, meinungsstark und mit Migrationshintergrund – so eine wie sie hat es in der Union noch nicht gegeben. Wie geschaffen, um progressive Wähler zu gewinnen.

Umgekehrt ist die Partei auch für ihre Zwecke genau die richtige: Bei den Grünen würde sie mit ihrem Profil weniger auffallen, bei der CDU aber ist sie etwas Besonderes – und nah dran an der Macht. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller nah- men sie mit auf Dienstreisen in den Irak. Mit Letzterem baute sie dort ein Frauenzentrum auf, das für mehr als 100 Jesidinnen am Tag medizinische Hilfe, Traumabehandlung und Rechtsberatung anbietet. „Für ihr Engagement vor Ort“, sagt Müller, „hat sie meine vollste Unterstützung.“

Ein Tag, an dem Minister Müller besonders für das Leid der Jesiden sensibilisiert wurde, ist der 6. November 2015. Tekkal zeigt im Saal der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Reichstagsgebäude ihren Film, nicht die Reportage, die sie für „Stern TV“ gemacht hat, sondern eine 125-minütige Langfassung mit dem Titel „Háwar – Meine Reise in den Genozid“.

Der Saal ist voll, viel Politprominenz ist da, auch Tekkals gesamte Verwandtschaft ist im Bus angereist und an den dicken Schnäuzern der Männer und den Trachten der Frauen leicht zu erkennen. Die Jesiden sind für die meisten Deutschen weit weg, und Leid gibt es viel auf der Welt – um Nähe zu schaffen, erzählt Tekkal in dem Film daher auch die Geschichte ihrer Familie und zeigt offen ihre Gefühle angesichts der bestialischen Verbrechen an ihrer Religionsgemeinschaft. In einer bewegenden Szene steht sie mit ihrem Vater am Grab ihrer Großeltern, in jenem Ort der Südosttürkei, von dem ihre Eltern einst nach Almanya aufgebrochen sind. Den Blick auf das Grab gerichtet, sagt der Vater auf Kurdisch: „Eure Enkelin Düzen ist hier und fragt nach unseren jesidischen Wurzeln.“

Wo immer Tekkal den Film zeigt, ob in Schulen, bei Festivals oder bei einer Veranstaltung im Europäischen Parlament, ruft er Mitleid und Hilfsbereitschaft hervor. So auch im Fraktionssaal der Union. Nach der Präsentation hält Tekkal eine Rede, sie will deutlich machen, dass die Jesiden nicht so fremd sind, wie viele der anwesenden Politiker vielleicht denken, und sagt: „Ich habe zwei Väter: den hier anwesenden kurdischen und das deutsche Grundgesetz.“ Lautstarker Applaus. Müller ist beeindruckt und bietet Tekkal spontan Hilfe an.

Sie weiß genau, wie sie Menschen emotional packt, nicht zuletzt darauf beruht ihre Überzeugungskraft. Was sie auch hervorragend kann: ihre Aussagen so zuzuspitzen, dass sie Nachhall erzeugen. Kein Wunder, dass der Chefredakteur der »Bild«-Zeitung, Julian Reichelt, sie für die Talkshow „Jetzt reden Vier“ angeworben hat. Jeden Donnerstag diskutiert Tekkal nun mit drei anderen Frauen über Politik und Gesellschaft.

Medienpräsenz ist für die Politikerin ohne Amt entscheidend. Auf Facebook, Instagram und Twitter erinnert sie unermüdlich an die jesidischen Opfer des IS, prangert an, wenn irgendwo auf der Welt Menschenrechte verletzt werden, kritisiert Despoten und gibt Einblick in ihren Alltag. Oft meldet sie sich bei ihren Followern mit einer Videobotschaft, bevor sie in ein Ministerium verschwindet oder irgendwo auf die Bühne steigt.

Jeden Morgen bespricht sie mit ihrem Kommunikationsreferenten, welches Thema sich eignet, um Aufmerksamkeit zu erregen. Manchmal allerdings, wie am 21. September 2020, ist die Sache klar. Der den CDU-Parteivorsitz und die Merkel-Nachfolge anstrebende Friedrich Merz war in einem Interview nach seiner Haltung zu einem möglichen schwulen Kanzler gefragt wurden. Er habe kein Problem damit, antwortete Merz, doch bei Pädophilie ende seine Toleranz. Jens Spahn, den einige als Kanzlerkandidat handeln, ist mit einem Mann verheiratet. Er reagierte ob dieser Verknüpfung irritiert. Und Tekkal brannte es förmlich unter den Fingern: „Wer Kanzler werden will“, twitterte sie, „sollte ein Gespür für die Gesellschaft haben, die er politisch führen möchte. Die überwiegende Mehrheit in unserem Land hat die Assoziationen überwunden, die Merz zu Homosexualität einfallen.“

Harte Kritik an einem Parteifreund. Tekkal hat da keine Scheu – zumal alles, was Spahn nützt, auch ihr hilft. Sie ist eine Strategin, eine, die mitmacht beim Spiel um die Macht. Doch daran stört man sich bei ihr weniger als bei anderen. Weil sie für ihre Sache brennt. Weil sie im Kampf gegen Rassisten und religiöse Fanatiker Risiken in Kauf nimmt. Erst vor wenigen Monaten drohte ihr ein anonymer Anrufer mit Vernichtung.

Einige Wochen später treffen wir uns wieder, vor dem Bendlerblock, dem Sitz der Berliner Außenstelle des Bundesverteidigungsministeriums, wo an diesem Abend eine Podiumsdiskussion stattfindet. Es geht um den Umgang mit Homosexualität in der Geschichte der Bundeswehr, Tekkal wurde von ihrer Duz- freundin Kramp-Karrenbauer, der Bundesverteidigungsminis-terin, als Moderatorin angeheuert.

Eben ist sie aus dem Taxi gestiegen, wird vor dem Tor zum Bendlerblock von ihrer wissenschaftlichen Referentin erwartet, die mit ihr noch letzte dramaturgische Änderungen für die Moderation bespricht. Dann schreitet sie über den Vorplatz, ein Lächeln auf den Lippen. Vor dem Eingang ins Ministerium erwartet sie eine zweite Mitarbeiterin, eine Redakteurin mit einer Filmkamera in der Hand. Kurze Begrüßung, dann startet auch schon das Video für ihre Follower in den sozialen Medien: „Ihr Lieben, ich schicke euch ganze herzliche Grüße hier aus dem Verteidigungsministerium.“

Die Veranstaltung ist erwartungsgemäß steif, ein Oberstleutnant stellt seine Studie zum Thema vor, es gibt staatstragende Reden, dann beginnt die Diskussion. Fünf Leute sitzen auf dem Podium, darunter der Generalinspekteur Eberhard Zorn, der ranghöchste Soldat der Bundeswehr. Tekkal beginnt das Gespräch nicht mit ihm, sondern mit einem ehemaligen Gefreiten, der wegen einer Liebesbeziehung mit einem Kameraden in den Sechzigerjahren degradiert und unehrenhaft aus der Truppe entlassen wurde. Der Mann erzählt seine Geschichte langsam und ausschweifend, die Zeit verrinnt, Zorn und die anderen Gesprächspartner warten, dass sie auch mal drankommen. Aber Tekkal lässt sich nicht irritieren, sie bleibt bei dem Mann und seiner Geschichte, möchte wissen, wie er das Unrecht erlebt hat und was eine vollständige Rehabilitierung für ihn bedeuten würde. Es ist ein aufschlussreicher Moment: Er zeigt nicht nur professionelles, sondern echtes Interesse.

Ihre Authentizität ist vielleicht ein Grund, warum viele Leute die Nähe zu dieser Frau suchen. Als der FDP-Chef Christian Lindner einen eigenen Podcast einführte, gehörte sie zu den ersten, die er interviewte. Der ehemalige Grünen-Chef Özdemir träumt davon, mit ihr im Regierungskabinett zu sitzen. Der Personalvorstand der Deutschen Bahn, Martin Seiler, hat ein Projekt mit ihr, eine Ausbildungsinitiative für Mädchen und junge Frauen mit und ohne Migrationshintergrund. Er hatte sie bei einem Vortrag erlebt und sofort angesprochen. Fragt man ihn nach dem Grund, kommt er ins Schwärmen: „Mich beeindruckt sehr, wie sie sich für die Rechte und Freiheiten anderer starkmacht. Und ganz besonders schätze ich ihre Begeisterungsfähigkeit und positive Ausstrahlung.“

In den sozialen Medien schreiben ihr unzählige Menschen, dass sie ihnen Mut mache. Darunter sind Christen, Muslime, Juden, Aleviten und selbstverständlich Jesiden. Viele Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft, die sie gar nicht kennt, sind stolz auf sie, genauso wie ihre Eltern.

Düzen Tekkal selbst erklärt diese enorme Resonanz so: „Ich erinnere die Menschen daran, was sie sein können.“ ---

Die Jesiden gehören mehrheitlich zur Volks-gruppe der Kurden, bilden aber eine eigene Religionsgemeinschaft, zu der sich weltweit mindestens 800 000 Menschen bekennen. Ihre ursprünglichen Hauptsiedlungsgebiete liegen in der Südosttürkei, in Nordsyrien und vor allem im Nordirak. Seit Jahrhunderten werden sie immer wieder verfolgt.

Die Jesiden bekennen sich ebenso wie Juden, Christen und Muslime zu einem einzigen Gott. Sie verehren aber auch einen Engel, der von einem blauen Pfau (Tausi Melek) symbolisiert wird. Dem Schöpfungsmythos zufolge war der Engel an der Erschaffung Adams beteiligt, und allein von ihm stammen demnach alle Jesiden ab. Auf diesem Mythos gründet das Gebot, nur innerhalb der Glaubensgruppe zu heiraten.

Jeside wird man ausschließlich durch Geburt, beide Elternteile müssen der Gemeinschaft angehören. Niemand kann übertreten oder bekehrt werden. So will es die Tradition. Heute sind viele Jesiden der Meinung, dass die Ge- setze zur Eheschließung und Aufnahme in die Gemeinschaft reformiert werden müssen.

Terroristen des sogenannten Islamischen Staats (IS) ermordeten im August 2014 im Nordirak mindestens 5000 Jesiden. Rund 300 000 Jesiden leben heute in den großen Flüchtlingslagern im Nordirak, geschätzte 200 000 in Deutschland. Hierzulande gibt es auch die größte Gemeinde außerhalb des Iraks. In der Türkei ist das Jesiden- tum hingegen praktisch erloschen.

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